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Literatur im Lichthof - Weitwinkel

 

 

Bernhard Sandbichler: Arno Gasteiger im Porträt

Neuseeland, politisch korrekt: Aotearoa/Neuseeland, das in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war, liegt „am Saum der Welt“: viel Meer, Maori, Kiwi und „The Piano“. Relativ exotisch also, Neuland, das man nicht wirklich kennt und das eben deshalb sehnsüchtig machen könnte:  „Wenn ich dem täglichen Elend entfliehen will, dann sage ich leise diese Namen auf: Cape Farewell in Neuseeland, Alice Springs in Australien, Mandalay in Birma und Bougainville in der Südsee, ach, Bougainville, Cox‘ Bazar am Golf von Bengalen“. So heißt es in einem Roman des holländischen Diplomaten und Schriftstellers F. Springer, der sonst freilich weit davon entfernt ist, eine Exotikschmonzette zu sein mit ausladenden Panoramen und wilder Ursprünglichkeit.
Vielleicht ist es hier einfach ein bisschen eng, ein wenig provinziell, vielleicht aber auch nicht, wer weiß das? Arno Gasteiger, der 1962  hier,  in Hall in Tirol,  gebürtig ist und dort, in Auckland, schon einige Zeit lebt und arbeitet, sagt: „Die Tourismuswerbung  – „New Zealand  100%  pure“  –  funktioniert ausgezeichnet. Ganz so clean and green ist es dann doch nicht  … “.
Übrigens: Auf dem Rugbyfeld begegnen sich die Pakeha, die europäischen Einwanderer, und die Maori, die autochthone Bevölkerung Neuseelands. Rugby, das ist der Nationalsport der Neuseeländer, und den hat Gasteiger als Fotograf gemeinsam mit dem Texter Peter Malcouronne porträtiert. „Our Game“ ist kein glamouröses Coffee table book, sondern ein Bildband, der Land und Leute ziemlich nahe bringt. Was übrigens sämtliche von Gasteigers Bücher tun: „Farm“, „Canterbury“, „Nelson Marlborough“, „Central“, „Rotorua“  und „New Zealanders“.

Aus  der ta moko-Serie, © Copyright Arno Gasteiger


Gasteigers Bilder traditioneller Maori-Tätowierungen waren in Frankfurt längst vor der Buchmesse 2012 zu sehen. Es war eine kleine Schau 2007, 16 großformatige S/W-Fotografien mit Begleittexten zur Tradition des ta moko, zur Maori-Erneuerungsbewegung maoritanga und zur Situation der Dargestellten. Ein ziemliches Bravourstück, und ganz weit weg vom Ethnokitsch oder Kommerz eines Tiroler Abends. Nach Gert Chesi setzt er unseren LiLit-Fragebogen fort.


