Rezensionen 2004

Georg Engl, Besetzte Landschaft.
Gedichte, Essays, Prosatexte.
Innsbruck: Skarabaeus, 2003.


Selten gehen Engagement und Poesie in der Literatur eine derart überzeugende und sich gegenseitig inspirierende Partnerschaft ein wie in den Gedichten und Prosatexten von Georg Engl. Eine Partnerschaft, die auch über die Jahre hinweg nichts an Schönheit und Brisanz verloren hat, wie die bei Skarabaeus erschienene Textsammlung „Besetzte Landschaft“ beweist. Obwohl die Texte bereits von den späten siebziger bis zu den frühen neunziger Jahren entstanden sind, befinden sie sich – fast möchte man einfügen „leider“ – noch immer auf der Höhe der Zeit. Engls vorrangiges Thema, wie die „Besetzung“ der Heimat durch anbiedernden Tourismuskult, seine geschäftstüchtigen Zuträger und jenen, die im Fremdenverkehr auf der Strecke bleiben, mögen in der öffentlichen Diskussion inzwischen erfolgreich zurückgedrängt worden sein, sind es aber gerade deswegen wert, sich darüber Gedanken zu machen und nochmals genau hinzusehen:
Daß sie Figuren der Bühne geworden waren. Daß sie in einer Landschaft lebten, die von den vergangenen Jahrhunderten eingekreist war. Über diesen Zaun blickten nun die Zaungäste und amüsierten sich am Lustspiel, das die Eingekreisten boten: Möglichst bedacht, nicht aus der Rolle zu fallen; den Arbeiter so zu spielen, wie er gewünscht wurde, eben arbeitsam, immer zur Verfügung; den Bauern, den Behüter und Bewahrer der Landschaft, den Stürmen der Natur trotzend, ausharrend bei Acker und Pflug (obwohl er längst einen Traktor mit Heizung fuhr); die Bewohner ehrlich, gut und treu. Jeder an dem Platz, an den er sich hingesetzt glaubte.
Engls Blick ist leidenschaftlich und radikal, urteilt und bezieht Stellung. Jedoch nicht als unbeteiligter Fenstergucker, der die heimattümelnden Prozessionen an sich vorbeiziehen lässt, sondern aus der Mitte heraus, als ins Geschehen Verstrickter und „Wirklichkeitensuchender“, der seine Identität mittels der Sprache findet. Die poetische und dennoch unverblümte Sprache ist es auch, die jede Zeile dieser Texte zu einem gelungenen Versuch der Rückeroberung einer durch Klischees besetzten Landschaft namens Heimat macht.
Die Befreiung, das wissen wir, kann letzten Endes nur stattfinden, wenn Menschen bereit sind, auch einmal die Schaufel in die Hand zu nehmen und wie Georg Engl die realen Wirklichkeiten vom Schutt der vorgetäuschten freizuschaufeln. Georg Engl, 1951 in Terenten im Südtiroler Pustertal geboren, hat übrigens tatsächlich einmal als Bauarbeiter gearbeitet, ebenso als Lehrer und Schriftsetzer. Er war Mitbegründer der Südtiroler Autorenvereinigung sowie der Zeitschrift und der Edition Sturzflüge. Als Autor hat er sich mittlerweile weitgehend aus der literarischen Szene zurückgezogen, seine Texte jedoch wirken weiter und sind aktueller denn je.

Irene Prugger