Rezensionen 2003

Helene Flöss, Löwen im Holz.
Innsbruck: Haymon, 2003, 224 Seiten.

Ein packendes Buch, das man möglichst schnell zu Ende lesen möchte. Und sei es auch nur, um endlich zu erfahren, ob das Kind, dem Großmutter Lona die Geschichte erzählt, nun ein Mädchen oder ein Junge ist. Die Antwort auf diese einfache Neugier kommt auf Seite 95. Die Antwort auf den Sinn oder Unsinn des Krieges hat man von Anfang an.

Bei Löwen im Holz handelt es sich um eine internationale Tirolergeschichte: nicht nur der Hintergrund des Grödnertals und die vielen Dialektausdrücke im Vokabular und in den Redewendungen sind unverwechselbar tirolerisch, oder besser gesagt, südtirolerisch, sondern auch die ganz spezifischen Sitten und Gebräuche und die historischen Erfahrungen.
International ist diese Geschichte insofern, als Armut und Unrecht im Krieg alle Menschen gleich betreffen. Der Tiroler, Italiener und Slawe leidet in Russland gleich wie der Russe im Grödental. Das Jahr eines Bauern folgt in der Ukraine den gleichen Rhythmen wie in Südtirol.

Helene Flöss lässt eine Großmutter ihrem Enkelkind die Geschichte ihres Lebens und ihrer Liebe zu ihrem Mann erzählen, der den Ersten Weltkrieg miterlebt und –erlitten hat. Das Kind fühlt sich bei der Großmutter ebenso geborgen wie ihr Mann es ein Leben lang getan hatte. Das einzige Element, das ihm Furcht einflößt, sind die geschnitzten Holzstühle der Großmutter mit den aufgesperrten Löwenmäulern. Diese Stühle begleiten Lonas ganzes Leben, wie eine symbolhafte Konstante. Ob positiver oder negativer Natur bleibt dahingestellt.
Auf jeder Seite sind Privates und Geschichte eng miteinander verflochten, das geht vom Bau der Grödnerbahn bis hin zum Verrat der Welschtiroler durch Österreich und die Umtaufung der Tiroler durch die Faschisten. Öffentliches wird zu Privatem und umgekehrt, dort wo man sogar für eine Prozession die Genehmigung der Carabinieri braucht.
Den Hauptteil des Romans bestimmt der Erste Weltkrieg, während der Zweite nur noch eine Art Nachwort darstellt. Dieses ungleichmäßige Verhältnis erklärt sich aus der Ansicht der Großmutter, für die es nur einen Weltkrieg plus eine Art Imitation gegeben hat, auch wenn diese ihm den Sohn genommen hat.

