Editorial

Zoom

Zeitblende

Weitwinkel

Literatur im Lichthof - Zeitblende



Schreiben, ein Leben lang - Jutta Höpfel erzählt

Aufzeichnungen aus dem Gespräch zwischen Anna Rottensteiner und Jutta Höpfel am 17. Dezember 2013. Transkription: Anna Rottensteiner

 
Eine Berlinerin in Innsbruck

Jutta Höpfel, 1985Meine Mutter, meine zwei Schwestern und ich sind in Berlin geboren und aufgewachsen. Mein Vater war gebürtiger Wiener und sein Bestreben war, gegen Ende des Krieges die Familie in Österreich zu versammeln. Unsere Familie war halb jüdisch väterlicherseits und unter den Nazis Verfolgungen ausgesetzt. Vater hat sein Unternehmen – er war Binnenschiffsreeder – auch deshalb verloren. Seine Schiffe transportierten Kohle aus den schlesischen Kohleöfen an die Ostseehäfen, nach Stettin. Die Linie ging durch den so genannten „polnischen Korridor“, und mehrmals wurde ihm politisch zugesetzt, Zwischenfälle zu provozieren, damit der deutsche Überfall auf Polen legitimiert werden konnte. Er weigerte sich und war dann Schikanen ausgesetzt, bis er seine Reederei verlor. Seine Schiffe wurden in den „Hermann Göring Konzern“ eingegliedert; nach dem Krieg hat es keine Entschädigung gegeben, weil die Schiffe nach Osten gebracht wurden und demzufolge nach Kriegsende nicht auf deutschem Staatsgebiet waren.

Jutta Höpfel, 1946Gegen Kriegsende also wollte Vater in seiner Heimat sein. Er hatte eine Schwester in Innsbruck, die Tante Ida Skuhra, deren Mann bis 1938 Intendant des damaligen Stadttheaters in Innsbruck gewesen und 1938 gefeuert worden war. Sie betrieben daraufhin in der Innstraße 5, dem heutigen Metropol, die Pension Skuhra. Vater dachte, da könnte die Familie doch in der Pension der Schwester unterkommen. Nun, mit Verwandten soll man nie rechnen … es ging nicht, aus welchen Gründen weiß ich nicht. Also hat sich meine Mutter vorläufig mit meiner jüngsten Schwester, die noch ein kleines Mädchen von 3 Jahren war, in Igls im damaligen Golfhotel Igls einquartiert. Das war etwas kühn, denn in diesem Hotel waren vor allem Frauen von Nazibonzen untergebracht. Das war 1944. Auf ihren Spaziergängen zwischen Igls und Patsch hat Mutter eine Dame kennengelernt, eine Deutsche, die unbedingt zu ihrer Familie nach Detmold wollte. Sie wollte jedoch ihre Wohnung nicht im Stich lassen, suchte jemand Zuverlässigen, der in ihre Wohnung gehen würde. Und Mutter hat etwas gesucht, wo sie vielleicht unterkommen könnte. Eine wunderbare Fügung des Schicksals war das, dass wir die Wohnung von jenen Leuten übernehmen konnten, in der Ingenieur-Etzel-Straße 43.

Dann ist mein Vater eines Sonntags im Jänner 1945 im „Pensionat Kaiser“ in Wien, wo ich seit einigen Jahren war, aufgetaucht. Wir saßen gerade im Salon, ich habe wohl Klavier gespielt, wir hatten es ganz gemütlich. Du musst sofort Koffer packen, sagte er zu mir, heute geht der letzte durchgehende Zug nach Innsbruck. Von wegen durchgehender Zug! Am Westbahnhof war es völlig chaotisch, wahnsinnig viel Menschen, endlich fuhr der Zug los, dann kam Fliegeralarm unterwegs, wir mussten alle aussteigen und uns in die Böschung legen, es war sehr kalt, unheimlich, endlich, endlich nach vielen Stunden kam der Zug schließlich in Innsbruck an. Er ist aber gar nicht in den Bahnhof hineingefahren, der ja zerbombt war, sondern außerhalb des Bahnhofs stehengeblieben. Mein Vater war immer sehr erfinderisch, irgendwo hat er einen kleinen Leiterwagen aufgetrieben, ich weiß nicht wo, jedenfalls hat er furchtbar geflucht über meinen schweren Koffer, der voller Bücher war – die waren mir immer am wichtigsten, Kleider gab es sowieso keine, was hatte man schon zum Anziehen, Reichskleiderkarte … aber eine Menge Bücher eben, Operntexte und vieles mehr.
Mit diesem Wagerl zogen wir also Richtung Wohnung, Innsbruck war schon ziemlich bombardiert damals, Dezember 44 waren ja die ersten Angriffe, man hat schon sehr die Bombenschäden gesehen rund um den Bahnhof.
Da waren wir also nun in Innsbruck, in Berlin alles ausgebombt und verloren, mein Vater hatte ein paar Sachen in Wien eingelagert, die waren auch weg, geplündert, verbrannt, was auch immer. Wir waren, wie man so sagt, ziemlich im Hemd in Innsbruck angekommen.
Aber wir waren bei Kriegsende, als endlich, endlich dieser sagenhafte Mai 1945 kam, alle relativ gesund und zusammen. Es war ein ungeheures Erlebnis, das Kriegsende, das werde ich nie vergessen – man empfand es wie ein Weltwunder, dass dieser Krieg endlich vorbei war. Ja, so kam ich nach Innsbruck.

Stunde Null und Neubeginn
Jutta Höpfel, 1974Vater sagte, also, wir müssen jetzt irgendwie Geld verdienen. Er machte ein Übersetzungsbüro auf, weil die Amerikaner sehr viele Plakate in Englisch anschlugen, die für die Leute übersetzt werden mussten. Und du, sagte er zu mir, du warst ja immer so gut in Englisch, du gehst ins Landhaus und meldest dich als Übersetzerin.
Das hab ich also getan, ich war 17 Jahre alt. Dort traf ich auf die Frau Gruber, die Frau des späteren Landeshauptmanns und Außenministers Gruber; sie leitete das Übersetzungsbüro. Sie hat mich gleich genommen; wir waren viele, in einem großen Saal mit vielen Schreibmaschinen, und da ging’s dahin, klapper klapper. Viel Geld sah man nicht, aber es war ein Anfang.
Eines Tages musste ich dolmetschen, da kam ein baumlanger „Laggl“, ein amerikanischer Offizier, der einen wilden Slang sprach, wowlwowl, den wir in der Schule natürlich nie und nimmer gelernt hatten, aber bitte, es ging ganz gut. Er war hoch zufrieden, und als wir weggingen, fragte er mich, auf der Landhaustreppe, ob ich Interesse an Zeitung hätte.
Ja, habe ich gesagt, enorm groß, na gut, tomorrow morning nine o’clock sollte ich in der Andreas-Hoferstraße 4 erscheinen, das war das Gebäude der Tyrolia, meine erste Dienstadresse. Dieser Mann, James W. Williamson, war der Herausgeber der allerersten Tiroler Tageszeitung nach dem Krieg, die am 25. Juni 1945 erschien. Ich war also schon im Team bei der Geburtststunde der TT. Die erste Nummer, ein Blatt, eine einzige Seite – ein großes Ereignis. Ich war stolz, dass ich dabei war. Meine Aufgabe war es, Verschiedenes zu übersetzen, vor allem die Texte zu den Bildern von Reuters, Associated Press. Die Tageszeitung hatte ein Schaufenster, wo man die TT lesen konnte, und die Leute hatten großes Interesse, standen davor, lasen und sahen sich die Aufnahmen an, vor allem diese. Schreckliche Bilder aus den Konzentrationslagern, und es gab Leute, die den Kopf schüttelten und sagten, das hat es ja alles nicht gegeben, das war ja alles ein Schmäh, das kann nicht sein. Es waren fürchterliche Bilder, die auch mich sehr schockiert haben. Ich habe zwar von den KZs gewusst, das war bekannt, aber wie die Leute dort aussahen und was mit ihnen geschehen war, all das kam erst nach und nach heraus.
Es war schon alles noch sehr „kriegerisch“, der Krieg war zwar vorüber, aber in den Köpfen, in der Geschichte und in der Zeitung war der Krieg noch immer sehr präsent, die Amerikaner führten ja auch noch Krieg mit Japan.

