Editorial

Zoom

Zeitblende

Weitwinkel

 Literatur im Lichthof (7/2015) - Weitwinkel
 
 

 

Joe Rabl: Wie macht Literatur Wissenschaft nutzbar – und was sagt die Wissenschaft darüber?
Impressionen von den 38. Innsbrucker Wochenendgesprächen

 

Seit 2015 werden die Innsbrucker Wochenendgespräche von Birgit Holzner und Joe Rabl organisiert

Seit 2015 werden die Innsbrucker Wochenendgespräche von Birgit Holzner und Joe Rabl organisiert

 

 Am Anfang beginnen: beim (gezeichneten) Urknall

Die Gespräche beginnen in diesem Jahr mit Bildern, mit einem Überblick über knapp 14 Milliarden Jahre, gezeichnet vom Berliner Grafiker, Illustrator und Comic-Zeichner Jens Harder. Er erzählt von seiner Arbeit an dem Monumentalwerk „Alpha / Beta / Gamma“ und dass er dabei schon mal von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen eingeholt wurde. Harder erläutert den Einsatz von Bildmetaphern und sein Arbeitsprinzip: Montage und Zeitsprünge, um Entwicklungen darzustellen. Sein Antrieb, sich dieser Aufgabe zu stellen, war sein Wunsch, die Entstehung der Erde und der Menschheit einmal gezeichnet zu sehen; wobei er seinen Comic eher als gezeichneten Essay sieht, als einen Versuch, die Evolution in grafischer Form zu fassen.

 
Gedichte: Gespräche mit einem Gegenüber

Andrea GrillAndrea Grill weist auf die Gegensätze von Literatur und Wissenschaft hin; aufregend sind für sie die Unterschiede; als größte Gemeinsamkeiten sieht sie die Genauigkeit und die Suche nach dem, was wahr ist. Gedichte sind für sie ein Gespräch mit dem Gegenüber; als Wissenschaftlerin kann sie sich auch einschließen, was sie unabhängiger macht. Als Autorin braucht sie das Feedback, weil sie dabei etwas gibt, das aus ihr kommt; als Wissenschaftlerin beobachtet sie, was ist. Ums (Auf-)Schreiben geht es auch in der Wissenschaft, aber in sehr formalisierter Form. Die Welt nach ihrem Geschmack gestalten, das kann sie im Roman; hier erfindet sie, nützt sie die Freiheit der Kunst, auch wenn es viel Handwerk ist; geschätzter Anteil Intuition/Spontaneität: 30 Prozent; bleiben fürs Handwerk immerhin 70 Prozent …

 
Literatur in der Röhre: neurowissenschaftliche Ansätze

v.l. Raoul Schrott, Arthur JacobsArthur Jacobs, der Hirnforscher, will nachprüfen, wie wir in poetische Sprachwelten eintauchen und was dabei im Gehirn passiert; wie Metrum, Reim und Rhythmus das endogene Belohnungssystem im Hirn stimulieren. Wo „leuchtet“ was im Gehirn, wenn wir ein Gedicht lesen? Oder wo entsteht im Gehirn das Unheimliche, etwa bei der Lektüre von E.T.A. Hoffmann? Seine Arbeit kann man sich unter anderem so vorstellen: Er legt Probanden in die Röhre, lässt sie Texte lesen und schaut, was sich im Gehirn tut: Harry-Potter-Lektüre im Kernspintomografen … Literarische Texte, vor allem Gedichte, eignen sich besonders gut für seine Forschungen, weil es verdichtete, komprimierte Texte sind. Interessant auch: Wenn Texte als fiktiv wahrgenommen werden oder als real, werden jeweils andere Areale im Gehirn aktiviert.
Doch wie sieht das intersprachlich aus (A. Grill)? Und funktioniert das auch intersubjektiv (S. Geist)? Die Wissenschaft, so Jacobs, versucht Aussagen mithilfe von großen Versuchsreihen zu treffen – sie verallgemeinert. Der Unterschied zur Literatur mit ihrem subjektiven Zugang liegt auf der Hand. Die Immersion, das Eintauchen in eine virtuelle Umgebung, die die Wissenschaft zu verstehen und beschreiben versucht, muss sie selbst ausklammern. In der Literatur ist sie Teil der poetischen Intervention (S. Geist) und ist damit einer der großen Vorzüge von Literatur. Jacobs abschließend: Die Neurowissenschaft kann viel von der Poesie lernen; umgekehrt ist das eher nicht der Fall.

