Rezensionen 2002

Sabine Gruber/Renate Mumelter (Hg.), Das Herz, das ich meine.
Essays zu Anita Pichler. Wien-Bozen: Folio 2002. 202 Seiten

Nach dem 1998 erschienenen, der Südtiroler Schriftstellerin Anita Pichler (1948-1997) gewidmeten Erinnerungsbuch „Es wird nie mehr Vorgelbeersommer sein…“ (Folio-Verlag), das neben unveröffentlichten Texten Pichlers eine Reihe von Bilddokumenten und literarisch-künstlerische Erinnerungen langjähriger FreundInnen und WeggefährtInnen enthält, haben Sabine Gruber und Renate Mumelter nun einen sorgfältig gestalteteten, anregenden und informativen Sammelband zum literarischen Werk der Schriftstellerin vorgelegt. Der „Essayband“ soll – so die Herausgeberinnen im „Vorwort“ – „die vor fünf Jahren verstorbene Südtiroler Autorin der literarischen Öffentlichkeit ins Gedächtnis rufen.“ Wie die Publikations- und Rezeptionsgeschichte der Autorin zeigt, ist dieses Anliegen mehr als berechtigt.
Anita Pichler war nach der Veröffentlichung ihrer beiden Erzählungen Die Zaunreiterin (1986) und Wie die Monate das Jahr (1989) bei Suhrkamp als weibliche Stimme der Literatur aus Südtirol über Nacht in aller Munde, vor allem in Nord- und Südtirol. Nach Kaser und Zoderer war ihr der Sprung über die Grenze gelungen, und ihre beiden Erzählungen wurden – wenngleich kontroversiell – im Feuilleton der wichtigsten überregionalen Printmedien besprochen. Inzwischen sind ihre selbstständigen Veröffentlichungen mit einer Ausnahme wieder vergriffen – eine Neuauflage erst in Planung. Trotz ihrer Präsenz im Literaturbetrieb der 80er und frühen 90er Jahre hat sich die Literaturwissenschaft bislang kaum eingehender mit Anita Pichler beschäftigt, sieht man von vier unveröffentlichten, in Wien und Innsbruck entstandenen, Diplomarbeiten ab.
Die erst Mitte der 90er Jahre einsetzende literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Autorin im Rahmen von Diplomarbeiten ist u.a. darauf zurückzuführen, daß sich Anita Pichler allen Etikettierungen entzog und ihre Schreibweise wohl nicht nur die Literaturkritik irritierte. Die traditionelle Muster unterlaufende Erzählweise mit Referenzen auf Mythos, Sage und Geschichte, die eigenwilligen Überblendungen von Gegenwart und Vergangenheit sowie die Reflexion von Wahrnehmung und sprachlicher Annäherung an das Wahrgenommene im Bändchen Beider Augen Blick (1995) verstörten eine Literaturkritik, die eine handfeste Geschichte mit „Fakten“(FAZ, 5. 7. 86) oder ein feministisches Lehrstück erwartete. Erzählerische Zurückhaltung im Hinblick auf das „Erfassen von Wirklichkeit“ wurden als „Unfähigkeit, eine Geschichte klar und verständlich zu erzählen“ (FAZ, 5. 7.86) oder als „jene Art moderner Literatur“ ausgelegt, „die sich unter ständigem Blinddarmreiz mit den Vorausetzungen der eigenen Entstehung beschäftigt“ (FF, 19. 8. 1995). Pichlers Arbeiten ließen sich auch nicht in jene Reihe von Texten aus Südtirol einpassen, in denen mehr oder minder aggressiv unter Verzicht auf eine bilderreiche Sprache, lakonisch-verknappt oder experimentelle Ausdrucksformen nutzend, gegen die Enge der Provinz, gegen Heimat-Ideologie und Abwehr alles Fremden angeschrieben wurde. Sie provozierten im Gegensatz zu Pichlers verrätselten Texten im aufgeheizten kulturpolitschen Klima Südtirols der 70er und 80er Jahre regelmäßig lokale ‚Literaturskandale’ und zogen die Aufmerksamkeit weitaus stärker auf sich als Pichlers vordergründig ‚entpolitisierte’ Prosa.