DER LILIT-FRAGEBOGEN

Wie geht’s, wie steht‘s?
Meistens gut.
Deine Lieblingsbeschäftigung?
Fotografieren, am liebsten in der Natur.
Wo möchtest du leben?
 In der Nähe einer großen Stadt, in einer Hütte, umgeben von Urwald und lieben Nachbarn, mit Blick zum Meer – dort,  wo ich jetzt gerade bin.
Was schätzt du an Neuseeland am meisten/wenigsten?
Ich schätze den Geist der Pioniere, dass  man eigentlich alles selber machen kann. Wenn Neuseeland etwas näher bei Europa läge, hätte ich nichts dagegen.
Was schätzt du an Tirol am meisten/wenigsten?
Die zentrale Lage finde ich ideal. Am wenigsten die Bürokratie.
Hofer oder Gaismair? Oder beide schon vergessen?
Mein Volksschullehrer hat immer vom Hofer geschwärmt, wie kann ich den vergessen.
Welchen Fehler entschuldigst du am ehesten, welchen nie?
Neue Fehler sollte man entschuldigen, wenn es immer die gleichen sind, dann wird es langweilig.
Handke oder Bernhard?  Oder beide nie gelesen?
Handke war vor langer Zeit mein Lieblingsautor. Ich habe auch ein Buch von Bernhard hier, aber bis jetzt konnte ich es noch nicht lesen. Also Handke, immer noch.
Dein Lieblingsbuch?
Tao Te Ching, das lese ich schon seit 30 Jahren.
Deine HeldInnen in der Wirklichkeit?
Menschen, die aus gewalttätigen Familien kommen, ihre schlechten Erfahrungen  aber  nicht auf ihre Kinder übertragen, sondern den Kreislauf der Gewalt  durchbrechen.
Deine HeldInnen in der Weltgeschichte?
Alle, die sich für das Zusammenleben in Harmonie eingesetzt haben wie Nelson Mandela. Ich hatte sogar das Glück, ihn einmal zu fotografieren.
Dein/e Lieblingsmaler/in?
Colin McCahon, ein Genie aus Neuseeland.
Dein/e Lieblingsfotograf/in?
Die Arbeit vieler Magnum-Fotografen inspiriert mich, z.B. Larry Towell, Trent Parke, Martin Parr, Josef Koudelka.
Dein /e Lieblingsmusiker/in?
Arvo Pärt und Anika Moa und der Rest des Alphabets.
Dein /e Lieblingsschauspieler/in?
Habe ich keine.
Dein Lieblingsfilm?
Amelie, The Castle, Das Leben der anderen kommen mir gerade in den Sinn. Aber einen Film, den ich mir mehr als zwei Mal angeschaut habe, gibt es nicht.
Welche Eigenschaft schätzt du bei einem Mann am meisten?
Compassion.
Welche Eigenschaft schätzt du bei einer Frau am meisten?
Compassion. Das ist schwer zu übersetzen, es geht so in Richtung Mitgefühl.
Wer oder was hättest du sein mögen?
Ein Fotograf. Mit meiner Inkarnation bin ich zufrieden.
Was schätzt du bei deinen FreundInnen am meisten?
Humor.
Was möchtest du sein?
Ein Fotograf, der keine Kunden mehr braucht.
Dein größter Fehler?
Manchmal denke ich zu viel.
Dein  Traum vom Glück?
 Den Sommer in Europa zu verbringen und dann den Sommer in Neuseeland, endlos.
Was wäre für dich das größte Unglück?
Wenn ich bei einem Fotoauftrag meine Kamera vergessen würde. Ist mir einmal passiert.
Deine Lieblingsfarbe und -blume?
Limettengrün. Die  limettengrüne Blume.
Dein Lieblingsessen und -trinken?
Frischer Fisch, gegrillt, und Salat aus dem eigenen Garten; dazu ein Sauvignon Blanc aus der Marlborough-Gegend oder ein selbst gebrautes Bier vom Nachbarn.
Deine Lieblingsnamen?
Ella, Grace, so heißen meine Töchter.
Was verabscheust du am meisten?
Rassismus und Gier.
Welche geschichtlichen Gestalten verachtest du am meisten?
Gierige Investment-Banker, obwohl die es nie zu  einer geschichtlichen  Dimension bringen.
Welche militärischen Leistungen bewunderst du am meisten?
Robin Hood und seine Aktionen. Sorry, Hofer und Gaismair.
Welche Reform bewunderst du am meisten?
Wenn künstliche Barrieren wie Apartheid abgeschafft werden.
Welche natürliche Gabe möchtest du besitzen?
Intuition, das ist wichtiger als denken.
Wie möchtest du sterben?
Gelassen und gesund.
Deine Devise?
Wherever you go, there you are.


Zu Arno Gasteiger:
1988 wanderte Arno Gasteiger von Tirol nach Neuseeland aus. Es war auch das Gründungsjahr des New Zealand Geographic Magazine, für das er von Anbeginn an zahlreiche Beiträge lieferte. Die Bandbreite dieser mittlerweile über 80 Auftragsarbeiten reicht vom Besuch der Tokelau Atolle (1994) bis hin zum Staatsbegräbnis des Everest-Bezwingers Edmund Hillary (2008): Erstere sind im Pazifischen Ozean auf halbem Weg zwischen Hawaii und Neuseeland zu finden, letzteres fand direkt in Auckland statt, wo Gasteiger lebt und als freischaffender Fotograf arbeitet Sein feiner Blick für Detail und Moment, welche die Dargestellten charakterisieren und einerseits unaufdringlich, andererseits spektakulär in Szene setzen, macht ihn für Qualitätsmedien interessant. GEO, Brandeins, Der Spiegel oder die New York Times brachten Bilder von ihm. Ausgestellt wurden seine Fotos bislang in Köln, Frankfurt, New York, Marseille, Auckland und Sydney. Derzeit feilscht er  mit einem Verleger über ein neues Buchprojekt. Eine schöne Auftragsarbeit, so Gasteiger, es hakt aber noch an einigen Details. Parallel dazu arbeitet er an einer Geschichte über „Wasser“ für  das  New Zealand Geographic: „Trotz großem Widerstand der Bevölkerung möchte die regierende National Party Staatsbetriebe wie Elektrizitätswerke an Privateigentümer verkaufen. Jetzt gibt es eine interessante Diskussion: Wem gehört das Wasser?“ Ob Gasteiger weiß, dass hierzulande Cross-Boarder-Geschäfte mit US-Trusts über 14 Kraftwerke geschlossen wurden? „Das habe ich nicht mitbekommen. Ihr braucht ein paar Maori.“

