Rezensionen 2002

Sabine Gruber, Fang oder Schweigen. 
Klagenfurt: Wieser, 2002, 69 Seiten.

Freiwillige Selbstbeschränkung

Sie steckt mit Haut mit Haaren in diesen Gedichten. Die Südtiroler Schriftstellerin Sabine Gruber schreibt Lyrik, die Befindlichkeiten und Gefühle in Sprache bringt. Diese Gedichte sind ganz auf diese eine Person, die sie schreibt, bezogen. Für andere Menschen ist wenig Platz, vielleicht mischt sich ein Geliebter, ein Freund, ein Kumpan ein. Doch das Ich ist das eigentliche Zentrum der Welt, aus diesem heraus wird die Welt wahrgenommen.
Die freiwillige Selbstbeschränkung führt zu einer Verknappung der Form. Grubers Gedichte sind Konzentrate einer Ich-Findung, neigen zur sentenzenhaften Verkürzung. Sie bringen in einem Bild auf den Begriff, was vorgeht in dieser Person. Sie feiern die Augenblicke der wahren Empfindung und kultivieren die Momente der realen Verstörung. Diese Gedichte suchen das Leben an jenen Punkten zu fassen, die es aus dem Gleichmaß der Gewöhnung herausheben.
Die Dichterin reist, und wo sie hinkommt, findet sie Spuren einer Geschichte, die sie berühren. Die Stadt, das Meer, das Land stehen nie für sich, sie sind nur dazu da, das Räderwerk der Gedanken und Erinnerungen in Schwung zu bringen. Die Welt hat sich aufgebaut, um der Dichterin ihre Gefühle zu entlocken. Angesichts der Vielfalt der Erscheinungen gerät sie ins Schwärmen, denn alles, was der Fall ist, ist für sie da. Im Gedicht „Mit Blick auf die Toteninsel“ erblickt sie in der Innenschau die „Seelenebbe“, und schon spult der Vergangenheitsfilm ab: „Hier tranken wir und fuhren mit den Fingern/Ins schwappende Herz/Hier stürzte das Blau, stieg der Wortespiegel,/Um mit uns in den Schlaf zu sinken“.
Sabine Gruber neigt zur Melancholie, die eng mit der Sentimentalität verwandt ist. Das macht ihre Gedichte gefühlvoll mit einem Hang zu grüblerischer Nachdenklichkeit. So viel Zeit ist vergangen, so viel Leben liegt hinter ihr, so viel Vergangenheit hat sich angehäuft, alles kommt zusammen in dieser Lyrik, die der Trauer um so viel Vergänglichkeit schöne Worte bereitet. Der Zeithammer tickt beständig in diesen Gedichten.
Verhaltenheit ist diesen Gedichten eingezeichnet. Sie geben sich vorsichtig, ziehen sich in die Defensive zurück. Deshalb täuscht ein Gedicht wie jenes, das „Was sich Liebe nennt“ überschrieben ist: „Immer mit dem Körper/Voraus in das, was sich Liebe/Nennt, sprunghaft/Wie sonst nur die Gedanken.“ Es schützt Forschheit und Spontaneität vor. Sprunghaft erweisen sich die Gedanken in diesen Gedichten nicht. Alles ist kalkuliert und diszipliniert, schön ordentlich stellen sich die Gedanken ein, sie legen es nie darauf an, das System der Gedichte durch ungebührliches Verhalten in Frage zu stellen. Adrett gebürstet stellen sie sich ein, fein herausgeputzt.
Die Gefühle beschäftigen die Dichterin, und sie setzt sich mit der Sprache auseinander, die sie braucht, um diesen ihren Gefühlen zur Dichtung zu verhelfen. Die Sprache bedeutet ihr Kraft und Stütze („Ich halte mich an die Worte/Wohin sie auch gehen...“), und sie ist eine Elementargewalt, die in ihr wütet: „Mit welchen Kräften soll/Meine Sprache ausbrechen/Aus mir...“. Als Dichterin ist sie angewiesen auf die Sprache. Sie hadert mit ihr, sie zürnt ihr, sie lockt und sie ködert sie, sie braucht sie dringend. Eine Dichterin lebt nur dank ihrer Sprache. Ihre Gedanken, Gefühle, Erinnerungen haben nur Bestand, wenn es Worte dafür gibt, sie auszudrücken. Deshalb bekommen Gedichte über die Sprache dieses Gewicht, weil die Autorin den Wörtern nicht entkommt und nicht entkommen mag.
Wörter, die Sabine Gruber regelmäßig heimsuchen, assoziieren Wasser. Es ist ihr Element des Lebens: „Was wäre ich schon, ohne mein Wasser/Ohne mein Schleusenherz, das hält und dämmt.“ Sie singt das Loblied des Wassers, liebt die Flüsse und Seen, das Meer und den Regen und Venedig, die „Stadt auf dem Wasser“.

Anton Thuswaldner (Salzburg)