publizierte Zitate ab Jan. 2004
 

Aus: Raoul Schrott: Erste Erde Epos.
München: Hanser 2016, S. 17

Nachts auf der Terrasse fällt die Vorstellung leicht, dass die Erde sich aufwölbt und das Universum umschliesst, sich langsam um seinen dunklen Kern drehend, im primum mobile einer äussersten Sphäre, von der aus die Sterne und die Milchstrasse überschaubar wirken, während morgens die Hohlkugel der Erde über einen nunmehr glasig gewordenen Ball gleitet, an dem die Sonne haftet. Da ist kurz der Moment, an dem man vermeint, Kopf voran ins Innere zu stürzen, doch dann hält einen all das wechselseitig sich Bestimmende und ineinander Verlaufende, bei dem der Himmel in den Berg, der Wald in den Garten und die Worte in Sätze übergehen, um eine konvexe Krümmung zu bilden, die in allem rückbezüglich auf uns scheint. 

 


 

Aus: Virginia Woolf, Tagebucheintrag 13. Mai 1935

Brenner. Montag 13. Merkwürdig zu sehen, wie die Länder ineinander übergehen. Die Betten werden jetzt mit Schichten von Deckbetten gemacht. Keine Laken. Die Häuser werden österreichisch, würdevoll. Der Winter dauert in Innsbruck bis Juli. Kein Frühling. Italien konfrontiert einen mit einer blauen Schranke. (Virginia Woolf, Tagebucheintrag 13. Mai 1935)

 


 

Aus: Hans Salcher: Weißgekalkt. Prosa
Innsbruck: Skarabeus 2003, S. 38 

Tag ist es geworden. Die Sonne besteigt den Himmel, man spürt noch die Nacht. Auf der Wiese grasen weiße Schafe. Ein schwarzes ist dabei. An weißen Freunden mangelt es ihm nicht. Sie grasen friedlich zusammen. Das schwarze bringt ein buntes Bild in die Herde. Wir Menschen können uns dieses Bild ins Herz stellen.

 


 

Aus: Siljarosa Schletterer: W:ORTE, 1. Lyrikfestival in Innsbruck

...

ins innere der zeit: festgehalten von lyrischen stimmen-
die durch ihre worte sehen konnten, uns mitnahmen: für augenblicke
besser verstehen machten. ihr echo klingt immer noch nach-

...

 


 

Aus: Barbara Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht. dantes läuterungen reloaded. Gedichte.
Innsbruck: Haymon, 2014, S. 91

die sehnsucht nach gerechtigkeit:
ihren stachel zu spüren | ein licht
das wir quasi von wo mitbekommen
haben für: gut und böse | wie in der
biene der eifer des honigs in uns die
kraft: uns zu beachten und zu lassen |
aber wir: klären mit gewehren ob
es leichtfällt solche wesen zu sein
...

 


 

Aus: Gerhard Kofler: Das Universum der kostbaren Minuten / L‘ universo dei minuti preziosi. Band 1 der Trilogie Gedächtnis der Wellen / La memoria delle onde.
Innsbruck: Haymon 2014, S. 182/183. 

 

„cosa pensi
della nostalgia“
ora chiedo
all’olivo

lui con le radici
della lunga memoria
mi risponde

„riprova
a farla    
camminare
sulle onde
                                              
lÌ solo
capisci
che tutto va
e tutto torna“

„was denkst du
über die sehnsucht“
frage ich nun
den olivenbaum

er mit den wurzeln
des langen erinnerns
antwortet mir

„versuche wieder
sie auf den wellen
gehen zu lassen


nur dort
verstehst du
dass alles geht
und alles zurückkommt“

 


 

Aus: norbert c. kaser: Gedichte.
Innsbruck 1988, S. 47

ein stern tat sich mir schenken
in wuester wilder nacht
ein stern der tat mich lenken
hat mich zu drei-koenigen gemacht

gott hat sein aug verloren
in einem hochmoorsee
dort liegt es frischgeboren
zwischen flachs & schnee
ganz blau
in gelb & weiß

 


 

Aus: Lilly Sauter, Mondfinsternis. Ausgewählte Werke. Hg. Walther Methlagl, Karl Zieger, Verena Zankl, Christine Riccabona. Innsbruck: Haymon 2013

Kleine Meditation über das Mobile

Das Mobile dreht sich,
bewegt von unserm Gehen,
bewegt von unserm Atem,
bewegt von unsern Blicken,
die sich in ihm kreuzen,
bewegt von fremden Kräften,
von denen wir nichts wissen.
Es bewegt sich im Raum
und setzt den Raum in Bewegung,
es teilt ihn mit seinen Formen
und erfüllt ihn mit seiner Leere,
die zwischen den Formen
sich lautlos mit ihnen dreht.
Gebunden an sichtbare Fäden
und unsichtbare Gesetze,
dreht es sich schwebend
in der freien Harmonie der Begrenzung.
Es bildet Figuren,
die nirgendwo besser,
immer nur anders zu sehen sind,
heute nicht schöner als morgen.
Seine Zeit bewegt sich im Kreis,
sein Ziel ist die nächste Verwandlung.
Es spielt das Spiel einer neuen Heiterkeit
mit dem Zauber neuer Geheimnisse,
und eine neue Sprache des Raums
müßte die Worte erfinden:
das Mobile dreht sich.

