Rezensionen 2004

Christoph W. Bauer, Aufstummen.
Innsbruck: Haymon, 2004.


Ein Mann und eine Frau, eine Liebesgeschichte also. Wir befinden uns im Reich der Literatur, ein Mann, eine Frau und eine Liebesgeschichte mit Hindernissen also. Die zwei können nicht miteinander und sie kommen nicht los voneinander. „Eine Seilschaft die beiden, miteinander, füreinander, bis dass der, bis alle Stricke reißen, aber die rissen einfach nicht und fürs Sterben ists irgendwie immer zu früh.“ Eine Liebesgeschichte mit Hindernissen und ein Erzähler, der darüber Buch führt. Er und sie, die klassische Konstellation und ein Ich, das außerhalb des magischen Kreises steht und sich seine Einblicke sucht, die Gedanken ordnet, Erinnerung und Gegenwart sortiert und miteinander in Verbindung bringt. Ein Mann, eine Frau und ein Erzähler, die klassische Dreiecksgeschichte. Der Erzähler ist gefährlicher als jeder Liebhaber. Der Liebhaber drängt sich zwischen die beiden, möchte einen der beiden wegdrängen, möchte selber einer von beiden sein. Der Liebhaber will den Körper von einem und sieht den anderen als Rivalen, der Erzähler will das Herz von beiden und sieht diese als Spielfiguren.
Der Erzähler bei Christoph Bauer macht sich ein Bild als einer, der teilnimmt am Geschehen. Er bezieht Position am Rande und bezieht sich doch selber ins Geschehen ein. Er erzählt von den beiden, die sich nichts zu sagen haben und in der Hölle der Sprachlosigkeit ihr Auslangen zu finden bestrebt sind. Aber die Geschichte der beiden geht ihm nahe, weil er, und das zeigt sich im Lauf der Zeit, selber zum Teil ebendieser Geschichte wird.  Jeder Satz wird dem Paar zum Ersatzargument ihres Lebens. Der Erzähler sitzt vor Fotos als Dokumenten einer Geschichte, und „jede Abbildung erschloss eine Etappe in Form gebrachten Lebens“.
33 Fotos, drei Kapitel mit jeweils 33 Abschnitten, so ist das formlose Leben der beiden in Form gebracht. Wer so vorgeht, legt es nicht darauf an, eine nacherzählbare Geschichte zu schreiben. Er legt seine ganze Anstrengung darin, Leben nicht in eine Abfolge von Ereignissen zu bringen, die doch immer zum Anekdotischen, Episodenhaften drängen. Er passt dem Leben einen Maßanzug aus Sprache und Form an. Leben zerspringt in kleine Szenen, in die banalen Gemeinplätze des Alltags ebenso wie in die wegweisenden, gravitätisch ob ihrer Sinnhaftigkeit sich spreizenden  Erfahrungen. Die Stunden der wahren Empfindung stehen Spalier, und die Augenblicke der verkrampften, gekünstelten Leidenschaft stellen sich wieder ein. Der Erzähler macht alles zu Sprache wie einem geschickten Händler alles zu Geld wird. Er, dem die Wörter in ihrer Abgegriffenheit suspekt geworden sind, zerrt und zurrt an den Wörtern, zupft sie zurecht, vergrößert ihren Wert und verscherbelt sie, je nachdem, worauf es gerade ankommt. Das Pathos, diese alte, verpönte ästhetische Kategorie, macht wieder auf sich aufmerksam, will gehört und ernst genommen werden. Was erzählt wird bei Bauer ist selten der Aufregung wert. Aber wie das gemacht wird, erhebt die Banalität ihrer abgeschmackten Minderwertigkeit. Zwei Menschen finden zueinander, leben miteinander, lieben sich und ekeln sich an – und das Recht der Literatur ist von Anfang an auf ihrer Seite.
Das Leben ist ein Bezugssystem, umstellt von Verweisen auf Literatur, ausgestattet mit Zitaten. Der Film, die Fotografie, alle kümmern sich um dieses Leben, das für sich selber gar keinen Bestand hat.