Mehr Bilder und Informationen:
http://www.arno.co.nz/

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Marianne Gruber: Erinnerungen eines Narren
Innsbruck: Haymon 2012

Einführung zur Lesung am 8. 11. 2012 in der Innsbrucker Universitätsbuchhandlung „Studia“ von Edith Frank-Rieser (Psychoanalytikerin, Innsbruck)

 Bildergalerie
  

© Haymon, 2012Marianne Grubers Buch ist eines, das persönliches ‚Erinnern’ im vollen vielschichtigen Prozess seiner seelischen Dynamik darstellt und in diesen Monolog des Erinnerns von Anfang an mit hineinreißt.
Der namenlose Clown, abgestürzt und gelähmt, in seinem Dahinsterben wieder in einem Zuhause angelangt, sieht sich einem namenlosen jungen Zuhörer gegenüber, der seine Geschichte wissen will. Er bezweifelt den Sinn des Unterfangens, des Redens überhaupt, in das er sich dennoch hineingezogen fühlt: „Daß ich rede besagt nichts, es hört meist von selbst auf, zu viele Worte vergessen und zu viele behalten, es wird von selbst aufhören. Als ob man ausgeronnen wäre“ (S. 5).
Er bedenkt: „Es sind nicht die Wörter von damals, nicht die Wörter meiner Kindheit und nicht jene, die mich in der Manege begleiteten, obwohl ihnen noch immer irgendwie ähnlich. (...) Mitten in einem Satz kann man auf nichts anderes achten als auf dieses Weiter, mit dem ein Wort das nächste voranstößt...Sie kommen mit einem Rucken, einem stoßweisen Fluß, wenn es überhaupt ein Fluß ist, der über Hindernisse hinwegwill. Man sollte sie im Vorübergehen hören, auf der Bank sitzend, voll der Ruhe eines langsamen Abends, um ihnen zu lauschen. Oder ihnen nachhorchen wie man einem Vogel nachblickt....“ (S. 83)

So ein Nachhorchen stellt sich beim Lesen ein, man wird selbst zum Zuhörer im abgedunkelten Zimmer und erfährt nach und nach die Geschichte des Clowns: aus armem Zuhause, nach dem Tod der Mutter, den Vater nicht als Stütze und Zugehörigkeit erlebend, reißt er aus dem Internat, aus der Schule aus, in der er ein gequälter, stumm gewordener Außenseiter ist. Dies alles vor dem Hintergrund der heraufziehenden NS-Macht, die er noch nicht begreift, knapp vor Ausbruch des Krieges. Er schlägt sich durch als Tramper mit gelegentlichen Dienstleistungen und letztlich als Dieb, verwahrlost, reduziert auf die Augenblicke des inhaltsfernen Überlebens – bis er sich durch den Ausruf einer Frau „der da“ gesehen fühlt und fliehend wieder aufwacht in ein ichhaftes Verlangen nach Unterschlupf. So landet er im Wanderzirkus, in dem er vom Clown Hieronimo zu seinem Nachfolger herangezogen wird. Vom Liliputaner Rollo mit Boshaftigkeit verfolgt und von der angstvoll dort untergetauchten Rachel wahrgenommen, erwacht er erst langsam aus seiner Starre und seinem leeren Schweigen, gefordert und provoziert durch das Miteinander in den Gefahren für den Zirkus selbst, der besonders während seinem Aufenthalt in der Schweiz auch für Flüchtende zur Notheimat geworden ist. „Das Schweigen war nach Mutters Tod und durch mein Internatsleben sozusagen zu meiner zweiten Natur geworden. Ich wußte: wer redet, ist verloren. Daß wir auch so verloren sind, begriff ich damals noch nicht. Ich verstand nichts, überhaupt nichts. Ein wenig Mythologie kannte ich,... Und sonst?“ (S. 77).

