Rezensionen 2002

Sepp Mall, Inferno solitario. 
Drei Hörstücke und ein Theatertext.
Innsbruck: Skarabaeus, 2002, 96 Seiten.

"Ombre dolenti nella ghiaccia" - Im Eise leidende Schatten. (Inferno XXXII, 35)"

Unter dem Titel "Inferno solitario" sind im Skarabaeus-Verlag drei Hörstücke ("Litanei", "Inferno solitario", "Silence, please") und ein Schauspiel ("Mannsteufel") des Südtirolers Sepp Mall erschienen. Dieser Autor ist bisher vor allem mit Lyrik ("Läufer im Park"; "Landschaft mit Tieren unter Sträuchern hingeduckt") und Erzählprosa hervorgetreten ("Verwachsene Wege"; "Brüder", alle bei Haymon). In seiner Kurzbiographie erwähnt wird außerdem der Fortsetzungsroman "Espresso mortale" (Sturzflüge 48, Bozen 2000), eine Gemeinschaftsproduktion mehrerer Autoren.
Der Lyriker Mall verrät sich auch in den vorliegenden dramatischen Werken. Dies gilt vor allem für "Litanei" und das titelgebende "Inferno solitario". Beide Hörspiele sind in freien, reimlosen Versen geschrieben. Ein Vorbild des Autors ist sicherlich der hermetische Dichter Salvatore Quasimodo, dessen epigrammatisches Gedicht "Ed è subito sera" (aus der gleichnamigen Sammlung von 1942) dem Buch als Motto vorangestellt ist. "Stimmen" ergreifen abwechselnd das Wort und machen "semantische Musik". D.h. sie geben Themen vor, übernehmen und variieren sie. In "Inferno solitario" gibt es sogar Passagen, die entsprechend den Szenenanweisungen als Kanon vorgetragen werden. Auch in "Silence, please" und im "Mannsteufel" finden sich lyrische Einschaltungen.
Das erste Hörspiel, "Litanei", setzt sich inhaltlich mit Formen der Zeitwahrnehmung auseinander: schnellem Vergehen/Sterben, Dauer, langsamem Vergehen, gewaltsamem Zu-Ende-Gehen, plötzlicher Wiederkehr, dem Gefühl des sich-durch-die-Zeit-Bewegens usw. Formal bedient Mall sich des Stabreims, spielt die Buchstaben des Alphabets durch und erzielt häufig komische Effekte durch scheinbar wahlloses Aneinanderreihen von Wörtern, die nichts miteinander zu tun haben:

[Der Schnitter]
Der alles niedermäht / Callgirls
Chrysanthemen / Clowns und
Chronometer
Die Zeitmesser / denen nichts mehr
Bleibt als das: ihre eigene zu vermessen (S. 6)

Nur das Wort "zwischen Lidstrich und Liebermann", (S. 11) also "Liebe", ordnet sich dem Buchstaben-Raster nicht unter, sondern gebiert ein Gedicht im Gedicht (zwei Vierzeiler am Anfang und am Ende und dazwischen vier gleichgebaute Fünfzeiler) in dem eine ganze Reihe von Aspekten der Zeit erwähnt werden, darunter die Ewigkeit.
"Inferno solitario" entstand 1996 als Auftragsarbeit des Literaturhauses am Inn / Innsbruck und wurde im folgenden Jahr vom ORF unter der Regie von Martin Sailer produziert. Die Hölle in "Inferno solitario" ist nicht jene Dante Alighieris. Es gibt keinen "grausamen" Rächergott (S. 35) und keinen "Ort der Bestrafung", "der Gerechtigkeit und der Abrechnung" (S.19) mehr, denn "die alten Geschichten" sind als "Opium für das Volk / Zurechtrichtung für's Wohlverhalten / Entsagung von Eigenem / sonst nichts" (S.32) entlarvt worden. An die Stelle des Danteschen Inferno, in dem man zwar litt, aber das im Verein mit den interessantesten historischen und fiktiven Persönlichkeiten aller Zeiten, ist eine diesseitige Hölle getreten, die Einsamkeit. Kein Vergil erscheint, der uns aus den "selvae oscurae [selve oscure] unserer Hirnwindungen" (S. 37) hinausführen würde:

Dreh dich doch um / sieh
zurück / zu dem
der dich begleiten sollte
der dir versprochen / in alten Geschichten
doch da / ist keiner mehr
Keiner (S. 19)

Schuld daran ist die Eigenverantwortlichkeits-Ideologie des modernen Menschen. Sie bewirkt unseren Rückzug in uns selbst und die Ablehnung von Solidarität mit Leidenden und Hilfsbedürftigen (psychisch Kranken, Katastrophenopfern, Immigranten etc.) Die erzählte Begegnung der beiden Sprecher in Bild 2 findet auf der Folie jener von Dante und Beatrice in der "Vita nuova" (II) statt. Wie dort wird beschrieben, wie die Liebe sich zunächst in körperlichen Reaktionen bemerkbar macht (der Wirkung des "spirito della vita" entspricht bei Mall Blutdruckanstieg), Emotionen auslöst ("spirito animale" - Liebesgefühle etc.), dann in aufsteigender Hierarchie alle Sinne erfaßt, wobei sogar die Wechselreden der "spiriti" eine moderne Übersetzung finden. (Dante läßt sozusagen Nicolai Hartmanns Persönlichkeits-Schichten diskutieren wie Otto Waalkes die Organe.) Bei Mall sprechen ein männliches, draufgängerisches und ein weibliches, Widerstand leistendes Über-Ich.

