Rezensionen von Studierenden - Übersicht

Rezension von Manuela Weiß

 
 

Norbert Gstrein, Das Handwerk des Tötens.
Roman.
Frankfurt: Suhrkamp, 2003.


»Ein Buch über den Kosovo« – Wer Norbert Gstreins Das Handwerk des Tötens auf diese überholte Thematik reduziert, der irrt. Norbert Gstrein begibt sich in seiner Neuerscheinung nicht nur auf die Spuren des Krieges und des Todes, vor allem des Tötens, sondern reflektiert auch über das Handwerk des Schreibens und die Problematiken der Kriegsberichterstattung, in der Sein und Schein häufig eins sind.

Ausgangspunkt ist der Tod des Kriegsberichterstatters Christian Allmayer, der bei einem seiner Einsätze im Kriegsgebiet erschossen wird. Sein früherer Freund und Reisejournalist Paul ist entschlossen über die Umstände seines Todes zu recherchieren und einen Roman über ihn zu schreiben. Dabei zieht er seine Freundin Helena, die aus Jugoslawien stammt und deren Eltern ebenfalls kriegerische Auseinandersetzungen miterlebt haben, sowie den namenlosen Ich- Erzähler immer mehr in seine Suche hinein, die er selbst mit immer wachsendem Interesse verfolgt, bis er sich fanatisch darin verliert. Bei seinem Versuch zu verstehen, was Allmayer am Handwerk des Tötens so fasziniert hatte, muss er schließlich am eigenen Leib erfahren, was passiert, wenn man sich so ausgiebig mit dem Tod beschäftigt, dass man darüber zu leben vergisst. Der Ich- Erzähler fungiert dabei hauptsächlich als misstrauischer Beobachter von Paul, der vermehrt andere, beispielsweise seine Freundin Helena, für seine Zwecke instrumentalisiert und sich in Mutmaßungen und unbelegten Theorien über Allmayers Tod verstrickt.
Eine Gemeinsamkeit von Allmayer, Paul und dem Erzähler ist, dass sie alle journalistisch tätig sind. Dabei greift Gstrein das alte Klischee auf, dass alle Journalisten eigentlich verhinderte Schriftsteller sind und eine  Karriere im Bereich des fiktionalen Schreibens anstreben. Beim Schreiben seines Buches konzentriert sich Paul auch wirklich kaum auf die Fakten. Bei seiner Recherche lässt er sich zunehmend von seinen Instinkten leiten und tendiert eher zur Erfindung als zur Nachbildung der Realität. Der Ich- Erzähler, der dies mit wachsender Skepsis beobachtet, setzt sich bei seinen Nachforschungen auch mit der Berichterstattung anderer Journalisten auseinander, deren Reportagen sich in der reißerischen Formulierung von Einzelschicksalen erschöpfen, die nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit bilden, während sie andere Wahrheiten vorenthalten. Der Ich- Erzähler erfährt, wie Verzerrungen der Wirklichkeit Eingang in die Reportagen finden, wie Menschen lügen, um die Erwartungshaltung des Publikums zu befriedigen, und wie Geschichten zu Sensationen gemacht werden.
Als eine Tonbandaufnahme von einem Interview Allmayers mit dem Kriegsherrn Slavko auftaucht, den Allmayer gefragt hatte, wie es denn sei, jemanden zu töten, erkennen die Rechercheure, dass auch Allmayer der Öffentlichkeit Informationen vorenthalten hat. Außerdem tritt die Erkenntnis ein, dass der verstorbene Journalist den Brutalitäten und der verhängnisvollen Wirklichkeit näher war als vermutet.

Wie alle vermeintlichen Höhepunkte des Buches bietet aber auch diese Stelle weniger Erklärungen, als sie an Fragen aufwirft, wie überhaupt das gesamte Buch Antworten zu vermeiden scheint. Natürlich lässt diese Vorgangsweise den Leser zu einem großen Teil auf sich selbst gestellt, doch zeigt dies letztendlich auf sehr anschauliche Weise, wie wenig Antworten der Krieg tatsächlich hergibt.

 

Für Harmoniesuchende ist dieses Buch keine geeignete Lektüre, denn Gstrein zeichnet hier kein gefälliges Bild der Welt. Vielmehr dokumentiert er das trostlose Dasein seiner Hauptfiguren und die Sinnlosigkeit des Krieges. Durch die Schilderung von Einsamkeit, von gescheiterten Existenzen, von Freundschaften, die keine sind, und der Liebe Pauls zu Helena, die in Sadismus umschlägt, erzeugt Gstrein den negativen Beigeschmack, die Atmosphäre, die ein Buch über den Krieg haben sollte, ohne sich in der mitleidheischenden Darstellung von Brutalität zu verstricken.

 

Der Aufbau des Buches gleicht dabei einem Drahtseilakt. Auf sehr artistische Weise legt Gstrein uns in einer Fülle von geschickt sequentierten indirekten Reden seine Geschichte über die Journalisten dar. Durch kompliziert verschachtelte Erzählungen von Gesprächen des Erzählers mit diversen Personen, die wiederum von Dialogen und Erlebnissen mit anderen berichten, bekommt der Leser Informationen über das Leben der Hauptpersonen. Gstrein beweist damit erneut sein großes sprachliches Talent und seine Fähigkeit komplexe Situationen geordnet wiederzugeben, ohne dabei ungenau zu werden. Außerdem zeigt er damit auch eine alternative, vielleicht sogar die ideale, Form der Kriegsberichterstattung auf: Berichte, die nicht verschleiern, dass sie aus x-ter Hand stammen. Damit ist »Das Handwerk des Tötens« ein ehrliches und wenig dogmatisches Buch, das den Krieg aus vielen verschiedenen Perspektiven dokumentiert, dabei aber nicht vergisst, diese letztlich subjektiven Sichtweisen stets über verschiedenste Instanzen zu relativieren.

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