Rezensionen 2002

Luis Stefan Stecher, Korrnrliadr [1978]. 
Gedichte in Vintschger Mundart mit hochdeutscher Interlinearversion und einer vom Autor besprochenen Audio-CD. Wien, Bozen: Folio 2001, 124 Seiten. (= Transfer 35).

Diese Ausgabe macht einen ‘Klassiker’ der neuen Südtiroler Literatur wieder zugänglich – was an sich schon erfreulich ist. Die Gedichte sind jedoch nicht nur von literaturhistorischem Interesse. Luis Stefan Stecher ist hier eine außergewöhnliche Synthese von ‘alter’ und ‘neuer’ Mundartlyrik gelungen. ‘Alte’ Mundartgedichte sind die “Korrnrliadr” insofern, als sie die Lebenswelt, zu der die Mundart gehört, in eben dieser als der in ihr allein gebrauchten Sprache zu gestalten versuchen; ‘alte’ sind sie ferner durch die Verwendung von Elementen des Volkslieds: schlichte Gedichtformen, Reim, dialogische Passagen. ‘Neue’ Mundartgedichte sind sie, weil sie keine verklärte, womöglich verkitschte bäuerliche Welt vorstellen, sondern, in deren Dialekt, das harte Dasein von Außenseitern. ‘Neue’ Dialektlyrik sind diese “Korrnrliadr” schließlich dadurch, dass Stecher mit dem Klang seines Dialekts arbeitet, diesen Klang sich manchmal fast verselbstständigen, von den Themen und Motiven der Gedichte unabhängig werden lässt. Die Einordnung in die ‘neue’ Mundartlyrik bedeutet aber nicht ein einfaches, womöglich mechanisches Übertragen der Verfahrensweisen eines h. c. artmann oder der ötztalerischen satirisch-epigrammatischen Gedichte Hans Haids in den Stecher vertrauten Dialekt.
Vor Jahren schon habe ich diese Gedichte zu lesen versucht – und bin vom Ganzen so beeindruckt gewesen wie im Einzelnen immer wieder an dem schwierigen, archaischen Dialekt eines verkehrsfernen Hochtals gescheitert; nicht einmal laut lesen, die beste Verständnishilfe für Dialektlyrik, hat viel genützt. (Auf der dieser Ausgabe beiliegenden CD liest Stecher die Gedichte, sehr eindringlich, sehr unpathetisch – und übrigens so, dass sie viel stärker erzählend wirken als bei der stillen Lektüre.)
Die von Stecher verwendete Mundart soll an die Sondersprache der ‘Karrner’ erinnern, verelendeter Nachkommen von Bauern aus dem westlichen Tirol, die durch das Land zogen und sich sowie ihre zumeist großen Familien durch Gelegenheitsarbeiten als Kesselflicker, Scherenschleifer usw. ernährten, manchmal wohl auch durch Kleinkriminalität (für welche die Möglichkeit, in einer anderen kaum verständlichen Gruppensprache zu kommunizieren, nicht unvorteilhaft gewesen ist). Diese Außenseitergruppe – in meiner (Unterinntaler) Kindheit war ‘Karrner’ noch ein geläufiges Schimpfwort; man vergleiche Stechers Bericht zur Entstehungsgeschichte dieser “liadr" - ist aufgrund des ökonomischen und sozialen Wandels heute verschwunden, mit ihr ihre Sprache, die (auch) auf dem Obervintschger Dialekt beruhte und in ihm, wie das Vorwort vermutet, Spuren hinterlassen haben mag.
Der allgemeine Rückgang der alten ländlichen Dialekte wird durch nichts besser bewiesen als durch die radikale Lösung des Verstehensproblems in dieser 3. Auflage des – vor einem knappen Vierteljahrhundert entstandenen – Gedichtbands: Auf jeder Seite steht unten eine wörtliche (aber, wohl absichtlich, tückischer Weise keineswegs ganz genaue) Übersetzung, für die immer dialektferneren jüngeren Lesergenerationen.