Tu's doch / sagte eine unbekannte Baßstimme in mir
Nein / schrie eine andere
und ich könnte schwören
: es war die meiner Mutter (S. 29)

Unnötig zu sagen, daß der moderne, junge Mann grapscht und sich ein kurzes Glück nach Menschenmaß einhandelt, anstatt sich vom ewig Weiblichen hinanheben zu lassen zu platonischen Ekstasen wie die Dichter des "dolce stil nuovo". Malls Liebende grenzen sich gegeneinander ab (S. 38), genügen und "richten" sich selbst (S. 20, 21, 22, 38) - was sowohl heißen kann, daß sie über sich selbst urteilen als auch, daß sie sich selbst wieder gesund/funktionsfähig machen - und verdammen sich so zu einsamem Nebeneinander. Malls Ironie geißelt das anything goes und den Individualitätskult der Postmoderne, (S. 34) aber auch aufklärerisches Gedankengut. Die "simple[] Bestrafung", der "grausame [] Gott", die christliche Sicht des Erdenlebens als Passion (S. 35) wird in seiner Darstellung zu einer Art von verlorenem Paradies. Widerspruch regt sich, denn läßt sich nicht gerade am Beispiel Alighieris zeigen, wie grausam geschlossene Denksysteme mit dem Anderen umgehen? (Dante verbrachte 20 Jahre im politischen Exil und verbannte in der "Commedia" seine besten Freunde, seinen verehrten Lehrer Brunetto Latini und seine Kreatur Odysseus, den neuen, freien Menschen, dessen Sünde nichts anderes ist als Wissensdurst, in die Hölle, um den herrschenden Dogmen gerecht zu werden.)
Das Hörstück "Silence, please" (2001 vom ORF unter der Regie von Martin Sailer produziert), setzt sich aus dem eifersüchtigen Hickhack zweier ältlicher, unverheirateter Schwestern, die die Namen von Lears Töchtern tragen, dem inneren Monolog ihres Vaters über den Zeitfluß in den Dingen und seine Krebserkrankung und einigen Aussagen von dessen Geliebter zusammen. Cordelia und Goneril vegetieren völlig auf ihren Vater bezogen dahin und setzen seltsamerweise, gerade, als es mit ihm zu Ende geht, einen Schritt der Ablösung. Er hingegen lebt unbekümmert um die inzestuösen Gefühle der Töchter eine offenbar recht glückliche Langzeit-Beziehung mit einer emanzipierten Frau. In "Silence please" zeigt sich Malls Talent, Personen zu charakterisieren, was viele moderne Dramatiker leider gar nicht mehr versuchen.
Das gilt auch für den "Mannsteufel", der erstmals 2001 im "Theater in der Altstadt" (Meran) unter der Regie von Torsten Schilling aufgeführt wurde. Der Grundkonflikt in diesem Stück - Mann verlangt von seiner Frau, seinen Gegner verliebt und damit unschädlich zu machen, und sieht sich plötzlich vor der Tatsache, daß sie sich verliebt hat - hat Sepp Mall von Karl Schönherrs 1915 uraufgeführtem Drama "Der Weibsteufel" übernommen. Die Lösung erfolgt allerdings auf andere Weise. Der Hehler wird hier zum Politiker, der Grenzjäger zu einem Journalisten, der sich schließlich arrangiert, und der Postenkommandant, der im "Weibsteufel" nicht auftritt, zur Herausgeberin einer Zeitung. Die Namen sind ganz offenbar bewußt gewählt: der Politiker heißt K. Schönherr wie der Dichter. Tanner ist der Name von G. B. Shaws ebenfalls schreibendem und politisch engagiertem Don Juan in "Man and Superman", und bei der Verführung übernimmt, im Gegensatz zur Giovanni-Tradition und zum "Weibsteufel", sowohl bei Shaw wie bei Mall die Frau die Initiative. Weiters wird in allen drei Stücken die Kinderlosigkeit der Frau thematisiert. Angesichts der drei sprechenden Namen legt die Abkürzung Frau Dr. G. den Gedanken an ein Schlüsseldrama nahe. Besondere Erwähnung verdienen drei Bilder, die sich formal durch gebundene Sprache abheben: die in schneller Wechselrede gehaltene, Märchenbilder beschwörende Bettszene in Bild 8, der Monolog des Mannes in Bild 11 und jener der Frau in Bild 10, ein fernes Echo auf das Goethesche "meine Ruh ist hin" (Faust I, 3374ff.):

und Unruh überall
kaum daß dein Name fällt
und wenn du da das Zittern
In Hand und Hirn das Zittern
kein Wort das richtig steht
kein Satz der grade geht
Als wär mein Mund
zum Reden nicht
zum Küssen nur gedacht (S. 81)

Als Schauspielerin möchte ich noch hinzufügen: Es wäre sehr schön, wenn Mall weiter auf diesem Kurs bliebe und sich jenen Tendenzen widersetzte, die auf ein entmenschlichtes Theater der bloßen Präsenz des Schauspielers abzielen, und in dem Sprache zunehmend nicht mehr Sinn- sondern bloßer Ton- und Rhythmusträger ist.

Sylvia Tschörner