Aus diesem Schweigen und den unwidersprochenen Zuschreibungen an sich selbst als Ehrlosen muss sich der Ausreißer herauskämpfen. Er erkennt in den anderen, im Buch auch namenlos Gebliebenen, im Zirkus wie auch in seinen Peinigern Eigenes und Vergleichbares, das sich bei aller bleibenden Fremdheit in ein Wir zum Überleben bindet. Als würde sich ein Grundvertrauen wiederfinden lassen wollen und müssen mithilfe der Gestalten vermisster und fremder Väterlichkeit, fehlender Mütterlichkeit, rivalisierender Geschwisterlichkeit und entäußerter verdrängter Ängste und Innenwelten, die sich in den Notbeziehungen verdeutlichen und in den langen Wanderschaften zum Teil besänftigen lassen. Überleben und Fühlen wird dem Narren so erst zusammenhängend zum eigenen Suchen nach Ordnung im ‚allgemeinen Chaos der verfallenden Zeit’. Im Rückblick erinnert er Hieronimos Visionen, der damit eine „Wendeltreppe hinab in das Dunkel von Jahrhunderten (schuf), alte Vereinbarungen tauchten auf mit dem Grund ihres Entstehens. Nicht immer gut. Das verlängerte Gedächtnis in die Vergangenheit schaffe Schmerz, den man festhalten müsse, denn er bedeute Leben, das nicht an das anderer rühre“ (S. 262).

Um den Strang der konkreten Lebensgeschichte bis in die Zeit nach dem Krieg, dem Suchen nach dem verlorenen Vater und einem weiteren knapp zusammengefassten Leben als Clown flicht sich von Anbeginn an die Geschichte der Begegnung mit dem sogenannten Anderen, der neben dem väterlich harschen Hieronimo wie ein Aufforderer und Vermittler des Gegenwärtigen rundherum, der Gefahren und der widerständigen Haltung dagegen ebenso erscheint wie er zugleich der Vermittler der überzeitlichen Erzählungen und Mythen in ihrer ungebrochenen Bedeutung für die Geschichte jedes Einzelnen ist. Der Andere, den Hieronimo ihm ankündigt: „Da ist jemand, der dich sucht.... Du wirst ihn brauchen, und er braucht Dich“ bleibt ein Besucher, der zeitlebens wiederkehrt, etwas bringt, zu etwas auffordert.
Der Andere wirft den Narren wie ins innere Gespräch mit den alten Geschichten und Mythen – wovon der Narr als Schüler schon etwas weiß. Mythen und alte Dramen reden ja vom früheren Gelingen und Misslingen des Liebens und Suchens wie zeitgeschichtliche Träume, die symbolisierend das Werden und seine Gefährdungen in den Alltag hinein bebildern und anleiten. In ihrer Umschrift durch den Narren werden sie symbolisch-wirkliche, gleichnishaft-wörtliche Träger seiner eigenen Suche. Da wird z.B. spürbar wie Romeos und Julias Tod nicht nur der äußeren Tragik einer Behinderung durch verfeindete Familien geschuldet ist sondern auch der eigenen Not, dieselbe Identität unaufhebbar und sichtbar in sich zu tragen, die das eigene Liebenwollen letztlich selbst und damit Julia zerstören wird. Wie ist also persönliches Lieben möglich gegen die innere Beteiligung am äußeren Zerstören? Oder aber wird Othellos Wissen um Desdemonas Treue vom Narren nicht angezweifelt und seine Tat nicht auf Eifersucht gekürzt. Othellos Überforderung damit, sein liebendes Wissen gegen die bestehenden Machtverhältnissen zu hüten, wird zum Motiv der Tötung, die sein Scheitern, sein Schuldigwerden vorwegnimmt. Also: wie innerlich widerständig bleiben auch bei äußeren Gegenmächten? Äußere Hindernisse werden vom Narren in allen alten Erzählungen in ihrer inneren, seelischen Beteiligung und Mitschuld begriffen – wie ein unausgesprochenes Abbild der unschuldig-schuldigen Beteiligungen an Geschichte und Krieg, am Scheitern überhaupt, über die Zeiten hinweg.