 
Wir sprechen eine Sternensprache, ohne das Universum zu erfassen

Peter SteinerPeter Steiner beginnt den Nachmittag anekdotisch und erzählt vom Einfluss der Beatles auf die Wissenschaft; auch Forscher sind Beatles-Fans und so heißt unsere Urmutter nach einem bekannten Song der Liverpooler Boygroup jetzt eben Lucy. Steiner, der zeitlebens als Geologe gearbeitet hat, sieht einen Gegensatz von Wissenschaft und Literatur: In der Wissenschaft dient die Sprache der Verständigung, die Poesie geht darüber hinaus, sie macht auch noch die Sprachlosigkeit sichtbar; und findet gleich ein poetisches Bild dafür: „Wir sprechen eine Sternensprache, ohne das Universum zu erfassen.“ Raoul Schrott, ebenso versierter wie belesener Moderator der Gespräche, findet in Steiners Buch „Sandfallenbauer“ immer wieder Stellen, wo die beiden Welten zur Deckung kommen, und er stellt fest, wie sehr das naturwissenschaftliche Verständnis den Blick auf die Welt prägt: der Blick des Geologen, der den Boden „liest“.

 
Literatur aus dem Sprachlossein geboren?

v.l. Anna-Elisabeth Mayer, Jens HarderAnna-Elisabeth Mayer nimmt von Peter Steiner den Begriff der Sprachlosigkeit auf, sie spricht von den Zwischenräumen und den Untiefen, die in der Literatur sichtbar gemacht werden können. Ihr Schreiben hat denselben Antrieb wie der Protagonist in ihrem Roman „Die Hunde von Montpellier“: wie der Arzt Rondelet Mitte des 16. Jahrhunderts die Körper öffnet, will auch sie die Welt enträtseln; die Literatur findet aber andere Antworten als die Wissenschaft. Auch in ihrem Roman findet Raoul Schrott Beispiele, in denen Wissenschaft und Literatur ineinander aufgehen; offenbar löst der empfundene Widerspruch zwischen den – vielleicht vorsichtiger abwägenden – Statements der Autoren und ihrer konkreten Arbeit nachhaltige Irritation aus.

 
Die Welt ist hermetisch, der Mensch bedarf ihrer Beschreibung und Deutung

v.l. Ullrich Woelk, Sylvia GeistSylvia Geist benennt die Janusköpfigkeit ihrer Interessen: schon in der Schule hat sie sich für Deutsch und Chemie gleichermaßen interessiert. An der Chemie ist es die Formensprache, die nach wie vor ihr Interesse weckt; hier sieht sie auch eine Verwandtschaft: Formeln und Gedichte sind ästhetische Produkte; Darstellungsformen, die das Unübersichtliche anordnen. Aber sie sind „unterschiedliche Geschwister“: Formeln sind der Objektivierung verpflichtet; Gedichte lassen sich zu nichts verpflichten, sie verkünden keine Wahrheit außer einer, die sich aus subjektiver Wahrnehmung ableiten lässt. Ihr Impuls für Literatur ist in erster Linie Selbstverständigung, nicht Verständigung mit anderen. Die Welt ist hermetisch, und der Mensch bedarf ihrer Beschreibung und Deutung, sagt sie, und auch, dass das Erkenntnispotenzial von Lyrik begrenzt ist auf subjektive Ausschnitte. Aus dem Periodensystem der Elemente schöpft sie wie aus einer Apotheke; aber sie muss in Beziehung dazu kommen, was sie als „Andock-Effekt“ der Literatur an die Realität in ein schönes Bild fasst.

