Rezensionen 2004

Felix Mitterer, Die Beichte: Theaterstück.
Innsbruck: Haymon, 2004.
UA Tiroler Volksschauspiele Telfs,  24. Juli 2004.
Regie: Martin Sailer. Mitwirkende Kurt Weinzierl, Pepi Pittl, Rafael Haider.


Felix Mitterers Stück Die Beichte basiert auf einem gleichnamigen Hörspiel, das im Oktober 2003 vom ORF produziert und vom Publikum zum „Hörspiel des Jahres“ gewählt wurde. Den Anstoß dazu gab eine 1999 im irischen Fernsehen gesendete Dokumentarfilmserie über jugendliche Mißbrauchsopfer in kirchlich geführten Waisen-, Erziehungs und Schülerheimen in Irland, und nicht die skandalösen Zustände im Priesterseminar Sankt Pölten, die erst im November 2003 bekannt wurden und den traurigen Beweis lieferten, daß das Thema leider auch in Österreich aktuell ist.
Die Beichte behandelt in einer Reihe von Rückblicken (in denen Martins Sohn die Rolle des Kindes Martin und dieser selbst einmal die eines älteren Schulkollegen übernimmt) die Geschichte des verwaisten Chorknaben Martin, der von einem Priester mißbraucht wird und als Erwachsener dasselbe mit seinem Sohn tut. Entschlossen, sich und das Kind zu töten, um ihm ein Schicksal wie sein eigenes zu ersparen, begibt er sich in die Kirche, in der sein ehemaliger Beschützer und Peiniger die Beichte abnimmt. Es kommt zu einer Abrechnung des Opfers mit dem Täter; der Geistliche kann zumindest den Mord am Kind verhindern. 
Durch das Drama zieht sich als Leitmotiv ein altes Marienlied: Meerstern, ich dich grüße. Gemeint ist die stella maris, der Morgenstern, der so heißt, weil er am Morgen als letzter erlischt. In den frühen Zeiten der Seefahrt war er eine wichtige Orientierungshilfe und wurde deshalb zu einem Symbol für die Gottesmutter, die man um Rat und Beistand anflehte. Paradoxerweise ist er identisch mit dem Abendstern, der die Nacht ankündigt und ein Symbol Luzifers – des Bösen - ist. Hinter den beiden Namen verbirgt sich der Planet Venus, der nach der römischen Liebesgöttin benannt ist, die Mutter und Geliebte war und für alle verschiedenen Aspekte der Liebe stand, während das Christentum und besonders die katholische Kirche die Sexualität abspalteten und verteufelten und das Mütterliche und Liebreizend-Engelhafte auf eine unnatürliche Weise verklärten.
„Ich hab die Frauen nie verstanden,“ sagt Martin. „Ich hab immer Angst gehabt vor ihnen. [...] Die Muttergottes aber [...] hab‘ ich immer verehrt. Gottesmutter süße...“ (74) und an anderer Stelle: „Der heilige Sebastian war mir immer der liebste Heilige. Ein Märtyrer, von römischen Pfeilen durchbohrt. Er war so schön, so unglaublich schön [...]“ (17)
Die postulierte Dichotomie – hier schön und gut, da häßlich und böse – verschleiert, daß man sich leider nicht darauf verlassen kann, daß alles schön und gut ist, was man im Zustand der Verliebtheit so empfindet. Eben diesem Fehlschluß saß Pater Eberhard auf, wie die kuriose Beteuerung, er habe von allen mißbrauchten Kindern nur Martin geliebt, (38) zeigt. Abgesehen davon, daß es (generell) zum Himmel schreit, wenn Liebesobjekte mit diesem Argument entsorgt werden, befreit natürlich keine noch so große Leidenschaft einen Erwachsenen von der Verantwortung, die Geschlechtsverkehr mit einem Partner, der nicht reif dafür ist, bedeutet. Daran ändern der gesellschaftliche Druck, der den Priester veranlaßte, diesen Beruf zu ergreifen, die Unmenschlichkeit des Zölibats, (49, 68-69) und die vorgebrachten Entschuldigungs-clichés nichts (daß Martins „nein“ in Wirklichkeit „ja“ bedeutet habe oder - in Anlehnung an Freud - daß Kinder sehr wohl sexuelle Wesen seien. 40, 39) Andererseits darf man dem Priester glauben, daß er sich der vollen Tragweite seines Handelns nicht bewußt war – etwa des Gewissenskonflikts, in den er das Kind stürzte - und daß ihn Wunschdenken blind machte. Letzteres um so mehr, als Martin offen sagt, daß er gern gestreichelt wurde, (37) stolz auf diese und später auf eine andere Beziehung war, (44, 58) durch die Koalition mit einem Erwachsenen Status gewann (44) und sich aus Liebe manches gefallen ließ, was ihm nicht besonders gefiel. (39) Hierin liegt m. Ea. die Besonderheit des Stücks, daß es das normalerweise Ungesagte, Fehlinterpretierte zwischen Opfer und Täter ausspricht, denn die letztgenannten meinen in den meisten Fällen ja wirklich, daß sie zu sexuellen Handlungen aufgefordert wurden.
Im Vorwort sagt Mitterer, „das alte Prinzip der Kirche“ im Umgang mit sexuellem Mißbrauch sei: „unter den Teppich kehren, zudecken, mauern,“ und die Gesellschaft verhalte sich höchst ambivalent, stecke einerseits angesichts von Mißständen den Kopf in den Sand, und behindere andererseits durch ein Klima politischer Korrektheit die Entfaltung einer ungezwungenen Körperlichkeit innerhalb der Familie. (7) Genau das spiegelte die Reaktion eines Kritikers wieder, der im Einsatz eines 13-jährigen Schauspielers bei der Uraufführung prompt eine „die Kinderseele belastende Grenzüberschreitung“ und die „Grenzen des (Volks-)Theaters erreicht“ sah. (Kurier, 26.7.04. S. 7) Dergleichen zeigt, daß ein halbes Jahrhundert Regietheater in Vergessenheit geraten ließ, daß es von jeher eine wichtige Aufgabe des Theaters war, Erkenntnis durch emotionales (Mit-)Erleben zu vermitteln. Diese kathartische Funktion hat heute die boomende Theaterpädagogik und das therapeutische Psychodrama übernommen (was den Schrei des Kritikers nach psychologischer Betreuung des jungen Darstellers besonders bizarr erscheinen läßt), vor allem aber durch jenes Volkstheater, für das Felix Mitterer schreibt.

Sylvia Tschörner