Rezensionen 2002

Hans Salcher, Weißgekalkt.
Innsbruck: Skarabaeus, 2001, 69 Seiten.

Die Sprache der Berge

Weißgekalkt - ein solches Wort als Titel ruft unweigerlich Bilder von weißen Mauern in Griechenland, von apulischen Trullis ins Gedächtnis oder vertrauter und näher: von Gemäuern und Wänden alter Bauernhöfe. "Weißgekalkt" hat etwas von stilisierten Kalendermotiven, klingt nach solidem Handwerk und nach Malerei und das ist gar nicht so weit hergeholt, denn der Osttiroler Dichter Hans Salcher ist auch ein Maler. So hat er die kleinen Texte seines neuen Buches mit wenigen Strichen und Linien illustriert, mit einfachen Zeichen wie in Höhlenmalereien oder auf Felsen - Wegmarken, die den Weg des literarischen Bergwanderers durch die 21 Prosaminiaturen des schmalen Bandes begleiten. "Mitten im Dorf", heißt es, steht ein Haus, das ist "weißgekalkt, hat achtzehn kleine Fenster. Der Blick daraus ist von einer Schönheit, den nur Kinder in ihren Augen tragen. Das Blau fließt ins Herz und in die Launen des Tages." (S. 10).
Heimathaus, Kindheit, Dorf und Land umkreisen Salchers zarte Prosaminiaturen, die in das Panorama der Bilder- und Erinnerungswelt des Autors ziehen. Es sind dies Bilder der bäuerlichen Kleinwelt, die im Rückblick wiederkehren, die viel Nähe zur Natur erahnen lassen. Die sparsam und bewußt verwendeten Motive der ländlichen Umgebung sind arrangiert zu verschmitzten, heiteren, manchmal zart-traurigen Kürzest-Geschichten. Wie macht er es nur, denkt man sich beim Lesen immer wieder, daß die Idylle in manchen dieser Texte nicht zum Kitsch verkommt, Melancholie nicht sentimental wird und daß die Momente der Schönheit, die Salcher in seinen Texten einfangen will, nicht abgleiten in die Stereotypen von Postkartenansichten.
Vielleicht rührt der Reiz von Hans Salchers Texten, daß sie vom Naheliegenden, man möchte beinahe sagen: vom Beiläufigen handeln, von den Alltäglichkeiten, in denen sich die Gesten und Gewohnheiten der Menschen verfangen.
Die Sprache dieser Prosaminiaturen ist von wohltuender Einfachheit. Sie erinnert an die kunstvolle Kurzprosa norbert c. kasers, die auch von einer fotografisch genauen Wahrnehmung ihre Faszination bezieht. Die richtigen Worte zu finden für das ganz Gewöhnliche ist die Kunst: "Zunachten / Die Sonne am Himmel wird kalt und tausend / Sterne tragen die Kinder ans Bett. / Die Mutter singt / das Abendlied. Die Katze vor dem Haus spielt im / Licht der Scheinwerfer. / Der Arbeiter trägt seinen / müden Körper zum gedeckten Tisch. Am Bett die / große Uhr, die den Morgen speichert, der / Hammer an der müden Glocke lauert dem / Morgen auf."(S.45) In solchen Sätzen stimmt jedes Wort und steht am richtigen Platz. Nur das Allernötigste kommt zur Sprache. Diese Reduziertheit konzentriert die Bilder und macht sie eindringlich. "Der Trinker" (S. 25) zum Beispiel: Zehn lakonische Sätze, zehn lose aneinandergereihte Beobachtungen erzählen die Geschichte eines Säufer-Daseins samt Elend und Trostlosigkeit. Es ist überhaupt die Stille zwischen den Zeilen, die Zwischenräume für Ungesagtes läßt - einen Freiraum wie der weiße Malgrund, von dem sich die Zeichen abheben. Und immer wieder ist die Landschaft der Berge Motiv der Texte von Hans Salcher. Er schreibt poetische jedoch in keiner Weise entrückte Naturbetrachtungen, und mehr noch schreibt Salcher von den Beziehungen der Menschen zur Natur und der Menschen zueinander. Dabei werden mitunter magische Augenblicke des (Kindheits-)Erlebens sichtbar. Sensibel beobachtet, gradlinig und schweigsam erzählt ist den Texten ein meditativer Zug eigen, der eine Langsamkeit bewirkt und vielleicht eine "Sprache der Berge" erahnen läßt, die der Autor sich zu Herzen und als Motto nahm.

Christine Riccabona