Rezensionen 2002

Walter Methlagl, Bodenproben.
Kulturgeschichtliche Reflexionen.
Herausgegeben vom Forschungsinstitut Brenner-Archiv Innsbruck.
Innsbruck: Haymon, 2002, 256 Seiten.

"Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding", sagt die Marschallin in Hugo von Hofmannsthals "Rosenkavalier". Walter Methlagl ist fünfundsechzig geworden, und zu diesem Anlass hat das Innsbrucker Brenner-Archiv einen Band mit elf seiner von ihm selbst handverlesenen Aufsätze herausgegeben.
Methlagl hat das Brenner-Archiv, gegründet von Ludwig von Ficker, dem für das österreichische Geistesleben so bedeutsamen Herausgeber der Kulturzeitschrift "Der Brenner", beharrlich vergrößert - und dies in mehrfacher Beziehung. Er hat es zu einer überregional angesehenen geistes- und kulturwissenschaftlichen Forschungsstätte ausgebaut, räumlich angemessen etabliert, durch eigene Veröffentlichungen immer wieder den Horizont dessen, was dort geforscht werden kann, abgesteckt und die Öffentlichkeit mit "Mitteilungen aus dem Brenner-Archiv" versorgt.
"Bodenproben" nennt Methlagl diese Aufsätze aus der Zeit von 1981 bis 2001, die Mehrzahl stammt aus den 1990er Jahren. In einer ausführlichen Einleitung verortet er sie als "kulturgeschichtliche Reflexionen" - so der Untertitel des Bandes. Es sind Bohrungen in mehrere Erdreiche, nicht nur in die im "Brenner" (1910 bis 1954) gewichtig vertretene Literatur (was die anfängliche Angliederung des Archivs ans Institut für Germanistik bis 1979 nahe legte), sondern auch in andere Disziplinen und Sparten. Zwar steht Literatur im Vordergrund, auch Methlagls Dissertationsfach Philosophie, aber dem habilitierten Germanisten geht es, mit Bewußtsein um die "Gefahr des Dilettantismus" (S. 12), auch um bildende Kunst. "Brenner"-Herausgeber Ludwig von Ficker interessierte sich dafür und gab damit Spannbreite vor, druckte ab, führte Briefwechsel, vermittelte, zog Kreise, ermöglichte interdisziplinäre Rezeption. Zwar zeugt der Untertitel von Interesse an dem "cultural turn" der letzten Jahre in den Geisteswissenschaften, aber mit sympathischem Respekt vor einem angemessenen und nicht bloß etikettenfreudigen Verhältnis zwischen Theorie-Reichweite und analysierend-interpretierender Praxis trachtet Methlagl danach, das Text-Kontext-Modell für möglichst weite Bereiche seiner Forschungsneugier nutzbar zu machen. Dabei steht für ihn fest, dass um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert, neben der Wiener Moderne, eine zweite Moderne, eine kritische, in Österreich entstanden ist, für die der "Brenner" ein bedeutsames Forum und Ludwig von Ficker ein wichtiger Vermittler, eine geistige Drehscheibe, war: Georg Trakl, Karl Kraus, Rainer Maria Rilke, spät noch Paul Celan; Ludwig Wittgenstein, Carl Dallago, Ferdinand Ebner; Adolf Loos und auch der noch weitgehend unbekannte Tiroler Maler Erich Lechleitner. An dessen Biographie arbeitet Methlagl auf eine Weise, dass in ihr, keineswegs nur regional gesehen, wie in einer Nussschale kulturgeschichtlich aufbereitete kritische Moderne sichtbar werden soll. All das begrüßt die akademische und nichtakademische Welt schon seit geraumer Zeit. Der Profilierung einer kritischen Moderne ist nicht zu widersprechen, solange nicht der Umkehrschluss gezogen wird, die andere, die Wiener Moderne, sei eine "unkritische" gewesen. Der später, 25 Jahre nach seinem ersten Auftreten im Ersten Weltkrieg affirmativ denkende Hofmannsthal ist kein Beleg dafür. (Der skeptisch gebliebene Schnitzler auch nicht, doch der wird auch nicht erwähnt.) Die Essays des frühen Hofmannsthal etwa binden mit ihrem Aufruf-Gestus an eine gegen das Überkommene auftretende, das Neue suchende Jugend österreichische Moderne an die europäische an - darin auch eine Kritik.
