Rezensionen 2004

Helmuth Schönauer, Die Vollbeschäftigung der Sinne.
Gefräste Gedichte.
Baden: Grasl 2003, 64 Seiten.

„Ein alter Mann trifft eine zeitlose Sie zum Spätwerk der Erotik.“ (S. 22)
So beginnt ein Gedicht in Helmuth Schönauers neuem Lyrikband ‚Die Vollbeschäftigung der Sinne’, der eben bei Grasl in der Reihe ‚Lyrik aus Österreich’ als Band 97 erschienen ist. Verdienstvoll wie diese kleine Reihe, die bald ihren Hunderter schaffen wird, sind auch die literarischen Ergüsse, die Helmuth Schönauer im Akkord unter die Leser wirft.
Knapp über 50 unbetitelte Gedichte lang findet der Leser nicht die heutzutage üblichen Kürzestgedichte, die schon fertig sind, ehe sie beginnen, sondern Schönauer erzählt seine Gedichte in einer Art – durch Gedankenstriche – abgehackter Prosa, als ob er einfach aus verschiedenen Kurzgeschichten einzelne Stücke herausgeschnitten hätte. Deshalb wohl auch der Untertitel ‚Gefräste Gedichte’, könnte man meinen, und als Zugabe zu diesem Sprachversuch erscheint Gedicht [42] als HTML-Gedicht, in dem das Experiment der filetierten Lyrik zur Spitze getrieben und zur Methode gemacht wird.
Der Inhalt wird da beim Lesen fast zur Nebensache, fast, denn hier schreibt ein Dichter über seine Gegenwart, seine Wahrnehmung der Provinz, in der er lebt.
„Immer in Wien / steigt der Dichter aus Katsdorf in die Hundescheiße / so sehr er auch aufpasst / die Welt macht keine Fortschritte / mir ist diese Stadt zu groß“ (S. 61)
Das Thema des Büchleins sind die Dichter, ihre Erfahrungen mit Literaturhäusern, ihrer Eitelkeit und Eifersüchteleien, aber auch, wie immer bei Helmuth Schönauer, der Mensch und seine Sexualität, sowie das Problem des Älterwerdens: „zwei Läuber pudern noch im Herbst“ (S. 48) ist keine Naturbeschreibung, aber „da ist es mit dem Petting schon vorbei.“ (S. 36).
Schönauers ‚Die Vollbeschäftigung der Sinne’ ist eine humorvolle Annäherung an sich selbst und in allen Dingen, die man nicht so genau nimmt, sind Erläuterungen sehr hilfreich. So ist das Glossar, das das Büchlein abschließt ein kleines Tirol-Lexikon, das bequem auf 1 ½ Seiten passt und jeden Laien in die Provinz einführt. Denn es „/ kann sein / dass jemand einen alten Strudel auspackt.“ (S. 22)

Bernd Schuchter