In der Tageszeitung bin ich dann sehr schnell schreiberisch tätig geworden im Bereich der Kultur, natürlich, die schon immer meine Leidenschaft gewesen war. Schon in Berlin war ich dauernd im Theater, so lange es noch Theater gab, sehr viel in Konzerten, vor allem in Klavierabenden, in die mich meine Mutter mitnahm, und es waren sehr viele. Mutter war Pianistin und hat gefunden, man müsste die große Klavierliteratur kennenlernen. Ich habe noch den alten Emil von Sauer gehört in der Berliner Philharmonie, bevor sie kaputt gebombt wurde. Ich bin also mit der Kultur aufgewachsen und habe sehr gern darüber geschrieben.

Ich habe dann an der Uni studiert, Philosophie und Psychologie, speziell Massenpsychologie beim Erismann, und ging ins Dolmetsch-Seminar beim Heller-Merricks, wo wir sogar Lyrik übersetzten und nachdichteten, das war besonders interessant. Das Studium ging aber nur nebenbei, ich war ja in der Zeitung angestellt; am Konservatorium, das damals noch Musikverein war, nahm ich auch Klavier- und Gesangsunterricht. Einen der ersten Klavierabende 1945 in Innsbruck gab der Pianist Hans Höpfel. Ich wurde aufgefordert, ein paar Zeilen über den Abend zu schreiben. Habe ich auch gern gemacht, es war ein sehr schönes Konzert. Zwei oder drei Tage später kam ein Herr bei der Redaktion herein, der „den Kritiker“ kennenlernen wollte, der über sein Konzert geschrieben hatte. Ich hatte nur mit „J.P.“, Jutta Pohl, gezeichnet, und dann war er sehr erstaunt, dass „dieser Kritiker“ eine junge Dame war. Daraus wurde eine dicke Freundschaft und später dann auch noch mehr. 1951 haben wir geheiratet.

Aufbruchszeiten, Musik Musik …
Nach den Amerikanern kamen dann die Franzosen als Besatzungsmacht nach Tirol. Es begann eine enorm spannende Zeit, ein gewaltiger kultureller Aufbruch. Endlich kam eine andere, die moderne Musik nach Innsbruck – nicht nur jüdische Komponisten waren ja unter dem Nazi-Regime verboten gewesen, sondern prinzipiell moderne Musik, die als „entartet“ gegolten hatte.

Prof. Fritz Weidlich, der Innsbrucker Musikdirektor nach 1945, hat schon sehr früh sehr interessante und aufregende neue Musik nach Innsbruck geholt. Mich hat das völlig enflammiert und ich habe mit großer Begeisterung darüber geschrieben. Es lag mir sehr am Herzen, dass man das, was hier neu entstand, entsprechend würdigte. Unser damaliger Chefredakteur Dr.Anton Klotz fand zwar, Kultur sei in der Zeitung völlig überflüssig, deswegen würde kein Mensch die Zeitung kaufen.Wenn über den Fernschreiber Kulturnachrichten kamen, schmiss er die sofort weg. Auch sei ich viel zu jung für diese Arbeit und noch dazu aus Berlin! Aber sonst
hatte ich kaum Probleme als so genannte Zuagroaste, die Leute waren immer sehr nett mit mir, manchmal schon, wenn es hieß, Sie sind aber nicht von da, da sagte ich dann immer, ja ja, alle Leute können nicht von da sein – diese Redensart hörte ich sehr oft, auch später noch. Aber für mich war Integration nie ein Problem.

Jutta Höpfel mit Musikdirektor Schmöhe, 2013Dann lernte ich Dr. Arthur Schuschnigg kennen, den Chef von Radio Tirol, das damals noch Radio Innsbruck hieß und im Landhaus untergebracht war. Er fragte mich, ob ich nicht wöchentlich eine Sendung machen möchte, und so kam„Die kleine Modeplauderei“ zustande, was ja eine ziemlich verrückte Idee war, da es ja gar nix zum Anziehen gab. Es war ja eine Sensation, wenn irgendwann in einer Auslage ein Kleid zu sehen war, oder ein Rock … Damals kam ja der New Look auf: schmale Wespentaille undglockig weite Röcke. Ich habe mich mit französischen Modezeitungen beschäftigt und über diese dann einfach ein wenig geplaudert und erzählt! …

Es waren kulturell große Aufbruchszeiten, vor allem dann in der Zeit von Maurice Besset am Institut français. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die sehr viel für Innsbruck getan hat. Bei der Ausstellung der „École de Paris“ im Landesmuseum, da sah man Bilder …- plötzlich kam die „entartete“ Kunst zu Ehren! Ob die Wahrnehmung in die Breite ging, kann ich schwer sagen, aber die Kulturinteressierten und Intellektuellen waren regelrecht hingerissen und ganz fiebrig und ich habe in der Tiroler Tageszeitung darüber berichtet.
Aber vor allem im Bereich der Musik! Man denke nur an die „ TirolerJugendkulturwochen“ Es gingen große Impulse von ihnen aus, sie waren ja spartenübergreifend angelegt, Musik, Literatur, Bildende Kunst – alles war vorhanden. 1953 wurde der Wiener Organist, Dirigent und Komponist Kurt Rapf für 7 Jahre Innsbrucker Musikdirektor. Er engagierte sich in den Jugendkulturwochen sehr für die musikalische Moderne. In der Organisation habe ich dort für einige Jahre mitgewirkt.
Da kam avantgardistische, regelrecht revolutionäre Musik nach Innsbruck. Die jungen Komponisten, die damals die Ausschreibungen gewonnen haben und dann aufgeführt wurden, sind heute alle anerkannte und berühmte Musiker. Das ging von der Wiener Kompositionsklasse unter Karl Schiske aus – er selbst war kein radikal moderner Atonaler, ließ aber seinen Schülern alle Freiheiten und war ein großer Förderer und Anreger. Das Orchester musste dann „diese Sachen“ spielen, wie sie es nannten, und die Orchestermusiker haben sehr oft geschimpft, über das prepared piano, wenn sie Radiergummis in die Seiten hineinstecken oder mit Bowling Kugeln auf dem Podium hantieren mussten – aber die Leute kamen, die Konzerte waren immer voll. Es war ein völlig neues Verständnis von Kultur, das in der Zeit nach Innsbruck kam.

