Rezensionen 2002

Petra Nachbaur, Sigurd Paul Scheichl (Hrsg.): Sprachkurs. Beispiele neuerer österreichischer Wortartistik. 1978 - 2000.
Innsbruck: Haymon-Verlag, 2001.

Eine Anthologie, eine Sammlung von Blüten neuerer österreichischer Wortartistik, einen "Sprachkurs" zu nennen, zeugt von viel Optimismus: Das Buch möge den Leserinnen die deutsche Sprache näher bringen, es sollen darin die Stationen, Linien und Verbindungen österreichischer Literatur des letzten Viertels des 20. Jahrhunderts nachzuschlagen sein, der Kurswert dieser Literatur sei schließlich ein hoher - nach wie vor.

Das Buch erfüllt die dreifache Erwartung.

Zum einen wird das Funktionieren der Zeichensysteme poetischer Sprache auf jeder Seite deutlich. Es sind die kleinen und großen Abweichungen von den ausgetretenen Pfaden der Alltagssprache, die den Leser aus Bewusstlosigkeit aufwecken. Manchmal aufschrecken. Es sind die Störungen des Gewohnten, die minimalen oder massiven Verrückungen, die dem Leser die Sprache näher bringen. Und die Welten, zu denen diese Sprache gehört.

Zum anderen ist das Buch ein Kursbuch, quasi ein literarischer Fahrplan und als solcher höchst nützlich: Entlang der chronologischen Achse von 1978 bis zum Jahr 2000 kommen Wortartisten zu Wort, die man in so kompakter Form sonst nicht beisammen findet. Wem sich die Linien und Verbindungen zwischen den Autoren nicht zeigen, dem hilft das Vorwort des Herausgebers. Ein nützliches Buch eben.

Und drittens zeugt das Buch vom Kurs-Wert der jüngeren, trotz der literarischen Tradition immer noch und immer wieder avantgardistischen Literatur. Der Kurs wird allerdings nicht an den Verkaufsziffern, sondern an der ästhetischen Qualität gemessen werden müssen. Die vorgestellten Beispiele von Wortartistik zeitigen bei aller Verspieltheit und aller Unterschiedlichkeit bedenkenswerte, lehrreiche, umwerfende, rätselhafte, verblüffende Früchte, stets aber auch witzige.

Hier sind sie vereint, die Wortartisten der letzten zweieinhalb Jahrzehnte, nicht alle, aber wichtige. Sie bleiben in diesem Buch unter sich, wie sie wohl auch außerhalb des Buches unter sich sind. Mit dem „Sprachkurs“ sollte ihnen aber eine bisher fern stehende Leserschaft eröffnet werden. Ein begrüßenswertes Unternehmen!

Hermann Zwerschina