Der Krieg wird schon bald zum Alltag: „Die sechstausend Russen haben es von ihrer Heimat bis ins Grödental gleich weit wie es der Fidl von hier bis in die Ukraine hat.“ Großmutter Lona ist bereits als junges Mädchen intelligent genug zu sehen, dass zwischen den russischen Kriegsgefangenen hier und ihrem Fidl dort kein Unterschied besteht. „In ihrer Verzweiflung graben die Russen sogar Schweinekadaver aus und rühren sich das Knochenmehl mit Wasser an“. (S. 50-51) Am Sonntag aber singen sie zur Überraschung der Tiroler in der Kirche mit.
Aus solch knappen Bemerkungen geht das Gefühl der einheimischen Bevölkerung hervor: Staunen, dass es sich bei diesen elenden Wracken um Menschen handelt, und Mitgefühl.
Wenige Tiroler sind zum Kampf bereit, die deutschen Tiroler sind ebenso wie die italienischsprachigen Trentiner Bauern, und ein Bauer kümmert sich nicht um die große Politik, die „seit alters her ein schäbiges Geschäft ist. Was ist denn auf die Österreicher für ein Verlaß im Achtzehnerjahr? Was ist denn auf die Deutschen für ein Verlaß? Die einen wie die anderen verschachern Land und Leute, wie es ihnen paßt.“ (Seite 199).
Ein Tiroler kämpft nicht fürs Vaterland, er kennt auch keine Heimat: „Für uns Bauersleute ist die Heimat das Hoamatl… Es ist das Dach überm Kopf, der Wind im Korn, die Wiese zum Draufsitzen, die Menschen, die sich untereinander mögen, derselben Arbeit nachgehen, dieselben Sorgen haben“ (S. 48).
Alle Soldaten und Heimkehrer fühlen sich gleich „angestrichen“. So wie Emilio seinem Freund Fidl erzählt, wie ihm die italienische Regierung Schuhe mit Pappsohle lieferten, die wie Leder angemalt war, sich aber nach wenigen Stunden im Schlamm auflöste, so staunt ein Vierteljahrhundert später der Tiroler Nazi Silvester nach Kriegsende darüber, „daß sie sich von diesem Verbrecher derart haben anstreichen lassen“ (S. 203).
Fidl überlebt den ersten Weltkrieg vor allem deshalb, weil er aus Gewohnheit versehentlich bei den Slawen und Trentinern geblieben ist, als Deutscher wäre es ihm wohl schlimmer ergangen. So gerät er bald in Kriegsgefangenschaft, wo er sechs Jahre lang bleibt. Viele sind froh darüber, dem Krieg auf diese Weise zu entrinnen, auch wenn sie jetzt den Wogen der Russischen Revolution ausgesetzt sind. Aber wenigstens liegen sie nicht mehr im Graben, taub vor Lärm und Kälte und vergiftet von den schwefelgelben, schweren Schwaden, die oft wie eine Dunstglocke über ihnen hängen. „Jeder hustet und keucht und würgt an dem Zeug aus der Lunge. / Das Echo dieses Höllenlärms geistert noch lange in den wilden Wänden herum. Und darüber der blaue, unbeteiligte Himmel.“ (S. 90). Diese Gleichgültigkeit der Natur dem großen Elend gegenüber kommt an mehreren Stellen zum Ausdruck. Doch hat sie manchmal auch etwas Tröstliches: „Die Landschaft ist gut, lind, ohne Geheimnis und doch voller Wunder, vor denen man sich nicht zu fürchten braucht“, so sieht Fidl die russischen Birkenwälder, den fruchtbaren Boden, auf dem er steht. (S. 120).
In ständigem Wechselrhythmus bricht die Erinnerung des Soldaten durch, die ihn nie mehr verlassen wird, unverkennbar in Sprache und Bild aus der Sicht eines Tiroler Bauern: „Die Schädel [der Toten] klappern über Stock und Stein. Von den Körpern sind Uniform und Wäsche bald abgestreift. Die Steine, mit den hängengebliebenen Fetzen von Haut und Haaren, schauen aus, als hätten sie die Räude“ (S. 123).
„Der Fidl dankt dem Himmel still und laut, dass er jetzt ein Gefangener und kein Krieger mehr ist.“ (S. 121).
Oft sind es kleine Gegenstände aus dem Alltag, die den großen Betrug am besten aufdecken, wie die Postkarte in neun Sprachen mit dem vorgedruckten Text „Es geht mir gut“. Nähere Ergänzungen sind verboten.

Die Sprache ist von einem beharrlichen, mitunter sogar hektischen Rhythmus bestimmt. Der Bauer, der weiß, dass er nicht so gut sprechen kann wie ein „Studierter“, aber trotzdem das Erlebte so anschaulich wie möglich wiedergeben will – oder aus einem unbezwingbaren Instinkt heraus wiedergeben muss – häuft Verben, Adjektive und Synonyme in einer Reihe wie die Perlen eines Rosenkranzes. Auch das macht die Tiroler Bauernsprache aus. Wie so oft aber sind gerade die einfachen Leute imstande, zwischen den Zeilen zu lesen und sich nicht anstreichen zu lassen. Um so schlimmer ist es, trotzdem mitmachen zu müssen: die Erkenntnis kommt für Deutsche wie für Italiener: „Bleiben wird nichts als die verpfuschte Sehnsucht einer verunglückten Generation“ (S. 171).

Ein lesenswertes Werk, einnehmend, lehrreich und dank der Konstanz in Sprache und Inhalt, die auf den gut 200 Seiten gleichermaßen überzeugend ist, nie ermüdend.

Kuppelwieser Marlene