Der hier gebrauchte Dialekt ist, beispielsweise durch die vielen langen Vokale, sehr klangreich; der Autor intensiviert diese akustische Wirkung noch durch die, oft romanischen, Vintschger Ortsnamen, die zudem den Effekt der Fremdheit verstärken: “Mourtr” (28), “Lootsch” (37), “Graatsch”, “Taartsch” (75). Der Autor zielt aber nicht vorwiegend, mindestens nicht nur auf die akustische Wirkung der ungewohnten Sprache ab, obwohl die Faszination durch Klänge und Wörter (“Waichprunnzoch”, S. 25; “frschtruuzdr”, S. 43; “Taatl”, S. 69; “Grattnziacharlan” und “Ouwaschthandlrkutt”, S. 80) überall merkbar ist. Ihm geht es viel mehr um die untergegangene Welt dieser Unintegrierten, die eben nur in ihrer eigenen, untergehenden, Sprache dargestellt werden kann (und, wie gleich im ersten Gedicht, in der, identischen, Sprache jener, die sie ausgegrenzt haben).
Es ist eine auf das Elementare – zuvörderst auf den Gegensatz von Haben und Nicht-Haben und den von Haus und Natur – reduzierte Welt, in der ein großer Teil des Alltags unserer Gesellschaft gar nicht vorkommt. (Wo, S. 25f., der in einem Gedicht sprechende Karrner auf den immerhin seit Beginn des 19. Jahrhunderts für den Vintschgau nicht mehr zuständigen Churer Bischof angreift, gerät der historisierende Effekt vielleicht zu sehr in die hier ganz unpassende Nähe von Bildungslyrik.)
Die harte, aber einfache Welt der Karrner ist alles eher denn idyllisch gewesen; das ist Thema dieser Gedichte. Dennoch erliegt Stecher manchmal fast der Nostalgie nach einem alten Tirol, der Versuchung, das Karrnerelend auf ‘Lustig ist das Zigeunerleben’-Manier zu verklären: als eine bescheidene und genügsame Gesellschaft, in der Solidarität und Familienbindung noch etwas gelten, in der man der Natur nahe ist.
Den tiefsten Eindruck hinterlassen Gedichte, in denen das Lakonische der Mundart zum Tragen kommt: in der Pointierung eines Gedichts über eine Karrnergruppe durch die Beschreibung der mitziehenden Hunde: “dr Krumpat hot kua Schwäafl mäa, // unt dr Plasslt isch holw plint.".(S. 49); in der ‘Elegie’ eines Karrners auf seinen toten Hund: “miar zwoa hoobm gwisst, woos Huntleebm hoasst, // drumm hoomr inz aa gmegg.” (S. 43); “Unta Toal Leit // hotan Haufn. // Unta Toal Leit // hotan Träkk.” (S. 82); “lai geign di Timmi [Dummheit] nuzzt nicht.” (S. 102)
Das zuletzt zitierte Gedicht ist übrigens eines der wenigen – auch das letzte des Buches, mit einem fast apokalyptischen Motiv, gehört zu ihnen – , die in der Sprache der Außenseiter Themen aufgreifen, die über deren Welt hinaus reichen; die Mundart vermag das durchaus zu leisten. Zu diesen Gedichten zählen zumal einige, die das Elend der einen und den relativen Wohlstand der anderen einander gegenüber stellen. Abschlie§end noch ein eindrucksvolles Beispiel für Stechers Verbindung traditioneller Motivik mit modernem Sprachbewusstsein, ein Gedicht, das andeutungsweise die Weihnachtsgeschichte in die Karrnerwelt versetzt und mit den Versen schlie§t: “Woos hot lei deer Haschr // af deer Sauwelt frlourn.” (S. 106) Das ist wohl nicht nur eine Reminiszenz an die armselige Welt der (selbstverstŠndlich tiefkatholischen) Karrner, sondern auch aktuelle Gesellschaftskritik.
Der Verlag hat aus dieser Neuausgabe der “Korrnrliadr” ein schšnes Buch gemacht. Autor und Gedichte haben das verdient.

Sigurd Paul Scheichl