Rezensionen 2004

Waltraud Mittich, berühren sie jedes.
Roman.
Innsbruck: Skarabaeus, 2004.

Waltraud Mittich, eine Verlagskollegin von mir, hat vor zwei Jahren mit ihrem bei Skarabäus erschienenen Roman „Mannsbilder“ die Wogen vor allem in ihrer Heimat Südtirol hoch gehen lassen. Sie hat viele LeserInnen begeistert  und etliche Leser mit ihren einfühlsamen aber doch schonungslosen Männerporträts, die gleichzeitig ein aussagekräftiges Bild der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Südtirol zeichnen, ganz gewiss auch zutiefst verunsichert. Einige fühlten mit diesen Porträts sogar ganz Südtirol bloßgestellt. Das Buch wurde schon allein deshalb viel gelesen, viel diskutiert, angefeindet und beklatscht, darüber hinaus wurde es von der Literaturkritik hoch gelobt. Waltraud Mittich, so darf man behaupten, hat jedenfalls ein für hiesige Verhältnisse sehr erfolgreiches Buch geschrieben. Aber den skeptischen Blick, den ich an Waltraud Mittichs Literatur so schätze, den stellt sie auch im Leben unter Beweis und so hat sie mir einmal bei einer unserer ersten Begegnungen, als von an die Tausend verkauften Exemplaren ihres Buches die Rede war - entgegengehalten: „Das soll ein Erfolg sein?“
Mit Skepsis betrachtet sie durchaus auch ihr eigenes Schreiben. Erstens ist sie, wie sie selber sagt, im Rückblick noch immer nicht sicher, ob es für zwei Kinder zumutbar ist, eine schreibende Mutter zu haben – und sie meint damit nicht nur die Zeit und die Gedankenversunkenheit, die das Schreiben erfordert, sondern auch die geforderte Bereitschaft, sich dabei zu exponieren. Gleichzeitig sagt Waltraud Mittich: Ich hätte schon viel früher mit dem Schreiben beginnen sollen! Widersprüche im Leben einer Frau, einer Dichterin, die auch auf ihr literarisches Werk zurückwirken, Widersprüche, die sich auch im Charakter ihrer Protagonistinnen wiederfinden und die deshalb diese Figuren und deren Schicksale so spannend machen.
Auch im neuen Buch von Waltraud Mittich,  „berühren sie jedes“, geht es um eine Frau voller Widersprüche: Um die in New York lebende Fotografin Dolly Meyer, die Fotografin geworden ist, obwohl oder vielleicht sogar weil sie der Sprache der Bilder misstraut. Es ist eine faszinierende Angelegenheit, diese Dolly Meyer auf ihrem Weg zurück zu den eigenen Wurzeln, unter anderem in ihre Heimat Südtirol, zu begleiten und zu beobachten, wie sich die dabei die erinnerten Bilder verändern. So stellt sich mit der Zeit heraus, dass der zuerst als sanft geschilderte Liebhaber auch seine rohen Seiten gehabt hat, ganz zu schweigen von den rohen Seiten der Geschichte, die dem Vergessen entrissen werden müssen. Dabei geht es nicht um ein sentimentales Betrachten alter Fotografien, vielmehr geht es darum, mit beiden Händen in der Heimaterde zu wühlen und zwar ganz besonders dort, wo bereits Gras über das Grauen gewachsen ist. Waltraud Mittich hat keine Scheu, sich beim Schreiben die Hände schmutzig zu machen, sie gräbt sich wie ein Maulwurf durch die Schichten des Vergessens und wirft dort Hügel auf, wo die Erde längst wieder eingeebnet gewesen ist. Kein Wunder, dass manche Leute ins Stolpern geraten, wenn sie unvorbereitet den weit verzweigten Wegen Waltraud Mittichs folgen.

Irene Prugger