Rezensionen 2003

Waltraud Mittich, Mannsbilder.
Innsbruck: Skarabaeus, 2002, 117 Seiten.

Sie sind einem alle irgendwie bekannt, die von Waltraud Mittich literarisch porträtierten „Mannsbilder“: Dem einen ist man vielleicht schon einmal begegnet und hat ihn nach kurzer Zeit durchschaut oder es gibt ihn womöglich sogar im näheren Bekanntenkreis, und im einen oder anderen von ihnen glaubt man eventuell sogar eine reale, in der Öffentlichkeit agierende Person erkennen zu können.
Es geht, daran besteht jedenfalls von Anfang an kein Zweifel, um Männer im persönlichen Umfeld der 1947 in Bruneck geborenen Autorin, die einem „Generationsschicksal von Männern“ nachspürt, „geboren in den späten vierziger Jahren dieses endlosen Jahrhunderts, aufgewachsen an den Rändern, wo die Geschichte nachsichtiger und grausamer war als anderswo.“
Dieser Zwiespalt schlägt sich auch in den Lebensläufen nieder. Und so bergen Mittichs Manns- und Männerbilder eine nicht unbeträchtliche Brisanz, denn die von ihr porträtierten Charaktere sind zwar nach außen hin das, was man hierzulande „gestandene Mannsbilder“ nennt, allerdings zeigen sie auch Eigenheiten und seelische Nöte, mit denen „Mann“ lieber nicht hausieren geht.
Viele Leser und auch Leserinnen, die sich durch die sehr persönlich gehaltenen Schilderungen unangenehm berührt fühlen, mögen dabei von Denunziation sprechen und tun es mitunter auch, wie die heftigen und oft sehr emotionalen Reaktionen auf das Buch zeigen. Man müsste diesen Stimmen Recht geben, wären die Männer, von denen in Mittichs Buch erzählt wird, bei der Autorin nicht in derart guten Händen: Sensibel und vorsichtig sich an die Wahrheit hinter den Fakten herantastend und dennoch zu radikaler Offenheit entschlossen, spürt sie den verschiedenen Einzelschicksalen nach und schiebt zur Vermittlung der von ihr entdeckten Bruchlinien die Erzählerin Marie dazwischen, die ungefähr in der Mitte des Buches von sich sagt: „... ja, wahrscheinlich ist es an der Zeit, auch von mir zu sprechen, wenn ich schon so viel von anderen erzähle.“
Marie gibt nicht vor, alles über diese Männer zu wissen, von denen sie erzählt, auch wenn manche dieser Männer sie ein Stück durchs Leben begleitet haben. Marie hört diesen Männern zu, wenn sie ausnahmsweise einmal mehr von sich preisgeben, als sie es für gewöhnlich tun, sie beobachtet ihre Reaktionen, bekommt die äußeren Lebensumstände mit, lässt sich von Konvention und konventionellem Gehabe nicht blenden, empfindet Mitgefühl aber nicht Mitleid mit diesen Männern und liest die Zeitung. Denn es gibt kein Schicksal, das von den Lebensumständen, den sozialen und politischen Bedingungen und den gängigen Moralvorstellungen unabhängig wäre. Und so sind Mittichs Porträts auch ein Porträt der Zeit. Sie unterstreicht diese Intention, indem sie die Lebensschicksale jeweils einem bestimmten Jahrzehnt zuteilt, von den Fünfzigern „bis ins neue Jahrtausend“. Sie lässt ihre Erzählerin eine Sprache finden, oder besser um eine Sprache ringen, die diesen Männerschicksalen und auch den Frauenschicksalen, die mit ihnen verwoben sind, gerecht wird. Das ist nicht einfach und ein hartes Stück Arbeit, denn auch die Sprache führt den Ballast schwerer Irrtümer mit sich, aber das Kunststück gelingt.
Wie es gelingt, schildert die Autorin zu Beginn ihres schwierigen Unterfangens selbst: „Ich werde ein Gerüst bauen müssen und die Wörter dran aufhängen, die ich unbedingt brauche aus jener Zeit: Herz, Schmerz, Kartoffelfeuer, Zwergschule und Sehnsucht. Ich werde sie baumeln lassen, solange ich will, aber herunterholen werde ich sie müssen.“

Prugger Irene