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Rezension von Elisabeth Wieser

 
 

Sabine Gruber, Die Zumutung.
Roman.
München: C.H.Beck, 2003.

Gezeiten des Lebens

 

Die Vorstellung, leben zu müssen und gleichzeitig zu wissen, dass man dem Tode so nahe ist wie noch nie. In einer derartigen Situation befindet sich die Hauptfigur im neuen Roman Die Zumutung von Sabine Gruber.

Alles ist vergänglich, das ist der Hauptfigur Marianne klar, trotzdem werden einige früher geholt als andere. Sie ist eine von jenen, die um ihr Leben ringen. Bereits in der Blüte ihres Lebens muss die junge Frau eine tragische Wahrheit ertragen:

Ihr Dasein wird von dem dunklen Schleier überschattet, der sich „Tod“ nennt. Er fungiert als ständiger Begleiter der jungen Frau. Sie muss jeden Tag, 24 Stunden lang, mit der Gewissheit leben, dass es für sie kein Entrinnen geben wird.

Die Diagnose: chronisches Nierenleiden. Der einzige Weg den Tod hinauszuzögern: ein Leben an der Maschine zwischen Sterilisationsmitteln und nüchternen Ärzten, Dialyse Woche für Woche, ein Dahinvegetieren für viele Stunden und zusätzlich – der Schmerz und die Gewissheit, dass „er“ sie doch holen wird.

Marianne selbst fühlt sich wie eine Wüste, die nach jedem nächsten Schluck Wasser fleht und weiß, dass dieses eigentliche Lebenselixier in ihrem Fall nicht das Aufblühende, sondern das Zerstörende symbolisiert.

„Das Wasser nimmt mir die Lust am Körper. Ich weiß, ich bin defekt; ich benütze mich, obwohl ich Angst habe, ich könnt explodieren.“

Trotzdem will die junge Frau nicht kapitulieren: Sie fordert den Sensenmann zum Kampf, will ihn besänftigen und einlullen, ihn gnädig stimmen und somit eine Lebensverlängerung für sich selbst erwirken.

„Er arbeitet weniger schnell, wenn man mit ihm spricht. Es müssen nicht Worte sein, er liebt auch Bilder von Schiffen, Delphinen und Seepferdchen.“

Marianne beginnt sogar über ihr eigenes Begräbnis zu sinnieren, um sich besser an das Gefühl des Sterbens zu gewöhnen. Sie rekonstruiert ihren Körper im abgelebten Leben, da sie ihn dort sicher weiß. Wie ein roter Faden ziehen sich die Vorblenden auf diese Oase der Besänftigung durch das Buch.

Dazu kommen tiefsinnige Dialoge über die Vergangenheit, die Marianne aus der platten kühlen Realität in eine zum Teil träumerische Welt fliegen lassen. Sie hält sich an Erinnerungen fest, Erinnerungen, die ihr einerseits ein unbetrübtes Leben, aber auch immer wieder vor Augen führen, wie alles mitten im Leben begonnen hat.

Die Sehnsucht nach dem Glück und nach Gesundheit beziehungsweise die Tatsache, dass Marianne nur mehr wenig Zeit hat, bewirken, dass sie es sich zum Ziel macht, sich die Zeit nicht zu vertreiben, sondern diese zu gewinnen.

In der zivilisatorischen Hektik der Zeit startet sie den Versuch, sich in die Realität zu schmeißen: Sie stürzt sich in tollkühne Liebesabenteuer und landet so bei Beppe, einem Dekorationsmaler, mit dem Marianne zunächst nicht viel anfangen kann.

„Er stand vor mir wie ein abgerichteter Hund, der mich durch den Abend begleiten sollte,“ so ihr erster Gedanke. Ganz zu ihrem Erstaunen entwickelt er sich jedoch zum Seelenfreund: In ihm findet Marianne den Halt, den sie bisher zwar immer gesucht, jedoch nie gefunden hatte. Sie findet in Beppe „eine Erotik des Zuhörens“. Er schenkt ihr die nötige Aufmerksamkeit und steht so einerseits für die Partnerschaft, andererseits aber auch für die Freundschaft.

Neben Beppe gibt es im Leben der jungen Frau auch noch andere Männer: Ihr langjähriger Partner Paul, der in Rom lebt und in seinen Forschungen schwelgt, ist ein Mann, der im Leben der Hauptfigur nicht wirklich präsent ist. Neben ihm stellt vor allem Leo einen Fixstern dar: Im Jugendfreund, den Marianne noch immer zu bewundern scheint, findet man einen Mann, der Marianne noch immer nicht ganz verstanden zu haben scheint. Schließlich gibt es da noch Michael, einen jungen Fotografen, der sie für die Ewigkeit in Bilder bannt und für eine Nacht liebt.

Der wichtigste Mann im Leben der Hauptfigur ist aber zweifelsohne der Tod. „Er war farblos und kalt wie der Himmel.“ Er zieht durch das gesamte Werk wie ein roter Faden, da er es war, der sie mitten im Leben packte und sie nicht mehr los ließ.

Trotzdem will die Hauptfigur kein Mitleid: Sie „blüht täglich“, wird als schön angesehen, und „mit Schönheit wird Gesundheit verbunden“. Marianne stellt sich als starke Frau dar, sie gibt alles, obwohl sie in Wahrheit nichts zusammen hält.

Wenn man glaubt, bei dem Roman handelt es sich um eine alltägliche Krankengeschichte einer zu bemitleidenden Frau, so hat man sich getäuscht:

Marianne will nicht in ihrer Melancholie versinken, sie hängt am Leben.

Gruber schafft es im Buch immer wieder, das ernste Thema „Tod“, ironisch zu umgarnen. Vor dem dunklen Hintergrund der Geschichte konstruiert sie wiederholend humorvolle Szenen über Liebe und Lust. Eine tiefsinnige Verstrickung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft schafft im Werk eine interessante Perspektivenentwicklung.

Der langsame Rhythmus des Buches und die Lebhaftigkeit der Bilder im Werk erinnern nachdrücklich an die Realität und machen die Geschichte dadurch erst authentisch. Auch die teilweise platten oberflächlichen Dialoge im Jetzt der Hauptfiguren wirken genau aus diesem Grunde nicht aus der Luft gegriffen.

Immer wieder wird etwas Licht auf den schwarzen Hintergrund der Geschichte geworfen, ohne dass es sich dabei um Beschönigungen handelt.

Die Zumutung ist ein Buch, bei dem man nicht zum Taschentuch greifen muss, ganz im Gegenteil, das Werk fordert sehr viel eher die Bewunderung für die Hauptfigur und eine Reflexion über das eigene irdische Dasein.

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