Ich hatte auch von Anfang an sehr viel Kontakt mit dem „Turmbund“, seit dessen Gründung 1951, vor allem mit Hermann Kuprian. Ich schrieb ja nicht nur journalistisch, sondern habe mich auch selbst literarisch versucht. Ich strebte aber nie Veröffentlichungen an, sondern habe meine eigenen Texte immer schön in die Schublade gesteckt. Es war ein Impuls in mir zu schreiben, und das hat mir genügt. Später wurde jedoch Einiges veröffentlicht, zum Beispiel Lyrik im „Wort im Gebirge“. Ich hätte gern mehr literarisch gearbeitet, doch der Zeitungsbetrieb hat mich sehr in Anspruch genommen und mein eigenes Schreiben überlagert.

1957 gründete ich dann mit Kurt Rapf den „Innsbrucker Konzertspiegel“, die spätere Zeitschrift „Publicum“, in der dann nach der Wiedereröffnung des Großen Hauses auch über das Theater berichtet wurde. Wir wollten mit der Zeitschrift dem Publikum auch Hintergrundinformationen geben, die Besucher hinführen zum Neuen und Ungewohnten, einen Kontakt herstellen zwischen dem Veranstalter und dem Publikum.
Diese Zeitschrift kam zehn mal im Jahr heraus, ich habe sie 47 Jahre lang redaktionell betreut und alles selbst geschrieben. Von 1957 bis 2004. Dann hat Herr Dr. Frenzel vom Kulturamt der Stadt Innsbruck sie mir eines Tages einfach – ja, weggenommen. Sie wurde dann völlig neugestaltet, Herr Lepuschitz hat die Zeitschrift fortgeführt, sehr gut und professionell natürlich, doch ich war schon sehr gekränkt, das muss ich sagen. Sie war ja meine Idee gewesen und bildete auch eine kleine finanzielle Lebensgrundlage für mich, da ich viele Jahre nur freiberuflich gearbeitet habe.

Auch bei den Ambraser Schlosskonzerten war ich von Beginn an dabei. Bald nach 1963 trat Prof. Ulf an mich heran, ob ich nicht die Programmhefte und Pressearbeit für ihn machen möchte. Das habe ich dann sehr gerne und sehr lange getan , habe den Aufschwung und die Entwicklung bis hin zu den „Festwochen der Alten Musik“ miterlebt und war bis 1994 dabei. Howard Arman hat dann das Team gewechselt, und was ich davor allein gemacht hatte, e - die gesamte PR, die Kontakte, die Programmhefte, den Schriftverkehr - als Freiberuflerin neben meiner Arbeit als Kultur-Ressortleiterin der Neuen Tiroler Zeitung und als Mutter von drei heranwachsenden Söhnen – wurde dann auf 4 Personen verteilt.

Der musikalische Bereich war also vor allem jener, in dem ich mich engagierte. Die Musik war und ist eine große Konstante in meinem Leben. Ich habe auch ihre heilende Wirkung kennengelernt. Mein Mann, der ja Pianist war, hatte im Krieg seine Sprache verloren. Doch durch die Musik, durch das Klavierspielen, gewann er sie zurück.
Ich war bei all den Unternehmungen immer mit Herz und Seele dabei, doch natürlich hielt mich das auch von meinem eigenen Schreiben ab. Das habe ich sehr bedauert, doch man kann nicht alles machen. Die Ruhe um mich herum fehlte mir, ich hätte mich zurückziehen müssen, doch das gab es nicht, ich musste ununterbrochen am Ball bleiben. Deshalb war ich sehr glücklich, 1988 doch endlich einmal die Kraft und Konzentration für mein Buch „Innsbruck -
Residenz der alten Musik“ zu finden, das dann im gleichen Jahr im Tyrolia Verlag erschienen ist.

Und dann: der PEN-Club
Eines Tages trat René Ötzbrugger an mich heran, der damals der PEN-Präsident von Tirol war, und fragte mich vorerst ganz harmlos, ob ich nicht beitreten möchte. Ja, gerne, meinte ich, obwohl ich schriftstellerisch nicht so viel tat, aber natürlich ununterbrochen schrieb, Zeitung, Programmhefte, Dokumentation – eher journalistisch eben. Und nun auch das erste Buch, das ja eine Voraussetzung für den Beitritt zum PEN-Club darstellt. Kaum hatte ich ja gesagt, meinte er, sie bräuchten dringend eine Präsidentin, er müsse sich zurückziehen. Nur er wusste, wieviel Arbeit damit verbunden war. Sehr viel hatte seine Gattin gemacht, Hilde Ötzbrugger, er meinte aber, wenn ich Ideen hätte, wie man den Tiroler PEN Club gut positionieren könnte, sollte ich ihn doch übernehmen.
Ideen habe ich viele gehabt, denn Kulturmanagement hat mich auch immer sehr interessiert. Mir war ja auch vom Musikdirektor Seipenbusch das Konzertbüro angeboten worden, als ich noch bei der NTZ Kulturchefin war. Es hätte mich sehr gereizt, aber irgendwie wollte ich bei meinem Beruf bleiben, der mir eine gewisse Bewegungsfreiheit ermöglichte, während ich als städtische Angestellte doch in einem starken Korsett eingebunden gewesen wäre. Also habe ich das abgelehnt. Ich wollte bei meiner Sache bleiben.
Dass ich im PEN-Club auch Veranstaltungen machen konnte, hat mich sehr gereizt. Im Mai 1998 habe ich ihn also als Präsidentin übernommen und bis Oktober 2013 geführt. Ich habe schnell verstanden, dass wir mit der Dotierung nicht so viele Veranstaltungen machen konnten, wie wir wollten, wenn wir uns nicht Kooperationspartner suchten. Und als einer der wichtigsten Kooperationspartner kristallisierte sich die Israelitische Kultusgemeinde heraus. Gemeinsam konnten wir viele relevante und interessante Leute nach Innsbruck holen, so den Oberrabbiner von Österreich, Chaim Eisenberg, der an einem denkwürdigen Abend aus seinen Texten vortrug und auch selbst musizierte. Oder zuletzt Miguel Herz-Kestranek, der hier er hier am Theater den Milchmann Tevje in „Anatevka“ spielte und im PEN-Club sein Buch „Die Frau von Pollak oder wie mein Vater jüdische Witze erzählte“ vorstellte.