Daß Anita Pichler zu den ersten WegbereiterInnen einer modernen Literatur aus Südtirol nach 1968 gehört, dokumentiert der vorliegende, literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung und literaturkritische Würdigung gelungen zusammenführende Essay-Band mit Beiträgen von Wendelin Schmidt-Dengler, Janko Ferk, Christine Riccabona, Ulrike Kindl, Petra Nachbaur, Sigurd Paul Scheichl, Siegrun Wildner, Ulrike Kindl, Helga Guitink, Benedikt Sauer, Helmut Luger und Stephan Hilpold. Die zurückhaltenden, für das Verständnis der Autorin dennoch Wichtiges vermittelnden biographischen Hinweise im Vorwort, die unterschiedlich perspektivierten Einzelstudien und die Überblicksdarstellungen zum Werk der Autorin sowie die Beschreibung des Nachlasses von Anita Pichler durch Stephan Hilpold mit beigefügter Ordnungsystematik und Bibliographie fügen sich insgesamt zu einem eindrucksvollen Porträt einer Autorin zusammen, die Südtirol schon sehr früh verließ, sich wechselweise in Italien, Deutschland, Österreich und der Schweiz aufhielt und sich im Literarischen von Beginn an neuen Schreibkonzepten öffnete sowie über den Dialog mit der modernen Kunst wohl auch zur Thematisierung von Sinneswahrnehmung und sprachlicher Umsetzung des Wahrgenommen gelangte.
Wendelin Schmidt-Dengler und Janko Ferk zeigen, daß der von der Literaturkritik gegen Pichler erhobene Vorwurf, nicht ‚erzählen’ zu können, ins Leere geht. Er erschließe nicht Pichlers Texte, sondern lege vielmehr das Literaturverständnis der RezensentInnen offen. Die Textstrategien in Pichlers erster Erzählung Die Zaunreiterin unterlaufen bewusst, eine auf einen „kohärenten Erzählzusammenhang“(S. 35) ausgerichtete Lektüreerwartung. Die Annäherung der Ich-Erzählerin, einer Unbehausten und Ausgesperrten, an die Vergangenheit über die Erinnerung, die Suche nach ihrer Lebensgeschichte vollziehe sich stattdessen in einem Gewebe von „Stimmen“, „Motiven“ (S. 38) und Bildern. Nirgends bündelten sich die Erzähllinien zu einem der Ordnung verpflichteten „Lebenslaufschema“ (S. 36). Selbst die in den letzten Erzählabschnitten hergestellten Zusammenhänge und Klärungen sowie die angedeutete Aufhebung der Entfremdung mahnen – so Schmidt-Dengler – zur Skepsis gegenüber einfachen Deutungsmustern.
Die bereits in der Zaunreiterin vorkommenden Thematiken Identitätssuche, Erinnerung, Kunst bzw. ästhetische Wahrnehmung sowie die Bezüge auf Sage, Mythos und Geschichte kehren in anderer Weise, wie Christine Riccabona in ihrem Beitrag darlegt, auch in Pichlers zweiter, offensichtlich geschlosseneren Erzählung Wie die Monate das Jahre wieder. Die Beschäftigung mit dem Oswald-Stoff und der damit verbundenen Sage von der unglücklichen Liebe zwischen Oswald und Antermoya – sie erinnert an den Mythos von Orpheus und Eurydike – sowie die zeichnerische Annäherung an die Oswald-Figur führt zu einer veränderten Sichtweise der Ich-Erzählerin auf ihre Gegenwart, auf ihre Liebesbeziehung.
