Rezensionen 2002

Manfred Schild & Thomas Gassner, Schrott & Korn: sunny-side up.
Innsbruck: Skarabäus, 2002, 140 Seiten.

"Carpe diem" mit Spiegeleiern

"Schrott & Korn: sunny side" up ist die erste Gemeinschaftsproduktion von Manfred Schild und Thomas Gassner. Vor diesem Roman sind die beiden Tiroler Autoren und Regisseure, bereits mit einer Reihe dramatischer Werke hervorgetreten: Schild mit verschiedenen Hörspielen und den Theaterstücken "Zwischen Morgen und mir", "Morgen mein Meister" und "Die Zweifelhaft" und Gassner mit "Lilly & Dan, Raffl", "Die Angel La Perla-Show"(Slivo&Monte) und "Coconut Island". Schild hat bisher im Fischer Bühnenverlag, Gassner bei der Litag publiziert.
Ab ovo und kapitelweise alternierend erzählen der Durchbruchbohrer Schrott (Schild) und sein Freund Korn (Gassner), Controller in einer Firma, die Plastik-Figuren für Überraschungs-Eier herstellt, ihre wundersamen Abenteuer. Eine Plakatschönheit fordert sie mittels Sprechblase auf, den Augenblick zu leben, und steigt, wie Anita Eckberg in Fellinis "La dolce vita" von der Wand. Sie veranlasst den Bruch der beiden mit ihrem bisherigen Leben und ihren Aufbruch auf eine Reise, die sie über die Passionsspielinsel Oberhammergau - einen Ort wie aus "Gulliver's Travels" - nach Litauen, zu mythischen Anfängen und vollkommenen Liebeserfahrungen führt. Das Schlusstableau verquickt - und parodiert dadurch - verschiedene Varianten eines Happy End à la Hollywood bzw. spießbürgerliche Vorstellungen von Glück und Selbstverwirklichung. Es zeigt uns zwei miteinander bis ans Ende der Welt zu gehen entschlossene Männer ("lonesome cowboys", Männer von echtem Schrot und Korn) mit der phallischen Ersatzgeliebten des einen, einer Hilti*, und einem, von dieser ovovivipar zur Welt gebrachten Wildentenkücken, eine fliegende Wolke mit unbekannter Destination besteigen.
Auf perfekte Liebeserlebnisse wird trotzdem nicht verzichtet. Sie werden allerdings wie phantastische Begebenheiten erzählt: Schrott erfährt totale Geborgenheit und umfassende Bestätigung bei einer archaischen Mutterfigur, denn die Plakatfrau entpuppt sich am Ende als die Riesin Neringa, an die sich die Ursprungssage der Kurischen Nehrung knüpft. Korn verbringt eine Liebesnacht mit einer rotlockigen, ebenfalls von Neringa in die Gegenwelt des Romans transportierten Schönheit, die wiederholt auftaucht und verschwindet und zuletzt von ihm geht, ohne (über ihre Haarpracht hinausgehende) individuelle Züge entwickelt zu haben.
Einen "schräge[n] On-the-Road-Roman" nennt Schild das Buch (TT 29.11.2001). Nun gibt es zweifellos Parallelen zwischen Jack Kerouacs "On the Road" (1949-51), dem Kultbuch der Beatgeneration und der Neuerscheinung: die Suche der Protagonisten nach einem Leben ohne Sesshaftigkeit, geregelte Arbeit und Verantwortungsgefühl und das Streben nach ekstatischem Erleben, das in der Erfahrung der Fremde, von Freundschaft und Sex gefunden wird. Schrott und Korn sind jedoch, ungeachtet all des Alkohols, den sie konsumieren, nicht selbstzerstörerisch und destruktiv wie Kerouacs Protagonisten. Ihr Weg ist nicht mit zerbrochenen Herzen gepflastert, und wenn ein Schrebergartenhäuschen niedergebrannt wird, ist es das eigene. Sie propagieren keine Philosophie des Idealen, Allgemeinen und Ewigen, sondern eine des Trivialen und Banalen, des Besonderen und des Augenblicks. Beide Romane drücken das Lebensgefühl einer Epoche aus, "Schrott & Korn" das einer Generation, für die die Sprecher im deutschen Raum bisher gefehlt haben. Am ehesten ähnelt es der literarischen Produktion der italienischen "Under 25" (Ballestra, Brizzi u.a.).