Um Gefühle, ohne die Liebesgeschichten nicht auskommen, macht Christoph W. Bauers Erzähler einen großen Bogen. Erst wo Sprache ist, entwickelt sie wie in einem Biotop Leben, erst die Wörter schaffen die Wirklichkeit, in der Leben sich seinesgleichen bewusst wird. Aber wo beginnt das helle Bewusstsein und wo sucht sich die Phantasie ihren Weg? Einmal kommt uns der Erzähler mit einer Begebenheit, wie aus dem Alltag gegriffen. Eine Frau sitzt im Zug und wartet – wie jeden Dienstag – im Zug darauf, dass jener Man, der ihr gefällt, einsteigt zwei, drei Reihen entfernt von ihr Platz nimmt. Eine erotische Spannung herrscht im Abteil, eine Stimmung der Erwartung, der Reiz des Unwägbaren. Und dann schleicht sich der Erzähler aus der Geschichte, verabschiedet sich unhöflich mit dem Hinweis: „aus der Vorstellung gesponnen, aus meiner.“ Ein windiger Zeitgenosse, dieser Erzähler, und dem sollen wir trauen? Gewiss ist ihm zu trauen, weil er nicht vordergründig als Realist des kleinteilig inszenierten Lebens in Erscheinung tritt. Er schafft ja eine Atmosphäre, eine Stimmung, er entwickelt ein Gespür mehr für das Klima einer Beziehung als für Handlungen und Taten. So kommt er mit seiner Vorstellung leichter ins Zentrum der Gedanken von Gestalten, macht die Bruchstellen ausfindig, an denen sich Wunsch und Wirklichkeit scheiden, an denen Träume ihren Realitätsschock erleiden.
Der Erzähler driftet ab ins „Staffagenland meiner Vorstellung“. Und diese Vorstellung kommt aus zweiter Hand, oft von weit her, aus der isländischen Saga vielleicht. Was ihm fremde Gedanken zutragen, überträgt er auf die Lebenswelt von heute. Das verfremdet die Gegenwart, hebt sie heraus aus dem Durchschnitt, biegt Wirklichkeit in Gegenwirklichkeit um und wertet neu.
„Fürs Sterben ists irgendwie immer zu früh.“ Wenn solch ein Satz am Anfang Unruhe in die weitere Lektüre bringt, lauert der Tod in Wartestellung. Und weil er nicht kommen mag, ist die Sprache mit Signalen der Gewalt beladen. Das Unheil liegt nicht in der Luft, aber die Wörter zitieren es herbei. „Er rammt das Messer in den Braten“, ihr „Totschweigen“ ist „tiefverwurzelt“.  Vielleicht sieht das Unheil aber auch so aus: „ Ich hab das Messer noch in meiner Hand, weiß nicht, wohin damit, starre auf meine Finger, die den Knauf umschlingen, als wollten sie eins werden mit ihm...“
Die toten Dichter, Dante und Cavalcanti, geben den Ton an. Sie stehen als gute Geister über dem Buch von Christoph W. Bauer, geben der Erzählung Halt in der Tiefe der Zeit.
Denn man muss wissen, dass Bauer, der Verkünder unserer Gegenwart, fest auf dem Boden der Tradition steht. Ein Paar von heute ist nicht nur ein Paar von heute, es hat sich zu messen an den Liebesgeschichten von damals.
Zwei Menschen stehen nicht nur für sich, sie tragen die alten Geschichten in sich. Bei Bauer erleben wir die Ästhetik des Kinos mit schnellen Schnitten und schroffen Übergängen, aber im Untergrund rumoren die Helden von ehemals und bestehen darauf, gehört zu werden. Bauer hört auf sie, nimmt sie auf in seine Welt der Erfindungen und variiert und aktualisiert, was einmal brennende Gegenwart gewesen ist. Sie hatten einen Kampf gegen das Verstummen geführt, die großen Dichter von damals. Sie haben verhindert, dass ins Vergessen absinkt, was ihnen einmal ihr Leben bedeutet hat.
Und jetzt liegt sie vor uns, die Geschichte eines Dreiecksverhältnisses, das noch komplizierter geworden ist, seit die alten Meister ein Auge darauf geworfen haben. Jetzt beäugen sie argwöhnisch, was ein genauer Spracharbeiter aus seiner Gegenwart macht. Sie können einverstanden sein mit ihrem jungen Gefolgsmann.

Anton Thuswaldner (Salzburg)