 


 

Aus: Toni Kleinlercher, Die Obdachlosen lesen Nietzsche. Takes aus japanischen Tagen. Mit Kalligrafien von Murota Kosai.
Wien: Klever Verlag 2012 

Heute treffen sich die Sterne zu einem Tète-à-Tète. Tanabata! Das Fest der Liebe, der Himmelsprinzen. Oriheme und Hikoboshi dürfen sich in die Arme nehmen, heute dürfen sie sich küssen. Hat jeder einen Wunsch frei heute, schreibt man auf kleine Zettelchen und hängt diesen auf einen Zweig. Es ist ein rituelles Leben, das man führt in diesem Land. […] 

 


 

Aus: Renate Scrinzi, Und Emilio lächelt
Bozen: Edition Raetia 2011, S. 17

„Er kann sein Lächeln anknipsen, wenn ihn etwas überrascht. Spontane Freude zum Beispiel. Dann wieder knipst er es plötzlich und unerwartet aus. Die Welt hat keinen Anfang. Die Leute keine Ahnung. Da wird es dunkel und er selbst ist nicht mehr da. Nur wenn er lächelt, ist er da. Flüchtiger Moment des Glücks ohne fremde Zutaten.“

 


 

Aus: Kurt Lanthaler, Goldfishs reisen um die halbe Welt. Gedichte
Innsbruck-Wien: Haymon, 2012, S. 31

 
Goldfishs fafuenefswanzigste reise um die halbe welt

Goldfish hob den kopf und sah
dasz ueberwasser unterwetter war

Was soll ich, sagte goldfish, da
auf landgang, bittSie, krillbewahr

Da nieselts, regnets, gieszts in stroemen
es stuermt, es braust, es heult in allen toenen
und prasselt, trommelt, klopft und tropft
Furzt, ruelpst, stoeszt auf und rotzt und kropft
als ob kein morgen nicht, kein heute
in diesem cinecieloplex der kleinen leute

da bleib ich lieber untertaucht. und wart
dasz der weltuntergang verraucht 

 


 

Aus: Siegfried Höllrigl, Was weiß der Reiter vom Gehen. Zu Fuß an den Bosporus
Innsbruck: iup (edition laurin), 2011, S. 178

19. Juli, Montag

Die Hauptpost befindet sich in der General-Gurka-Straße. Ein Angestellter und ein Kunde weisen mir auf Deutsch den Weg zum Schalter für Poste Restante. Die Beamtin ist freundlich. Sie fragt mich, nachdem das Geschäftliche der Sprache wegen etwas mühsam erledigt ist, nach meinem Vornamen. Sie heißt Gloria. Die Fassade der Alexander-Nevski-Kathedrale, die auf einem Hügel steht, überrascht mich am meisten von der Südseite. Vor dem Portal an der Westseite sind alte Frauen den ganzen Tag bemüht, winzige Blumensträußchen zu verkaufen. Der in den Himmelsrichtungen zugängliche Platz rund um die Kirche ist gepflastert und frei von Fahrzeugen, ein Ort zum Verweilen, Atmen. Die Straße, die zum Haupteingang führt, sackt, von dort aus gesehen nach einer Geraden ab, auf der Händler Antiquitäten verkaufen. Ein silbernes Armband mit grünen Steinen hat’s mir angetan, vor Verkaufsschluss am Abend bin ich wieder hier. In der Kirche zünden die Leute Kerzen an, schlagen griechische Kreuze. Die Haltung der in die Andacht Vertieften hat etwas Leichtes, Ungezwungenes und doch Bestimmtes. Sie beten vor den brennenden Kerzen, gehen mit brennender Kerze zu Heiligenbildern, verbeugen sich, küssen die Heiligenbilder. Der Kustos löscht die heruntergebrannten Kerzen, räumt sie ab. Ich sitze im Seitenschiff längs der Mauer auf einer Bank, auf der heute Morgen eine Frauengestalt saß. Unbeweglich las sie in einem Buch. Ihr breiter Schal, der vom Scheitel über die Schultern fiel, verdeckte das Gesicht. Das blaue Tuch hat Piero della Francesca der Madonna von Senigallia umgelegt, das Blau der römischen Kaiserinnen. Wir sind eine Stunde vor. Alexander Nevski läutet den Tag aus. Lautes Gebimmel in rascher Folge, dann das Dröhnen einer größeren Glocke, das Ganze aufgeregt gesteigert bis zum unerbittlichen Ausklang mit Stundenschlag. Machen die Glocken sehen? Wie der Abendwind frech in die Haare und Röcke der nach Hause eilenden Mädchen und Frauen fährt. Rhythmus der Schritte im freien Rhythmus des Windes, Schauspiel, Magie, zugespitzte Gegenwart. Mir gelingen noch zwei Anrufe in der Moskovskastraße kurz vor dem sechsten Schlag. Morgen will ich mit der Eisenbahn ein Stück zurückfahren, um einen Berg zu besteigen, der mich auf dem Weg nach Sofia verrückt gemacht hat.

 


 

Aus: Maridl Innerhofer, Zukunftserinnerungen. Gedichte in Mundart und Hochsprache. Hg.: Ferrucio Delle Cave und Martin Hanni. Bozen: Raetia 2011, S. 79-80

Tartscher Bühel

Wieviel Geschichte
lebt unter meinen Füßen
auf dem Kirchhügel! 
 