In diesem Zusammenhang erwähnt werden sollten zwei Phänomene, die häufig als typisch für die Literatur der Postmoderne angeführt werden. Ihre Rolle im vorliegenden Roman dürfte jedoch auch mit dem sozialen Umfeld der Autoren - dem die Wahrnehmung für Zeiterscheinungen fördernden Theaterambiente - zusammenhängen. Erstens ist hier das "schwache Subjekt" zu nennen. Schrott und Korn sind keine starren Individuen, sondern erleben einen Erkenntnisschub, hinter dem eine transzendente Instanz steht: "Wer sprach da durch mich durch, wer dachte da meine Denken?" (S. 18) sagt z.B. das dumpfe Arbeitstier Schrott, das sich im Lauf weniger Kapitel zum Menschen mausert, wobei den Leistungen seines sich emanzipierenden Gehirns regelmäßig ein erstauntes "Wenn mans bedenkt" (S. 4, 11 ff.) nachgesetzt wird. Auffällig ist zweitens die Abundanz identitäts- und geschichtsloser Räume. Die Handlung spielt größtenteils in Transportmitteln (Schiff, Flugzeug, Bus, Taxi), an Orten des Übergangs (Straße, Brücke, Flugplatz) oder flüchtiger Begegnungen (Hotel, Diskothek), Räumen, die Marc Augé in "Non-lieux : Introduction a une anthropologie de la surmodernité" (Paris: Seuil, 1992) Nicht-Orte nennt, und die in den letzten Jahren sehr häufig in Theaterinszenierungen die traditionellen Spielorte ersetzen. Bezeichnenderweise endet die Reise der beiden Protagonisten auch weder am Mittelpunkt Europas noch im gefundenen Ort Nida, sondern geht weiter zu anderen "NI(E) Das".
Die beiden modernen "pícaros" (Schelme) treiben sich in einer teils wunderbaren teils phantastischen (aber nie bedrohlichen) Welt herum, die irgendwo zwischen den Welten angesiedelt ist, in denen Ariosts "Orlando furioso, Calvinos Ahnen"-Trilogie, Monty Python- und Fantasy-Filme spielen. Der gutmütig-beschränkte, dicke Schrott und der gewitzt-intellektuell-verwehte, dünne Korn, sind ein klassisches Kontrastpaar, Nachfahren von Morgante und Margutte, Sancho Panza und Don Quijote oder von Obelix und Asterix, um literarische Beispiele zu nennen. Das Comic wird auch mehrmals zitiert, wenn es z.B. Korn bei einer Vollbremsung die Zehen unter die Füße biegt und er "genau drei Stunden. Glaube ich" in dieser Haltung verharrt (S. 9) oder wenn er wildenten-protein-gedopt seinem 103 Kilo schweren Freund einen Granit-Obelisken in die Arme drückt. (S. 173)
Die Konfrontation mit der Kultur der Vergangenheit verläuft hier im Gegensatz zu "On the Road", ohne jegliches Aufkommen von Problembewusstsein. Anstelle unverdauter irrationalistischer Philosophie und imponieren sollender Bildungsreminiszenzen erfährt der Leser, daß Thomas Manns gesammelte Werke auch dazu dienen können, den Fernseher im richtigen Neigungswinkel für den liegenden Zuseher zu fixieren. Literaturzitate präsentieren sich verballhornt:

