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Rezension von Dorit Häfele

 
 

Sabine Gruber, Die Zumutung.
Roman.
München: C.H.Beck, 2003.

Mit dem Tod leben

 

Marianne lebt. Sie wird sterben. Sie weiß, dass sie sterben wird und dass ihr Tod unaufhaltsam immer näher rückt.

Dieses Wissen um die Vergänglichkeit ist eigentlich jedem Menschen - mehr oder weniger - eigen. Nur, wer setzt sich wirklich mit dem Tod, mit dem eigenen Tod, auseinander? Leben wir nicht die meiste Zeit so, als ob es gar kein Ende für uns gäbe? Klar, andere Menschen sind krank, anderen Menschen passieren schreckliche Unfälle, andere Menschen sterben Tag für Tag. Und wir? Nein, uns passiert das nicht – irgendwann einmal, ja, aber das ist zu weit weg, als dass es sich lohnen würde, darüber nachzudenken...oder...? Sind wir nicht die allerbesten Verdränger, wenn es um dieses Thema geht?

 

Im Unterschied zu den meisten Menschen ist für Marianne, die Ich-Erzählerin im Roman Die Zumutung von Sabine Gruber, der Tod allerdings präsent. Marianne leidet an chronischem Nierenversagen. Um den Tod zu langsamerem Arbeiten zu animieren, verwickelt sie ihn in Gespräche. Solange sie mit ihm spricht, zeigt er Geduld und er arbeitet weniger schnell.

Mariannes detailgenaue Beschreibungen ihres eigenen Begräbnisses wirken zunächst makaber und schockierend; aber gerade erst durch ihre konkreten Vorstellungen von der Kiste, ihrem Sarg, erlangt sie die „Einsicht ins volle Leben“.

 

Mit Hilfe diverser Rückblenden erfahren wir die Lebensgeschichte Mariannes. Ihr Leben ist vor allem geprägt durch ihre Krankheit; Wasser, der Quell allen Lebens, verkörpert für Marianne den Tod. Tod und Wasser sind die beiden ständigen Begleiter in Mariannes Leben und begleiten uns die Erzählung hindurch. Ihre Krankheit beeinflusst auch ihren Umgang mit verschiedenen Männern, wie mit ihrem Freund Paul, der in Rom seinen jüdischen Vorfahren auf der Spur ist, ihrem Exfreund Leo, der nicht über die Vergangenheit reden möchte, Beppe, der Marianne zuhört, wenn sie über Vergangenes spricht, dem Fotografen Michael, der mit seiner Kamera  ihre Hand vor der medizinischen Behandlung festhält, mit Holztaler, der Menschen nur als potenzielles Material für neue Erzählungen ansieht und kein persönliches Interesse an ihnen findet, und mit den zahlreichen Männern, die ihrer Freundin Erna immer wieder das Herz brechen.

 

Zu Beginn ihres Werkes beschreibt Gruber Mariannes erste Begegnungen mit dem Tod in Form von Schürfwunden und Kratzern. Diese Beschreibungen finden eine Steigerung, indem wir von Freunden erfahren, die sie in recht jungen Jahren verliert, und gipfelt schlussendlich darin, dass man sich zusammen mit Marianne in der Kiste wiederfindet. Gruber hilft uns in die Rolle einer dem Tod Geweihten zu schlüpfen und mit ihr nach Leben zu dürsten.

 

Das Leiden der Protagonistin, ihr kranker Körper, das Wissen um den eigenen Tod und die Allgegenwärtigkeit des Todes mögen eine Zumutung sein – die Erzählung selbst ist es garantiert nicht. Grubers Art und Weise, das Leben ein Stückchen weit erfahrbar zu machen, und die Auseinandersetzung mit einem nur zu gern aus dem Leben verdrängten Thema machen diesen Roman zu einer Leseerfahrung, die es nicht zu verpassen gilt. In diesem Roman wird der Tod nicht verdrängt, sondern sogar so weit wie möglich ins Leben integriert. Trotz dieser Thematik läuft man bei Gruber nicht Gefahr trübsinnig gestimmt zu werden – im Gegenteil, sie verhilft einem sogar, neben einer Portion Nachdenklichkeit, auch zum Lachen – selbst über den Tod. Eine Krankengeschichte, die den Durst nach Leben fühlbar macht.

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