Wenn der Andere Erinnerungsstücke bringt – eine Spange, einen Stein, Lesbares... – bindet dies den Narren in die kollektiven Verhältnisse. „Ich werde Dir hin und wieder etwas bringen. Was du damit anfängst, ist deine Sache“. Der Narr erinnert dazu:  „...ich wußte nun, daß es nicht nur um mich ging, nicht allein mich anging, was geschehen würde. .... Damals meldete sich zum ersten Mal jene Stimme, die ich seither immer wieder höre, die mich danach nie mehr völlig verlassen hat. Man kann die Zeit nicht hindern, aber so, wie man ihr mit Haut und Haaren angehört, gehört man ihr gleichzeitig nicht an“ (S. 177).
Gleichzeitig nicht-angehören: das liest sich wie der Gewinn des seelischen Innenraums, Freiraum, in dem Sprache zwischen sich und sich selbst entstehen kann als zugleich abhängiges und unabhängiges, angewiesenes und freies Ich, das dem Zeitlauf der äußeren Geschichte neben und trotz des nackten Überlebens die Würde des eigenen Einsatzes und der eigenen Geschichtsschreibung ermöglicht. Zweifelnd ausgedrückt vom Narren: „Das Warten darauf, daß man sein Mißgeschick würdig vertritt, die Hundeleine der Hoffnung, der Maulkorb der Wortlosigkeit... Gab es richtige Antworten? Sie werden erschwiegen, hörte ich, in einer friedlichen Stille“ (S. 177).

Ich habe die ‚Erinnerungen eines Narren’ wie einen Traum gelesen, in einem psychoanalytischen Sinn real und symbolisch zugleich ‚gehört’: Einen Traum, dessen Wirklichkeitsebenen einander nicht konkurrieren wie fremde Erzählstrukturen, sondern die in enger Verwobenheit auf ein Gleiches verweisen, das es erst herauszufinden gilt und auf das sich der Icherzähler hinbewegt, da er am Erzählen bleibt und sich hörbar erhält hin bis zu seinem Ende in zerfallenden Sätzen.

Der Rückblick des Alters auf das Frühere schiebt ganz natürlich (und im Reden des Clowns von Beginn an) in traumähnlicher Weise die langen aktiven Zeitlinien teleskopartig in Bedeutungsringe – wie die Jahresringe eines Baumes – zusammen, wie um das Muster der größeren Bögen des Begreifens und Suchens im individuellen und gemeinsamen Zeitraum und nicht nur in der individuellen Zeitachse sichtbar zu halten.
So zeigen sich im Buch die Erzählstränge der konkreten Geschichte, der Begegnungsgeschichte mit dem (inneren und äußeren) Anderen und die Linie der umgeschriebenen mythischen und dramatischen Geschichten als ein ungetrenntes Ineinanderstehen, so wie dies in den Nachterzählungen der Träume geschieht.
Reale Zusammenhänge aus Vergangenheit und Gegenwart zeigen auf einen Verlauf von Zeit und Einfluss, stellen wie mithilfe des sogenannten Anderen eine größere Bedeutung sowie einen Aufruf zu einer Haltung und Handlung her und stellen dies in den größeren Zusammenhang einer menschlichen Entwicklung, die sich über Jahrhunderte fortbewegt in einer gemeinsamen Beteiligung und deren erst heraufdämmernden Verantwortung.

So meint der Narr gegen Ende zum Zuhörer, der aus einer jungen Zeit stammt: „Das ist sie also, diese meine Geschichte, eine wie die vieler anderer ohne besondere Bedeutung. Kein Flug über die Zeit, über die Massen an Unglücklichen, Verfolgten, verfolgt von falschen Entscheidungen, gierigen Machtspielen, die immer aus Menschen Dreck machen, wir, der Dreck der Geschichte, die es ohne uns nicht gäbe. (......) Diese Zeit war nicht mehr meine Zeit. Sie gehörte mehr und mehr den anderen: den Vergesslichen, den Nachgeborenen oder auch ihnen nicht, weil nichts danach das Gift der Vergangenheit hat ausspucken lassen. Wir tragen noch immer daran, wir tragen immer an der Geschichte, sagt die Stimme, an den Taten und Worten, wir haben unser Reden nicht reinigen können, alles wie immer, jahrhundertelang immer die gleichen Zweifel, Begründungen, Ängste und Vorurteile. Was blieb war der Krieg, ist der Krieg immer und immer wieder, als ob man dem Tod nachhelfen müßte....“ (S. 303).
‚Als ob man dem Tod nachhelfen müßte’ verweist zugleich auf die darin verhinderte andere Möglichkeit, die der Narr dem ermatteten resignierenden Phönix entgegenhält, dem er etwas Ruhe verschafft: „aber in den Augen der Liebenden!“ (S. 291). Und Phönix, der eigentlich nicht mehr brennen und nicht mehr auferstehen müssen will nach all dem Gesehenen, fliegt wieder.

