Rezensionen 2003

Hans Salcher, Himmelschauen.
Innsbruck: Skarabaeus, 2002, 144 Seiten.

Es gibt Bücher, die die Rezensierenden auf wortreiche Wege, manchmal auch auf Umwege, Abwege oder sogar Abgründe hin führen, unabhängig davon, ob die kritische Betrachtung letztendlich positiv oder negativ ausfällt. Und es gibt Bücher, die leiten diejenigen, der sich in sie vertiefen und ihre Wirkung in Worte zu fassen versuchen, in andere Bezirke der sprachlichen und gedanklichen Wahrnehmung: in die Luft und Luftigkeit der Gedanken, in eine – fast meditativ anmutende – Stille und Zuneigung zu den Texten. Ein ungewohnter Zustand für das Vorhaben, ein Buch zu besprechen. Nicht, dass sich diese Bücher einem Zugang verweigern würden, ganz und gar nicht, aber man spürt und weiß: Das, was in ihnen gesagt werden will, ist gesagt. Gut gesagt. „Himmelschauen“ von Hans Salcher, 2002 als erstes Buch des neuen Hardcover-Programms im Skarabaeus Verlag erschienen, ist eines dieser Bücher.
Es ist ein Buch mit Gedichten, die sehr großzügig und weiträumig gesetzt wurden. Manchmal finden sich nur drei Zeilen auf einer Seite, drei Zeilen, die den Raum, der sie umgibt, ausfüllen, nach ihm verlangen. Die Gedichte von Hans Salcher sagen mit wenig viel. Formale Reduktion. Einwirken-Lassen der Realitäten. Gegensätze. Da sind Stille und Lärm, Geschlossenheit und Offenheit, Masse und Luft.
In sechs Zeilen wird eine Lebensgeschichte erzählt:
„Laden geschlossen
Komme
nie
wieder
die Welt
ist offen“
Ein Ladenschild mit dem altbekannten Satz „Komme gleich wieder“ erfährt durch den Austausch eines Wortes die gegenteilige Bedeutung. Welten werden auf den Kopf gestellt.
Die Themen bezieht der Autor aus seiner unmittelbaren Umgebung, aus dem Alltag der Menschen im Dorf, aus dem Leben in den Bergen, die nicht als einengend wahrgenommen werden, sondern Sicherheit, Geborgenheit und Freiheit geben, die einen, so paradox das klingt, dem Himmel ein Stück näher sein lassen:
„Der Berg, der hoch über uns steht
als ob er unsere Köpfe hält
mit den Wolken schläft
und den Wind
in den Himmel schlägt“
Doch bergen die Gedichte mitunter auch eine implizite Kritik am Umgang mit der Landschaft, am Ausverkauf der Berge:
„Ich kaufe
einen Edelstein
und
trage ihn
auf unsere Berge zurück.“
Die Gedichte folgen dem Blick des Autors: Er wandert von den Häusern und ihren Menschen über die Wälder das Tal hinauf zu den Bergen, weitet sich bei der Ansicht des Himmels. Es sind Gedichte eines, der schauen – und sehen – kann. Ein Gedicht widmet Hans Salcher seinem langjährigen Weggefährten Christoph Zanon, einem Autor, mit dem Salcher die behutsame Anschauung der Dinge teilt. Die Unruhe und die Ruhe finden beide in der Auseinandersetzung mit „Heimat“. Beide lassen sich schwer eindeutig der Pro- bzw. Antiheimatliteratur zuordnen.
Und am Ende der Rezension soll eine Aussage von Christoph Zanon über Hans Salchers Schreiben stehen: „In allem, was er schrieb, erkannte ich den wachen Verstand des Kindes und die Resignation des Erwachsenen. Wie liebevoll kann ein Mensch zur Welt sein und wie besonnen in der Einsamkeit.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Rottensteiner Anna