Es ist sehr schwierig, junge Schriftsteller für den PEN-Club zu gewinnen, man hat in dem Sinn keinen materiellen Gewinn, der Beitrag ist relativ hoch, 70 Euro im Jahr. Man kann sich sozusagen „schmücken“ mit der Mitgliedschaft, doch es ist mehr ein ideeller Wert, und es gibt wenige Leute, die nur auf ideelle Werte, unter Verzicht auf materielle Werte oder Vorteile, sich zum Engagement bereit erklären. Ich habe mich sehr bemüht, auch junge Schreibende zu präsentieren, besonders im Zusammenhang über den Innsbruck-liest-Konnex mit dem Literaturhaus. Aber es ist schon schwer mit den Jungen, sie kommen nicht zu uns und wir nicht zu ihnen. Vielleicht schafft es meine Nachfolgerin. Mit Dr. Sylvia Tschörner haben wir eine neue Präsidentin, die selbst publizistisch sehr aktiv ist, etwas von Organisation versteht und ein umfangreiches kulturelles Wissen hat. Den wunderbaren Einstieg hatte Frau Tschörner mit der Veranstaltung mit Carl Djerassi, gemeinsam mit dem Haymon Verlag.

Schreiben, immer noch und immer wieder …
Auch jetzt schreibe ich noch regelmäßig, so die Einführungen zu den Symphoniekonzerten, für die ich die Konzertprogramme mache, in der Tirol-Illustrierten und seit über 50 Jahren – für die Österreichische Musikzeitschrift in Wien.
Doch vor allem habe ich eine quasi-autobiografische Geschichte im Kopf, die unsere Familiengeschichte im Kontext ihrer Zeit behandelt. Ich frage mich manchmal, ob es noch gefragt ist, das zu schreiben, vor allem auch, es dann zu lesen – die Dinge liegen ja doch einige Zeit zurück, aber immerhin – vielleicht sollte es noch geschehen. Wer, wenn nicht du, schreibt die Familiengeschichte auf, meinen meine Schwestern. Intern im Familienkreis, was in nuce darstellt, was zeitgeschichtlich eine Parallele hat. Das möchte ich noch sehr gern machen – wenn ich jetzt mit 85 dafür noch die nötige Energie aufbringe … 

nach oben

 


 

Barbara Siller: Nahaufnahme Anita Pichler: „Ich wollte fahren, um nicht zu verliegen“

Anita Pichler, 1948 in Schenna/Südtirol geboren, 1997 in Bozen gestorben, hat ein sehr vielfältiges und spannendes Werk hinterlassen. Es überrascht immer wieder in seiner Rätselhaftigkeit und Subversivität. Aufbrüche, Reisen, die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Begegnungen sowie ein fortwährendes Fremdheitsgefühl sind einige ihrer Schlüsselthemen. Formal ragt die Autorin aufgrund ihrer originellen, assoziativen und motivorientierten Schreibweise heraus.

Themen, Motive, Inhalte

„Den Wandel der Jahreszeiten liebte Maria nicht mehr, und die Sehnsucht kannte sie noch nicht. Ihr Begleiter war Pierrot, der Lächelnde, der Spötter. Er zog seine Murmeln aus der Tasche, spielen wäre gut. Der Mann, der Maria gegenübersaß, hatte kugelrunde Augen. Jetzt werden sie herausfallen, dachte Pierrot, er wollte sie zu den Murmeln stecken. Aber der Mann bot Maria eine Zigarette an. Pierrot ließ die Murmeln fallen, der Schaffner kam vorbei, fiel auf die Nase, Pierrot lachte, und Maria schämte sich. Sie zog ein Buch aus der Tasche und begann zu lesen: ‚Vater Ubu schüttelte seine Birne und wurde von den Engländern Shakespeare genannt.‘ Bald schlief Pierrot auf ihren Knien ein.“

Dieses Zitat stammt aus der Erzählung Adieu Pierrot[1] von Anita Pichler, einer Erzählung, die – wie man mir erzählt hat – die Autorin besonders gemocht haben soll und die meiner Ansicht nach zahlreiche inhaltliche und formale Besonderheiten enthält, die ich als kennzeichnend für Anita Pichlers Texte sehe. Idyllische Bilder liegen den Texten fern, und wann immer ein schönes, sanftes Bild auftaucht, wird es kurz darauf im Text wieder zurückgenommen, eingeschränkt oder destruiert. So auch im einleitenden Zitat, wo das Spielen Pierrots auf Gelassenheit und Freude hinweisen könnte, dann aber genau dieses Murmelspiel dem Schaffner zum Verhängnis wird. Ebenso ist es mit der Gegenwart, in der Maria lebt: Mit dem Vergangenen scheint sie abgeschlossen zu haben, und das Zukünftige ist noch nicht angekommen. Dies drückt sich in der Darstellung der zwei abwesenden Zeitebenen aus, in dem nicht mehr und noch nicht, eine Satzstruktur, die in Pichlers Texten öfters wiederkehrt. Die Geschichte Adieu Pierrot ist für mich eine Abschiedsgeschichte in zweifacher Hinsicht. Auf der ersten Ebene wird der Auszug einer jungen Frau namens Maria aus ihrer dörflich-familiären Umgebung beschrieben, auf einer zweiten Ebene erfolgt der Abschied Marias von ihrem Begleiter Pierrot, der, als ihr alter ego, das Spielerische, das Gelassene darstellt, der aus ihr lacht ( vgl. 56) und sogar „ lacht, wenn Maria weint“. (67) Es ist ein Abschied von gewohnten Räumen und Lebensweisen, von herkömmlichen und eindeutigen Ansichten, der mit Schmerz verbunden ist. Als Pierrot am Berg zurückbleibt und Maria alleine zurücklässt, endet der Text in einem Bild der Verlassenheit:

„Maria stieg allein vom Berg. Leise war der Tag vergangen. Nur ein dünnes Selbstgespräch, ein Echo auf Erwünschtes, Langersehntes. Und die Augen, immer wieder Pierrots Augen. Weinen müsste man können, dachte Maria. Den Körper auf den Boden pressen, bis es taute, ein Loch in den Asphalt, eine Zwiebel, eine Blume hervorbringen, Pierrot, gelbe Narzisse.“ (69)

Aber der Abschied – von Pierrot, von der Heiterkeit und Unbeschwertheit – war notwendig und gewollt und es bleiben in Maria keine Zweifel daran bestehen, dass sie an dieser Stelle nicht ihrer Sehnsucht folgen darf, denn auch wenn sie sich nach Pierrot sehnt, weiß sie, dass sie nicht von ihm begleitet werden will (67). Aber die Sehnsucht und die daraus resultierende Melancholie bleiben im Text erhalten.