Ulrike Kindl befasst sich zunächst in einer essayistischen Einzelstudie mit Pichlers Sagenbuch Die Frauen von Fanis (1992), das den Künstler Markus Vallazza als Co-Autor hat und von ihm illustriert wurde, um sich dann nochmals in einem Überblicksartikel den Themen in ihrem erzählerischen Werk von der ersten bis zur letzten Buchpublikation zuzuwenden. In Kindls Ausführungen zu den Frauen von Fanis werden mehrere Problemkreise angerissen, u.a. das Verhältnis von „Geschichtserzählung“ und „Sage“/“Mythos“, weiters das Verhältnis von Wirklichkeit und Kunst. Im Mittelpunkt steht jedoch die Reflexion des Text-Bild-Verhältnisses, das als zentral für das Verständnis des Buches ausgemacht wird. Die Bedeutung des Sehens für Pichler hat schon Riccabona angesprochen. Kindl interpretiert die Frauen von Fanis als einen weiteren literarisch-künstlerischen Beitrag, der „die Grenzen der eigenen Wahrnehmungsfähigkeit“ (S. 72) sichtbar mache.
Auf die Thematisierung von Sehen, Sprache und Wahrnehmung bzw. auf die Problematisierung der Übertragung von Sinneswahrnehmung in Sprache und der damit immer auch verbundenen Überführung in Sinn in Pichlers Neun Variationen über das Sehen in Beider Augen Blick gehen dann eingehend und aus verschiedenen Perspektiven Petra Nachbaur, Sigurd Paul Scheichl und Siegrun Wildner ein. Literarhistorische Bezüge werden ebenso aufgezeigt wie Formen der sprachliche Annäherung der Autorin an die „Farbe“ oder die diesen Variationen inhärente Phänomenologie der Wahrnehmung. Die dreifache, sich wechselweise ergänzende und vertiefende Annäherung an diese, in neuer Form an das Genre der Bildbeschreibung anknüpfenden neun kurzen Prosatexte, die aus der Beschäftigung mit neun Bildern von Künstlern der Moderne hervorgegangen sind, zeigt das Potential, das in Pichlers Arbeiten steckt, und macht auf eine thematische Konstante im Werk der Autorin aufmerksam.
Aus Helga Guitniks Vorstellung der in diversen Anthologien und Zeitschriften veröffentlichten Kurzprosatexten von Anita Pichler wird deutlich, daß die politischen Aufbrüche in den 60er Jahre nicht bedeutungslos für Pichlers Schreiben waren. Ihre Entscheidung, aus der Optik weiblicher Figuren zu erzählen bzw. Frauen als Protagonistinnen einzuführen, ist bei Pichler immer auch mit dem gesellschaftspolitischen Anliegen verbunden, weibliche Erfahrung sichtbar zu halten, der Ausblendung des weiblichen Blicks auf gesellschaftliche Verhältnisse entgegenzuwirken. Dies belegt auch Benedikt Sauers Essay über Pichlers Zeit als Dorfschreiberin bei der Villgrater Kulturwiese im Sommer 1994. Der während dieser Zeit entstandene, mit dem redaktionellen Titel versehene autobiographische Prosatext „Schwere Schuhe, keine Namen“ rückt immer wieder die „versteckte Realität von Frauen“ (S. 160) ins Blickfeld. Seine besondere Form – Dokumentarisches verknüpft sich mit Eindrücken der Erzählerin während ihrer „Erkundungstour“ (S. 158) durch das Dorf – ist auch ein Zeugnis für Pichlers sensibler Annäherung an die dörfliche Wirklichkeit.
Bei soviel Anerkennung mag man sich fragen, warum Anita Pichler noch keinen Eingang in den Kanon der Gegenwartsliteratur gefunden hat. Helmut Luger, der eine scharfsichtige, amüsant zu lesende Analyse der Rezeptionsgeschichte vorgelegt hat, verweist auf drei „Selektionsfilter“ (S. 177), die eine Autorin/ein Autor passieren muß, um in den Kanon aufgenommen zu werden: die Behandlung durch die Literaturkritik, die literaturkritische Beschäftigung mit einer Autorin/einem Autor im Rahmen eines thematischen Schwerpunkts sowie die akademische Kritik.
Dieser Essay-Band, der eine Autorin der Peripherie ins Zentrum stellt und damit auch einer Literaturgeschichtsschreibung entgegenwirkt, die nach wie vor der Literatur von den ‚Rändern’ wenig Aufmerksamkeit schenkt, könnte jedenfalls dazu beitragen, daß Pichler Aufnahme in literaturgeschichtliche Darstellungen und in Literaturcurricula findet.

Sieglinde Klettenhammer