 
Aus dem Meer der Einzelerkenntnisse schöpfen

Am späten Nachmittag entspinnt sich dann noch eine spannende Diskussion über die (künstliche) Trennung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Arthur Jacobs sieht den Gegensatz von Verstehen und Erklären als soziale Konvention. Thomas Lehr weist darauf hin, dass die Literatur ein Ort sein kann, wo Verstehen und Erklären wieder zusammengefügt werden können. Die Literatur kann Kategorien aufbrechen; gleichzeitig versucht sie auch, das Weltbild ihrer Zeit unterzubringen. Sylvia Geist geht es dabei um Relevanz; die Rolle des Universalgenies kann heute ohnehin von niemand mehr ausgefüllt werden; es wird immer schwieriger, sich auch nur in einem Bereich auf dem Laufenden zu halten; die Fülle der Erkenntnisse mache eine interdisziplinäre Herangehensweise gerade so wichtig. Oder wie Thomas Lehr es ausdrückt: „das Meer der Einzelerkenntnisse“, in dem wir uns bewegen und aus dem die Literatur schöpft. Ulrich Woelk betont zum Schluss die Stärken der narrativen Mittel: Für Verständigung braucht es keine Masterkonzepte; man kann das aufgesplitterte Wissen auch ästhetisieren – und verstehen.

 
Nachdenken über die Zeit auf Augenhöhe mit der Wissenschaft

Thomas LehrThomas Lehr hat in seinem Roman „42“ neue Denkräume literarisch nutzbar gemacht, eine harmonische Verbindung von Literatur und Naturwissenschaft versucht. Sein Antrieb dafür war das Interesse an den philosophischen und physikalischen Theorien über die Zeit. Literatur kann Wissen verwenden, wissenschaftliche Erkenntnisse vermitteln; doch auch Autoren, die keine Wissenschaftler sind, haben lebensweltliche Erkenntnisse; und es gibt einen ästhetischen Erkenntniseffekt, der in den Wissenschaften nicht zu finden ist. Lehr nennt als Beispiel Arthur Schnitzler, der vorweggenommen hat, was Sigmund Freud erst später wissenschaftlich greifen konnte. Die Literatur kann auch Erkenntnisse gewinnen, die nur interdisziplinär zu haben sind. Die Wissenschaft strebt in erster Linie nach Erkenntnis, nicht nach Ästhetik; die Aussagen müssen nachvollziehbar sein und deshalb standardisiert. Kunst will erzählen; primär sind nicht Erkenntnisse, sondern ästhetische Motive; hier gilt: je ästhetischer, desto besser. Kunst ist Wiedergabe der Welt in subjektiv verzerrter Form; der Reiz liegt für Lehr im Unterschied zwischen der tatsächlichen und der symbolischen Welt. Die Literatur kann eine Brücke schlagen: Man muss nicht Teilchenphysik studieren, man kann auch Wissen erwerben durch Lesen. Der Autor muss dafür Fachwissen mit ästhetischer Relevanz versehen. Die Kunst gewinnt so auch Erkenntnisse, für die es keine Wissenschaft gibt, und diese Erkenntnisse sind nicht geringer als wissenschaftliche Erkenntnisse; das ist einer der Gründe, warum wir Romane lesen.

