Rezensionen 2003

Egon A. Prantl, Die Hörspiele.
Die Zelle, Tender Wolf, The Radiotelegraphic Joyce, Idaho I (Das Original), Verhör. Mit einem Vorwort und einer Bibliographie von Prantls radiophonen Arbeiten (eap on the air!) von Verena Teißl und einem Nachwort von Martin Sailer.
Innsbruck: Skarabaeus, 2002, 290 Seiten.

AugenHören, OhrenSehen oder die Gefangenen der RaumZeit

Seit er 1983 mit „Die Nacht der augenscheinlichen Becuntschaft“ und dem dadaistischen Gustostückerl „Fasanbraten nebst Maroni-Püree und Serviettenknödel“: „Eine lyrische Novelle aus jenen Tagen, in denen die Erde noch ein Quader war“ im Rundfunk debütierte, hat der Tiroler Dramatiker, Romancier und poète maudit Egon A. Prantl eine ganze Reihe von Hörspielen geschrieben. Die meisten davon waren für den ORF bestimmt und wurden auch gesendet.
Eine bei Skarabaeus erschienene Anthologie macht nun endlich einige Hörstücke von (eap) - so die an Edgar Allen Poe erinnernde Sigle, mit der er zeichnet - dem Lesepublikum zugänglich. Die Textfassungen wurden von Verena Teißl (die schon die Druckversion von „Villingers Kinder“ betreute), ausgewählt und durch ein Vorwort und eine teilweise kommentierte Bibliographie der radiophonen Arbeiten ergänzt, womit ein erster Schritt zur wissenschaftlichen Erfassung dieses Autors getan ist (der ein dankbares Sujet für eine Dissertation abgeben würde.) Martin Sailers Aufsatz befaßt sich mit dem poeta doctus und Sprachjongleur Prantl aus der Sicht des Rundfunk-Praktikers.
Der Band enthält fünf Stücke, die unterschiedlicher nicht sein könnten. „Die zelle als rot gedacht – eines morgens“ (1983, gesendet 1986) ist ein szenisch-dialogisches Hörspiel, in dessen Zentrum ein Konflikt zwischen dem inhaftierten Revolutionär Schorsch und dem "Besucher", einem erfolgreichen Politiker, steht. Die Konfrontation ist Teil eines Wettkampfs, den die beiden seit ihrer Kindheit austragen. Der Gefangene gewinnt auf der Realitäts-Ebene des Spieles, verliert aber auf jener der realen Wirklichkeit. Die vorliegende Version ist komplexer als die seinerzeit vom ORF bearbeitete, die „Die zelle“ als intra-personales Drama im Kopf eines in sich geschlossenen und sich selbst belügenden Menschen interpretierte.
Während Die Zelle von dem witzigen Einfall lebt, Tätigkeiten hörbar zu machen, die sich die Figuren nur vorstellen, und deshalb nur als Hörspiel denkbar ist, ist „= Tender Wolf = over "The m/nightyQueen": 'zur Sonne'“ (1987, gesendet 1988) "1 narrativum" (63), in dem die Musik aus dem Wurlitzer zumeist assoziativ und nicht bedeutungsvertiefend eingesetzt wird. So erklingt z.B. zu "Zugang zu'nn FreiMaurern 'sue' erlangen" Jo[h]nny Cashs "A Boy Named Sue" (68). „Tender Wolf“ ist ein Totengespräch - eine Gattung in der Lukian, Fénelon, Fontenelle und Wieland brillierten: eine im Jenseits stattfindende Unterhaltung von historischen oder fiktiven Personen, die sich in Wirklichkeit nie begegnet sind – in unserem Fall eine Unterhaltung zwischen Mozart und Jimi Hendrix, die gattungskonform nicht über Musik sprechen, wie man erwarten würde, sondern über Drogen, den Tod und Todesboten in den Mythen verschiedenster Völker, die Pest, schwarze Magie etc. Prantl reduziert Leben und Werk seiner Protagonisten auf die Skandalchronik, etwa im Fall Mozarts auf die mysteriöse Geschichte von der Requiem-Bestellung (78-79) und das Vergiftungs-Gerücht, wobei nicht Salieri, wie z.B. in Peter Shaffers „Amadeus“ (1980), sondern die Freimaurer unter Mordverdacht geraten. (73, 84, 107) Beobachtet werden sie dabei von einem Wirt, der Züge des Autors hat, eine Parodie der Erzählsituation in „Finnegans Wake“ darstellt und eine Art Kommentar liefert.
Ein Ergebnis von Prantls jahrzehntelanger Beschäftigung mit „Finnegans Wake“ und dem „Roaratorio“ von John Cage ist das Hörstück „Radiotelegraphic-Joyce“ (1992). Es handelt sich um ein z.T. aleatorisch erzeugtes Kunstwerk (in der Tradition von Mallarmé, OULIPO, Sollers „Drame“ etc.). Prantl bildete auf der Basis des „Wake“ mit Hilfe mathematischer Formeln Mestosticha. Ein Mestostichon ist eine dem Akrostichon ähnliche Figur, bei der die in der Versmitte stehenden Buchstaben, hintereinander gelesen einen bestimmten Sinn – in diesem Fall den Namen JohnCage - ergeben. Der so gewonnene Text wurde mit anderen Texten (den benutzten Formeln, Bibel- und literarischen Zitaten), Musik und Geräuschen unterlegt.
„Idaho“ (1996) ist ein dramatisch-szenisches Hörspiel ohne herkömmlichen Plot und erinnert an das absurde Theater eines Samuel Beckett (z.B. „Fin de partie“) oder Edoardo Sanguineti. Das "Personal" sind ein alter Mann und eine junge Frau, die beide unter einer Krankheit leiden, die sie bei lebendigem Leib verfaulen läßt. (180, 186) Er ist blind und sie taub; nichtsdestoweniger geht er leidenschaftlich gern ins Kino, und sie liebt Musik. Das Stück spielt in einer "antiWelt", in der teilweise andere Naturgesetze wirksam sind als in der unseren und in der ein nicht genauer bezeichnetes Kollektiv (sie) Krieg führt (164) und Löcher und unterirdische Gänge gräbt. (160) Die von den Protagonisten als apokalyptisch empfundene Situation ist vermutlich die Strafe einer höheren Instanz, die sich wie Godot nicht zeigt. Die Moral des Stücks ist paradox wie ein Zen-Rätsel: die Suche der Protagonisten endet damit, daß sie sie aufgeben.
In „Verhör“ (Live-Uraufführung am 25. September 2001 im ORF Kulturhaus Innsbruck, Regie Martin Sailer) geht es inhaltlich um die andauernde Missachtung der Genfer Konvention vom 27.7.1929, die die Behandlung von Kriegsgefangenen regelt und u.a. Verstümmelung, Folterung und Hinrichtungen ohne vorhergehendes Urteil eines bestellten Gerichts in einem rechtsstaatlichen Verfahren verbietet. Das Stück ist größtenteils in reimlosen Versen geschrieben. Die Sprecher bilden zwei Gruppen. Mann'O'Mann, der Folter und Verhör ausgesetzte Gefangene und zwei ihn dabei beobachtende Frauengestalten sind überindividuelle Typen. Die als Chor/Delinquent bezeichnete Entität besteht dagegen aus einer Reihe individualisierter, historischer oder fiktiver Personen, z.B. Lord Byron, Richard III, Hitler und Stalin, Ulrike Meinhof, De Sade etc., die alle ihren Fall in Zusammenhang mit der Genfer Konvention bringen und so den Bezug zwischen dem Thema und der sehr komplexen Realität herstellen. Nach einer anderen Lesart geht es um Dichterwehen und die indifferente bzw. sich daran aufgeilende Umwelt. Anklänge gibt es bereits an einen neuen 2-Akter von (eap) AK-47.THE ART OF MURDER (2002, geplante Uraufführung in Schwerin), in dem es um Selbst/Mord als Kunstwerk geht, sozusagen eine übersteigerte Variante von Performances, wie sie u.a. Marina Abramovicz und Elke Krystufek veranstaltet haben oder die von Orlans als Kunst inszenierten Schönheitsoperationen.
Zusammenfassend wäre zu sagen, daß Prantl dem Gesamtkunstwerk-Charakter des Hörspiels durch präzise Regieanweisungen und die genaue Bezeichnung der zu verwendenden Musik Rechnung trägt. Formal ist er erstaunlich experimentierfreudig: Die Bandbreite seiner Versuche reicht vom mathematisch generierten Text des „Radiotelegraphic Joyce“ bis zum absurden Hör-Theater „Idaho“. Sprachlich ist ein ruhigerer Duktus festzustellen als in seinen Bühnenwerken, die Radioarbeiten wirken glatter und thematisch weniger provokant. Aus literaturkritischer Sicht gehören „Idaho“ und das „Verhör“ sicherlich zum Besten, was (eap) geschrieben hat. Es wäre erfreulich, wenn sich Skarabäus zu einem Nachfolgeband entschließen könnte, der weitere Hörspiele, wie z.B. den erwähnten „Fasanbraten“, die in Zusammenarbeit mit Manfred Mixner entstandene Collage „Flusstraum“ (1990), Die Nacht des „Liberty Valance2 (1995) oder das "Kammerspiel" „Omaha“ (1999) enthielte.

