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Rezension von Gudrun Priester

 
 

Bettina Galvagni, Persona.
Roman.
München: Luchterhand, 2002.


Eigentlich müsste ich wohl sagen, dass Bettina Galvagni ein perfektes Buch geschrieben hat. Eigentlich sollte ich sagen, dass Persona ebensoviel Lob verdient wie Melancholia erhalten hat. Leider finde ich das aber nicht.
Dabei ist das Buch doch gut aufgebaut und in einer schönen Sprache erzählt. Ereignisse aus Loris Leben werden immer wieder nur angedeutet und machen Hoffnung auf eine spätere Lösung. Der Titel weist, wie sich zeigt, auf Loris seelischen Zustand hin, auf die dargestellte Rolle. Und nicht nur das, auch der Leitsatz des Buches von E. M. Cioran verbindet den Titel und Lori, die Person, um die sich das ganze Buch fast ausschließlich dreht.
In diesem Buch lässt die Autorin ihre Figur ein paar Mal sagen, dass sie nicht außerhalb eines Buches leben möchte. Wieder einmal der Versuch, eine Romanfigur reden zu lassen, als wäre sie nicht nur erdacht. Könnte man sagen. Aber hier, in diesem speziellen Fall, ist es nicht wie die Liebesromanfloskel „Oh, ich fühl mich wie in einem Roman“, oder die Krimifloskel „Solche Dinge geschehen normalerweise nur in Büchern“. Nein, Galvagni schafft es, diese Aussage so zu formulieren, dass sie einfach auf Lori passt. Eine Lori müsste wahrscheinlich das Gefühl haben, am besten in einem Buch aufzutreten, da sie dort nicht leben müsste, sondern alle Handlung einfach geschieht. Die Figur müsste nicht selbst handeln, da alles schon festgeschrieben wäre.
Bei näherer Betrachtung scheinen die vielen Vergleiche auch nicht mehr merkwürdig oder weit her geholt. Sie suchen sich nur Gegenstücke, die ihnen zu weit entfernt sind. Damit verfehlen sie die verstärkte Anschaulichkeit, die ein Vergleich normalerweise hat. Auch Lori sucht sich für ihre Bewunderung Frauen, die sie nicht erreichen kann. Damit nimmt sich Lori die Möglichkeit für einen ersten Schritt und ist wieder handlungsunfähig. Galvagni vergleicht Dinge miteinander, die wenig oder gar nichts gemein haben, und weist somit bereits auf der ersten Seite auf Loris zielloses Wesen hin.
Auch der Aufbau des Textes und die Art, wie der Roman endet, zeigen eine Weg-Losigkeit. All jene Dinge, die angedeutet, und, wie sich später zeigt, nicht aufgeklärt werden, zeigen Ziellosigkeit. Galvagni porträtiert Lori nicht nur durch den Inhalt, sondern auch durch die Sprache. Die Metaphern, die Vergleiche, die Sprachsymbolik, alles scheint durchdacht, alles in diesem Buch zeigt mir, wie Lori ist.
Trotzdem musste ich
 mich durch mehr als 180 Seiten Buch zwingen. Ich finde das Buch langweilig. Und das, obwohl es doch perfekt komponiert ist! Kann sein, dass es zu perfekt komponiert ist. Vielleicht ist das Problem, dass Lori überall ist. Lori, Lori und ihre Ziellosigkeit.
Die perfekte Komposition von Ziellosigkeit könnte bestimmt beklemmend sein, wenn ich dass Gefühl hätte, das Thema beträfe
 mich. Ich müsste lesen, um die Lösung zu erfahren und mich zu befreien. Lori aber ist mir zu fern. Natürlich finde ich bestimmte Ereignisse in der Erzählung traurig. Aber die Figur selbst und ihre Reaktionen kann ich nicht nachvollziehen. Ihre Erlebnisse machen mich für sie traurig und berühren mich nicht weiter.
Anfangs war ich wegen ihrer Energielosigkeit sogar kurz wütend, doch Lori wird einfach nicht aktiv. Nie. Am Ende war alles einfach zu fern, um mir ein stärkeres Gefühl abzuringen.
In Melancholia ist durch das Ich-Erzählen noch mehr Nähe zu spüren. Die Vergleiche scheinen humorvoller, und sogar ein Hauch von Selbstironie ist manchmal da. Diese Dinge fehlen in Persona.
Indem der Roman Lori widerspiegelt, treibt er nur dahin, zwar technisch geschickt, aber die Steigerung fehlt mir. Sogar die Hoffnung, die Andeutungen erklärt zu bekommen, löst sich am Ende in Nichts auf.
“Man kann alle Geheimnisse in einer Person erfinden.“ (E. M. Cioran). Vielleicht kann man das. Vielleicht aber ist Bettina Galvagni an dieser Aufgabe gescheitert. Diese Aufgabe erscheint mir einfach zu groß, zu monumental. Und wenn alles anhand einer Person ergründet werden soll, die kein Ziel hat, heißt das dann, dass es keine Geheimnisse gibt?

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