Diese Erzählung baut sich aus unterschiedlichen inhaltlichen Elementen auf, die auch im übrigen Werk Pichlers auf andere Weise wiederkehren:

Zum einen sind es mündlich überlieferte Bilder und Geschichten, mit denen die Erzählung einsetzt: „Man erzählt von Bildern von Frauen. Aus ihren Augen sollen Tränen quellen, wenn sie zu vieles sehen. Man erzählt, sie könnten die Flüssigkeit abgeben, die sich anstaut, sie seien gerührt vom Schicksal der Menschen und weinten darüber“ (55) – Pichler hatte ein besonderes Interesse für Motive und Symbole aus Sagen und Legenden; so hat sie sich auch in ihrem Buch Die Frauen aus Fanis[2] mit den ladinischen Legenden auseinandergesetzt. Gemeinsam mit der Sagenforscherin Ulrike Kindl beschäftigte sie sich einen Winter lang mit den schriftlichen Quellen der Fanes- und Dolomitensagen. Zusammen mit ihr erwanderte sie auch den Raum von Fanis. Ebenso spiegelt die Erzählung Wie die Monate das Jahr[3] ihr Interesse an überlieferten Figuren und Geschichten wider. In dieser Erzählung widmet sich die Autorin der Figur Oswald von Wolkenstein. Niemals jedoch ist es ein rein historisches Interesse, das die Autorin zu den Sagen führt, stets handelt es sich um ein Neuschreiben, ein Variieren, ein Vergegenwärtigen der tradierten Geschichten und Figuren.

Wie eingangs erwähnt, ist der Abschied, der Abbruch oder die Abreise in Pichlers Werken sehr zentral. In der Erzählung Adieu Pierrot fährt „Maria im Zug, und sie fuhr wie aus bösen Träumen“ (57) (das Gedicht Lenore fuhr ums Morgenrot 1779 von Gottfried August Bürger klingt hier durch). Im Buch Die Zaunreiterin[4] (1986 im Suhrkamp Verlag unter diesem Titel erschienen, 2004 im Folio Verlag unter dem von Anita Pichler ursprünglich vorgeschlagenen und gewünschten Titel Haga Zussa. Die Zaunreiterin, den der Suhrkamp-Lektor einst abgelehnt hat) werden mehrere Abschiede geschildert, Abschiede von gewohnten Welten sowie von Menschen. In Wie die Monate das Jahr entfremdet sich die Ich-Erzählerin Myriam zunehmend von ihrem Freund Max und von seiner Art, dem Leben zu begegnen. Abschiede wiederholen sich auch in dem von Helmut Luger 2007 im Folio Verlag herausgegebenen Erzählband Flatterlicht, in dem er verstreute und unveröffentlichte Texte und Gedichte Pichlers gesammelt hat.

Das Rätselhafte, Geheimnisvolle durchzieht Anita Pichlers Werk. Wendelin Schmidt-Dengler schreibt im Buch Das Herz, das ich meine. Essays zu Anita Pichler[5] vom „Rätselcharakter des Ganzen“ (38) und von einer „Verrätselung“ (ebd.). Pichlers Texte verlaufen nicht chronologisch und es werden auch keine handfesten Geschichten erzählt, die sich so einfach nacherzählen lassen. Die Autorin hat zu ihrer Schreibweise selbst einmal gesagt: „Ich habe gemerkt, dass herkömmliche Erzählmethoden für mich nicht funktionieren“.[6] Die Texte entwickeln sich meist entlang von Motiven, Symbolen, zeitlichen und räumlichen Anhaltspunkten. Diese Schreibweise hat zwei sehr gegensätzliche Reaktionen hervorgerufen. Georg Mair hat einmal dazu geschrieben: „Das Schwebende an ihren Texten ist am öftesten gelobt und ihr am öftesten zum Vorwurf gemacht worden. Sie erzählte keine Geschichten mit einem glatten Ende, ihre Geschichten sind Fragmente, Boten, die auftauchen und wieder verschwinden, Orakel, die keine Auskunft geben und doch alles sagen, wenn man sie nur verstehen kann. Ihre Texte waren nicht anziehend, man konnte es sich in ihnen nicht gemütlich machen.[7] In Adieu Pierrot beispielsweise erscheint die Figur des alten Mannes, der „blind geboren war und abergläubisch“ und eine besondere Beziehung zu Maria hat. Weniges wird angedeutet und der Mann bleibt für den Leser eine mysteriöse Figur. Geheimnisvoll bleibt letztendlich auch Pierrot, der Maria eine Zeit lang begleitet und dann verlässt. Der Text Haga Zussa. Die Zaunreiterin beginnt ebenso auf ‚verschlüsselte‘ Weise: Da steht die Ich-Erzählerin mit ihrem Schlüssel vor ihrer Wohnungstür, aber der Schlüssel öffnet die Tür nicht mehr. Auch der Handschuh, der bei der Begrüßung des Mannes an ihr hängenbleibt und „der blutete, und es klebte noch etwas von seiner Haut daran“ (14) bildet ein hermetisches Motiv im Text.

Der Topos der Suche charakterisiert Pichlers Texte und hat immer auch die Bedeutung einer existentiellen Suche. Es kann eine Suche nach einem anderen Lebensraum, einem lebendigen, offenen Raum, nach einem Platz zum Bleiben sein und häufig ziehen die Figuren fort, da es ihnen zu eng wird. Sesshaftigkeit und Nomadentum werden wiederholt thematisiert und es wird die Frage aufgeworfen, was der Mensch mehr suche. In Adieu Pierrot heißt es: „Zu sagen gibt es wenig. Jetzt aufstehen, mitten in der Nacht, die Siebensachen packen, verpacken: zwei Taschen im Mantel, zwei in den Hosen und zwei Hände zum Tragen. Den Rest lässt sie hier. Leise die Türen öffnen, vom Schlaf zum Tag, komm, Pierrot, wir ziehen weiter. Hier ist es zu eng für uns zwei. Hier können wir nicht bleiben.“ (66). An einer anderen Stelle heißt es: „Man könnte es versuchen, einen Schlüssel [zu] finden […] (64). Die Suche bedeutet häufig auch eine Suche nach einer Ausdrucksform, nach einer Form, das Leben darzustellen und zu begreifen. In Wie die Monate das Jahr ist die Figur Myriam beim Zeichnen auf der Suche nach einem „anderen Blick“ (78), in Haga Zussa sind alle vier Figuren auf der Suche nach Ausdrucksformen, sprachlichen und nicht-sprachlichen. Insbesondere wird dies an der Figur Uta deutlich, auf die ich noch genauer eingehe, weil sie für mich eine typische Figur der Autorin darstellt.

Anita Pichlers Texte vertreten immer auch einen politischen Standpunkt. Gruber und Mumelter sprechen davon, dass „ihr poetologischer Standpunkt“ „auf unspektakuläre Weise politisch“ (117) sei. Der Gedanke, die Welt, so wie sie ist, nicht zu akzeptieren und sie verändern zu wollen, kehrt in den Figuren immer wieder. In Adieu Pierrot lesen wir: „Bist du bereit, Maria? Es wird nicht lange dauern, nur eine Jahreszeit: wir werden die Welt ändern, verbessern, eine Welt nach unserem Maß. Nachdenken können wir ihr später.“ (66) Es wird auch immer wieder das Jahr 1968 erwähnt, das man als Zeit der ‚positiven‘ Veränderungen erwartet. Abwarten wird als Lebenshaltung zurückgewiesen, dagegen herrscht das Verlangen, etwas zu tun und sich auf einen Weg zu machen. Hier beziehen sich die Texte mehrmals auf die Frauen im Besonderen und lassen feministische Ansichten anklingen. In Haga Zussa. Die Zaunreiterin, steht u.a. geschrieben: „Es hieß, wir wollen unsere Zeit nicht mehr verwarten wie unsere Mütter. [...] Sollten wir wieder warten, anstatt uns zu nehmen, was unser Recht ist? [...] Warten gegen Verirrung? Einen Weg finden, meine ich, nicht suchen, finden. Und die Geduld ihn zu gehen. Gehen, dachte ich. Laufen, auf eigenen Füßen.“ (30) Viele der Textstellen sind auf ihre Weise gesellschaftskritisch, z.B. wenn es in Wie die Monate das Jahr zur Mythologisierung von Figuren anhand von Oswald von Wolkenstein heißt: „Die Biographien werden immer reicher an Details, je weiter sie sich von Oswalds Zeit entfernen.“ (39) Auch die Lebenshaltung der Figuren entfaltet sich als eine Stellungnahme zur Welt, wie sie gerade ist.

