Rezensionen 2002

Felix Mitterer, Johanna oder die Erfindung der Nation. 
Mit einem Beitrag von Sylvia Tschörner.
Innsbruck: Haymonverlag, 2002, 92 Seiten.

Johanna oder die Erfindung der Nation ist, nach Die Kinder des Teufels (über den Salzburger Hexenprozeß gegen Kinder im 17. Jahrhundert), Das wunderbare Schicksal (über den Hoftyroler Peter Prosch im 18. Jahrhundert), Verlorene Heimat (über die Vertreibung der Zillertaler Protestanten zu Beginn des 19. Jahrhunderts), Michael Gaismair und dem Drehbuch zum Film Andreas Hofer Felix Mitterers fünftes Historiendrama und das erste, in dem Intertextualität eine größere Rolle spielt. Das hängt natürlich mit der Wahl des Stoffes zusammen, an dem sich eine ganze Reihe bedeutender Dichter versucht und Werke geschaffen haben, von denen einige Bestandteil des literarischen Kanons geworden und im wahrsten Sinn des Wortes nicht mehr wegzudenken sind: U.a. Christine de Pizan, François Villon, William Shakespeare, (François-Marie Arouet) Voltaire, Friedrich Schiller, Mark Twain, Anatole France, George Bernard Shaw, Bertold Brecht, Charles Péguy, Paul Claudel, Maurice Maeterlinck, Max Mell und Jean Anouilh.
In chronologischer Reihenfolge läßt Mitterer die bekannte Geschichte der Jeanne d'Arc von ihrer Berufung durch den Erzengel Michael bis zu ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen in Rouen ablaufen. Sie ist verflochten mit einer unbekannten, "privaten" Vita, der Geschichte einer Johanna, die nach einer Vergewaltigung psychische Störungen entwickelt, die ihr ermöglichen, ungeahnte Energien freizumachen und den Lauf der Geschichte zu beeinflussen. Dabei verbraucht sie sich aber - verbrennt - wie eine Kerze niederbrennt.
Die 16 Bilder sind auf zwei nebeneinander fließenden und verfließenden Zeitströmen angesiedelt: Mittelalter und Gegenwart koexistieren, was sich in den Kostümen, Requisiten und der Sprache ausdrückt:
Erzbischof: Du bist zu Pferd gekommen?
Jeanne: Nein, mein Bike ist eingegangen. Kolbenfresser. Der Burghauptmann war so nett und hat mich im Wagen mitgenommen. (S. 29)

