Rezensionen 2003

Bettina Galvagni, Persona.
Roman.
München: Luchterhand, 2002, 189 Seiten.

Seit Erscheinen ihres ersten Romans Melancholia spaltet Bettina Galvagni die Literaturkritik.
Die einen sprachen bei der teils autobiographischen Krankheitsgeschichte um ein magersüchtiges Mädchen von Manieriertheit, spätpubertären Ergüssen und Altklugheit.
Andere erklärten sie zum „Wunderkind der österreichischen Literatur“ und wurden nicht müde, auf das enorme Talent der bei der Niederschrift erst 17-jährigen hinzuweisen. Indes begingen beide Seiten den gleichen Fehler, indem sie Verfasserin und Hauptfigur allzu leichtfertig gleichsetzten um sie mit dem Etikett vom literarischen „Fräuleinwunder“ versehen zu können. So schien es, dass das Interesse des Literaturbetriebs von Anfang an mehr der äußeren Erscheinung der Autorin zugewendet war, anstatt sich ernsthaft mit den ohne Zweifel großen Qualitäten dieses Debüts, aber auch dessen Schwächen differenzierter auseinanderzusetzen.
Nun liegt fünf Jahre später mit Persona der zweite Roman der Autorin vor.

Erneut handelt es sich um eine Krankengeschichte, ein gegenüber dem Vorgängertext vergleichsweise komplexes Beziehungsgeflecht, in dessen Mittelpunkt die Studentin Lori steht. Mehrmals pro Woche sucht diese ihre Psychiaterin Eliza in der psychiatrischen Klinik am Steinhof auf, erzählt dort von ihrer Kindheit, ihren Liebschaften. Im Verlauf der Therapie verliebt sich Lori in Eliza, reist ihr gemeinsam mit ihrem früheren Liebhaber und Lehrer Ulysses nach Israel hinterher, wo Elizas Ehemann als Diplomat tätig ist.
Dazwischen werden ein Konzentrationslager und ein Konzert besucht, stehen Schilderungen antiker Mythen und Beschreibungen von Bildern, die Lori im Wiener Kunsthistorischen Museum betrachtet. Immer wieder rekapituliert die Erzählerin Träume und Erinnerungen, die vor allem um die Französischlehrerin Elvira und ihre Freundin Anne, die vom Vater sexuell missbraucht wird und Selbstmord begeht, kreisen.

Der Autorin gelingt es dabei zeitlich wie thematisch weit auseinander liegende Episoden aus Loris Leben geschickt in Beziehung zu setzen; trotzdem wirkt diese Prosa über weite Strecken angestrengt und poetisch überfrachtet.

Das mag sicher an der Vorliebe von Galvagni liegen einmal entwickelte Bilder für
Loris Gefühlszustand quasi leitmotivisch im Text zu wiederholen.
Zu einem größeren Teil ist dieser Umstand allerdings der Sprache anzulasten, der sich die Autorin bedient.
Sie reiht Metapher an Metapher, Vergleich an Vergleich ohne dadurch eine größere Präzision in der Beschreibung zu erzielen; die Wiener Straßenbahn erinnert „an ein Zimmer, in dem man Weihnachten feiert“, man beginnt „den Tag wie ein Bonbon auszuwickeln“ und jemand geht wie „auf einer ausgezogenen Magnetspule“, was immer das bedeuten soll.
Zudem ist ihre Weltsicht eine allzu farbige; der kleine Lutscher eines Schuljungens leuchtet „in einer Mischung aus Kirschrot und Zimtrot“, ein Pavillon „wie das Fell einer roten Katze“, ein Museum hat „die Farbe der Schale eines soeben gelegten Eies“, eine Ärztin zeigt sich mit „ceylonteefarbenem Haar“ und so weiter.
Oft wirkt das sprachliche Repertoire des Textes klischeehaft, an einen Trivialroman erinnernd, ein anderes Mal wie einer Erzählung des Fin de Siècle entlehnt; Bettina Galvagni scheut sich nicht vor Stilblüten.
Über Schuberts Trio op. 100 heißt es etwa: „Das Klavier spielt, und die anderen Instrumente schleichen um es herum, wie Diener um ihre Königin“, der Busbahnhof von Jerusalem ist am Sabbat „verschlafen wie ein Feld voller Schnee“, über der Stadt liegt „eine Mischung aus bleichem Flieder, Goldstaub und aufgewühltem Meer“ und die Todesstiege in Mauthausen hat Drehungen „wie ein Schal, den eine elegante Frau in einer weichen Bewegung um ihren Körper wickelt“.

Viele dieser Untugenden ließen sich schon in Galvagnis Erstling Melancholia finden;
dieses Debüt konnte aber auch gelesen werden als einzige surrealistische Suada eines jungen Mädchens, das sich durch die Literatur von ihrer Krankheit zu befreien sucht.
Ebenso könnte man geneigt sein bei Persona die Überdosis an Poesie als ein Spiel mit der idiosynkratischen Weltsicht der Hauptfigur zu interpretieren; doch eigentlich fällt eine solche Deutung durch die nicht gebrochene, weitgehend distanzlose Erzählperspektive aus.

Damit bleibt der Roman nicht mehr als die unglaubwürdige Dublette einer vielversprechenden Talentprobe. Man wird gespannt sein, ob es Bettina Galvagni in der Zukunft gelingt sich von der Last ihres Debüts freizuschreiben.

Huber Florian