Wie die Windwellen
mich über Gipfel tragen
ins Unendliche -
wenn sie sich glätten werden
falle ich als Sternschnuppe. 

 


 

Aus: Barbara Aschenwald, Leichten Herzens. Erzählungen
Innsbruck: Skarabaeus 2010, S. 84

Die Bäume ringsum blühen, die Blumen auf den Gräbern blühen auch. Es ist schön hier und warm. Wenn es immer so sein würde, möchte man sogar hier bleiben. Die Steinreihen stehen an den Kopfenden der Grasbetten, der letzten Gärten auf Erden, mit Gedichten darauf und weinenden kleinen Engeln.

 


 

Aus: Elfriede Kehrer, schärfe die schatten. Gedichte
Innsbruck: Skarabaues 2010

ein fenster blüht im schneefall
winterbirke / mein gedanke klettert an dir (S. 70 u. 71)

 


 

Aus: Roman Santeler, Landecker Hefte
Bozen: Edition Raetia, 2010

Drei Wünsche

Alles,
was du brauchst
zum Glücklichsein

ich habe es aufgeschrieben
und das Kuvert beschwert
mit einer blauen Mauritius

dir sei's anvertraut

 


 

Aus: Waltraud Mittich, Topographien.Topografie. Essay
Bozen: Raetia 2009

Über das Warten auf Kaliningrad, das ein lebenslanges Warten war, auf nichts Bestimmtes, möglicherweise ein ganz und gar sinnloses Warten auf eine Bestimmung, die es nicht gab, nicht geben konnte und Kaliningrad war nur das Wort dafür. Keine Stadt, sondern ein Zustand.

 


 

Aus: Norbert Lantschner, Wie atmet Liebe    
Bozen: Raetia 2009

Vielleicht ist die eingerollte Katze in der warmen Abendsonne eine unbemerkte Liebe. / Vielleicht ist das fallende Rosenblatt ein / lautloses Umblättern im Buch der Fragen. / Vielleicht ist mein Suchen nach Worten ein Versuch, nach dem Licht im Nebel zu greifen. / Vielleicht ist mein Denken ein verlorener / Faden. Meine Augen ein geliehenes Fenster? / Die Hoffnung, vielleicht, ein gelber Krokus, / nass vom Reif einer fremden Nacht. / Vielleicht gibt es kein vielleicht, so wie es  / kein Verstecken gibt.

 


 

Aus: Sonja Steger, keine details   
Innsbruck: Skarabäus Verlag, 2009

wo der feste boden
unter den worten
heimatloser egoist
du hast hier nichts verloren

zum teufel gejagt
vom hoteladel

dir fehlt
die sucht nach den teuren dingen
die kraft zur dauerheuchelei
die gier nach dem höchsten kran im ort

zum teufel gejagt
von der kulturschickeria

dir fehlt
die sucht nach den förderstipendien
die kraft zur speichelleckerei
die gier nach dem gut verkaufbaren

na geh schon balancieren
auf dem hochsitz heimisch werden
bau dir ein haus aus traumhaar
seiltänzer du

 


 

Aus: Heinz Gappmayr, auswahl. Mit einem Nachwort von Markus Klammer. Wien und Bozen: Folio Verlag 2009

 

 


 

Aus: Anna Maria Leitgeb, Der Boden unter den Füßen. Roman
Bozen: Edition Raetia, 2009, S. 8f

Die Frauen- und ein paar brummende Männerstimmen psalmodierten "JetztundinderStundeunseres ...", aber der Vater fiel ihnen schon mit dem nächsten GegrüßetseistduMaria ins Wort, schnitt ihnen das AbsterbensAmen ab.

"Das macht er immer, der Vater, der lässt uns nie ausreden", dachte Moidi.

Aber der Schwienbacher war eine Maschine, die schneidet und drischt, und der Führer hatte sie allesamt verraten, Teufel noch einmal. "Verkauft an die Walschen. Nicht einmal die Vorhänge hatte der Schuft aufgezogen, als er im Zug durchs Land gefahren war. Wollte seine Visage nicht herzeigen. Die Spruchbänder auf den Bahnhöfen nicht sehen. Der feige Hund! Jetzt sollte unsereiner frisch alles liegen und stehen lassen und nach Galizien auswandern!", so kam der Vater nicht umhin zu denken. Ja, mit dem Beten hatte es heute nicht das Richtige auf sich.

 


 

Aus: Maria E. Brunner, Indien. Ein Geruch
Wien, Bozen: Folio 2009, S. 10

Am Morgen um sieben ist die Hitze schon da. Sie fließt vor dem Flughafengebäude über den gestampften Lehmboden, wo sich die Taxifahrer um die wenigen Kunden streiten. Der Weg zu Fuß über den kleinen Flughafen. Zuerst rechts und links Steppe, dann ein paar Flecken englischer Rasen.
     Drei Mönche, in orangefarbene Tücher gehüllt, werden am Flughafen von einer großen Schar von Anhängern mit Demutsbezeugungen empfangen. Die drei lächelnden Eunuchen falten die Hände und verbeugen sich vor der klatschenden Menge. Vor dem Schalter für Pre-paid-Taxis reiht sich eine gewaltige Schlange. Niemand protestiert, wenn man sich nach vorne drängt. In Indien hat man viel Zeit.
     Auf dem Platz vor dem Flughafen hupen und drängeln sich plötzlich alle Taxis. Sie fahren langsam los und bilden einen Konvoi hinter der Delegation der Mönche. Die Jünger applaudieren und schwenken Schilder mit der Aufschrift „We miss you!“.