Eindruckstelle nennt man in der deutschen Syntax das Ende des Satzes, wo sich die Information endgültig erschließt. Ist es Zufall, dass Methlagl die beiden ältesten und umfangreichsten Beiträge aus dem Jahr 1981 ans Ende des Bandes, an seine Eindruckstelle, platziert hat? Diese von hohem Problembewußtsein zeugenden Aufsätze behandeln die Wirkung, die Friedrich Hölderlin als "Bildspender" im "Brenner" hinterlassen hat, erschließen, obwohl keine biographischen Anhaltspunkte belegt sind, einzig auf dem Wege der Werkrezeption, die elegische und hymnische Präsenz Hölderlins im Werk Georg Trakls. Methlagl rekonstruiert umsichtig, auch in verzweigter Argumentation, z. B. in der Darlegung von Theodor W. Adornos Kritik an Martin Heideggers Hölderlin-Deutung, ein Stück Literatur- und Geistesgeschichte im Strahlkreis des "Brenner". Er zeigt sorgfältig und vorbildlich, wie man Problemen der Intertextualität beikommt, lange bevor der Begriff zum methodischen (und nicht selten verwaschenen Begriff) wurde. Mit derselben eindrucksvollen Gelehrsamkeit hat Methlagl auch die Bodenprobe in das Verhältnis Trakls zu Nietzsche, für das es außerhalb der Gedichte ebenfalls kein dokumentarisches Material gibt, durchgeführt.
Eine Probe aus dem noch abzuschließenden Buch über Erich Lechleitner ist gleichzeitig eine Probe für Methlagls Ansatz, mit dem er sich dem Verhältnis von Dichtung und Malerei nähert. Lechleitner hat Trakl nicht persönlich gekannt, trotzdem erstellt der Aufsatz eine geistige Begegnung der Beiden und intendiert, in ihren Werken Strukturgemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Der Ansatz, Trakls Verwendung von Farbwörtern, seine "Farbenpraxis" (146), strukturell mit kubistisch beeinflusster Malerei zu vergleichen, ist allerdings kühn.
Solche Ansatzbreite überhaupt anzugehen - auch auf anderen kulturellen Feldern -, und dabei von einer Einheit im Denk-Handeln bzw. künstlerischen Schaffen von Zeitgenossen auszugehen, dazu fühlt sich Methlagl durch den zeitgenössischen Soziologen Max Weber legitimiert. Hier möchte nun der nicht nur zum runden Geburtstag, sondern auch zu diesem Band herzlich gratulierende Rezensent einige skeptische Anmerkungen einflechten. In der Einleitung und in Aufsätzen seit den neunziger Jahren dient eine von Max Webers Kategorien einer "verstehenden Soziologie" , das "Gemeinschaftshandeln", dazu, aller interdisziplinären Wissenschaft eine Perspektive auch dann vorzugeben, wenn empirische Evidenz zu solcher Einheit nicht vorliegt. ("In der Tat muß jede Kulturtheorie von der Annahme einer solchen Einheit ausgehen", S. 16.) Für eine einlässigere Diskussion dieser damit sehr bedeutsam gemachten Kategorie des Gemeinschaftshandelns wäre man dankbar gewesen. So aber muss der Rezensent sich erinnern bzw. nachlesen. Max Weber insistiert darauf, dass "Gemeinschaftshandeln", das sinnhaft auf das Verhalten anderer Menschen bezogene Handeln, dessen Inbegriff er "Einverständnishandeln" nennt, an Erwartungen orientiert ist. Kann das auf einen sich seiner Individualität bewussten und an Innovation interessierten Kunstschaffenden, oder auch auf eine neue kulturelle Strömung, zutreffen? Auch spricht Max Weber davon, wie aus Gemeinschaftshandeln "Gesellschaftshandeln" wird (der Übergang, sagt er, kann "flüssig" sein), dann nämlich, wenn menschliche Handlungen von Zweckrationalität innerhalb von gegebenen Ordnungen gekennzeichnet sind. Wie nahe an Zweckrationalitäten möchte man zum Beispiel die Bereiche Literatur und Kunst herangerückt wissen? Schließlich fällt auch auf, dass Max Weber dort, wo er die Kategorien der verstehenden Soziologie entwirft - sowohl die des Gemeinschafts- als auch die des Gesellschaftshandelns in der Abhandlung "Wirtschaft und Gesellschaft" -, nie von Kultur, Kunst, Literatur, Musik etc. spricht. Statt dessen ist die Rede vom Einverständnis zwischen Macht und Gehorsam, vom Geldgebrauch u.a.m. Das vermindert nicht gerade eine gewisse Zurückhaltung gegenüber der Trag- und Dehnfähigkeit der Kategorie Gemeinschafthandeln für kulturgeschichtliche Reflexion.
Walter Methlagls "Bodenproben", deren unabgeschlossenen Charakter (S. 13) er betont, sind nicht nur Tiefen-Bodenproben von verschiedenen Bereichen des kulturellen Lebens, sondern stecken auch ein Flächen-Feld für kulturwissenschaftliche Forschung ab, der doch noch so viel wirklich im Praktischen sich bewährende Theorie abgeht. Es ist ihm zuzustimmen, wenn er dafür plädiert, mit dem Naheliegenden zu beginnen. Es gibt niemanden, der sich im "Brenner"-Kreis so souverän bewegt wie er. Seine Bodenproben sind denn auch bereits Zutage-Förderungen. Und die Erzadern reichen noch für lange, Walter Methlagls Arbeitsfreude und Arbeitskraft ganz offensichtlich auch.

Karlheinz Rossbacher (Salzburg)