Ich arbeitete seit vier Jahren, drei Monaten und 22 Tagen in der selben Firma. (S. 7. "Es regnete vier Jahre, elf Monate und zwei Tage." "Hundert Jahre Einsamkeit", García Márquez)
Oh Welt, oh Himmel, jauchzen und jubilieren sollte es aus meiner Brust... (S. 18. "Und Freud' und Wonne/Aus jeder Brust./O Erd', o Sonne,/O Glück, o Lust!" "Mailied", Goethe)
Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen weiß man nichts genaues nicht genau. (S. 84, "Es giebt mehr Ding' im Himmel und auf Erden/Als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio." "Hamlet" I 5, Shakespeare)
[...] trüb eingefärbt raunte ich ihm zu: "Du auch, Bruder?" (S. 39. "Brutus, auch du? So falle, Caesar." "Julius Caesar" III 1, Shakespeare)

Die Stationen dieser Reise in einen "Parallelkosmos" (S. 234) entsprechen typischen Episoden von Jenseits-Reisen bzw. Fahrten in andere/verzauberte Welten in Mythen bzw. in der epischen Literatur: Die Protagonisten überqueren ein wildes Wasser, ersteigen steile Klippen, begegnen furchterregenden Menschen, befreien liebliche Frauen aus der Gewalt von Monstern/Bösewichten, entdecken im richtigen Moment ein Gefährt, das hilft, der Schwerkraft zu trotzen, werden beschützt und geleitet von einem überirdischen Wesen und haben eine Hilti, die Durendal/Balmung, Olifant und den Spruch Sesam-öffne-Dich aufwiegt. Dass Korn etliche Kapitel in einer Rüstung herumläuft, fördert dergleichen Assoziationen. Nun ist zwar anzunehmen, daß sich die Parodie im Fall von Schild und Gassner eher pauschal gegen die schulvermittelte "alte Literatur" und Fantasy richtet, die sie verkitscht wiederaufbereitet, und als unmittelbares Vorbild eher Monicellis "Brancaleone"- oder Monty Python-Filme dienen als Folengo, Pulci, Ariost, Rabelais, Cervantes etc. Um so auffallender ist es, daß die beiden Autoren sprachliche Lösungen finden, wie sie die karnevaleske (Gegen-) Literatur seit jeher benutzt hat. Ungeachtet dessen, daß Schild sagt, ihrer beider "Schreibe" sei "gänzlich unterschiedlich" (TT 29.11.01, 8) bedienen sich die Autoren einer sehr ähnlichen Kunst-Sprache, die zwar Fremdwörter, Regionalismen, Jargon, Neologismen enthält und gewisse grammatikalische Normen ignoriert, sich aber durch den Gebrauch literarischer Ausdrücke und eigener Wortbildungen von der Alltagssprache unterscheidet:

"So wurden wir binnen kürzester Zeit zu den "GoGo-Boys" des "El Cielo Azul". Ich fühlte mich nicht schlecht als Meister dieser ganzheitlich-lasziven Bewegung. Was allerdings Schrott mit seinen Gelenken aufführte, passte unumwunden und auf den Punkt gebracht in die Kategorie: Sex pur! So wellten wir uns in die Herzen der hiesigen Damenwelt. Und ich kann nur sagen , die litauische Damenwelt ist es unbestritten wert , geherzwellt zu werden. Der stampfende Sound beamte mich in Regionen in die B.K. bisher noch nie vorgedrungen war. Es war idiotisch. Eine Träne des Dankes vertschüsste sich als Wasserdämpfchen in die Sphäre [...]" (S. 119)

Insgesamt eine aus literaturwissenschaftlicher Sicht sehr interessante Neuerscheinung, die eigentlich alle Ingredienzien hätte, um ein Kultbuch zu werden.

*Für technisch Unbedarfte: eine Hilti ist ein potenter Bohrhammer.

Sylvia Tschörner