Rezensionen 2004

Angela Jursitzka, Das Gähnen der Götter. Tirol vor 2299 Jahren.
Roman.
Reith: Edition Tirol, 2003.


Knapp 60 Werke hat Angela Jursitzka als Bezugsliteratur angegeben, von Der Geschichte des Landes Tirol bis hin zu Kräuter- und Kochbüchern aus der Bronze- und Eisenzeit oder Abhandlungen zur Kunst des Schwert- oder Schmuckschmiedens.
Man kann wahrhaft sagen, die Autorin hat ihre Hausaufgaben gemacht, auch wenn sie in der Einleitung sagt, „der Dichter darf verzichten, worauf der Wissenschaftler bestehen muss“. Dies mag zweifelsohne stimmen, trotzdem   hat man den Eindruck, diese 2299 Jahre alte Geschichte sei bis in allen Details ein Abbild des Alltagsgeschehens der Stämme, die im heutigen Tirol (das nie namentlich genannt wird) wohnten.

Protagonisten sind die Askami, ein Volk aus dem Süden, dessen Dorf von nördlichen Barbaren abgebrannt wurde. Wie alle schwachen, kriegsunfähigen oder kriegsunwilligen Völker lautet ihre Devise „Lauf schnell, lauf so weit und verstecke dich, solange du es vermagst!“ Die Beute friedvoller Völker „bestand aus geistigem Diebesgut“, d.h. sie lernen von anderen Lebenskunst.
Im Norden angekommen, lassen sie sich dann auf einem Hügel nieder, roden, betreiben Ackerbau, bauen nach Anweisung ihres Häuptlings Arun zuerst eine Mauer, dann einen Brunnen und erst zuletzt bequeme Häuser. Erst wenn für das Lebensnotwendigste gesorgt ist, kommt der „Lukhsuss“ dran. Das Volk besteht aus einem überaus praktisch orientierten, friedfertigen, arbeitsamen, wenn auch etwas schwächlichen Häuptling, aus seiner Familie, der Druade (einer Art Priesterin und Heilerin, die einfach ein bisschen weitsichtiger und intelligenter ist als viele andere und ihr Wissen zum Wohle des Volkes einsetzt), dem Schmied, dem Künstler, den vielen Frauen und Männern, die alle bauen, weben, arbeiten. Kurz, jeder braucht jeden: Auf die Frage „Sag, Druade, was machte ein Häuptling ohne Schmied?“ antwortet die Druade: „Sage du mir, Xaisur, was wäre ein Schmied ohne Tonschöpfer?“

Das Volk lebt aber nicht isoliert. Außer zu dem Volk der Wilden, dem Frühen Volk und dem Eulenvolk hat es direkten Kontakt zu den Gelbhaarigen, einem Kriegsvolk, das nach Süden unterwegs ist, um dort genau das zu tun, was andere mit den Askami getan haben: rauben und plündern. Nur die Intelligenz und Diplomatie der Druade und des Häuptlings sorgen dafür, dass sie vor den Gelbhaarigen geschützt sind, mehr noch, dass diese sich als ihre Beschützer aufspielen.
Genau so lebendig und realistisch wie diese Personen sind auch der Alte vom Briga, das Oberhaupt des Frühen Volkes, die Leute aus dem von Taranos vergessenen Zweitklan und dem Eulenvolk.
Man hat das Gefühl, täglich beim Dorfgeschwätz mitzuhören, wichtige, nur im Moment wichtige und gänzlich unwichtige, aber nichts desto trotz amüsante Dinge zu erleben, als wäre man mit dabei. Ein unglaublich feiner Humor durchzieht gemeinsam mit einer gekonnten Ironie das ganze Buch und macht es überaus lebensnah. So werden die in den verzogenen Sohn vernarrten Väter genau so von der realistischen Mutter geneckt, wie es auch heute noch passiert.
Ein einfacher Schmied hingegen erkennt, hier schon wieder ernst, weshalb es so schwierig ist, sich am eigenen Stamm zu erfreuen. „Weil man seiner Sippe zu viel abverlangte, nie mit dem Erreichten zufrieden war und immer mehr wollte?“ (S. 99). Am weitsichtigsten sind die Druade und der Händler Trugh, der immer gemeinsam mit seinem Wallach Tag genannt wird. „Mehr oder weniger prahlte jedes Volk mit der einzig wahren Lebensform. Ein reisender Händler lernt viele Sprachen, er hört Zwischentöne heraus (…).“ (S. 84).
Wie wenig hat sich doch in den vielen Jahren geändert! Ebenso wenig wie an der Erkenntnis, dass der Marktwert nur bei steigender Nachfrage und sinkendem Angebot (Eisen für den Schmied oder Schmuck für die Frauen) wächst.