 
An Schrauben drehen, an denen wir in der Realität nicht drehen können

v.l. Jens Harder, Michael HampePhilosophie, sagt Michael Hampe, ist weder Literatur noch Wissenschaft, sondern etwas Drittes. Wenn Platon in den Dialogen nicht seine Meinung sagt, sondern Meinungen vorführt, dann ist das dem Roman ähnlich. Die Philosophie strebt wie der Roman nach semantischer Autonomie; aber helfen die Wissenschaften, ein gutes Leben zu führen? Laut Sokrates ist ein gutes Leben nur durch Selbsterkenntnis möglich; und Selbsterkenntnis ist eine andere Form als wissenschaftliche Erkenntnis. Hampe nennt als Beispiele Ibsen und dessen vielfältige Thematisierung der Lebenslüge sowie den „Fremden“ von Camus. Manchmal gehe die Philosophie in andere Wissenschaften über, manchmal eben in Literatur. Das Prinzip der Literatur ist ja, im Roman Welten zu simulieren, das können auch die Wissenschaften; und die Philosophie mache das ständig. Simulation heißt: an Schrauben drehen, an denen wir in der Realität nicht drehen können; Wissenschaft, Literatur und Philosophie machen das nach anderen, je eigenen Verfahren; die Philosophie (und Hampe) nützt den Dialog, um es spannender zu machen, weil die Menschen sich mehr für Menschen interessieren als für Dinge.

 
Bücher als Experimentalanordnungen: Experimente mit Figuren ausführen

v.l. Ullrich Woelk, Sylvia GeistEines der Interessen von Ulrich Woelk ist, die Figur des Wissenschaftlers sichtbar zu machen. So hat er in „Die Einsamkeit des Astronomen“ durchgespielt, wie es gewesen wäre, wenn er Astronom geblieben wäre und sich nicht für die Literatur entschieden hätte. Kunst und Literatur haben für ihn mit der Wissenschaft eines gemeinsam: Sie entwerfen Modelle der Wirklichkeit; wenn auch mit sehr unterschiedlichen Vorgaben. Seinem Kriminalroman „Pfingstopfer“ liegt eine wissenschaftliche Idee zugrunde: die Frage nach dem freien Willen; das lässt sich nirgends besser zeigen als in einem Kriminalroman. Als eine der Stärken der Literatur sieht er, dass sie von der Welt in ihrer Pluralität und Unberechenbarkeit ausgeht; als Autor weiß er, dass die Realität nur in einzelnen Aspekten ästhetisch fassbar ist; sich dem zu stellen, einen kleinen Teil des Ganzen im Romankosmos fassen, ist, was Literatur leisten kann. Wissenschaft ist immer Reduktion von Komplexität, aber in der Realität ist die Vielfalt die Regel und die Berechenbarkeit die Ausnahme. Die schönsten Schaffensmomente sind für ihn, wenn Dinge passieren, die vorher nicht abzusehen waren; als Autor muss er für diesen Moment offen bleiben.

 
Vom metaphysischen Grundbedürfnis zum großen Narrativ der Gegenwart

PublikumDie Abschlussrunde klärt offene Fragen und mündet in eine Grundsatzdiskussion über moralisch-ethische Fragen; diese entzündet sich am Begriff „esoterischer Quatsch“, in die Diskussion geworfen am Beispiel Newtons, aber auch anderer Physiker der Vergangenheit. Ulrich Woelk sieht es als große Leistung, in dem „historisch bedingten Nebel“ die Fakten zu sehen und zu extrahieren. Thomas Lehr findet es als Romancier wunderbar, wenn Wissenschaftler wie Newton auch noch mystisch und kabbalistisch denken. – Aber wie sieht es heute aus? Gibt es gegenwärtig ein religiöses bzw. metaphysisches Grundbedürfnis? Der Hirnforscher Arthur Jacobs glaubt das nicht. Sylvia Geist erinnert daran, dass auch der Materialismus metaphysische Anteile hat und man auch darin das universelle Bedürfnis erkennen könne. Für Lehr hat die Wissenschaft die gleiche Wurzel wie die beiden großen Narrative Religion und Nation: sich die Welt erklären wollen. Ulrich Woelk bringt abermals die Literatur ins Spiel, sie liefere nicht die eine große Mastererzählung, sondern viele individuelle. Für Michael Hampe ist das große Narrativ der Gegenwart der Markt; wenn wir die Mastererzählungen als Orientierung benutzen, dann ist der Marktliberalismus die Orientierung schlechthin. Für Lehr hat die Religion sehr wohl noch Macht als Narrativ; außerdem muss man auch der Wissenschaft glauben; die Notwendigkeit, daran zu glauben, speist sich aus dem Bedürfnis nach Vollständigkeit. Die arbeitsteiligen Wissenschaften, so Hampe, können das nicht mehr befriedigen; der Wissenschaft komme auch die Fähigkeit abhanden, produktiv zu spekulieren; da seien Literatur und Philosophie im Vorteil. Sylvia Geist: Wenn die herkömmlichen Narrative an ihre Grenzen stoßen, sei eben die Literatur aufgerufen, Stellung zu beziehen; doch es stellt sich die Frage: Ist sie überhaupt noch in der Lage, Antworten auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verwerfungen zu finden? Die Literatur kann, da sind sich alle einig, zumindest Fragen stellen – und eine gut erzählte Geschichte ist eine mögliche Antwort. 