Textstrukturen und Symbolik

Wie bereits erwähnt wurde, bauen die Texte nicht auf eine Chronologie auf, sondern wie Pichler selbst einmal sagte „die Annäherung an die Figuren ist nicht chronologisch. Erfolgt in Kreisen, die sich immer enger schließen. Immer näher zum Menschen hin.“[8] Alternative Textstrukturen verbinden die Texte zu einem Gewebe:

Einerseits sind es Symbole, die dem Leser eine Vorausahnung vermitteln, beispielsweise der unpassende Schlüssel, die falsche Tür, die gewählt wurde, ein Spiel, dem die Zerstörung folgt, unerklärte Tränen, schwarze Vögel, Steine, starre Vogelaugen. Häufig deuten sie negative Ereignisse an.

Die Satzstrukturen funktionieren oft nach dem Prinzip ‚Behauptung im Hauptsatz und Abschwächung bzw. Negation im Nebensatz‘. Wiederholt begegnet der Leser dem ‚noch nicht-nicht mehr‘, oder ‚nicht mehr- nur noch bzw. doch, aber‘ oder anderen Formen der Abschwächung sowie Negation. Dadurch werden zunächst positiv anmutende Bilder sofort destruiert, wie das folgende Beispiel aus der Erzählung Der Geliebte[9] illustriert: „Sie lagen in der Wiese zwischen Margueriten und Kümmelblüten, und sein Blick fiel vom blauen Himmel auf ihren schönen Körper, und er lächelte. Weit war der Ort, an dem sie lagen, und die Stadt war weit hinter ihnen und vor ihnen ein ganzer Tag. Und als er ihr zulächelte, strahlten ihre Augen, und sie beugten sich zueinander und küssten sich. Doch als sie mit dem Zeigefinger an der Knopfleiste seines Hemdes entlang strich, schrak er auf und schob das Mädchen fort.“ (37) Der eingangs idyllisch geschilderte Augenblick wird letztlich zu einem Moment der Entfremdung und der Geliebte beginnt an ein anderes Mädchen zu denken, „dass er einmal finden wird“ (37).

Die Texte erzählen häufig von Figuren, die sehr gegensätzlich sind. Sie stehen sich in den Texten einander gegenüber und lösen meist gegenseitiges Missverständnis aus. Max und Myriam bilden in Wie die Monate das Jahr ein solches Gegensatzpaar, die Ich-Erzählerin und Uta in Haga Zussa, Maria und Pierrot in der Erzählung Adieu Pierrot.

Briefe sind ein weiteres Strukturelement in Pichlers Werken. In Wie die Monate das Jahr erfährt der Leser sehr viel über Myriams künstlerische Herangehensweise an Oswald von Wolkenstein, über ihre Art, sein Leben zu verstehen und zeichnerisch darzustellen in den Briefen an Max. Dabei wird Oswald vergegenwärtigt, sein Leben und seine Lebenshaltung verbindet die Figur explizit mit ihrer eigenen Gegenwart. Briefe sind auch in den Erzählungen Brief an Bernadette[10] und in Adieu Pierrot ein wichtiges textuelles Strukturelement. In all diesen drei Prosatexten führen die Briefkontakte entweder zum Abruch der Beziehung, häufig enthalten sie Botschaften, die auf Missverständnisse stoßen oder im Fall von Brief für Bernadette enthalten sie eine negativ endende Geschichte.

Die Figur Uta in Haga Zussa. Die Zaunreiterin

Ich möchte dieser Figur einen eigenen Abschnitt widmen, weil ich in ihr eine für Pichlers Schaffen typische und sehr faszinierende Figur sehe.
Uta ist eine suchende Frau, eine von der Gesellschaft ausgeschlossene, missverstandene Frau, eine Frau, die ihren eigenen Weg geht, aber dabei auf viele Hindernisse stößt und am Ende daran scheitert. Dennoch wird sie im Text als mutige Frau gezeichnet: Sie ist ihren Weg gegangen und hat sich selbstbewusst allen vorgegebenen Strukturen verweigert. Dem Ende des Daseins wird in der Erzählung weniger Bedeutung zugemessen als dem Lebensweg selbst. Uta hat ihr Leben gelebt, hat sich nicht versteinern lassen; Lebendigsein, Tanzen und Sich-Ausdrücken waren ihre Möglichkeiten, dieses zu leben.
Die Ich-Erzählerin hat einst mit Uta die Wohnung geteilt, später begegnet sie ihr wieder, auch wenn sie ihr nie wieder begegnen wollte. Uta verkörpert für die Ich-Erzählerin die Vergangenheit, die sie verdrängen will, die ihr gefährlich wird, da sie unangenehme Erinnerungen in ihr auslöst. Der Text legt dazu offen: „Ist sie mir gefährlich? Sie erinnert mich an Uta. Utas Bild steigt vor mir auf unter den betäubenden Glyzinien. Betäubend steigt sie auf, ich hatte sie kaum gesehen. Nie aus der Nähe, ihr nicht einmal die Hand gereicht, ihr keinen Kuss auf die Wange gedrückt, ihr nicht einmal zugelächelt in all den Jahren, in denen wir zusammen wohnten.“ (32) Aus „unerträglichen Schamgefühlen“ (35) verhält sich die Erzählerin gegenüber Uta abweisend. Sie scheint sich immer an ihr gemessen zu haben und Uta erweckt in ihr ein Gefühl der Unterlegenheit. Uta wird zur Gegnerin vieler, u.a. vor allem, weil sie von anderen um ihre Lebens- und Ausdrucksfähigkeit beneidet wird und sie durch ihr Leben andere auf ihre eigene Starrheit aufmerksam macht, etwas, was sie von ihr nicht annehmen wollen. Auch durch die Tatsache, dass sie ihre Sprache nicht verstehen und auch nicht verstehen wollen, wird sie ausgegrenzt. So erscheint sie der Ich-Erzählerin im Traum und flüstert ihr in Ohr: „Verpass es nicht, hat sie gesagt. Und ich war sicher, es nicht zu verpassen, aber was, was es war, das weiß ich nicht.“ (33)
Uta ist die ersehnte Tochter eines bekannten Verlegers und einer „bücherlesenden“ (40), schönen und ehrgeizigen, und nicht fröhlichen Mutter. Uta wird als schönes, verwöhntes Kind (vgl. 38) dargestellt, „ein verschlüsseltes Kind“ (40), „nahe an der Grenze zur Autistik“ (39). Doch sie findet ihre Möglichkeit, sich auszudrücken und mitzuteilen und begreift, dass nur der Tanz sie am Leben halten kann: „Uta wurde langsam zum Leben erweckt. Als wäre von ihr nur ein Körper geboren worden. Das habe ich nicht verstanden. Erst Musik erweckte Leben in ihr. Da erst lernte sie, sich allmählich zu bewegen.“ (41) Der Tanz ist ihr Weg in die Freiheit, „Es schien, als tanze sie ihren Weg." (90) und Uta weiß, dass sie nur ein freies Leben führen will. Sie ist sehr perfektionistisch in ihrer Tanzsprache, tut alles, um mit ihrem Körper abseits der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten, die ihr verwehrt sind, einen Ausdrucksweg zu finden:

