Rezensionen 2003

Markus Köhle, Pumpernickel.
Innsbruck: Skarabaeus, 2003, 128 Seiten.

Wer sich ein Tiroler Buch erwartet hat, wie etliche andere es sind, so eines mit Erzählungen und so, der läuft vorerst blau an. Nicht wegen eines zu großen Gold-Delicious-Brockens, nein, sondern wegen der ersten Geschichte „Falsche Fährte?“, die dem Betthupferl für Erwachsene, Teil 1, folgt. Den Betthupferl-Start habe ich zunächst irgendwie als Vorwort interpretiert – ein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Und dann braucht Markus Köhle eine ganze Kurzgeschichte lang, um fünf Minuten zu erzählen. Ich gehe die Möglichkeiten durch:
a)Er ist ein Langsamdenker.
b)Er hat nicht viel erlebt und muss daher das Wenige langsam beschreiben.
c)Er betrachtet die Welt in Zeitlupe, weil
*)die Zeit so schnell vergeht,
*)auch Sportübertragungen häufig eine Wiederholung in Zeitlupe bieten,
*)man der Hast der modernen Zeit entgegenzuwirken hat.
d)Er möchte alles anders machen.
Und jetzt stockt’s. Ich weiß, da muss ein e) her, das die Lösung ist, aber das e) steckt in Hals, Hirn, Herz, Bauch und so weiter. Das Buch stellt sich quer wie eine Gräte eines genussvoll verspeisten „Mero“, dessen Namen ich auf Deutsch nicht weiß. Verflixt, da schreibt einer in einer ganz besonderen Weise, und mir steckt das Buch im Hals.
Und dann geschieht es: als sich Adams allerersten Apfels erstes riesiges Stück via vierfachen Klopfens seitens der Fähren-Stewardess Eva samt Speibschwall den Weg ins Freie bahnt, löst sich die Gräte und ich bin dem Lachkrampf verfallen, wache spätnachts noch auf und lache über die AUA, die zusammen mit ausnahmslos allen in der Adria versinkt. Und zwar lache ich, weil
a)ich an einen guten Witz denke,
b)die AUA eine irrlustige Fluglinie ist,
c)man doch auf einer Fähre nach Griechenland keinen Apfel, und schon gar nicht seinen ersten isst,
d)alle aus Markus Köhles Geschichten so irre Namen haben: Artemis, Manfred, Adam, Max Mustermann, Knut Knaller, Martha Mahlknecht, fehlt nur noch Erwin,
e)endlich e), weil Markus Köhle ein traumhafter Entertainer ist, ein irrer Performer, der es mit allen Haders und Dorfers aufnehmen kann, weil er sich nicht nur des gefilmten und nicht nur des theatralischen bzw. radiophonen Mediums bedient, sondern auch vor allem des geschriebenen.
Aus ist’s mit der Vorstellung vom Betthupferl-Vorwort. Ich warte jeweils sehnsüchtig auf die Fortsetzung dieser Leitgeschichte wie ein Kind der Fünfziger und Sechziger des vorigen Jahrhunderts auf das Traummännlein gewartet hat. Das Ende dieser siebenteiligen Erzählung über Knut und Martha ist schließlich wie ein Tritt in den Hintern, nach dem man ganz besonders gut schlafen kann. Doch zuvor gibt es noch die Zwischen-Geschichten. Diese Erzählungen, die manchmal das gewisse kriminalistische Etwas an sich haben, gleiten nach dem Kotzen des ersten Apfelbrockens hinunter wie Apfelmus. Der Höhepunkt ist schließlich die Schlafsack-Story aus St. Johann. Dort ist ja unter anderem der Jochen Burger mit seinem Literaturkreis daheim, hallo Jochen, dort fühlt sich ein Literat wohl.
„Pumpernickel“ (warum’s so heißt, ist irr, lest bitte selbst!) von Markus Köhle aus Nassereith – ich kann’s nur empfehlen.

Licha Otto