 


 

Aus: Karl Lubomirski, Palinuro 
Hall: Berenkamp 2008. (Reihe Erlesen, Band 16, S. 70)

Monterone

Es ist etwas Fernes
in diesen Häusern,
in ihrer grauen Sprache,
ihren Kanten,
ihren körnigen Wänden,
die der Wind scheuer berührt.
Liebe weiß hier
mehr von Schwere
als von Zärtlichkeit.

 


 

Aus: Christoph W. Bauer, Graubart Boulevard 
Innsbruck: Haymon Verlag, 2008, S. 73

Die Museumstraße entlang und immer tiefer hinein in die Geschichte einer Familie, von der ich zunächst nichts anderes wusste als das Datum der Ermordung Richard Graubarts. In den vergangenen drei Jahren war diese Straße breiter geworden, geweitet von Material, von Erzählungen und persönlichen Gesprächen, von jeder Menge Andeutungen auch. Freilich, ich bemerkte recht bald, ich bewegte mich im Kreis, gelangte zurück an den Anfang und fand mich wieder vor dem Geschäft, das Simon Graubart im Jahr 1888 gegründet hatte. In guten Momenten glaubte ich darin etwas Symbolisches zu erkennen und einen Ring zu sehen, der sich um die Stadt legte, um sie an ihre Vergangenheit zu gemahnen. Allmählich jedoch wurde mir klar, dass ich es mir zu einfach machte, indem ich die Geschichte der Familie auf ein Ereignis reduzierte und auf die Frage nach dem Mörder von Richard Graubart.
   Es sollte lange dauern, bis ich den Mut fand, mich an die Nachkommen zu wenden, meine Sorge, auf Ablehnung zu stoßen, war groß. Warum sollte man sich mir öffnen? Den Graubarts wurde alles genommen, und nun kam ich und verlangte nach ihrer Geschichte.

 


 

Aus: Otto Licha, Geiger
Hohenems: Limbus 2008, S. 175

David blickte in den Hof hinunter.
„Hau ab!“, hörte er Leopold Dubsky, als die SS-ler die Wohnung stürmten. David sah ihre Gesichter
„Soll ich wirklich? Ich bin doch auch ein Schwein.“
David dachte an Luise Dubsky.
„Fritz, verzeih! Die Zeit heilt alle Wunden. Simon hat mir von deinem Abschied erzählt. Ich denke, je länger man lebt, desto schrecklicher wird alles. Nichts heilt die Zeit. Sie macht alles schlimmer.“

 


 

Aus: Lisa Mayer, funke zinte zepf åhschneide.  
Salzburg: Edition Eizenbergerhof 2008, S. 97

bein eachschte froscht
  
wiê wårme bettstuar
liege d weachtar bei miar
d uefåchschte
gleimer

----
beim ersten frost

bettstuar: steine im bett zum wärmen
weachtar: wörter
d uefåchschte: die einfachsten
gleimer: näher


 

Aus: Anna Stecher, Aus der Flügelstadt. Erzählung
Bozen: Raetia 2008, 283 S.

Vom Fliegen 

Nichts ist schöner heißt es
als in zehntausend Metern Höhe
höher als alle Elstern
und alle Wolken
dahinzugleiten
in seiner eigenen Zeit
sechs Stunden früher
oder später
wen kümmert’s
dass die Zeit mitfliegt
eine leise Begleiterin
und doch schleicht sie dahin
dass drei Jahre vorbei sind
im Flug. (S. 213)

 


 

Aus: Konstantin Kaiser, Ausgewählte Gedichte, S. 42
Wien: Podium Porträt 31, 2007

MUND, der Gedichte philosophiert,
sitzt nicht genau im Gesicht,
nicht richtig im Leben, schwimmt
auf nicht mehr taufrischen Zügen.
Ein Mund unterwegs, er sucht
sich einen Platz gegenüber.
Satt vor Erinnern wird, wer
ihm Platz gibt, und weiß nicht woran.
Nicht genau, nicht mehr, nicht:
Zwei Hörnchen hat der Mund.

 


 

Aus: Hans Salcher, Vater. Erzählung
Innsbruck: Skarabaeus, 2007

An einem Sonntag betrachteten wir gemeinsam die spitzen, hohen Berge, die sich vor uns erhoben, und ich fragte den Vater, ob er mit mir auf so einen Berg steigen würde.
„Nein", sagte der Vater.
Ich hatte das erwartet und fragte ihn nicht noch einmal. Schon einmal hatte er mir die Bergseile gezeigt, mit denen die Bergsteiger hinaufgingen und nie mehr zurückkamen.
Unser Weg führte ins Tal.