Pünktlich ging sie zum Training, freute sich über ihren Körper, wenn er etwas vermochte, mühte sich, wenn er sich der Musik sperrte. Sie ließ sich auch massieren, duschte und tanzte und schlief und ging am nächsten Morgen wieder hin und tanzte, tanzte und duschte und schlief nachher. [..] Ihre Zeit schien eingeteilt in Mühe und Erfolg, in Applaus und Schlaf und manchmal Urlaub dazwischen, ein Loch im Leben, eine Unterbrechung zwischen Tanz und Schlaf.“ (71-72)

In der Wohngemeinschaft stößt sie auf viel Unverständnis, selbst Eckehardt, ihr Freund, scheint sie nicht zu verstehen. Als sie in ein Dorf, vermutlich in ihr ursprüngliches, zurückkehrt, merkt sie, dass dort „ihre Fragen unbeantwortet“ (66) zurückkommen. Plötzlich kommen ihr wieder die Zweifel „an ihrer Fähigkeit sich auszudrücken“ (66). Die Zweifel entstehen durch die „Zweifel der anderen“ (73), die ihre Ausdrucksform nicht annehmen können. Da heißt es im Text „Die Zeit war plötzlich knapp geworden“ (73) und es ist vom „Grau in ihrer Welt“ (71) die Rede und davon, dass Uta fortgehen wird (83). Sie scheitert am Unverständnis ihrer Umwelt, auch wenn sie lange ‚immun‘ gegen die Erwartungen und Vorstellungen ihrer Umgebung war. Doch die vielen Hindernisse, die man der Figur stellt, die Erwartungen von einem Ausdruck in Sprache behindern sie letztendlich so, dass sie sich am Ende gänzlich verweigert. Die Ich-Erzählerin begreift, dass Uta auf ihrem Weg ist und nicht angehalten werden darf: „Leben ist abstreifen, sagte ich, davor kann dich niemand schützen. Ihr alle verhindert das an Uta. Ihr werdet es bezahlen. Ihr werden euch noch wundern?“ (92) Am Ende zieht Uta fort, sie verlässt Eckehard, schickt ihm einen leeren Brief, mit dem er nichts anzufangen weiß. Sie tanzt von einem Sockel, „denn sie wollte nie mehr stehen lernen in ihrem Leben“. Als sie den Sprung überlebt und ihr zum Bewusstsein kommt, dass sie nun für den Rest ihres Lebens an den Rollstuhl gefesselt ist, reagiert sie mit einem entsetzlichen Schrei darauf. Sie versteht, dass sie sich selbst ihre Ausdrucksmöglichkeit genommen hat, dass sie sich selbst „versteinert“ hat:

„Ob sie tanzen solle, fragte sie. Und man sagte ihr, nein. Sie solle nicht tanzen, jetzt, sie solle nicht mehr tanzen, nie mehr. Sie könne sich nicht mehr bewegen, sagte man ihr. Ich will nicht wieder Stein sein, schrie Uta, und ihr Schreien war so laut, dass die Gläser auf dem weiβen Tischtuch klirrten, und sie klirrten weiter unter dem Gelächter, das sich rings um den Tisch erhob und ausbreitete. Du warst nie Stein, mein Kind, sagte ein älterer Herr, er sah wie ein Ritter aus und schien gutmütig zu sein und erinnerte Uta an etwas. Uta sagte, sie sei von ihrem Sockel aus dem Stein gestiegen, und sie habe angefangen zu tanzen und habe getanzt und sei seither nie mehr Stein gewesen. Sie wolle es nie mehr sein.“ (43 ff.)

Diese Figur in Haga Zussa verkörpert meiner Ansicht nach sehr viele Elemente aus Anita Pichlers Texten: die Suche nach einer individuellen Ausdrucksform, der Ausbruch aus herkömmlichen Lebensformen, das Unverständnis der Mitmenschen, die Schwierigkeit, seinen eigenen Weg zu finden und zu gehen, die Enttäuschungen, die dabei erlebt werden, der Weg, der wichtiger ist als das Ziel.

Schwere Schuhe, keine Namen

Im Sommer 1994, 3 Jahre vor ihrem Tod, war Anita Pichler Ortsschreiberin in Villgraten im Osttirol. Ihre Art, sich mit dem Ort auseinanderzusetzen, seine Wege nachzuspüren, die Rituale der Gemeinschaft zu beobachten, die Menschen und ihre Befindlichkeiten zu verstehen, sich mit ihnen auszutauschen, mit „Ohren und Augen, Herz, Mund und Nase“ (97) den Ort wahrzunehmen, spiegelt sich in ihrem Essay Schwere Schuhe, keine Namen[11] wider. Dabei versteht es Pichler, die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten einer Kleingemeinschaft zu erkennen, ohne dabei von den Besonderheiten abzusehen, die jedes Dorf ebenso hat. Sie sucht nach den Wegen, die die Menschen verbinden, und geht den Wegen nach. Sie besucht die Dorfkneipe und den Dorfladen und lässt sich auf Situationen und Begegnungen spontan ein. Sie erkennt Ähnlichkeiten zu ihrer eigenen Herkunft, übersieht aber auch nicht, dass in diesem Dorf die Verhältnisse zwischen den Menschen untereinander und ihr Wissen, das sie teilen, sich von ihrem Herkunftsdorf unterscheiden. Sie merkt, dass nur „schauen“ und „erzählen“ ihr nicht möglich ist, sie kann nur reflektieren, da, wie sie glaubt, „sie hier nicht fremd genug“ sei (89). Sie geht behutsam mit dem um, was sie sieht und was sie erfährt und zweifelt auch an ihrer Berechtigung, einfach so in ein Dorf zu kommen, um es zu erkunden: „Darf ich das überhaupt, so, in eine Gemeinschaft platzen und meine Fragen stellen? Und wonach soll ich fragen, wenn ich mich nicht auskenne?“ (88) Sie richtet ihr Augenmerk auch auf die Frauen, denen sie im Tal begegnet, „die acht, zehn, dreizehn Kinder großgezogen, genährt, gewärmt und gekleidet haben, so gut sie konnten, und auf ihren Weg entlassen haben jedes auf einen anderen“. (90) Kritisch betrachtet sie die Ehrungen für Mütter, deren Söhne im Krieg verletzt oder getötet wurden — eine Ehrung, die es in Osttirol bis 1981 gegeben hat. Sie liest die Mitteilungen im Schaukasten des Dorfes, die vom Alltäglichen berichten, Wahlwerbungen beinhalten und das Vereinsgeschehen dokumentieren. Sie erkennt Parallelen im Dorf von früher und heute, stellt aber auch die Unterschiede und Veränderungen fest, die auch von den Dorfleuten bemerkt werden. Ihr Gedanke richtet sich auch auf die Literatur, die in diesem Tal entstanden ist und sie nennt dabei Johann Trojer:

