Rezensionen 2004

Helmuth SchönauerBürger Metzger Meisterin.
Innsbruck: Kyrene, 2004.

Wenn aus der Wut Begeisterung wird: Bürger Metzger Meisterin

Helmuth Schönauer steht zu seiner Provinz. Mögen andere, die in der Welt berühmt sind, während des Flugs von großen Städten zu fernen Inseln einen Abstecher nach Tirol zur Lesung machen, so stellt er, inzwischen schon fünfzigjährig, als junger Autor seinen Roman ‚Bürger Metzger Meisterin’ dem noch jüngeren Kyrene-Verlag unter der Devise „In Innsbruck bin ich weltberühmt“ zur Verfügung. Schönauer durchstreift seine Stadt, und wo andere, um zu dokumentieren, Tonband und Kamera zücken würden, um Unglaubliches festhalten zu können, bleibt er der Dichter. Denn Dichter zu sein hat er gelernt, das kann er, und so beschreibt er zunächst irgendein Faktum, umkreist es mit einem Netz aus Heiterkeit und beginnt dann zu übertreiben. Und er übertreibt ungeheuer gekonnt. Wie wenn sich eine Dokumentation zum Zeichentrickfilm wandelt, übertreibt Helmuth Schönauer seine Protagonisten. Die eine hat nur Fleischkäs, der andere nur das Stadion im Sinn. Die Übertriebenen werden zu Getriebenen und sicher böse, wenn sie ihren eigenen Zeichentrick im Text erkennen. Wir anderen haben eine Gaudi und lachen über die Bürgermeisterin und ihren Vize. Irgendwo aber bleibt unser Lachen im Hals stecken, spätestens, wenn wir uns selbst gefunden haben, und wenn nicht auf dieser Seite, so auf der nächsten. Denn Schönauer lässt nichts und niemanden aus in dieser Stadt. Alle sind wir dran, wir, die Spießerinnen, die Lodenmantelträger, die Kids im Sillpark, der Kripp, die Sackroller-Fahrer, die Polizei, der Schiverband, die Einsatzleiter bei sportlichen Großveranstaltungen, die Wirtschafterinnen, die Lehrer, die Musikantinnen und Generäle, die Handyträger und GrünInnen und so weiter, und so weiter. Alle zusammen bilden den Ibk-Normi, der vor laufender Kamera gezeugt wird. Dem Volk wird beim Schreiben aufs Maul geschaut, und wenn’s fäkal zugeht, erst recht, denn diese Sprache ist in ihrer tief provinziellen Allgegenwart für Schreiber und Leser befreiend, außer vielleicht am Mitterweg und in der Höttinger Au, denn dort wohnt die Intelligenz.

Was sollen wir, die WeltstädterInnen, tun, wenn wir auf hundertachtundzwanzig Seiten in einem fort erniedrigt und beleidigt werden? Würde etwa eine x-beliebige Frau, zum Beispiel irgendeine Hilde Z., die keiner kennt, sich mit einem durchschnittlichen Mitterwegler namens Helmuth S. auf ein Schnitzel treffen und philosophieren, käme dabei leicht eine Sau aus und beide würden über sich selber lachen. So geht’s aber nicht, wenn erstens die erstgenannte ein Organ ist und zweitens die ‚Weltstadt’, in der beide agieren, wie ein Stachelhäuter ihre Organe im Sinne der Verdauung mittels ‚Tirol heute’ und Zeitung nach außen stülpt. Und ein Organ hat gefälligst nicht und nichts zu lachen, sonst wird es transplantiert. Schon gar nicht hat es über sich selbst zu lachen. Helmuth Schönauer jedoch trägt die Wut in sich, dass Großes von Innsbruckern oder ähnlichen offensichtlich nur geschrieben werden kann, wenn es von Seattle, Paris oder einer fernen Insel handelt und als Weltumsegler in der kleinen Großstadt wieder eintrifft. Innsbruck möchte doch selbst etwas sein. Der Autor beschreibt dies auf seine besondere Art. Man stelle sich eine Null vor, deren Verwalter beschließen, kultureller und sportlicher Mittelpunkt zu werden und daher immer wieder versuchen, Großereignisse wie Olympische Spiele zu veranstalten. Aber leider ist die Null für die Welt uninteressant geworden, weil sie keinen eigenen Inhalt bieten kann außer die heiße Luft, mit der die Verwalter versuchen, sie aufzublasen. Irgendwo gibt es zwar noch die Stadt Schasibody, die mit ihrer internationalen Jury unsere Null regelmäßig zur Weltstadt der Provinz kürt, aber niemand von den Verwaltern weiß, wo Schasibody liegt und wer dort regiert. Helmuth Schönauer konzentriert in sich unter der Devise ‚Provinzler aller Länder vereinigt euch!’ die Wut all jener, die es satt haben, in einer Null zu wohnen, die die Welt veranstalten will, und zwar so lange ist er wütend, bis aus ihm die Begeisterung heraus bricht: „Seht her, wir sind’s, die Null!“ Und in dieser Begeisterung lässt er durchblicken, dass er seine ‚Weltstadt’ liebt. Und uns bleibt nur, beim Lesen herzhaft zu lachen, und am lautesten über uns selbst.

Otto Licha