 


 

Aus: Josef Oberhollenzer, Großmuttermorgenland 
Eine Erzählung aus den Bergen
Wien, Bozen: Folio 2007

Wenn die erde hinter den bergen doch rund sei, vielleicht, wie seine großmutter, so erinnere er sich, immer gesagt habe morgen für morgen, wenn sie, nachdem sie (das lange dünne, wunderbar weiße haar noch offen) aus dem bett gestiegen sei, das fenster geöffnet habe zum tauern hinauf, so müsse das tal doch, habe er immer gedacht, ein vollkommen anderes sein; vollkommen anders als die welt rundum, die von gott, dem schöpfer, so vollkommen erschaffene. Und alles vollkommene, habe er nun gedacht, müsse folglich gottgewollt immer das teil und sein gegenteil sein und also etwa stier und kuh oder mutter (hutmutter, nutmutter, kronenmutter) und schraubenbolzen, geiß und Geißbock.

 


 

Aus: Helene Flöss, Der Hungermaler. Erzählung.
Innsbruck: Haymon 2007

"Sie sucht in ihrem Handwerk Zuflucht. Hinter ihrem Webstuhl. Der einzige sichere Ort für eine, die Zuflucht nötig hat. Das Sausen der Spindel. Das Auf und Ab der Schäfte. Das Anschlagen des Weberkammes. Vertraute Geräusche.
Die immergleichen Bewegungen der Hände, der Füße. Absichtslos. Wie Gehen.
Wie Schwimmen. Tausende Male wiederholt. Unnachgiebig, unermüdlich.
Eigenschaften von Frauen. Arachnes. Athenes. Penelopes.
Ihr uraltes Handwerk.
Sie macht Muster. Ornamente. Abstraktes Spiel mit Formen.
Es stand am Beginn der Kunst.
Sie macht Bilder. Bilder nach Auftrag. Für eine Gelegenheit. Bilder für einen Zweck. Schöne Dinge für Menschen, die danach verlangen." (S. 11)

 


 

Aus: Oswald Egger, nihilum album. Gedichte & Lieder.
Frankfurt a. Main: Suhrkamp 2007

In Reisige geraufte, wie
Rupfpfoten getüpfelte
Kupferschilf-Kolben
im Kladderbausch.

Ein wie ein
Windrad sich
drehender
Spatz tanzt in der Stube.

Die unter Dielen
lebende Wachtel
laß sie – Krumen
und Beeren.

 


 

Aus: Sabine Gruber, Über Nacht. Roman.
München: C. H. Beck 2007

Nichts schob sich zwischen den Himmel und das abgeschabte Skelett, nur ein paar ausgetrocknete Büsche am Horizont. Der Wind wehte und trieb die feinen Staubpartikel über den Körper. Trockenheit modellierte Bruchlinien, Abschuppungen und Spalten in den Boden. Der aufgewirbelte Sand sammelte sich, ließ Dünen entstehen, wachsen und wandern, bis sich die Wellen und Flächen wieder im Sturm verloren. Die Sandkörner drangen wie Nadelstiche in die Haut.

     Irma kratzte sich, wälzte sich, rollte über Schotterfelder ohne Schattenschutz. Da waren nur welke Sträucher, einzelne Halme in Mulden, wie Kanülen in den Beugen stehengelassen. Die Luft vibrierte, keine Wolken. Irma tastete über die Kratzspuren, die Verkrustungen und Faltungen – ein Klingeln.

     Sie setzte sich auf, schüttelte sich, fiel zurück ins Bett und griff nach dem Schalter.

 


 

Aus: Nina Schröder (Hg.). weißt du was schneeist / frisch gefallener?
Weihnachstsgeschichten von Südtiroler Autorinnen und Autoren.
Bozen: Edition Raetia 2004 

"Im Schneetreiben / stand dein Gesicht 

am Fenster 

das Auge blank / vor Flocken" 

(Sepp Mall)

 


 

Aus: Maria Koch und Annemarie Regensburger. Tiroler Adventkalenderbuch.
Heitere und besinnliche Gedichte und Geschichten zur Advent- und Weihnachtszeit.
Nidderau: M. Naumann 2006

"Wartn
bangen
hoffn
ob er kimpt
bis sie kimpt
wieder kimpt
s leschte Mal
kimpt 
und
nimme geaht" 
(A. Regensburger)

 


 

Aus: Jakob Philipp Fallmerayer, Hagion-Oros oder der heilige Berg Athos.
Mit einem Nachwort von Ellen Hastaba, Zeichnungen von Paul Flora, Fotos von Wolfgang Pfaundler und Audio-CD (Gert Westphal).
Bozen: Edition Raetia 2002

Reitet man von der Hafenbucht herauf, die prächtige Abtei Xeropotamo vorüber, durch romantisches Waldgeschlinge zum Höhenkamm, trifft man mitten im Dunkelschatten des Laubwaldes, rechts am Pfade, eine grüne Alpenwiese mit Zaunwerk künstlich eingefriedigt, Sennhütte und Hürde neben Brünnlein und Bächen; es ist Mittagsgluth, die schweigenden Lüfte, das Bienengesumme, der Wanderer sitzt am Born, Kastanienlaub und Alpenflor schwanken im Wasserspiegel,

 

Quae simul aspexit liquefacta rursus in unda,
Non tulit ulterius,

"wie der Morgenthau in der Sonne, so schmilzt ihm die Seele in der Brust." Wie jener Emir in Alhambra können wir Alle, selbst der Größte und Glücklichste, die Tage wahrer Seligkeit und innigen Entzückens aus unserem Leben ohne Mühe zusammenzählen. Ich werde einen Septemberabend in den Engthälern des kolchischen Amarantengebirges und die Mittagsrast am Wiesenplan oder Xeropotamo nie vergessen. Wie unbegreiflich, wie preislos und verächtlich doch in solchen Momenten all unser Mühen und Streben erscheint! Der Mensch ist aber nicht zu stillem Genuß, er ist zum Kampf geboren; schweigend eilt er am offenen Thor der Seligkeit vorüber und sucht sich neuen Gram."