„ […] und ich dachte, von hier aus ging einer mit schweren Schuhen in die Welt. Und eine ganze Generation hat von ihm gelernt, dass es Wege gibt, jenseits von gefühlsdusliger Heimattümelei und großkotzigem Weltbürgertum, wo auch die Dörfer Welt sind, die man anschauen kann, ohne zu verdammen oder zu verherrlichen. Diese Wege sind vielleicht nicht gerade, aber auch die Oberfläche der Welt ist krumm, man findet auf diesen Wegen selten Lohn oder Lob, doch es lohnt sich auf jeden Fall, sie zu gehen, denn sie öffnen den Blick für die Wirklichkeit, für das Leben, Tun und Sterben der Menschen, machen ihn frei und liebevoll“ (93)

Anita Pichler geht nicht unwissend an das Dorf heran, sondern bringt ihr eigenes Wissen, ihre eigenen Erfahrungen und Sichtweisen mit. Und sie lässt ihre Beobachtungen auch von ihrem Wissen bereichern. Sie liest sich ein über das Dorf während der NS-Zeit und hört den Liedern der Leute zu, um zu erfahren, was sie über das Dorf erzählen. Sie erkennt die unterschiedlichen Räume für die Geschlechter, auf die Männer trifft sie im Gasthaus, die Frauen sieht sie “hinter den Blumenvorhängen der Häuser“.

Sie benennt auch die Grenzen ihres Blickes und auch ihrer Zeit, die sie im Dorf verbringt, und folglich die Grenzen von dem, was sie wahrnehmen und beschreiben kann, denn „um von Villgraten zu erzählen, müsste man von den Menschen hier erzählen, ihre Namen nennen“ (96), schreibt Pichler. Und es scheint, dass es nicht zu tieferen Begegnungen zwischen ihr und den Villgratnern gekommen ist, auch wenn die Dorfschreiberin immer wieder die Wege der Dorfbewohner aufgesucht und nach Begegnungen gesucht hat. Viele Dinge wird sie nie erfahren und verstehen können, das weiß sie auch. „Man müsste eingeweiht sein in die alten Geschichten, denn der Sohn erbt mit dem Hof den Frieden oder Unfrieden mit den Nachbarn, die Tochter heiratet nicht nur den geliebten jungen Mann, sondern auch alle Beziehungen seiner Familie und die ganze Geschichte ihrer Freundschaften und Feindschaften“ (ebd.). Der Essay enthält auch einen Brief einer Dorfbewohnerin, die Pichler danach fragt, ob sie nur die Idylle beschreiben wird oder auch das Nicht-Idyllische dahinter. Anita Pichler hat in ihrem Essay hinter die Kulissen eines Dorfes geschaut und das, was sie gesehen hat, hat sie mit „Ohren und Augen, Herz, Mund und Nase“ (97) in sich aufgenommen. „Es war eine schöne Zeit“, resümiert sie am Ende, „und das spanische Dorf Villgraten ist ein bisschen weniger spanisch geworden.“ (97) Benedikt Sauer schreibt zu ihrem Essay: „Anita Pichler hat, meine ich, in Schwere Schuhe, keine Namen vorgeführt, wie adäquate Dorf-Prosa aussehen und entstehen kann. Indem sie die soziale Dimension des Dorfes wie die oft dazu kontrastierende symbolische Wahrnehmung desselben in ihrem Text durch ihre Schreibweise zum Ausdruck brachte.“[12] Pichlers Essay führt Beschreibungen, Wahrnehmungen, kritische Ansichten, Erfahrungen, Gefühle und Stimmungen zusammen und vermittelt ein facettenreiches und eindrucksvolles Bild eines abgeschiedenen Tiroler Dorfes.

Barbara Siller


[1] Aus: Anita Pichler: Adieu Pierrot. In: Flatterlicht. Verstreute und unveröffentlichte Texte. Nachw. und Hrsg. Helmut Luger. folio Verlag, Wien/Bozen 2007. S. 57.
[2] Anita Pichler und Markus Vallazza: Die Frauen aus Fanis. Haymon-Verlag, Innsbruck 1992.
[3] Anita Pichler: Wie die Monate das Jahr. Erzählung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1989.
[4] Anita Pichler: Haga Zussa. Die Zaunreiterin. Erzählung. Folio Verlag, Wien/Bozen 2004.
[5] Wendelin Schmidt-Dengler: Die Zaunreiterin. In: Das Herz, das ich meine. Essays zu Anita Pichler. Hsg. Sabine Gruber und Renate Mumelter. Folio Verlag, Wien/Bozen 2002. S. 22-39.
[6] Aus einem Interview mit Anita Pichler (1987). In: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/feature/anita-pichler/frauen-aus-suedtirol. Zugriff am 13. 01.2014.
[7] Aus Georg Mair: Die verschwiegenen Wunden. In: FF Südtiroler Wochenmagazin. 16.04.1997. S. 43-45.
[8] Nachlass Anita Pichler. Österreichisches Literaturarchiv an der Österreichischen Nationalbibliothek, Signatur 87/W 001. Zit. nach Schmidt-Dengler, Wendelin. Siehe Anm. 5. S. 25-26.
[9] Anita Pichler: Der Geliebte. In: Flatterlicht. Verstreute und unveröffentlichte Texte. Nachw. und Hrsg. Helmut Luger. folio Verlag, Wien/Bozen 2007. S. 37.
[10] Anita Pichler: Brief an Bernadette. In: Flatterlicht. Verstreute und unveröffentlichte Texte. Nachw. und Hrsg. Helmut Luger. folio Verlag, Wien/Bozen 2007. S. 17-27.
[11] Anita Pichler: Schwere Schuhe, keine Namen [Essay]. In: Flatterlicht. Verstreute und unveröffentlichte Texte. Nachw. und Hrsg. Helmut Luger. folio Verlag, Wien/Bozen 2007. S. 86-97.
[12] Benedikt Sauer: „Das Gras ist naß am Morgen.“ Anita Pichler als Dorfschreiberin bei der Villgrater Kulturwiese. In: Gruber/Mumelter: siehe Anm. 5. S. 152–165, hier S. 163.


nach oben


 

Nach oben scrollen