Der Untertitel des Dramas Die Erfindung der Nation bezieht sich darauf, daß der mittelalterliche Vasall sich nur seinem unmittelbaren Lehensherrn verpflichtet fühlte, und daß sich erst im Lauf des Hundertjährigen Krieges (1337-1453) nationale Gefühle ausbildeten. Mitterers Frankreich hat große Ähnlichkeit mit dem Österreich der blau-schwarzen Koalition von 2000. Fiktionale Basis des Stückes sind die Unrechtmäßigkeit der Forderungen des Dauphins und die Rechtmäßigkeit des Vertrags von Troyes (1420), in dem Charles VI und Isabeau de Bavière, die Eltern des Dauphins, Henry V, Lancaster, den Gemahl ihrer Tochter Catherine zum Thronfolger bestimmten. Infolgedessen halten sich die "Ausländer" zu Recht in "Frankreich" auf. Sie werden unterstützt durch den Herzog von Burgund, einen rechtschaffenen, etwas langweiligen Politiker, während der stets süffisant lächelnde, wortgewaltige Bastard Charles mithilfe des Fernsehens aus seinem Exil im Süden des Landes Ausländerhetze betreibt. Ein ehrgeiziger Erzbischof, arbeitet zunächst mit ihm zusammen, weil er unbedingt Kanzler werden will, sagt sich aber von ihm los, als der an die Macht gelangte Dauphin größenwahnsinnig wird, Proskriptionslisten anlegen und seine Steigbügelhalter ermorden läßt und Fernsehansprachen hält, (Bild 11) die an Charlie Chaplins Great Dictator erinnern. "Es war mein Blick auf eine Männergesellschaft," sagt Mitterer ohne auf den Schlüsseldramen-Charakter seines Stückes einzugehen, "in der ein Mädchen am Beispiel der mythischen Figur der Johanna benutzt wird." (Brigitte Warenski in: Tiroler Tageszeitung, 11. 1. 2002, S. 6).
Die Geschichte der Jungfrau von Orléans ist außerdem mit jener des Päderasten und Lustmörders Gilles de Rais verknüpft, der im Märchen zum Ritter Blaubart wurde. Eine Annäherung der beiden gab es schon in Joris-Karl Huysmans Roman Là-bas (1891), George Bernard Shaws Chronik Saint Joan (1924), Georg Kaisers expressionistischem Drama Gilles und Jeanne (1922) und Michel Tourniers Erzählung Gilles & Jeanne (1983). Im Gegensatz zu den meisten dieser Autoren verurteilt Mitterer Gilles' Manichäismus, den er als extremste Ausformung der menschenverachtenden, faschistischen Übermenschen-Ideologie der Partei des Dauphins darstellt.
Ebenfalls Gegenspielerin von Jeanne ist La Rousse - die Rot(haarig)e - die drei verschiedene Varianten der "roten Frau" verkörpert: eine Bordellbesitzerin (die sexuell aggressive Frau), eine Hebamme (die emanzipierte, weise, zauberkundige Frau) und eine Krankenschwester, die Leben und Tod spendende Medikamente verabreicht, (die allmächtige Mutter der präödipalen Phase). In Klaus Theweleits Buch Männerphantasien (Reinbek: Rowohlt 1977/78), über das Frauenbild faschistischer Männer, wird der "roten Frau" die reine, idealisierte, "weiße" gegenübergestellt. Deren christliche Variante ist unaggressiv und demütig, die heidnische ist die kriegerische Jungfrau, die, wenn sie realiter auftritt, zwangsläufig in Konflikt mit der Kirche kommt, während sie als Bannerträgerin für die Nationalisten, die sich auch an vorchristlichen Idealen orientieren, brauchbar ist:
Erzbischof: Was reden Sie da, Marschall? Was ist an diesem Krieg schön und heilig? Sie ist eine Schlächterin! Sie watet in Blut! Sie ist eine heidnische Barbarin!
La Tremouille: Gott sei Dank watet sie in Blut. Anfänglich befürchtete ich, sie würde bei der ersten Reiterattacke ohnmächtig vom Pferd fallen, wie an sich zu erwarten bei einem Weib. (S. 46)
Sie muß nur virgo intacta sein. Mitterer führt die Jungfräulichkeitsfrage, die Autoren von Shakespeare bis Thomas Gassner beschäftigt hat, ad absurdum, faktisch (intaktes Hymen trotz Vergewaltigung in der Exposition) und ideologisch.
Im Zentrum des Dramas steht außerdem eine psychische Krankheit, die in Johanna ungeheure Kräfte frei setzt, und deshalb zunächst als Antrieb wirkt, sie letztlich aber wie eine Flamme verzehrt. Diese Krankheit ist eine Mischung von Vergewaltigungstrauma, Anorexie und Schizophrenie, eine in Wirklichkeit unbekannte Kombination - eine phantastische Krankheit, die aber manches - auch im Verhalten der historischen Johanna - klären würde. Angesichts der unmittelbar vor Johanna erschienenen Texten aus der Innenwelt, Texten Schizophrener, die Mitterer im Czernin-Verlag herausgab, dürfte es ihm um den Abbau von Vorurteilen und Ängsten, die psychische Krankheit immer noch auslöst, gehen.
In Johanna verurteilt Mitterer faschistisches Denken und das Verhalten, das damit einhergeht: das Extreme, das Unmenschliche und die Tendenz, Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Nationalität, ihres Geschlechts oder eben Krankheit auszugrenzen.

Sylvia Tschörner