Rezensionen 2004

Markus Köhle, Couscous à la Beuschl.
Innsbruck: Kyrene, 2004.


Auf dem Tisch liegt die zweite Produktion aus dem Innsbrucker Kyrene Verlag. Es ist das zweite Buch des Autors, Moderators und Pop-Entertainers Markus Köhle, das innerhalb der letzten zwei Jahre erschienen ist. Den Band der "Reihe junger Autoren" ziert ein gelungenes zweiseitig durchgehendes samtig-sandig-expressives Cover von Christian Yeti Beirer und damit soll aber auch schon Schluss sein mit der Zahlenmystik. Nehmen wir das Buch beim Wort.

Couscous à la Beuschl  lässt anfangs auf eine geo-gastronomische Verwirrung schließen, stammt das Couscous doch aus dem nordarabischen Raum und das Beuschl, wahrscheinlich aus dem Jüdischen kommend, ist in der ostösterreichischen Küche zur Delikatesse geraten. Tatsächlich geht es in dem als Episodenroman ausgewiesenen Werk viel ums Essen und um die darauf folgenden Körperfunktionen und Zustände. Nur, um Couscous geht es nie und Beuschl heißt der Held. Holger Beuschl.

Der junge Mann lebt in Innsbruck, er hat gerade fertig studiert und befindet sich in einem Ausnahmezustand. Er ist unterwegs nach Tunis. Die Reise beginnt im Taxi zum Flughafen München, führt über einen nicht erwarteten Zwischenstopp in Frankfurt, verläuft jedoch ansonsten ohne größere Zwischenfälle. In Tunis wird er als Praktikant in einer Bibliothek arbeiten und Studenten unterrichten. Nach einem zweimonatigen Aufenhalt im Maghrebstaat fährt er wieder heim nach Tirol, von Tunis nach Italien mit der Fähre, bis Imst mit dem Zug und dann mit dem Taxi zur Pitztalbrücke. Dort endet Holger Beuschls Geschichte.

In Tunis findet Beuschl in einer multikulturellen, nach westlichen Maßstäben lebenden Wohngemeinschaft Unterkunft und er bemüht sich redlich, in der Fremde zurechtzukommen. Er will nicht abgezockt werden, will ordentlich essen, Alkohol trinken, will feiern, will mehr Sex, und will etwas vom Land sehen. Nicht alles gelingt ihm, wie er es sich wünscht. Natürlich wird er öfter übers Ohr gehauen, er muß sich mit einer ausgeprägten Fritten-Kultur à la tunisienne auseinandersetzen, die Organisation von Celtia-Bier erfordert außerordentliches strategisches Geschick, die Party des Jahres findet ohne ihn statt, sexuell betätigt er sich meist allein und nicht jeder Reiseführer enthält verlässliche Informationen. Mit der einheimischen Bevölkerung hat Holger wenig Kontakt. Das mag an seinen mangelnden Kenntnissen der Landessprachen liegen, umso eindringlicher beschäftigt ihn die lokale Fauna: der ewig bellende Hund auf der Nachbarterrasse, die Katzen im Haus und in den umliegenden Straßen, die Hammel anlässlich ihres Schlacht-Festes zu Aid el Kebir.

In erster Linie geht es Holger Beuschl um sich selbst und seine Befindlichkeiten. Er führt das "lustigmöglichste" Leben, macht Bekanntschaften, findet Reisegefährten, ist aber nicht wirklich in seinem Element, in seiner Welt. Resümierend wird er in 60 Tagen "verschiedenste Masken aufgesetzt, Rollen gespielt und Bedürfnisse unterdrückt" haben. Der "eigentlich(!)... nicht Ungute" wird in niedergeschlagenem Zustand zu verbaler Aggression und Hasstiraden neigen oder sich in Traumwelten flüchten. In anderen Momenten wird er versuchen, seine Erlebnisse und Gedanken mit dem mitgebrachten und mitgedachten kulturellen Gepäck in Einklang zu bringen oder sie damit auch zu überhöhen. Attwenger und Kierkegaard, Keith Jarret und Borroughs, Lavant und Innerhofer, Paul und Inge, Freddy und Hans Magnus kommen da gerade recht. Selbstbefriedigung mit Glamourama und Weintrinken mit Menschenkind. Wenn Holger Fähre fährt, denkt er immer an Walter Faber, hoch oben am Dromedar dürfen es schon einmal Böll und Wittgenstein sein.

Der "verkopfte Trottel", als den er sich selbst sieht, führt selbstverständlich auch Tagebuch. Es beginnt am 15. 1. 2002 um 8 Uhr 25 zur Stunde 1 der großen Reise knapp vor Wörgl und endet am 16. 3. 2002 als T-T-E (Tunis -Tagebuch-Eintrag) # Dreiundsechzig um 19 Uhr 52 im Imster Stadtcafè.

Diese nicht vollständig übernommenen Tagebuch-Aufzeichnungen des - in  Eigendefinition - "Tunisten" Holger Beuschl machen einen wesentlichen Teil von Köhles Buch aus.
Den Hauptpart der Geschichten und Abenteuer von Holger übermittelt, zwischen die Tagebuchaufzeichnungen hineingeschnitten, ein ungenannt bleibender Erzähler, der aus dem Innersten der Beuschl-Seele zu berichten weiß. Was dieser zu erzählen hat, wurde in den vorangehenden Ausführungen einzufangen versucht .
Wie er es aber erzählt und wie Holger Tagebuch schreibt, ist das Problem des Buches. Alles andere als "Le bess!",  was so viel heißt wie: Keine Probleme.
Markus Köhle hat nicht zuletzt mit Pumpernickel (Skarabaeus, 2003) bewiesen, dass er originell, unterhaltsam, spielerisch, witzig und leicht mit Sprache umgehen und gut strukturierte Texte verfassen kann. Auch in Couscous à la Beuschl finden sich Episoden, die mit gutem Gewissen in diesem Sinne charakterisiert werden können. Nur kann das Genre Episodenroman wohl nicht so gemeint und verstanden werden.
Zu oft geraten Sätze außer Kontrolle, verhaspeln, verkalauern und verkasperln sich. Zwischen "rumpeldipumpel"-Landung,  "blubb-blubber-blubb-blubb"- Sonnenuntergang und "tirilitirilo"-  beziehungsweise "Holladrio"- Heimkehrfreude findet sich ein Slang der manchmal allzu schnoddrig, allzu flapsig und gleichzeitig überkandidelt in Abgründe stürzt. Reisegefährten sprechen wie gedruckte Reiseführer, mäßig originelle Wolf-Haas-Versatzstücke, Köhles heiß geliebte Alliterationen und einige doch fragwürdige Neologismen "duftmarken" den Text. Ein strengeres Lektorat hätte dem Buch viel Gutes tun können.
Auch nicht schlecht wäre gewesen, hätte der Verlag die Fahnen vor der endgültigen Produktion jemand Kompetentem zur Korrektur vorgelegt. So wären Tippfehler nicht zu Druckfehlern geworden und zumindest Roberto Benigni in Starlight Coffee, Nicolas Poussin und Richard Brautigan in der Wüstengeschichte , auch Sidi Abu Said wäre Gerechtigkeit widerfahren. Und vielem anderen in diesem Text.

Christa Kofler