Rezensionen 2002

Hubert Flattinger, Höhenangst.
Wien: Sessler Verlag, 2002, Stück in einem Akt, 2H, 1DEK, UA frei. 

Höhenangst ist das dritte Stück des Tiroler Schriftstellers, Illustrators und Journalisten Hubert Flattinger, der bereits 2000 beim Festival der Träume in Innsbruck mit Manzinis größter Fall und Walt (Wien: Sessler, 2002, UA 2002 Treibhaus Innsbruck) in Erscheinung getreten ist. Flattinger hat Erzählungen: Das Lied vom Pferdestehlen, Hall: Berenkamp, 2000, das Jugendbuch Die Tür nach Nirgendwo, Innsbruck: Tyrolia, 1996 und eine Reihe von Kinderbüchern veröffentlicht (Flattingers Kinderkram, Innsbruck: Löwenzahn, 2001, Das fröhliche Mitmachbuch fürs ganze Jahr, Innsbruck: Löwenzahn, 2001, Wenn du glaubst, du bist allein, Gossau/Zürich: Nord-Süd, 2002, übers. in fünf Sprachen). Er gestaltet außerdem die jeden Samstag erscheinende Kinderseite der Tiroler Tageszeitung. 

In den letzten Jahren – das gilt für neue Dramen ebenso wie für die Inszenierung älterer Werke - werden Theaterstücke auffallend oft in ungewöhnlichen Räumen verortet: in Transportmitteln (Schiff, Flugzeug, Bus), an Orten, die einen Übergang von A nach B darstellen (Straßen, Brücken, Flugplätzen) oder in Gebäuden, in denen  flüchtige Begegnungen stattfinden (in Hotels, Diskotheken, Wartesälen, Bahnhofshallen, Ämtern). Solche Räume nennt der französische Ethnologe Marc Augé (der Vater des Begriffs der Surmodernité, die angeblich die Postmoderne abgelöst hat) in seinem Bestseller Non-lieux: Introduction a une anthropologie de la surmodernité (Paris: Seuil, 1992) Nicht-Orte - zum Unterschied von Orten, die dem Individuum, das sich dort befindet, Identität vermitteln und es an die Geschichte oder Tradition anbinden. Flattingers Höhenangst spielt an so einem Nicht-Ort, in einer Gondel der Ischgler Bergbahnen, in der Bob Dylan zu einem Konzert auf der Idalpe befördert wird (wo der Tourismusverband häufig Massenspektakel veranstaltet.) Da Bob Dylan die Berge verabscheut und unter Höhenangst leidet, hat der Liftangestellte und Karaoke-Sänger Alfred, der ihn begleitet, die Fenster sinnigerweise mit Tirolwerbungsposters verklebt. Dylan (trägt eine Bob-Dylan-Maske und) sagt während der ganzen Bergfahrt ein einziges Wort – No – als sein Begleiter fragt, ob er rauchen könne - aber das wird geflissentlich ignoriert. Alfred monologisiert. Halb auf Deutsch, halb in fehlerstrotzendem Schilehrer-Englisch gibt er jene Mischung an Plattitüden, Unsäglichkeiten und vernünftigen Ansichten von sich, die dem Schauspieler die Möglichkeit offen läßt, die Figur noch menschlich anzulegen oder aber satirisch zu überzeichnen. Es zeigt sich, daß dieser joviale, unverwüstliche Urtiroler mit seiner Herablassung dem Fremden gegenüber und mit seiner Verachtung für die Phobie des Musikers keinen richtigen Kontakt zu seiner Umgebung hat und seine Bedürfnisse nach menschlicher Nähe mit Hilfe von Substituten aus der Medienwelt auslebt, wie z.B. Lady Di, über deren Schicksal er Tränen vergossen hat. Er definiert sich ausschließlich über Photos und Scheinkontakte mit den Prominenten ("Ja, die Tina." "Ja, der Bobby und ich..." 19), die er auf die Idalpe begleiten darf, und stellt in Wirklichkeit eine existentielle Nullstelle dar, analog zur Gondel, die auch kein richtiger Ort ist. Ein interessantes Stück. Man freut sich schon auf Flattingers nächstes.  

Sylvia Tschörner