Rezensionen 2003

Armin Gatterer, Augenhöhen. Essays zu Politik und Kultur.
Bozen: Edition Raetia 2003.


Es ist historisch zu erklären, es ist, mehr noch, sogar unumgänglich gewesen, meint Armin Gatterer, dass in Südtirol über Jahrzehnte hinweg der politische Diskurs alle anderen Diskurse überdeckt oder in den Schatten gestellt habe; inzwischen aber, fügt er diesem Befund hinzu, inzwischen sei es höchste Zeit, dass ein Dialog in Gang komme, „auf gleicher Augenhöhe”, ein Dialog, der den politischen und den ökonomischen, den wissenschaftlichen und den kulturellen Diskurs verbinden müsse. – Derartige Verbindungen zu knüpfen, wo sie noch keineswegs selbstverständlich erscheinen, den Zynismus zu untergraben, der verhindert, dass die Perspektiven der verschiedenen Seiten gerecht wahrgenommen und ernst genommen werden können, ist für gewöhnlich eine Sisyphos-Arbeit. Für den Leiter des Ressorts Kultur und Denkmalpflege im Land Südtirol hingegen ist diese Aufgabe keine unlösbare. Also macht er Vorschläge. Beherzigenswerte Vorschläge.

In diesem Band hat er sie gesammelt; und er erstellt gleichzeitig ein Fundament, sie zu begründen.
Südtirol habe in der Vergangenheit viel erreicht, unterstreicht Gatterer. Aber die Phase des Kampfes um große politische Vorhaben, des Kampfes um das Paket sei längst vorbei, und auch im Zeichen der Globalisierung sei die frühere Dominanz des politischen Diskurses nicht mehr länger aufrecht zu erhalten: Die Institutionen der Politik, der Kirche, der Kunstvermittlung müssten darauf reagieren.
Stichwort Bildungspolitik. Gatterer plädiert für die Fortführung der gymnasialen Tradition, für das Studium der europäischen Geschichte, für die Rückbesinnung auf den Fundus, den uns Antike, Christentum, Humanismus und Aufklärung überliefert haben. Und er engagiert sich, nach wie vor, für das Erzählen, „das Reden in Bildern“;   für den Verfasser der „Genfer Novellen“ (1991) ist das Erzählen immer noch der „Feind aller Ideologie“.
Stichwort Kulturpolitik. Sollte Bozen sich entscheiden, weiter darum zu kämpfen, 100 Jahre nach St. Germain, also im Jahr 2019 Kulturhauptstadt Europas zu werden, müsste die Stadt, meint Gatterer, alle ihre Kräfte mobilisieren und zuallererst Geschichten sammeln: Geschichten, die von Südtirol, von Bozen handeln, Geschichten „von Deutschen und Italienern und Ladinern, von Juden, von Immigranten, von Gastarbeitern.“ Geschichten, die sichtbar machen sollten, was nicht allein in Südtirol, was in   ganz Europa sich zugetragen und verändert hat. Eine Bibliothek voll von Geschichten, „Landkarten der Narrativität“, die, was sie als Landschaft anleuchten, „auch anleuchten als Text“, derartige Einrichtungen könnten nicht nur vergegenwärtigen, was gewesen ist, sie könnten vielmehr leisten, was nur das Erzählen leistet: „Erzählen als Auflösung von Verhärtung, als Aneignung von Fremdem, als Strategie des Versöhnens.“
So redet Gatterer einer neuen Bildungs- und Kulturpolitik das Wort. Einer Politik, die auf den Prozess der Auflösung der traditionellen Wertvorstellungen stärker als bisher antworten und in der Praxis sowohl den Empfindungen der Kulturkonsumenten wie auch den Forderungen der Kulturproduzenten erhöhte Aufmerksamkeit schenken sollte. Dass er dabei umsichtig (um nicht zu sagen: übervorsichtig) Distanz wahrt nach allen Seiten und doch zugleich für sein Projekt die Zustimmung möglichst aller Instanzen zu gewinnen trachtet, ist nicht zu übersehen; über manches, was in diesen Essays mit Samthandschuhen angefasst wird,   wie die „Wiederbelebung von kulturellen Traditionen“ in Südtirol nach 1945 oder die symbiotischen Beziehungen zwischen der Medien- und der Parteien-Landschaft, ist schon wesentlich härter geurteilt worden, und nicht ohne Grund. Andererseits, jeder aggressive Ton würde den Dialog, den Gatterer eben anstrebt, doch wieder sogleich gefährden; und deshalb bleibt er (nicht ohne zwischendurch und fast wie nebenbei doch einmal anzumerken, dass „Ausgewogenheit keine Kategorie von Literatur“ ist) immer auf einem Konsens-Kurs, auch dort, wo er, das passiert nicht selten, gegen den Strom steuert, den man mainstream nennt.

Holzner Johann