 


 

Aus: Susanne Schaber, Herr Hofer und sein Hosenträger. Tiroler Gratwanderungen.
Wien: Picus 2006

„Haben nicht jene, deren Weg immer wieder auf steinerne Hindernisse trifft, schneller und nachhaltiger lernen müssen, über die eigene Nasenspitze hinauszuschauen? Nach vorn, und dann, wenn sie an Grenzen stoßen, dem Gestein entlang nach oben, wo’s nur mehr Blau wird. Und vielleicht ist gerade dort der Horizont weiter als anderswo.“

 


 

Aus: Josef Pedarnig, Flusslandschaft.
Wien: Uranus 2005

"Ist aber der Himmel wolkenbedeckt, dann ist die Dunkelheit über dem Wasser vollkommen, jeder Schritt ein Wagnis in meiner sonst so bekannten Welt. Das Wasser scheint eher in die Tiefe des Flußbettes zu stürzen als flußabwärts zu rinnen. Ich flüchte zu meinem halb im Sande vergrabenen Baumstamm, den ich umklammern, an dessen Holz ich meine Wangen drücken kann, in dessen tiefen Klüften ich noch einen Schimmer des vergangenen Tages zu finden hoffe. Auf ihm sitzend verliere ich die Angst, der Boden könnte mich verschlingen.

Von ihm aus wird die Antwort auf die Frage, warum ich mich der völligen Finsternis aussetze, zu einer Geste des Triumphes. Trotzdem habe ich keinen Grund zum Prahlen, denn solche Nächte am Fluß werden immer Übungsstücke bleiben, über die es wenig zu erzählen gibt."

 


 

Aus: Birgit Unterholzner, Die Blechbüchse.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabæus 2006, 155 Seiten

Dialoge in Prag

"Bevor sie die Reise antraten, sagten sie, Ohne Risiko fahren wir nicht. Sie sagten es beide und sahen sich dabei lange in die Augen.

   Es war wichtig zu fahren, soviel spürten sie und es würde ein Wagnis werden. Als handle es sich um ein Experiment, von dem die Frauen nicht wussten, wie es enden würde.

 

Es ist noch früh am Vormittag. Therese und Franka sind auf dem Trödelmarkt in der Krakovská. Sie schlendern durch ein Labyrinth von Truhen, Porzellan, Öllampen, Grammofonen und Schallplatten.

   Ein Maler hockt auf einem Schemel und skizziert mit Kohle das Porträt einer Unbekannten. Die Gesichter ehemaliger Modelle lachen aus Klarsichtfolien von seiner Staffelei. Sie sind ausnahmslos amerikanische Vollblut-Beautys. Vom Winde verweht.

   Feiste Hausfrauen stehen bei den Marktständen. Sie verkaufen Pappvögel, Rechenschieber, Drahtpuppen in Stofffetzen, Rasselnüsse und handbemalte Ostereier. Hinter Aquarellen, hinter Billigpostern lehnen tschechische Familienväter und warten auf mit Ansichten und Kitsch der Goldenen Stadt.

   Glas und Mundgeblasenes reihen sich dicht an dicht. Therese zieht die zerbrechliche Orchidee aus einer Kupfervase. Sie steckt ihre Nase hinein und denkt, blau, blauer als blau, überrascht schaut sie in die Klarheit der Glasblüte. Diese Farbe kann es nur in Prag geben. Prag ist anders. Prag ist schön. Vielleicht ein wenig traurig und sie kann nicht sagen warum."

 


 

Aus: Renate Skrinzi, Vita Minima.
Erzählung.
Bozen: Raetia, 2005, S. 70

"Ein Glück steigt in sie hinein und breitet sich dort aus. Hüllt sie ein. Und immer mehr noch kommt von dem Glück zu Luise. Bis sie meint noch nie so viel an Glück verspürt zu haben. Ein friedvolles Glück ohne Herzrasen und ohne Feuerwerk. Bis sie dann gar nichts meint. Nur mehr ist: ein großes sanftes Glück ohne Höhen und Tiefen."

 


 

Aus: Elfriede Kehrer, lichtschur.
Innsbruck: Skarabaeus, 2005

"leichtigkeit im herbst

wenn blätter aufwärtsfließen

schönheit Ikarus"

 


 

Aus: Heinz D. Heisl, Wohin ich schon immer einmal wollte.
Innsbruck-Wien: Haymon-Verlag, 2005

Kopfbahnhof

 

