Rezensionen 2002

Kurt Lanthaler, Napule.
Ein Tschonnie-Tschenett-Roman.
Innsbruck: Haymon, 2002, 221 Seiten.

Napule ist der fünfte Tschonnie-Tschenett-Roman von Kurt Lanthaler. Tschonnie Tschenett ist also eine Figur, die der Leser schon kennen sollte, bevor er diesen neuen Roman zu lesen beginnt. Ansonsten wird er sich – gerade bei „Napule“ – zumindest am Anfang schwer tun, zu verstehen, warum dies ein Tschonnie-Tschenett-Roman ist und wer dieser Tschenett eigentlich ist. Die gelegentlichen Andeutungen und Verweise auf seine früheren Aktivitäten helfen da nicht entscheidend weiter. Es bleibt also – und das haben Serien an sich – nur der eine Weg, sich mehrere, am besten alle Tschenett-Romane („Der Tote im Fels“, „Grobes Foul“, „Herzsprung“, „Azurro“, erhältlich als Diogenes-Taschenbücher) zu Gemüte zu führen. Und es wird ein Lesevergnügen für alle jene sein, die den Krimi (bei Lanthaler allerdings nur mehr die Klischees des Krimis) mögen und sich dazu aktuelle gesellschaftspolitsche Probleme als (vermeintlich) leichte Kost servieren lassen wollen. Kulinarisches kommt in diesen Romanen sowieso immer wieder vor, und bei der Beschreibung der sfogliatelle oder der parmigiane di melanzane läuft einem das Wasser im Munde zusammen.

Tschonnie Tschenett, ehemaliger Matrose, LKW-Fahrer und „ewiger Kindskopf“, hat sich in den Hafen von Saloniki zurückgezogen. „Ich habe nichts zu tun und damit genug zu tun“ antwortet er auf die Frage seines Freundes Totò, wie er denn lebe und wovon. Falls er wieder einmal ein paar Drachmen brauche, betätige er sich – „als italiano vom Dienst“ – als Übersetzer oder als Aushilfskoch. Nun hat er sich auf die Reise nach Neapel gemacht, „weil es an der Zeit gewesen war“, weil er es „doch leid geworden war, aus dem Fenster meiner kleinen Wohnung auf den verschneiten Hafen von Saloniki zu blicken.“
Mitte Jänner 2002 kommt er im Hafen von Neapel an und gerät gleich in eine verwickelte „Geschichte“ hinein. In nur zwei Tagen erfahren wir durch diesen ‚Fall’ aber auch viel über Neapel, und zwar über das andere Neapel, obwohl Lanthaler auch hier virtuos mit den hinlänglich bekannten Neapel-Klischees spielt: „Napule, wie wir sagen, Napule ist unsere Stadt. Das andere, dieses andere Napoli, ist eine entschlackte Leichtausgabe für den Reisenden.“
In Neapel trifft Tschennett seinen Freund Totò (als Zöllner an den Brenner strafversetzt), der in Neapel am „8. Symposium der Europäischen Sicherheitsbehörden zur Grenzüberschreitenden Kriminalität“ (schon der Name deutet die Sinnlosigkeit dieses Treffens an) teilnimmt, zusammen mit Ciro, dem Lehrer von Totò an der Polizeischule und Inspektor in Neapel. Im Büro von Ciro findet sich an diesem Tag ein geköpfter Hahn und Tschenett findet in seinem Hotelbett die Füße desselbigen. Mit Totò und Ciro ist Tschenett also wieder einmal in einen Fall hineingestolpert: Tschenett „ist auf solche absurde Geschichten geradezu spezialisiert. Manchmal habe ich den Verdacht, unser Tschenett kann ohne sie gar nicht leben“ oder „Und der Tschenett, dieses Unglück, wieder mittendrin“ kommentiert liebevoll sein Freund Totó. Diese drei sind also die Ermittler in einem Fall, aber: in was für einem Fall? Daß es wirklich ein Fall ist, wird erst am nächsten Morgen klar, als Sera, die Tochter von Ciros Lebensgefährtin verschwunden ist. Soviel sich die Ermittler auch anstrengen, sie kommen nicht weiter: Ciro war zwar in seiner Vergangenheit in mehrere brisante Fälle verwickelt, es könnte aber auch irgendwie mit seinen Ermittlungen in einem Betrugsfall von Fernseh-Magiern zu tun haben: „In dieser Stadt hat man immer mit irgendwas zu tun. Ob man will oder nicht. Es ist, wie durch unterirdische Gänge, jedes mit allem verbunden, hier stößt du an einen losen Pflasterstein und dort stürzt ein Palazzo ein. Napule eben.“ Tschenett wird – und das ist wirklich die einzige Ausnahme – sogar einmal aktiv und schnappt sich einen Motorradfahrer, aber auch das bringt sie nicht wesentlich weiter. Zwischendurch müssen sie ja auch noch essen und trinken und politisieren: man erfährt z.B. viel über die griechische und neapolitanische Kaffeekultur, über Berlusconi, überhaupt über das aktuelle Geschehen in Italien. Ciro hat zudem für jede Lebenslage ein herrliches Sprichwort, das man zwar ohne die angeführte Übersetzung nie verstehen würde, wo aber allein der Klang herrlich ist.
Schließlich löst Zia Teresa den Fall, weil sie die Stadt und ihre Geschichten kennt und weil sie Beziehungen hat, wahrscheinlich ist auch die Mafia im Spiel. Die Lösung selbst ist schlussendlich sehr einfach (um das Lesevergnügen nicht zu schmälern, wird sie hier nicht verraten), aber eben deshalb, weil man am Schluss des Buches einiges von Napule weiß, also die Voraussetzungen für den ‚Fall’ versteht.
Wenn das Lesevergnügen etwas gestört wird, dann durch das Glossar. Nicht, weil es langweilig oder überflüssig wäre – ganz im Gegenteil – , sondern weil das Glossar, da Lanthaler die Erläuterungen seinen Figuren selbst in den Mund legt, gänzlich zum Roman dazugehört und man also dauernd zwischen Text und Glossar hin und herblättern muß. Das erinnert ein wenig an die Unsitte von wissenschaftlichen Büchern, in denen man sich oft die tollsten Informationen aus elendslangen Fußnoten zusammenklauben muß.

Anton Unterkircher