Rezensionen 2004

Hans Augustin, Fayum und andere Erzählungen.
Innsbruck: Skarabaeus, 2004.


Einführung zu Autor und Werk anlässlich der Buchpräsentation am 13.05. 2004, 20 Uhr im  Literaturhaus am Inn

von Bernhard Sandbichler


Was kann ich Großartiges zu Hans Augustin und zu Hans Augustins Werk erzählen? Vermutlich kennt ihn, wer diese Zeilen hier liest – und vermutlich sogar besser als ich. Aber gut!


Ich habe ihn vor drei Jahren kennen gelernt. Wir sind, glaube ich, nur einmal zum Essen ausgegangen, aber trotzdem hat sich seither einiges Augustin-Wissen bei mir angesammelt: Sein Sohn z.B. ist Sopransolist bei den Wiltener Sängerknaben, seine jüngste Tochter ein anmutiges Wesen, seine ältere Tochter war als Latein-Nachhilfeschülerin bei meinem Bruder, seine Frau ist Katholikin und er selbst hat Buddha einen sehr schönen Gedichtzyklus gewidmet. Ob er nun Buddhist war oder ist oder überhaupt, entzieht sich meiner Kenntnis, ich habe da nicht nachgefragt; das ist schließlich auch bloß rein Privates.
Andererseits: so ist es halt bei der Literatur, sie schielt immer gern aufs Biografische ihrer Verfasser, sie, welche die eigentliche öffentliche Sache ist, eine res publica.
Insofern: eine ganz frühe Erinnerung stellt sich bei mir ein, als ich Hans Augustin überhaupt zum ersten Mal und gleich in Sachen Literatur erlebte, beim Erklären verschiedener Druckverfahren im Landesmuseum Ferdinandeum nämlich. Er trug einen grauen Arbeitsmantel und er trug Druckerschwärze auf. Bei mir prägte er sich als artifex litterarum tief ein, als Handwerker der Buchstaben – und natürlich der Literatur, er prägte sich ein als eine Verkörperung des Industriezeitalters.
Sein Fleiß als Drucker war und ist für mich immer eine schöne Legende, ebenso die Vorstellung, dass Hans Augustin als Dichter von 30 Jahren, mit Rauschebart und unter dem Pseudonym Saint John Augustin unbeirrbar eigene Wege ging – und sicher nicht solche, die schnurgerade im Dorado der Literaturpreise oder der Bestseller enden. Ein Draufgänger sozusagen.

Das mag jetzt spannend klingen – aber es ist natürlich wieder völlig unsachlich. Vielleicht hätte jetzt hier ein Stehsatz kommen sollen, zum Beispiel: „Viel später bemerkte ich dann, dass seine Literatur nichts Schöngeistiges ist, sondern schön Gearbeitetes.“
Was übrigens wirklich stimmt.
Jedenfalls: „Viel später“ – das stimmt auch: Von seinen Büchern erfuhr ich zuerst, als sie schon der Vergangenheit anheim gefallen waren. Von seinen Hörspielen hörte ich, als sie längst schon gesendet worden waren. Dann aber brachte mir das allwissende Christkind seinen Gedichtband Weggelebte Zeit. Und so kam eins zum anderen, sein erster Erzählungsband Grosnyi zum Gedichtband Die Anhänglichkeit des Reisenden an den Weg, gelesene Zeitungsartikel hier und dort zu gehörten Hörspielen und gesehenen Theaterstücken dort und hier.
Meiner persönlichen Augustin-Biographie fügte sich unlängst ein weiteres Detail hinzu: Die mich seit ungefähr einem Jahr quälende Ungewissheit, was denn nun mit dem von ihm initiierten Feuilleton-Preis agricultura sei, löste sich auf Anfrage aus gegebenem Anlass endlich auf.

Die Milch der frommen Melkart – Die Erbsen, ein Trauerspiel – Kohlrabi statt Zins und Tilgung: so heißen die Titel der prämierten Beiträge. Der literarische Einsatz im agrikulturellen Umfeld hat sich eindeutig gelohnt, das zeigen diese bildträchtigen Titel.
Zum Vergleich: Die Fa. Nestlé schrieb kürzlich einen Essay-Wettbewerb unter folgendem Titel aus: Gedanken und Empfehlungen zur Positionierung von Nestlé als Nutrition und Wellness Company. Ich frage mich, wen so etwas eigentlich zum Schreiben hinreißt?

Na, wie auch immer.
Es wird langsam Zeit, und jetzt soll es wirklich zur Sache gehen.
Also: eben ist das neue Buch von Hans Augustin im Skarabäus Verlag, Innsbruck, erschienen. Wir halten einen Erzählungsband in Händen.
Schon einmal gut, dass es diesen Verlag gibt, der sich für heimische Autoren ins Zeug legt. Und schon einmal gut, dass es Bücher zu kaufen gibt, in denen folgender Titel zu lesen ist: Zanshin no yume. Meer der Stille steht als Untertitel. Der Erzählung selbst folgt ein zweiseitiges Glossar. Es ist eine Liebesgeschichte, die uns natürlich auch etwas über Hans Augustins Liebe zur fernöstlichen (oder vielleicht überhaupt zur exotischen) Welt verrät.
Die Totenstadt Fayum, titelgebend für eine zweite Erzählung, ist ja auch so etwas Exotisches.
„Lebt dein Vater noch?“, wird darin ein gewisser Ahab gefragt.
„Nein, er ist von einer Reise nach Mekka nicht mehr nach Hause zurückgekehrt.“
In einer weiteren Erzählung, Französische Landschaft, liest man Folgendes:
„Als der Herr von der Polizei begann, die Garderobiere zu befragen, schluchzte sie erneut auf … Ob sie den Mann namentlich kenne. Die Garderobiere schüttelte den Kopf. Sie wusste nur zu berichten, dass der Herr seit gestern Abend nicht mehr aus den Galerieräumen des 19. Jahrhunderts zurückgekehrt sei.“
Schließlich schildert das erzählende Ich einer vierten Erzählung:
„Ich habe Angst, dass ich sterben könnte. Aber auch, dass ich überleben könnte. Ich werde sterben, in jedem Fall.“
Der unauffällige Heimgang des George Turklebaum
Dead End Street
Auch diese zwei Erzählungen setzen letzte Dinge in Szene, einmal anekdotisch, das andere Mal als verzweifelte Suche.

Ich will mit dem allen nicht andeuten, dass wir hier nur Geschichten vom Verschwinden und Sterben finden, ganz so wie es das Wiener Volkslied vom Ach so lieben Augustin vorsieht: „Jeder Tag war ein Fest,/Jetzt haben wir die Pest!/Nur ein großes Leichennest,/Das ist der Rest.“ Ich würde eher vom neuen Augustin-Ton sprechen: sehr spannend, sehr flirrend; Tag- oder Nachttraum; harte Realitäten; und immer voll Leben, Frauenleben z.B..

Hans Augustin nennt laut Verlagswerbung „seine zehn Prosatexte [im Buch stehen schließlich elf] ‚verschenkte Geschichten’“. Dabei verschenken diese Erzählungen nichts. Hingegen darf man das Buch als Geschenk des Autors an den Leser betrachten. Mein Appell: Nimm das Geschenk ruhig an, Leser – es kommt von einem „Geist, der beharrt und immer umsichtig bleibt, ohne an etwas festzuhalten“.

Bernhard Sandbichler