"»Ins Land der Stille, einfach«, sagte ich zu dem Schalterbeamten. »Ins Land der Stille ... Einfach ...« Und der Schalterbeamte zuckte zurück. Ja. Genau. Sie wissen schon. Sie kennen diese Geste, wenn jemand den Kopf zurückzieht und die Schultern anhebt, den Kopf zwischen die Schultern drückt, und sein Hals kürzer wird und also in die Breite geht. Der Schalterbeamte verharrte einige Sekunden reglos in genau dieser Stellung. Und bewegte sich wieder. Der Kopf ruckte nach vor. Das ausgeprägte Unterkiefer wirkte noch ausgeprägter und die Person dadurch noch energischer. Ich sah ihn an. Und schaute zugleich auch mein Gesicht und meinen Oberkörper an; ich spiegelte mich in der Trennscheibe. Sein Mund, seine Lippen, seine Nase, seine Augen befanden sich auf derselben Höhe wie mein Mund und meine Lippen und also meine Nase und meine Augen. Der Mund des Schalterbeamten kam in Bewegung; während meiner stillstand. Das Wort Wohin? stürzte aus den kleinen, runden, kaum auszumachenden, links und rechts in die Trennscheibenumrandung eingebauten Lautsprechern. Und eben in diesem Augenblick dachte ich, daß sich am Ende meines Gehörgangs ein Bahnsteig befände. Ein Gehörbahnsteig, auf dem ein Zug wartet, in den nur Wörter einsteigen."

 


 

Aus: Magdalena Kauz, wortgestöber.
Innsbruck: Skarabaeus, 2005. 125 S.

grenzgängerin 


"im zug
rückwärts
über die grenze
von zuhause weg
nach hause

jedenfalls
frühling

und der säntis
als angelpunkt
und mitte
zwischen
zwei Birnbäumen"

 


 

Aus: Raoul Schrott: Triumph der Ewigkeit II. In: Weissbuch.
München: Hanser, 2004, S. 103

L'Infinito II

"daß die küste sich über alles hier erhebt

brachte mir dieses haus inmitten seiner hecken nahe

und den horizont um seine endgültigkeit

im gras der kuppe verlor jeder gedanke

sich im unermeßlichen der weite

jenseits dieser hügel - ihrer uhrzeitlichen resignation

und der stille die auf den felsen liegt

abseits menschlicher möglichkeiten

für eine weile fand etwas in mir zu ruhe

und wenn wind aufkam und an den bäumen riß

war da nur schweigen es den stimmen anzugleichen

unaufhörlich teilnahmslos wie jahreszeiten

die erst in reichweite der hand lebendig werden

die wahl einzig alles hinter sich zu lassen

auf einem weg hinunter zu einem meer

das an seinen ufern noch jeden schiffbruch litt"

 


 

Aus: Oswald Egger: Prosa, Proserpina, Prosa.
Frankfurt: Suhrkamp 2004 

"Gut ist es, vertraut und Zeit, in Trunkmut rasend zu verharrren. Kriechstauden, die verkieselten, Kronblattschatten als ob Sträuchborsten.

Fegwolken, die vorüberstiebenden, Brachböden, worauf Äpfel rollen.

Golander-Watwassertropfen-Spritzer, Traumel’terten untumult in Bildern. 

 

Den Monat in den Gruben der Vergnügen und in Angelblüten: Bienen. Windstill – zwischen Kram-Ramsch-Maschen aasen diese Trübsel gedrippt, und Blässen kommen, Krokusse Mittelteint-Blüten Sprießeln, die erröten (zeitlos). Ein éventail schimmerte Kornähren, der andere Kornblumen. Andere tun Buchsfarben, Rostspinnen umklackt und haben kleine (weiße) Knöspeln. Wo alles Grabwespe weidet, treideln unschur überrankte und Gespinstlitzen zwischen Rogelgängen entzwei."

 


 

Aus: Günther Loewit, Kosinsky und die Unsterblichkeit.
Eine Recherche. Roman.
Innsbruck: Skarabaeus 2004 

"Vorsichtig wagte er sich näher an den Holzweg heran. Kosinsky war sich sicher, dass jetzt jedes Fahrzeug schon von weitem an seinen Scheinwerfern zu erkennen sein müsste. Aber er mahnte sich noch einmal zur Vorsicht. Vor allem fürchtete er die Fahrräder der Denunzianten und Spitzel, die erst im letzten Augenblick am leisen Knirschen des Schotters unter den Reifen erkennbar wurden. Schon öfter, wenn sie ihn in der Nähe des Sommerhauses im Mittelgebirge vermutet hatten, benutzten sie diese schwarzen Räder bei ihren scheinbar zwecklosen Fahrten.
   Im Wald war er sicher. Dort konnte er die Motoren der Automobile schon Minuten vor ihrem Erscheinen orten. Nur noch ein schmaler, dunkel silberner Streifen am Himmel, weit im Westen über den Bergrücken, deutete den vergangenen Tag an. Wenn sich die Wipfel der Tannen im abendlichen Wind über ihm zusammenschoben, war es finstere Nacht.

   Aber auch wenn er sich einredete, dass er von nun an selbst die Räder rechtzeitig erkennen würde, um sich noch einmal in die Dunkelheit des Waldes zu retten, keimte doch wieder dieses bange Erwarten in ihm. Die Angst, dass etwas Unvorhergesehenes seine Heimkehr für heute verhindern, für immer unmöglich machen könnte.

   Den ganzen Tag im Wald ertrug er nur in der Hoffnung, seinen Sohn am Abend in die Arme nehmen zu können. Wenigstens in diesen wenigen Stunden wollte er ihm eine Ahnung von Geborgenheit geben. Die Unsicherheit, mit der er selbst aufgewachsen war, wollte Kosinsky von seinem Sohn..." 

 


 

Aus: Joseph Zoderer, Wir gingen.
Erzählung.