Beides bleibt offen – und damit beim ‚zuhörenden’ Leser.

Edith Frank-Rieser
(Psychoanalytikerin, Innsbruck)  

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Ingrid Runggaldier: Frauen im Aufstieg. Auf Spurensuche in der Alpingeschichte.
Bozen: Raetia Verlag 2011

Manuela Schwärzler: Alpinismus als Kinderspiel?
 


© Raetia, 2011Die Alpingeschichte ist durchzogen von vielfältigsten Spuren – darunter finden sich auch unsichtbare, flüchtige, längst verwischte und schwer entzifferbare. Vorwiegend entlang eines solchen Spurengeflechts bewegt sich die Geschichte weiblicher Bergsteigerinnen bis zum Zweiten Weltkrieg. Ingrid Runggaldier betreibt für diesen Zeitraum eine umfangreich recherchierte Spurensicherung. „Frauen im Aufstieg“, so der Titel des liebevoll gestalteten, mit zahlreichem, sehr ansprechendem Bildmaterial ausgestatteten Bandes in Großformat, schreibt sich mit durchaus kritischen Tönen in die Alpingeschichte ein, indem Lücken zur Sprache gebracht und überschrieben werden - nicht zuletzt um den Wegbereiterinnen nachträglich einen gebührenden Platz in der Liste der Erstbesteigungen und anderer alpinistischer Unternehmungen einzuräumen. Mit vertiefendem Blick auf den alpingeschichtlichen Diskurs, wie ihn Dagmar Günther in ihren „Alpine(n) Quergänge(n). Kulturgeschichte des bürgerlichen Alpinismus“ (1998) aus einer geschlechtergeschichtlichen Perspektive im selben Zeitraum präsentiert und analysiert, stellt sich aber eine Aufnahme in den alpingeschichtlichen Olymp einigermaßen fragwürdig dar. Insbesondere, wenn man sich angesichts seiner Repräsentationen vergegenwärtigt, welchen Legitimationszwängen die leibhaftigen bergsteigerischen Erfahrungen unterworfen waren.
Von Anfang an war der Alpinismus bekanntlich aufs engste mit dem geschriebenen Wort verknüpft. Eine besondere Bedeutung kam der Dokumentation zu, insofern nur diejenigen ihre alpinen „Erfolgserlebnisse“ für sich beanspruchen durften, die soweit der Schrift mächtig waren, das Ereignis auch dementsprechend festzuhalten. Ingrid Runggaldier ruft als bezeichnendes Beispiel die des Schreibens unkundige Magd Marie Karner in Erinnerung, die lange keinen nennenswerten Eingang in die Geschichte fand, obwohl sie als erste Frau den Gipfel des Ortler nur ganz knapp verfehlte. Dasselbe dürfte für andere AlpinistInnen der Frühgeschichte gelten, die aus anderen beziehungsweise keinen repräsentativen Motiven darauf verzichteten, zur Feder zu greifen.
Im Zusammenhang der Selbstverständigungsliteratur bemerkt Ingrid Runggaldier in vielen überlieferten Tourenberichten von Bergsteigerinnen eine auffallende Zurückhaltung gegenüber gebräuchlichen alpinliterarischen Formen, alpine Heldentaten verschiedenster Provenienz für sich zu verbuchen und eine Leistungs- und Trophäenschau zu betreiben. Beim Versuch, die weibliche Unterrepräsentation weniger zu bedauern als gegen den Strich zu lesen, kann die fehlende (Selbst-)Heroisierung mit zum Ansatz einer alternativen Alpingeschichte beitragen, die Spuren historischer Bergsteigerinnen als Form von (angedeuteter) Kritik am Alpinismus dechiffriert und andersartigen Deutungen Raum gibt.