Überraschenderweise aber gehen gleichzeitig mit lockeren Ereignissen sehr tiefgehende Dinge einher: Auf Seite 168 zum Beispiel nimmt Taranos Abschied von den Askami. Mit Müh und Not ist ein Streit vermieden worden. „Was zählen schon Worte, wenn der Tonfall stimmt?“
Nur 10 Zeilen weiter denken die Menschen schon an das Sonnwendfest. „Vorher müsse jemand die Knochen der Toten zusammentragen, anhaftendes Fleisch entfernen, es den Totenvögeln überlassen, den Geiern.“   Damit gehen Freude und Trauer, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft nahtlos ineinander über. Auf der vorletzten Seite warnt die Druade: „Kümmert euch nicht um das Gestern, aber hütet euch vor dem Morgen.“

In dieser Geschichte gibt es mehrere Wendepunkte zum Unheil. Mehr als einmal werden sie vom „Lukhsuss“ ausgelöst: das Intermezzo des Eulenvolkes, das sich vom vermeintlichen Goldschmied angezogen fühlt, die Ermordung der Frauen des Zweitvolkes, denen ihr Schmuckreichtum zum Verhängnis wird.
Verblüffend ist, wie wichtig jede einzelne der unzähligen Personen ist, auch wenn sie nur eine Nebenrolle spielt. Dies gilt für eine Cia ebenso wie für ein Barbarenkind, das von einer Ziege gestillt wird. Jeder hat seine eigene Geschichte, jeder ist Angela Jursitzka zuweilen ein lyrischer Tonfall wert.

Diese Meisterhand im Umgang mit den Personen und in der zwar linearen, aber auf Grund der Personenvielfalt doch recht komplexen Geschichte hilft dem Leser über die Anfangsschwierigkeiten bei der Namensbenennung hinweg, denn man muss sich erst daran gewöhnen, Begriffe wie Lebenhauchen, Sämann, Aufrechtgeher, Beischläferin, Kauwerkzeuge oder Einäugige in Küssen, Penis, Mensch, Partnerin, Zähne oder Glied zu „übersetzen“. Ebenso ungewohnt ist am Anfang der Umgang mit der Sexualität. Erst im Laufe der Zeit merkt man, dass die freizügige Sprache oder das lockere Verhalten keineswegs freizügiger sind als in der Gegenwart.
So ist diese Geschichte zwar einerseits überaus empfehlenswert, wenn man sich auf „verdauliche“ und doch sehr realistische Art und Weise mit der Bronzezeit auseinandersetzen will, gleichzeitig aber handelt es sich irgendwie auch um eine Geschichte der Gegenwart. Denn im Endeffekt ist die Gegenwart wie die Vergangenheit – oder die Zukunft. Es gibt nur wenige, die „frei vom Diesseitigen“ (Druade) oder uralte Junggebliebene (Uttu) sind. Was bleibt, nachdem die Götter ihrer Langeweile freien Lauf gelassen und uns zu ihrem Spaß mit allen Schicksalsschlägen heimgesucht haben „ist das Wort: Aska mi. Und ein Versprechen. Ich bin.“

Marlene Kuppelwieser