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Rezension von Carl - Johannes Rokitansky

 
 

Sabine Gruber, Die Zumutung.
Roman.
München: C.H.Beck, 2003.


Sabine Grubers zweiter Roman Die Zumutung ähnelt im Aufbau einem Vexierbild, wobei der Leser am Scheitelpunkt zwischen Leben und Tod wandelt. Er wird von der Ich-Erzählerin in eine Welt entführt, in der Siechtum, Selbstbetrug und Liebe stets präsent sind. Sabine Gruber schafft es mit einer beinahe erschreckenden Nüchternheit und Souveränität, die Stationen Mariannes, so der Name der Ich-Erzählerin, in eine Sprache zu betten, die eine Welt zwischen Sein und Schein nicht besser zum Ausdruck bringen könnte.
Deutet zu Beginn alles noch auf eine homogene Schilderung einer leidtragenden Figur hin, die in ihren morbiden Selbstreflexionen über ihr eigenes Begräbnis sinniert, so erschließt sich dem Leser im weiteren Verlauf der Erzählung ein Bild, das erst durch Empfindsamkeit und Einfühlungsvermögen greifbar wird. Denn Mariannes Leidensweg ist primär durch Hingabe und Sexualität geprägt, die sie in ihren Gesprächen mit Beppe auslebt. Dieser ist Liebhaber und Zuhörer zugleich. In ihm findet Marianne jenen Halt, den sie in ihrem eigentlichen Lebensgefährten Paul – einem in Rom lebenden Historiker – nicht finden kann. Beppe wirkt auf sie wie ein Hypnotiseur, der durch sein aktives Zuhören eine erotische Spannung aufbauen kann, durch die sie zeitweilig wieder Lust am Leben gewinnt. In diesen Dialogen, sowie in etlichen Reflexionen, in denen Kindheit und Studienzeit der Ich-Erzählerin aufgearbeitet werden, manifestiert sich die eigentliche Stärke des Romans. Durch die nüchterne Wortwahl in Sabine Grubers Sprache, die dem prekären Thema des Romans nur allzu angemessen erscheint, geling es, jeglicher Sentimentalität und krampfhafter
‘Tränendrüsen-Drückerei’aus dem Weg zu gehen. Viel eher wird das ambivalente Verhältnis der Ich-Erzählerin zum Tod durch eine klar strukturierte und nur zeitweise nervös wirkende Sprache zum Ausdruck gebracht. Ein großer österreichischer Autor hätte es wahrscheinlich mit den Worten „Mit der Klarheit kommt die Kälte“ auf den Punkt gebracht, wobei ein weiterer wichtiger Aspekt angesprochen wäre. Die Kälte. Das Buch wirkt  von der ersten bis zur letzten Zeile kühl. Verantwortlich dafür sind die Figuren, die  planetarisch um die Heldin kreisen. Die einzige Wärme, die der Roman erfährt, geht von der Protagonistin selbst und von ihrem Liebhaber aus. Dies ist das angenehme Etwas, das der Leser benötigt, um am Schluss nicht das Gefühl zu haben, eiskalt stehen gelassen worden zu sein. Denn die entscheidende Intention dieses Buches ist wahrscheinlich in der Kritik an der Intoleranz gegenüber dem ‘Kranken’zu suchen. Dennoch muss am Schluss niemand sterben. Selbst der ertrinkende Ikarus wird aus den Fluten gezogen.
Ist zu Beginn des Buches ausschließlich von einem „nicht intakten Körper“ die Rede, so wird der Leser langsam an die eigentliche Krankheit herangeführt, bis sich schließlich herausstellt, dass die Protagonistin an einer Nierenschrumpfung leidet. Der mit dieser Krankheit verbundene unentwegte Durst nach Wasser und also Leben verfolgt die Heldin dieses Buches bis in ihre Träume, und wird so zum Räuber ihres Schlafes. Eine Gratwanderung also nicht nur für den Leser, vielmehr eine Reise in die dunkelsten Tiefen einer sich am Abgrund bewegenden Figur.
„«Wasser» sagte ich halblaut, eilte in die Küche, ließ ein paar Liter des verbleiten, abgestandenen Nachtwassers abrinnen, beugte mich zum Becken hinunter – schon lag der Mund am Hahn, rann in dünnen Bächen die überschüssige Flüssigkeit über Hals und Dekolleté. Ich trank gierig, trank, so lange die Luft reichte.“
Ihre aufgeschwemmten Glieder und das verunreinigte Blut jagen die Protagonistin immer öfter zu Untersuchungen und Bluttests. Das Buch wird so zu einem Wettlauf mit der Zeit, wodurch auch ihre Freunde immer verschwommenere Konturen annehmen.
Da ist zum einen Leo, Mariannes früherer Liebhaber, immer noch Freund und Gegengewicht zu jenen Kräften, die sie sonst in den Abgrund reißen würden; Erna, ihre Freundin, mit der sie über sämtliche Frauenangelegenheiten lamentieren kann, nicht wirklich präsent, aber auch nicht abwesend; „«Sie ist ein Schnattertier», hatte Paul einmal über Erna gesagt, «sie kann nicht zuhören…»“ und Holztaler, der Schriftsteller, der – wie auch Leo, Beppe und Paul der künstlerisch-intellektuellen Ebene zugehörig – zu begreifen versucht, was nicht greifbar ist; nämlich selbst die Geschichte einer gebrochenen Figur zu erzählen, die Geschichte Mariannes, die ihr Leben als Zumutung sieht. Als Zumutung ihr gegenüber, weil sie ihr eigenes Ende bereits vor Augen hat, und als Zumutung für die anderen, auf Grund ihrer ständig schwankenden Gemütszustände. Denn wer krank ist, ist meist auch launisch und diese Launen offenbaren sich in den Gesprächen mit ihren Freunden, in ihrer Arbeit als Ikonographin und in der stetig schwindenden Liebe zu Paul, der nicht da ist, an dem sie aber dennoch hängt wie an keinem anderen.
An dieser Stelle drücken sich die Unentschlossenheit dieser Figur und ihre damit verbundene Schwäche aus. Sie ist keine starke Frau, die durch Selbstaufopferung bis ans Letzte ginge, um der Krankheit noch ein wenig entgegen zu wirken. Viel eher wird sie zum Opfer für die anderen. Wonach auch die Worte des Mephistopheles, die er an Faust richtet, nämlich „Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben“, eher schal und ohne Widerhall in Mariannes Ohren verklingen müssten.
Sie vertraut sich niemandem mehr an, selbst Paul nicht, der noch immer die „große Zuverlässigkeit in Rom“ darstellt. Es hat den Anschein, als hätte sie sich bereits selbst aufgegeben. Zu viele Fragen wirft ihr Körper auf, doch die Antworten, die die Protagonistin gesucht hat, bleiben aus. Sie verhallen ohne gehört zu werden in den sterilen Gängen der Krankenhäuser und in den Ohren ihrer Freunde. Ihre phantastischen Ausbrüche sind nun endgültig einer Verzweiflung gewichen, in der sie nicht mehr willens ist über ihren eigenen Körper zu bestimmen.
Unausweichlich erscheint nun der Anschluss an die Maschine, die letzte Station ihrer Krankheit.