Sehr deutlich und augenfällig zeigt sich der Gegensatz alpinistischer Unternehmungen zur Ernsthaftigkeit des Erwerbslebens und zum herrschenden ökonomischen Prinzip - schließlich definiert sich der Alpinismus ja gerade durch die Begehung eines Berges nur um der Begehung willen. Die Metaphern der geläufigen Rhetorik von der „Arbeit am Berg“ kaschieren nur unvollständig „das im erwerbsbürgerlichen Sinn skandalöse Potential des Alpinismus“ (Dagmar Günther). Selbstzweck, Unproduktivität und radikale Verweigerung eines Sinns, der über das Erreichen des Gipfels hinausreicht, rücken das Bergsteigen in die gefährliche Nähe von Glücksspielen, da von einem Moment auf den anderen alles verspielt werden kann und nicht nur das alpinistische Image auf dem Spiel steht. Damit taucht eine relativ vage und blasse Spur alpiner Spielformen und Spielräume auf, die höchstens Frauen zugeschrieben und -gesprochen werden, obwohl eine solche Deutung des Alpinismus, wie Günther am Rande bemerkt, im Ganzen sehr nahe läge. Im Schatten von Ehrgeiz, Konkurrenz- und Leistungsdenken, alpinistischen Erfolgen oder Misserfolgen liegen also unterbelichtete, wahrscheinlich auch unterentwickelte Gangarten, Motive, Wirkungen und Zusammenhänge. Ein Aufbruch dorthin führt in alpingeschichtlich kaum (ab)gesichertes Gelände, Gebiet. Nichts desto trotz zieht sich eine alpine Verspieltheit durch alle Höhenlagen und reicht weit über die Baumgrenze hinauf - darunter kämpft sie ohnehin weniger um ihre Anerkennung als Antriebsfeder und Umgangsform.
Heften wir uns also auf die Spur einer alpinen Spielart, die sich dem Bereich des wortlosen Tuns verschreibt, das nicht allein die Grenzen der historischen Geschichtsschreibung sprengt und befähigt scheint, Todernst, (Wett)Kampfgeist, Nationalismus und Heldentum zu unterlaufen. Sobald sich dieses Spiel von einer Begrenzung als Gegenentwurf und Negativfolie zur Erwerbstätigkeit loslöst, kann es das Streben nach messbaren Leistungen weit übersteigen und für unbedeutend erklären. An dieser (Schlüssel-)Stelle beginnen sich Umrisse einer lustvollen spielerischen Verausgabung am Berg abzuzeichnen. Aus Überschwang, überschüssiger Energie und purer Lust an der Verausgabung.
Von dort bedarf es nur mehr eines Schrittes oder Satzes zur Freisetzung einer exzessiven Selbstverschwendung als Teil des freien Spiels von Kräften, die zur Verausgabung drängen. Grundlos, zwecklos, frei von jeglicher Nützlichkeit. Dadurch kommen Momente des radikalen, fundamentalen menschlichen Antriebs zur Verausgabung spielend zum Zug. Georges Batailles „Aufhebung der Ökonomie“ klingt samt seiner Theorie des verfemten Teils an, die hier eine spezifische Ausprägung und Auslegung erfährt und sich im alpinistischen Tun äußert. Und in Batailles Worten: „Die freie Energie blüht im Menschen auf und demonstriert fortwährend ihre nutzlose Herrlichkeit.“ Diese “glanzvolle Freigabe des Überflusses“ (Gerd Bergfleth) soll eine Schichtung zum Vorschein bringen, auf der sich Striche, Zeichen, Linien eines alternativen Alpinismus andeuten lassen. Und welchem bergsteigenden „Subjekt“ wären sie nicht bekannt: diese vermutlich in allen alpinen Schwierigkeitsgraden erfahrbaren Zustände des „Höhenrauschs“ und ekstatischen Außer-sich-Seins, die sich wunderbar in Batailles Antiökonomie einreihen. Wohl nicht von ungefähr erinnert diese schöpferische Ekstase an völlig selbstvergessen herumtollende und sich bis zum Umfallen austobende Kinder. Mit kindlichem Ernst vollkommen dem Spiel hingegeben.

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