Rezensionen 2004

Otto Licha, Die Begegnung.
Münster: AT Edition, 2004.


Die einzigen Hauptfiguren des neuen Buches von Otto Licha sind „der Dichter“ und „Albert“. Von Ersterem erfährt man nur den Beruf und nicht den Namen, von Letzterem nur den Namen, nicht den Beruf.
Die beiden treffen sich zufällig im Café Central in Innsbruck und setzen diese Begegnung daraufhin ein Jahr lang täglich fort. Der Dichter warnt, dass er homosexuell sei, Albert erwähnt gelassen, er sei es nicht. Damit sind die Positionen geklärt.
Nun sprechen die beiden täglich über Aktuelles, Philosophie, Politik, Physik, Kino, Literatur. Und im Grunde über alles gleichzeitig, denn alles geht ineinander über: „Wir springen in unseren Gesprächen zwischen Philosophie und Banalität, Universum und Hausmeistern ungeheuer hin und her.“ Die mal kürzeren, mal längeren Gespräche (die aber kaum eine halbe Seite überschreiten) ähneln sehr einer Sammlung von Aphorismen. Oder an eine Reihe lyrischer Prosa, die oft mit einer Pointe endet – welche zumeist überaus gelungen, manchmal aber auch recht banal oder einfach zuviel ist.
Insgesamt kann man sich des Gefühls nicht erwehren, in eine moderne Version der Welt der antiken Philosophen zurückversetzt zu werden, in den Wandelgang eines Aristoteles oder in den Menon eines Platon, wo der ungebildete Sklave (Albert) unter der Führung des Weisen (Dichter) selbständiges Denken lernen soll.
Der Dichter aber will noch mehr von ihm: er will Albert selbst zum Dichter machen. Und so langsam, langsam gelingt ihm das auch. Während Albert am Anfang noch einen heiligen Respekt vor dem großen Meister hat und sich selbst als klein und unwissend fühlt, ändert er mit der Zeit auch sein Denken und seine Ausdrucksweise, so dass manchmal ein richtiger Rollentausch erfolgt.
Immer wieder wird über die Figur des Dichters diskutiert: „Ein Dichter kann fliegen, er kann seinen Geist an alle Orte der Welt schicken…“, „… die Dichter stellen alles in Frage, beginnen von vorn,“ „Schmerz gehört zum Dichtersein“, „Die Dichter sind ein blödes Volk. Aber sind wir doch ehrlich, Albert, wir gehören ja auch dazu“, „Ob mich einer liest oder nicht, ich sehe schon jetzt meine Existenz in meinen Gedichten. Für manche reicht ein Leben nicht aus, damit sie endlich ihre Stärken erkennen“, „’Ich glaube, jeder kann Dichter sein, es braucht nur etwas Mut’. ‚Welchen Mut?’ ‚Von sich etwas herzugeben, die Welt des eigenen Hochwassers einer eventuellen Lächerlichkeit auszusetzen.’“ Dies ist der Ton im ersten Teil des Buches, wo der Dichter noch selbstbewusst und gleichzeitig neidisch auf seine nach außen hin erfolgreicheren Kollegen ist; später dann aber kommt die Melancholie: „’Niemand kann ewig Dichter sein’, sagt der Dichter im Café Central, und es klingt im Gegensatz zu gestern wie Abschied. – ‚Niemand kann ewig sein’, schwächt Albert ab (…).’ -  ‚Das ist etwas anderes, Dichten ist von sich etwas hergeben. Irgendwann einmal ist es vorbei.’“ Albert aber stellt auch klar: „Du bist doch nicht für dich Dichter.“
Das Verhältnis zwischen den beiden ist ein typisches Männerverhältnis, wo der eine den anderen auch einmal als Idiot bezeichnen kann, ohne dass dieser gleich einschnappt und die Freundschaft zu Ende ist.
Ebenfalls interessant ist das Verhältnis des Dichters zu Innsbruck bzw. Tirol: ein Gemisch aus Herablassung, Resignation über die Langsamkeit im Leben und in der Politik und aus irrationeller Liebe: „Ich liebe unseren Föhn (…) Jazz kann man überall spielen. Den Föhn haben nur wir.“
Zwischen genial und verkorkst sind die Theorien, die die beiden Gesprächspartner im Bereich Wissenschaft und Physik aufstellen (Die echte Null, das Zentrum der Welt, die Zeit). Erklärt wird das so: „Wie, Albert, sagt schon Einstein? ‚Wichtiger als Wissen ist die Vorstellungskraft’“ und „Es zeichnet die Mathematiker aus, (…) dass sie Probleme nicht nur lösen, sondern auch entdecken, manchmal sogar erfinden.“
Ein Dichter macht das nicht: „Dichter sind Visionäre. Ihre Aufgabe ist nicht die politische Umsetzung ihrer Visionen. (…) Lassen sich die Dichter zur letzteren hinreißen, müssen sie manchmal ihre Visionen verraten und scheitern.“ Das ist auch der Grund, weshalb ein Dichter kein Politiker sein kann und umgekehrt.
Ganz deutlich aber wird mehr als einmal klar gestellt, dass es – auch für Dichter –zwecklos ist, am Sinn des Lebens zu zweifeln oder überhaupt einen Sinn zu suchen, denn „wir leben nicht des Sinnes wegen.“
Die Einstellung des Dichters ist die eines Menschen, der das Leben aus allen Gesichtspunkten sieht, mal positiv, mal negativ. Einerseits drückt der Dichter seinen menschlichen Schmerz und damit seine idealistische Welteinstellung aus, indem er zahlreiche Seiten dem Terroranschlag vom 11. September und Osama Bin Laden widmet (was das Buch aktuell und damit nicht zeitlos macht), andererseits aber ist er auch sehr zynisch: „’Ist der Teufel von der Gegenseite gut?’ – ‚Bezahle ihn ordentlich und du wirst sehen, wie gut er sein kann.’“
Gleichermaßen zynisch, aber auch komisch ist die Geschichte „Zuviel gedacht“.

Stil und Sprache entsprechen dem Inhalt: Konversation im reinsten Deutsch, das nur selten und wenn, dann sehr bewusst, von tirolerischen Einbrüchen gekennzeichnet ist. Die Dialoge sind aber, so natürlich sie klingen, auf alle Fälle geschriebene Dialoge, also keine Dialoggeschichten im umgangssprachlichen Sinn, sondern eben immer im Sinne eines griechischen Διάλογος.
Im Allgemeinen lohnt es sich, dieses 174 Seiten starke Buch zu lesen, auch wenn einem manchmal ein prosaischer Leitfaden fehlt, der einen zum Weiterlesen verführt.

Marlene Kuppelwieser