Rezensionen 2002

Lina Hofstädter, Hungrige Tage.
Wien: Milena Verlag, 2002, 379 Seiten.

Von Zeit zu Zeit hat Marion das Gefühl, sie sei aus der Welt gefallen. Mit einem viel zu großen Körper, dem sie unübersehbar ausgeliefert ist. Dann hilft nur noch essen. „Essen als Erinnern des Unmöglichen. Als Ersatz fürs Möglichgewesene. Form der Verinnerlichung. Form der Selbstvernichtung. Alles, nur kein Trost." (S. 145)
Der Hunger der Enddreißigerin Marion Krasnic, genannt „Molly", ist durch Essen nicht zu stillen. Sie ist hungrig nach Liebe und Anerkennung, statt dessen gibt es Unmengen an Fleischkäsesemmeln, Grillhendln, Schokoladekuchen, Chips. Eine Therapie soll helfen, dem Unbehagen an der Welt auf die Spur zu kommen. Die in Innsbruck lebende Ich-Erzählerin beginnt in ihrer Vergangenheit zu graben. Alte Tagebücher kommen zum Vorschein. Schicht um Schicht wird abgetragen. Die Ebenen zwischen Gegenwart – das Jahr 1989 – und Vergangenheit fangen an sich zu vermischen. „Halt! Da ist es. Unausgesprochen zwischen dem rosa Notizbuch von 68 und dem dunkelgelben Schulheft von 69. (...) Etwas, das jedem – jeder – einmal passierte, weil man jung war." (S. 35) Eine „lächerliche" Episode mit dem damaligen Chef. „Er zog mich auf seinen Schoß, während ich eine Mango nach der anderen verschlang. (...) Ich hätte Nein sagen können. Aber ich fand das Wort nicht. Stumm fraß mein Körper in sich hinein.“ (S. 43) Malträtiert wurde der stumme Körper bereits viel früher: Sexueller Missbrauch durch den Vater, der lange nur schimärenhaft als „Körperbrocken“ und „schweigsamer Gewaltmensch“ in Erinnerung ist. Und Mutter? Bitter und hart geworden durch die Last der Kriegs-, Nachkriegs- und Ehejahre. Wie viel hat sie gewusst? Welchen Beistand konnte sie dem Mädchen geben, außer es mit Lebensmitteln abzufüllen?
In Tagebuchaufzeichnungen, entstanden zwischen Februar und November 1989, zieht das Leben der Protagonistin vorüber. Die politischen Ereignisse der Jahre 1968 bis 1989, angedeutet bereits in den Überschriften der drei Kapitel des Romans – „Vergangenheitsbewältigung“, „Die Wende“ und „Wiedervereinigung“ – bilden den Hintergrund der Reflexion, wodurch Marions Biographie zur Geschichte einer ganzen Generation wird. Als junge Frau äußerte sie laut ihr Unbehagen an der kapitalistischen Gesellschaft, ihr politisches Engagement galt dem Kampf für Freiheit und Gleichberechtigung. Zwanzig Jahre später muss sie im Zuge der Umwälzungen in Osteuropa linke Gesellschaftsutopien endgültig scheitern sehen. Unsentimental und distanziert fällt die Selbstanalyse der Ich-Erzählerin aus. Nüchtern protokollierend, ohne Pathos, mit leichter Ironie und stellenweise einer gehörigen Portion Galgenhumor durchleuchtet sie ihre zuweilen Abgrund tief traurige und trostlose Existenz. Geradezu tragikomisch wirken jene Szenen, in denen das Zusammentreffen mit dem Ex-Freund Martin und dem Ex-Geliebten Richard, beide Marions „linke“ Wohngemeinschaftsgenossen um 1970, kurz die Illusion der „Wiedervereinigung“ aufkommen lässt, dann aber zur endgültigen Trennung gerät. Oder wenn im Zuge der „Vergangenheitsbewältigung“ im Schatten des Engagements für die Abschaffung des § 144 die Erinnerung an die vor dem damaligen Freund verheimlichte Abtreibung in Holland auftaucht.
Es scheint, als habe die Autorin all die Liebe, die sich Marion im Blick auf ihr Dasein verwehrt, auf die Gestaltung ihrer Romanheldin verwendet. Dieses ein wenig unbeholfen und verzweifelt zwischen Therapiestunden und Ess-Brech-Exzessen, zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her stolpernde Wesen schließt man schon auf den ersten Seiten ins Herz. Bereitwillig folgt man seiner assoziativen Gedankenkette, die in den besten Momenten in kurzen, atemlosen, oft fragmentarischen Sätzen zum Ausdruck kommt. Doch dieser Erzählton kann ebenso wenig wie die insbesondere in der ersten Hälfte des Romans aufgebaute Spannung über 379 Seiten gehalten werden. Gegen Ende nehmen überbordende Sätze und allzu sehr ins Detail gehende Schilderungen zu. Ein wenig zu plakativ erscheint die Freundschaft der Protagonistin mit einer rumänischen Flüchtlingsfamilie. Auch die Verschränkung von privater und politischer Geschichte wirkt zunehmend bemüht. So fällt etwa die Berliner Mauer just an dem Tag, an dem Marions „Wand vor Augen“ (S. 374) kippt – oder umgekehrt?
Zwischen Karin S., der Heldin aus Karin Strucks Roman „Klassenliebe", und Bettina Galvagnis magersüchtiger Ich-Erzählerin aus „Melancholia" oder Anne Strelau aus Karen Duves kürzlich erschienenem Buch „Dies ist kein Liebeslied" ist in der jüngeren deutschsprachigen Literatur ein breit gefächertes Spektrum „bekennender" Frauenfiguren entstanden. So mancher Text dieses Genres legt die Vermutung nahe, der Schrecken der (Selbst)Erfahrungen lähme die Dichtkunst. Auch „Hungrige Tage", nach „Tillmanns Schweigen“ (Innsbruck 1993) der zweite Roman von Lina Hofstädter (geb. 1954 in Lustenau), gerät auf der Gratwanderung zwischen Bekenntnis und Literatur manchmal ein wenig ins Straucheln. Insgesamt jedoch hinterlässt die Lektüre einen durchaus positiven Eindruck. Über allem – und sind die Abgründe, die sich vor Marion auftun, noch so tief – schwebt ein unerschütterlicher Glaube an die Möglichkeit von Glück. Nach unzähligen Abschieden – von vermeintlichen Freunden, vom Therapeuten, von Dutzenden von Kilos, von schmerzhaften Erinnerungen und falschen Sicherheiten – scheint ein Quäntchen davon für die Heldin sogar Realität zu werden. Eine Ahnung von Glück, wie sie Sprache wecken kann, wenn sie, so formulierte es einmal Erwin Einzinger, die gewaltige Strecke zwischen Wunsch und Wirklichkeit kurz aufblitzen lässt.

Anita Moser