Rezensionen 2002

Claudia Mathis, schwarzer schnee.
Lyrik und Kurzprosa.
Innsbruck: Leviathan, 2002.

Quadratisches, handliches Büchlein, 13x13, in der Mitte zweigeteilt, der linke Streifen schwarz, der rechte weiß: das ist das neue Werk der Philosophin und Theologin Claudia Mathis. Im Untertitel steht lyrik und kurzprosa. Die Aufmachung ist sehr einladend, die gewählte Schriftart klar, schön leserlich und angenehm.
Der Inhalt ist etwas komplexer. Die Gedichte sind sehr persönlich, sie sprechen vom Verlust eines ungeborenen Kindes, von der Sinnlosigkeit des Tages, wenn es keinen Gott gäbe, von der Stadt Innsbruck, die Teil ihrer selbst geworden ist, und wieder von der Unerreichbarkeit eines Gottes, den man nur lieben kann, aber mehr nicht. All diese an sich sehr intimen Themen sind in einer vollkommen unsentimentalen Sprache verfasst, einer Sprache, die ebenso rein ist wie das äußere Bild des Büchleins und einen starken Kontrast zum Inhalt bilden. Schwarz-weiß.
Es ist nicht einfach, diese durchgehend klein und ohne Satzzeichen geschriebenen Verse zu verstehen, sie richtig zu interpretieren ist mitunter unmöglich. Dies liegt vor allem daran, dass der Inhalt nie banal, nie vorhersehbar ist, wie zum Beispiel das titellose Gedicht auf Seite 35 zeigt:

mangels an fixpunkten
uneigentlich
der blick
erfasst vom horizont
plötzlich erhellt
eine vision
der weltUNTERGANG
beruhigt
schließe ich die augen

Nur die groß geschriebenen Wörter verweisen darauf, was besonders wichtig ist, vielleicht befolgt Mathis auch die Internet-Regeln, nach denen die Großschreibung für Schreien steht.
Extrem ausdrucksvoll ist das einleitende Gedicht, das dem Band auch seinen Titel verleiht. Auf den ersten Blick hält man den Vers „ANGEBROCHENES LEBEN“, der es eröffnet, für den Titel. Vielleicht ist er es auch. Diese Zeile wiederholt sich zweimal, während der Vers „unsere liebe WAR“ sich dreimal wiederholt und eine Art Pendant dazu bildet. Die übermäßige Kraft in der Trägheit steht im Gegensatz zum brechenden Ast, zum zerberstenden Vogel, zum weißen Tod, der „unsere liebe WAR“. Und das Bindeglied zwischen diesen beiden Realitäten, zwischen dieser Unfähigkeit, im Schreien keine Rufe mehr zu hören, bilden die drei Verse

schwarzer schnee vor meinen augen
schwerer schnee auf meiner brust
stummer schnee in meinen ohren

Unmöglich, bei diesem Gedicht nicht an „an das verlorene kind“ zu denken, vor allem, da es nicht heißt, „lieber / wenn ich an dich denke“, sondern „liebes / wenn ich an dich denke“.

Ein sehr intensives, persönliches Gedicht, wo wie in allen guten Gedichten das Private zum Öffentlichen wird, ohne Peinlichkeiten hervorzurufen, im Gegenteil, hier empfindet der Leser das öffentlich Gemachte als sein ureigenes Privates.

In dieser Hinsicht ähnlich, aber viel weniger hermetisch, überaus flüssig ist die Kurzprosa. Auch hier geht es um Verluste, um den Verlust der Kontrolle über seinen eigenen Körper und über seine Umwelt in „das krokodil“ und über den in keiner Weise schmerzhaften Verlust einer flüchtig kennen gelernten Person am Strand in „treffen“.
In ersterem Fall hören wir die Stimme eines Ich-Erzählers, der in der Intensivstation der Neurologie Innsbruck liegt. Er kann sich an nichts erinnern, hat kein Zeitgefühl.

aber ich höre. ich schmecke. mit meiner Haut fühle ich und mit meinen augen sehe ich.

Jeder der folgenden Absätze ist einem dieser Sinneserlebnisse gewidmet, doch weder das, was er hört, noch fühlt oder schmeckt, gefällt ihm. Anders ist es mit dem, was er sieht:

und, was ich sehe, gefällt mir sehr.

es ist wie der rücken eines tieres. der rücken von einem krokodil. seine farbe ist grün, braun, manchmal auch ein wenig grau.

Er meint, das Krokodil, streicheln zu können, es ist sein Freund, findet er. Wenn er einschläft, wacht es über seinen Schlaf.
Gleichzeitig erklärend und ernüchternd wirkt da der letzte Absatz mit dem „patientenvermerk“.

francesco a. liegt nach einem autounfall bereits den 8. monat im koma. seit seiner überstellung in die universitätsklinik hält er den kopf ständig nach rechts gedreht mit dem gesicht zur nordkette.

Sehr interessant ist das perfekt zweisprachig geschriebene „treffen“, wo sich eine deutschsprachige Frau und ein italienischer Mann am Strand treffen, einander offen gestehen, wie gut sie einander gefallen, weil sie sich sicher sein können, dass der andere sie auf Grund der Sprachbarriere nicht versteht und damit jedes peinliche Moment wegfällt. Die Frau wundert sich, dass der Mann gar nicht versucht, sie zu berühren oder einzuladen, aber der Mann ist zu ernsthaft von ihr angetan, um die stereotypen Strandregeln des italienischen Machos zu befolgen.

Am Ende geht sie weg, ihre Augen treffen sich.

„ciao „ sagt sie und „ciao „ sagt er.

Da ist keine Sentimentalität drin. War schön, dich kennen gelernt zu haben. Wie intensiv die Begegnung aber in Wirklichkeit war, drückt der letzte (vielleicht auch etwas künstliche) Absatz aus:

dann geht sie weg. der mann setzt sich. es ist ein abend am meer. im sand sitzt ein mann und schreibt.

Das genaue Gegenstück hierzu hatte einleitend die Frau gebildet.

Dieses Werk stellt vielleicht die einzige wahre Liebesbegegnung zwischen einem Mann und einer Frau in diesem Band dar.

Eine Begegnung ganz anderer Natur hingegen bietet uns die gleichnamige Kurzprosa. Hierin berichtet die Erzählerin (und Autorin?) in einer Presseaussendung, wie zwei Priesterseminaristen aus Afrika, die in Innsbruck ihr Theologiestudium absolvieren, absichtlich auf ihrem Nachhauseweg von einem Auto überfahren werden. Der Grund ist ganz klar: Fremdenhass. Die körperlichen Verletzungen heilen in wenigen Tagen, was aber nicht heilen wird, sind die seelischen Wunden, die auch die Erzählerin verspürt, als sie erfährt, dass die Polizei von einer Anzeige abrät („das war aber sicher keine absicht, oder? werden halt zuviel getrunken haben.“). Die Presseaussendung muss revidiert werden: „rassisische attacken entsprechen nicht der art der innsbrucker, nicht der art der tiroler und nicht der art der österreicher.“
Und diese Tatsache, die Vorstellung eines Bildes „von einem land, in dem ein schwarzer überfahren wird und nicht darüber reden darf“, betrifft die Innsbruckerin vielleicht noch mehr als die Afrikaner, denn

- stadt! -
ist es mir möglich
dich zu hassen
ohne MICH?

Und so kann die Autorin Innsbruck nur hassen, lieben und beweinen.

Marlene Kuppelwieser