Rezensionen 2004

Dietmar Eder, Stadtrundfahrt.
Stuttgart: Klett-Cotta, 2004.

Sarg-Rallye

 

38 Szenen, 1 Epilog, 142 Seiten. 3 Stunden Lesezeit. 3 HauptdarstellerInnen: Eine von Beginn an, einer vorwiegend und einer am Ende tot. Viele NebendarstellerInnen, die meisten irgendwie daneben. Das Ich Xaver Kasfy ist eine Arschgeige. Seine Schwester Isabella wählte den Strick. Der tote Vater war Polizist. Sein letzter Wille ein nicht unorgineller. Der von allen gehasste Vater wünscht, von Xaver eingesargt durch die Stadt kutschiert zu werden. Die sieben Stationen gibt er vor. „Nimm dir Zeit.“, wünscht er sich im Nachsatz.
Nein, Zeit bleibt da keine. Es gibt viel zu erzählen. Eine tolle Grundidee, ein vielversprechendes Personeninventar, Spannung. Oder, um es mit dem Buchdeckeltext zu sagen: „Ein schrilles, barockes Roadmovie: Sex, Blut und Tränen im Fahrpreis inbegriffen.“
Ja, so könnte man dieses äußerst gelungene Debüt von Dietmar Eder in Kürze vorstellen bzw. neugierig auf diesen Roman machen, so man nicht ausreichend Raum und Zeit hätte. Beides trifft hier und bei mir nicht zu, führen wir also näher aus. Freilich, gemeinhin misst man die Qualität eines Textes nicht an der Lesezeit, meist weiß man diese wohl auch nicht genau, doch bei „Stadtrundfahrten“ bin ich mir sicher. Buch aufgeschlagen, Musik ausgeschalten, eingetaucht, drei Stunden später wieder zugeklappt und auf die Uhr geschaut. Diese Sarg-Rallye fesselt. Der Text ist schnell geschnitten, zieht einen rein und die Sprache versucht Schritt zu halten. Sätze brechen ab, werden kürzer und kürzer, vieles bleibt unausgesprochen, schwingt im Hintergrund mit und parallel passiert zudem Überraschendes. Kaum etwas nervt. Gut, die redundanten Ort- und Zeitangaben am Anfang jeder Szene schon, die hauen einen immer wieder raus aus dem Fluss des Textes. Dass der Wechsel zwischen dörflicher Umgebung und Großstadt wichtig ist, würde man auch ohne diese fettgedruckten Hammerhinweise schnallen. Dass es Frühling und Mai ist auch. Egal. Nebensache.
Wichtiger sind die NebendarstellerInnen. Da wäre einmal die Mutter, die so gerne hätte, dass Xaver ein Instrument spielte, sie selbst sauft vor allem. Dann der mittlerweile von der Musik abgerückte und leicht verrückte Ex-Cellolehrer, Xavers Lebensgefährtin Sara, die auch ihre Probleme hat, eine professionelle, flachbrüstige Liebesbriefschreiberin in delfindominiertem Outfit,  Isabellas einstige Klavierlehrerin, die auch des Vaters Geliebte spielte, Isabellas Ex, ein jämmerlicher Dichter, von dem sie schwanger war und zu guter Letzt der derbe Onkel Valentin, der Koloss in Frauenkleidern mit der Sopranstimme, der gescheiterten Uni-Laufbahn und den Sandhasen-Freunden. Alle reichlich mit Problemen überfrachtet oder skurril skizziert, da wünschte man sich doch hin und wieder gerne mehr oder Tiefschürfenderes.
Doch die Zeit nimmt sich der Erzähler nicht, die hat er nicht. Denn es ist hauptsächlich der Held Xaver der erzählt, der hat eben anderes zu tun, nämlich Station für Station hinter sich zu bringen, hereinbrechende Erinnerungen zu verdauen und ohnehin mit sich selbst zu kämpfen, da er den Selbstmord seiner Schwester (bzw. seiner Schwestern) nicht verkraftete und es ihm schwer fällt, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Xaver ist eine nicht wirklich sympathische Figur, seiner Vergangenheit versucht er dadurch zu entkommen, dass er sich in eine neue Welt flüchtet. Statt Familie Karriere – statt Musik Golfen. Doch er hat – in klaren Momenten - auch gute Seiten. So verdammt er beispielsweise die Vertrottelungskraft des Fernsehens (saugt aber andererseits Radionachrichten regelrecht auf). Zuweilen kann einem Xaver sogar leid tun. „Im Radio lief der erste Satz Haydns letzter Symphonie, die mich bald langweilte. Ich habe Haydn nie gemocht, seine Musik fließt durch mich, ohne Spuren zu hinterlassen.“ Doch die Erziehung hinterließ nur all zu viele Spuren. Xaver musste musizieren, Klassisches. Davon ist auch viel die Rede und natürlich prägt der elterliche Drill, doch im Auto freiwillig Haydn zu hören, noch dazu mit dem gehassten, eingesargten Vater auf der Ladefläche, das ist in der Tat hart, da ist der Hund tief begraben. Armer Xaver. Man würde sich und Xaver wünschen, er drehte die Anlage bis zum Anschlag auf und ließe „Fatherfucker“ von Peaches aus den Boxen röhren. Das hilft, das heilt. Aber Xaver ist halt insgesamt ein klassischer Typ, nicht gerade up to date und klassisch ergo auch seine Sprache. Das ist per se nichts Schlechtes, wirkt nur zuweilen etwas altbacken.
Jedenfalls erledigt Xaver seinen Auftrag schließlich und zwar Fleißaufgabe. Er bringt die Tortur hinter sich, ja sorgt sich gar, dass der Vater im Sarg explodieren könnte. Aber Knalleffekte im großen Stil braucht diese Geschichte nicht, es passiert auch so genug. Stichwort. Genug der Besprechungs-Schwurbelei oder um es mit den auf den Möchtegerndichter gemünzten Worten Xavers zu sagen: „Niemand hat die Kraft, ein solches Trommelfeuer von Worten auf Dauer durchzuhalten. Ich hatte diesen Warmduscher noch nie vorher gesehen, er log Geschichten vor. Schlechter Märchenerzähler.“ Schlechter Rezensions-Schluss. Gutes Beispiel für Eders Wortwahl, dennoch gutes Buch.
Man möge sich Zeit nehmen. 3 Stunden sind vor dem Fernseher schnell verplempert, auf dieses Buch konzentriert, sind sie gut investiert, denn der Literaturmarktwert dieses Debütanten wird steil bergan steigen.

Markus Köhle