Rezensionen 2003

Monica Wittib, O Patèra oder der Abschied vom Athos.
Novelle.
Innsbruck: Berenkamp, 2002, 108 Seiten.

Dieses Buch zu rezensieren ist nicht einfach, denn es enthält einige Überraschungen, die man dem Leser einfach nicht nehmen darf, wenn man ihm die Lektüre nicht verderben will. Diese Teile aber enthalten den Kern des Buches. Dies fängt schon beim griechischen Titel an; was er bedeutet, erfahren wir auf Seite 86 des 108 Seiten starken Buches. Versuchen wir also, über das zu reden, was gesagt werden darf.
Es überrascht, auf dem Deckblatt zu lesen, dass es sich hierbei um eine Novelle handelt. Heute werden kaum noch Novellen geschrieben, sondern Erzählungen oder Kurzromane. Die Novelle beschränkt sich im Gegensatz zum Roman auf einen wichtigen Geschehensausschnitt, der einen Wendepunkt bringt.
Der erste Satz bringt uns in medias res: „Sebastian ist tot“. Die erste Seite erzählt im Kurzgeschichtenstil die gesamte Kindheit, Jugend und Studienzeit der Protagonistin Susanne und eines gewissen Sebastian bis hin zu dessen Selbstmord, lässt aber die Frage offen, ob letzterer nun ihr Sandkastenfreund oder ihr Bruder war. Die Seite 2 klärt den Rest. Sebastian war ihr Bruder, der - wie das Empfehlungsschreiben eines orthodoxen Bischofs beweist - zum Berg Athos wollte, dem griechischen Mönchsberg, den keine Frau je betreten durfte. Die 3. Seite bringt den Entschluss Susannes, zum Athos zu fahren. Sie lässt sich ihre langen Haare kurz schneiden wie die ihres Bruders und zieht los.
Hiermit beginnt die „Wanderung“ auf der Suche nach einer Antwort, die sie selbst kaum definieren kann. Auf Seite 34 antwortet sie dem Türhütermönch noch auf die Frage, was sie zum Athos führe, recht lächerlich: „Ich liebe den Athos“, während sie 50 Seiten weiter endlich entschlossen sagt: „Ich suche meine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“. Die Antwort ist eher deprimierend: „den Schlüssel zur Vergangenheit hat sie gefunden. Aber vielleicht ist das Bild auch nicht richtig.“ Vielleicht ist das Bild nicht richtig, weil es keine einzige, klare Lösung gibt, weil wir alles aus einer Sicht sehen, welche nicht notgedrungen die allein mögliche und damit richtige sein muss.
Susanne erwartet einen unglaublich faszinierenden Berg, der gleichzeitig erschreckt und in den Bann zieht. „Nicht die kahlen und schmucklosen Häuser sind das Unweibliche, sondern das Statische, die Zukunftslosigkeit. Nichts ändert sich, kein Kind läuft um die Ecke, keine Mutter keift hinterdrein. Unter dem großen Apfelbaum steht kein Paar und küßt sich.“ Lange Zeit hat Susanne große Angst, als Frau und damit als unverzeihlicher Fremdkörper entdeckt zu werden. Bis sie endlich selbst beginnt, sich dem Athos nicht mehr fremd zu fühlen. Nach einem mystischen Erlebnis im Kloster Lavra lernt nicht nur seine landschaftliche Schönheit schätzen, sondern das Wesen der Insel: Hesychia – die innere Ruhe und Ausgeglichenheit, die den ganzen Menschen ändert. Ein Mönch sagt zu Susanne: „Du bist zu jung, um den Athos zu verstehen, […] Hier ist die Gegenwart Vergangenheit und Zukunft zugleich. Jede Zeit fließt in diesen einen Augenblick.“ Auf dem Athos hat die Zeit einen ganz anderen Wert; wer diese Erkenntnis macht und akzeptiert, findet Hesychia und damit vielleicht die erste Stufe zu Gott.
Susannes Leben als Gesamtheit sowie ihre Athosreise werden von mehreren Männern bestimmt: von Sebastian, von ihrem Vater, der sie in ihrer Kindheit ohne Erklärung verlassen und seither wie eine Fata Morgana ihr Leben mitbestimmt hat, Sven, der Portartis des Klosters Lavra, Elias. Lauter Männer, die sie gern hatten, sie aber doch aus irgendeinem Grund verlassen haben – oder umgekehrt. Dieses für sie so unverständliche, unverzeihliche Verlassenwerden, das durch nichts gerechtfertigt werden kann, weil es Dritte involviert und denen Schmerz zufügt, soll ihr verständlich werden. Und seltsamerweise tut sie – bewusst oder unbewusst – genau das Gleiche.

Ein interessantes Buch, das man gerne zur Lektüre weiterempfiehlt, auch wenn es vom Stil her oft von guter Literatur in Kitschnähe abfällt („Sie nähern sich rasch dem Bächlein, das sich durch munteres Plätschern verraten hat“). Viel intensiver und echter wirken da die Zitate von Lord Byrons Childe Harold’s Pilgrimage. Auch einige Unstimmigkeiten verunsichern, wie zum Beispiel die Tatsache, dass sie anfangs recht erfolglos versucht, die griechischen Worte zu entziffern oder sich verständlich zu machen und danach problemlose Kommunikation mit allen führt. Die Österreicherin ist nicht zu übersehen, zahlreiche Redewendungen oder lexikalische Eigenheiten verraten sie, sogar dort, wo ein Berliner spricht, der zwar einerseits stark berlinert, andererseits aber einen „Bursch“ erwähnt.

Eine interessante Idee hingegen besteht darin, Odysseus durch das ganze Buch mitziehen zu lassen. Der große Reisende und Abenteurer, der seine Frau verlässt, um in den Krieg zu ziehen, wird eher zum negativen Symbol: „Kaum sind zwanzig Jahre vorbei, kaum ist eine neue Blüte von Männern herangewachsen, beginnt der Kampf für das Vaterland von neuem. Aber für welches Vaterland lohnt es sich zu kämpfen?“ Die Antwort ist ganz klar: Das ist eben männlich.
Und hierin ist Susanne weiblich, sie wird nie Odysseus sein, so wie sie nie Sebastian sein wird, sondern immer nur Penelope, die Verlassene. Bis sie am Ende im Madonnenbild, für das sie Modell sitzt, beides vereint: „Gott verbindet Männliches und Weibliches, warum nicht auch die Gottesmutter.“
Vielleicht ist das eigene Verlassen und In-Versuchung-Führen ein Zeichen ihrer neu erwachten Männlichkeit, denn: „Jeder lebt sein eigenes Fegefeuer am Athos, das ist der Sinn. Für mich gibt es kein anderes Leben mehr.“ Wer diesen Satz ignoriert, ist zum trojanischen Pferd geworden, das Odysseus in sich hat.

Kuppelwieser Marlene