Sobald den Leser der Sog dieses Buches einmal erfasst hat, gibt es kaum mehr ein Entrinnen. In ständig wechselnder Erzählperspektive offenbaren sich ihm Bilder, die, so eindrucksvoll geschildert, kaum mehr Freiraum für Interpretation zulassen. Viel eher wandelt  man in einem Delirium durch Tag- und Albträume und hie und da tut sich ein Loch in diesem finsteren Wolkengebilde auf, durch das ein wenig Licht sickert.
An diese Lichtstrahlen, versucht sich auch die Protagonisten zu klammern. „Durch das dunkle Wolkengebilde drang wieder die Sonne durch.“
Der Kontrast zwischen traumwandlerischer Gewagtheit der Bilder und Metaphern auf der einen Seite und der bitteren Realität auf der anderen Seite manifestiert sich im Gebrauch der Alltagssprache. Unvermittelt nennt die Ich-Erzählerin jene Gegenstände beim Namen, die sie nicht durch Bilder auferstehen lassen kann, wodurch das Abstrakte, Träumerische, Gefühlsbetonte teilweise verloren geht. Das Buch ist durchzogen von Anglizismen, wie beispielsweise Handy, Laptop, SMS, PC, und andere. Ob Sabine Gruber ihre Ich-Erzählerin diese abstrakten Konkreta bewusst verwenden lässt, um den Leser wieder auf die Oberfläche der Realität, des Alltags, zurückzuholen, sei dahingestellt. Dennoch wirken sie durch den übermäßigen Gebrauch zeitweise störend, obwohl sie sich in den Kontext des Romans nahtlos einbetten.
Störend wirken aber auch die dahinschwelenden Frauengespräche mit Erna, die – ähnlich einem Torffeuer – nicht richtig zum Ausbruch kommen, und in denen keine Entscheidungen getroffen werden und kein eindeutiges Urteil gefällt wird. Im Leser könnte dabei das Gefühl aufkommen, mehr in Erfahrung bringen zu wollen oder ein wenig zwischen den Zeilen zu lesen, sozusagen etwas in den und aus dem Roman hinein- bzw. heraus zu lesen, aber am Ende hat er alles Schwarz und Weiß – im sprichwörtlichen Sinne – vor sich. Diese Gespräche lassen nur wenig Identifikation mit der Heldin zu, und so stellt sich die Frage, ob es dieser Roman wirklich nötig hat, von zu großen Damenfüßen, unwichtigen Liebhabern und belanglosen Rendezvous zu erzählen.
Nicht minder paradox erscheint demnach aber auch der Umstand, dass das prekäre Spiel dieser Figur in eine derart ironisierende, stellenweise sogar humorvolle Sprache gebettet wird, die dem künstlerisch-intellektuellen Milieu, in dem sich die Ich-Erzählerin bewegt, nur allzu gerecht wird.
Vielleicht liegt gerade in dieser tiefsinnig-intelligenten und geschickt ausgeschmückten Ornamentik der Sprache der größte Reiz, der dieses Buch zu einem wahren Lese-Erlebnis werden lässt.

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