Rezensionen 2002

Hubert Flattinger, Walt.
Wien: Sessler Verlag, 2002, (Stück in einem Akt, 2H, 1DEK, UA Dezember 2001, Treibhaus Innsbruck, Regie Anders Linder. Mit Günther Panak und Wolfgang Hundegger)


Mit Walt, einem Stück über Walt Disney, setzt der Tiroler Schriftsteller, Illustrator und Journalist Hubert Flattinger einem Mann ein Denkmal, der – so darf man wohl annehmen - für seinen eigenen Werdegang mit bestimmend gewesen ist. Weitere Stücke des Autors sind Manzinis größter Fall (UA 2000, Festival der Träume Innsbruck, Regie Anders Linder) und Höhenangst (Wien: Sessler, 2002, UA frei). Daneben hat Flattinger Erzählungen: Das Lied vom Pferdestehlen, Hall: Berenkamp, 2000, das Jugendbuch Die Tür nach Nirgendwo, Innsbruck: Tyrolia, 1996 und eine Reihe von Kinderbüchern veröffentlicht (Flattingers Kinderkram, Innsbruck: Löwenzahn, 2001, Kinderkram. Das fröhliche Mitmachbuch fürs ganze Jahr, Innsbruck: Löwenzahn, 2001. Wenn du glaubst, du bist allein, Gossau/Zürich: Nord-Süd, 2002, übers. in fünf Sprachen). Er gestaltet außerdem die jeden Samstag erscheinende Kinderseite der Tiroler Tageszeitung

Walt ist ein Stück für zwei reifere männliche Schauspieler, das sich ohne gewaltigen technischen Aufwand aufführen läßt. Der kurz zuvor verstorbene Walt Disney erscheint im Traum seinem ältesten Mitarbeiter, einem der Starzeichner des Unternehmens und Erfinder der Mickey Mouse, Ubbe Iwerks. Das sich entspinnende Gespräch dreht sich um die Disney Erfolgsstory und Walts wenig aufrichtiges Verhalten im Umgang mit seinen Untergebenen, die er zielsicher auszuwählen verstand und schamlos ausbeutete. Dennoch klagt das Stück nicht an, sondern bemüht sich um die sensible Darstellung eines Phänomens, das weder durch Genialität noch durch Skrupellosigkeit erklärt werden kann, und viel mit Selbstvermarktung und den Bedürfnissen einer Gesellschaft zu tun hat, die anachronistischen Idealen wie dem American Dream und einer konstitutionell abgesegneten Gleichmacherei zu tun hat. Thematisiert wird weiters die Relativität der Macht, die vor so trivialen Dingen wie Zahnweh oder lästigen Fliegen ihre Grenzen hat und die bedauerliche Verflechtung von Kunst und Kommerz, die besonders im Zusammenhang mit Fantasia deutlich wurde. Dieses vielleicht anspruchsvollste Walt Disney Projekt entwickelte sich im Anschluß an The Sorcerer's Apprentice, einen Mickey Mouse Film, dem der Inhalt der Goethe-Ballade und Paul Dukas' Zauberlehrlingsmusik zugrunde lagen. Da über Tausend Menschen an dem Film arbeiteten,  Künstler wie der Dirigent des Philadelphia Orchestra, Leopold Stokowski, der Komponist Deems Taylor und Salvador Dalì mitwirkten und ein völlig neues ein neues Klangsystem (Fantasound) geschaffen wurde, explodierten die Kosten. Die Synthese Trickfilm ohne Dialoge und unterlegt mit klassischer Musik von Bach, Tschaikowskij, Dukas, Strawinskij (der sich von dem Werk distanzierte), Beethoven, Ponchielli, Mussorgski, Schubert wurde von der Kritik unterschiedlich aufgenommen und erst ihm Lauf der Zeit ein Kultfilm.) Iwerks, der der genialere Künstler und "bessere Walt" ist, (32) und auch nicht von ungefähr das problematische Verhältnis von Kunstwerk und Künstler anspricht, (24) empfindet Walts Entscheidung, nach Fantasia nur mehr auf Nummer sicher zu gehen und das "Mickey Mouse Publikum" zufriedenzustellen, als Verrat am künstlerischen Ideal. Zu einer wirklichen Abrechnung zwischen den beiden Männern kommt es jedoch nicht, weil der Zeichner sich selbst treu bleibt und Walt unvermindert Wertschätzung und Loyalität entgegenbringt. Zahlreiche Zitate aus Disney-Filmen, Songs, eine Steppeinlage und am Ende ein Gag, der nicht verraten werden soll, ermöglichen den Schauspielern ihr Imitationstalent und ihre Virtuosität unter Beweis zu stellen. Ein berührendes Stück, das Kindheitserinnerungen auslöst und sich eventuell auch für ein Schultheater-Programm eignen würde.

Sylvia Tschörner