Bozen: Edition Raetia, 2004 

"Ich habe zu spät zu fragen angefangen, ich habe nicht mehr viel erfahren können; als ich zu fragen anfing, lebten sie alle nicht mehr, die ich hätte fragen wollen. Ich konnte nur mehr meinen Bruder fragen, meinen Bruder als vage Wissenden, ich als einer, der bis dahin nichts von seiner Vergangenheit und seinem Herkommen hatte wissen wollen. Ich habe gefragt und mir erzählen lassen, denn nur weniges, Unwichtiges, war mir selbst im Gedächtnis geblieben aus Meran: aufgeschichtete Holzscheite an der Hausmauer, ein Brunnentrog, wo ich meiner Mutter und meiner ältesten Schwester beim Wäschewaschen zuschaute, die Finsternis des Hausganges, von wo ich einmal in der Nacht Schreie hörte…"

 


 

Aus: Luis Stefan Stecher.
In: Der blaue Pavillon.
Kinderbilderreime.

Wien, Bozen: Folio, 2004
  

"Ich bin die Flocke FINTERWALLEN,
darf Jahr für Jahr im Winter fallen,
fall über Nacht ganz still und leis
und mal den schwarzen Wald schneeweiß."

 


 

Aus: Sepp Mall, Wundränder.
Roman.
Innsbruck: Haymon, 2004

"»Sein Vater habe sich in Luft aufgelöst, sagte der Junge, von einem Tag auf den anderen.« 

Eines Morgens, als er, schlaftrunken noch, nach unten kam, war es eben passiert. Die Schranktüren in der Küche standen weit aufgerissen, die Schubladen lagen auf dem Fußboden verstreut, und mitten im Durcheinander kniete seine Mutter. Er wird gleich wiederkommen, war das Erste, was sie sagte.“

 


 

Aus einem Gedicht von Marie Luise Habicher: Herzauswärts. Die Stummheit der Sprache.
Landeck: Eye, 2004. Band 1 der Reihe „Neue österreichische Lyrik“ herausgegeben von Gerald Kurdoglu Nitsche.

„Dann im Süden

will ich mich

unter die Zypresse legen

und im hohen Gras ringsum

werden die Zikaden singen.“

 


 

Aus: Die Schwarze Witwe.
In: Hans Augustin, Fayum und andere Erzählungen.
Innsbruck: Skarabeus, 2004

„Ein paar von der Hitze verzehrte Blätter liegen am Platz, wo sonst die Busse stehen. Es ist nur eine Erinnerung. Im voraus. Ich überlege nur, was ich nachher wahrscheinlich nicht mehr zu denken imstande bin, denn dann werde ich tot sein. Jedenfalls in einem anderen Zustand.

Nichts wird darauf hindeuten, daß ich hier war.“

 


 

Aus: Dietmar Eder, Stadtrundfahrt.
Stuttgart: Klett-Cotta, 2004

„Der Weg von meinem Hotel zur Kanzlei war ein kurzer, ich nutzte die Zeit, um die Straßen mit Bildern aus meiner Jugend zu vergleichen. Ich ging in dieser Stadt zur Schule, acht lange Jahre, ich kannte jeden Winkel. Die Stadt hatte sich bewegt in den vergangenen Jahren, ich erkannte nur wenige Fixpunkte wieder. Den meisten Lokalen verpaßten eifrige Wirte neue Namen, das Trachtengeschäft, in dem Mutter ihre geschmacklosen Schürzen kaufte, mußte einer amerikanischen Kindermodenkette weichen.“

 


 

Aus: Sabine Gruber, Die Zumutung.
München: C. H. Beck, 2003

„Diese Bilder habe ich mir nicht ausgedacht. Irgendwann stand die Holzkiste vor mir und war nicht mehr wegzudenken; ganz gleich, wohin ich mich drehte oder wendete, ob ich mich neben, vor oder hinter sie stellte: Sie blieb in meinen Augenwinkeln. Und wenn ich – selten genug – auf sie draufsprang, so war mir klar, daß zwar die Kiste aus meinen Augen verschwunden war, aber daß ich diesen einzigartigen Ausblick, diese Einsicht ins volle Leben, ihrer ständig spürbaren Existenz verdankte.“

 


 

Aus: Martin Pichler, Fliegenbinden.
In: Sepp Mall (Hg.), Aus der Neuen Welt.
Erzählungen von jungen Autorinnen und Autoren aus Südtirol.
Innsbruck: Skarabeus, 2003

„Wieder hält die Zeit still. Dann dreht sie sich plötzlich, wie der Wind, der seine Richtung ändert und in ungewisse Gegenden fährt. Die Zeit ist ein Schatten, der dahintreibt über flache Felder, weite Räume und ebene Landschaften.“

 


 

Aus: Hans Aschenwald, Wurzelfieber.
Gedichte.
Berlin: Wagenbach, 2003
 

„Wieviel mehr soll es denn brauchen? 

Unser Leben mit der Zeit 

Wenn die Sätze faul werden 

Weil wir sie nicht umgekehrt haben
Wie das Gras auf deiner Alm.“

 


 

Aus: Armin Gatterer, Augenhöhen.
Bozen: Edition Raetia 2003

„Erzählen als Auflösung von Verhärtung, als Aneignung von Fremdem, als Strategie des Versöhnens.“ 

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