Bibliographie:
Grissemann, Stefan: "Wozu überhaupt noch?" Profil 6, 3.2.2003, S. 114-117.
Joyce, James: A Shorter Finnegans Wake. Hrsg. Anthony Burgess. London: Faber & Faber, 1966.
Lehmann, Hans-Thies: Postdramatisches Theater. Frankfurt am Main: Verlag der Autoren, 1999, S. 251-252.
Prantl, Egon A.: AK-47.THE ART OF MURDER.. Wien: Sessler, 2002.

Gesendete Hörspiele:
Prantl, Egon A.: Die Zelle. Interview mit (eap). Produzent: ORF-Hörfunkintendanz. Regie: Augustin Jagg. Ton: Alfons Galotti. Schnitt: Gabriele Nell. Mit: Günter Einbrodt, Wolfgang Böck, Hans Piesbergen. Erstsendung (Welt der Literatur): 27.5.1986, 59'20''. Eine Kopie des Mitschnitts des Autors wurde mir dankenswerter Weise von Fabian Kametz, der einige Prantl-Uraufführungen inszenierte, zur Verfügung gestellt.
Prantl, Egon A.: Tender Wolf. Produzent: ORF Tirol. Regie: Josef Kuderna. Mit: Robert Hauer-Riedl, Rainer Egger, Johann Nikolussi. Erstsendung (Kunstradio): 7.7.1988. Dauer: 44'50''.
Prantl, Egon A.: The Radiotelegraphic-Joyce. Gespräch mit eap und Petra Rosa von Süss. Gestaltung: Petra Rosa von Süss. Regie: Egon A. Prantl, Reinhard Handl. Ton: H. Wieser. Mit: Rainer Frieb, Howard Nightingale. Erstsendung (Kunstradio): 2.7.1992, 44'30''. Eine Kopie wurde mir von Regisseur Fabian Kametz zur Verfügung gestellt.

Tonträger:
Cage, John et al: Roaratorio. Audio CD. Wergo, Ars Acustica, 1994.

Tschörner Sylvia