Gruppenbild

nach oben

 


 

Siljarosa Schletterer: W:ORTE, 1. Lyrikfestival in Innsbruck

- Lyrisch-essayistische Nachbetrachtung -

 

Insgeheim Innsbruck: Ich sehe, was ich liebe,
in einem anderen Licht.
(Mirko Bonné)

 

W:orte, Innsbrucks erstes Lyrikfestival, schaffte es, bereits ‚bekannt Geliebtes‘ unter neue Lichter zu stellen und mit neuen Blicken, zu neuen Worten zu inspirieren. Die eingangs zitierte Gedichtzeile von Bonné einem C.W.Bauer gewidmeten Gedicht Ibeka beschreibt dieses Gefühl kaum treffender. Als von Donnerstag 18. bis Montag 22. Juni 2015 ein Lyrikfestival Innsbrucks Orte mit Worten bewohnte, wurde die Stadt für ein paar Tage zu einem Hotspot lyrischer Stimmen der Gegenwart, zwölf an der Zahl waren zu hören: Barbara Hundegger, Christoph W. Bauer, José A. Oliver, Lydia Daher, Mirko Bonné, Nora Bossong, Robert Schindel, Rolf Hermann, Sabine Gruber, Sabine Scho, Sandra Künzi, Sepp Mall. Aus verschiedenen deutschsprachigen Orten der Schweiz, Deutschlands, Italiens und Österreichs kamen die Autorinnen und Autoren angereist. Tirol war durch Christoph W. Bauer, Sabine Gruber, Barbara Hundegger und den Südtiroler Sepp Mall vertreten. Besprochene, ‚bewortete‘ und belesene Orte waren das Freie Theater Innsbruck in der Wilhelm-Greil-Straße und die Kunstpause in der Museumstraße und das Literaturhaus am Inn, in der Josefhirnstraße. Der Festivaltitel W:orte ist José Oliver zu verdanken, dem Poeten, der die Sprache(n) auf den Doppelpunkt bringt und so Mehrdeutigkeiten eines einzelnen Wortes verdichtet. Nach Jahren des Wartens wird dem Prosafestival, welches nunmehr schon seit 2003 besteht, endlich ein lyrisches Pendant zur Seite gestellt. 8tung Kultur initiierte auch dieses Festival und organisierte es zusammen mit dem Literaturhaus am Inn.  


Bildlegende: bitte auf "i" klicken
© Florian Schneider, David Winkler-Ebner, Literaturhaus am Inn 

 

selbst regentropfen klangen nach applaus auf innsbrucks straßen-
als veraltete wunden tränenträge besilbt
und nächte unsrer gegenwarten nachgewebt  wurden-

ins innere der zeit: festgehalten von lyrischen stimmen-
die durch ihre worte sehen konnten, uns mitnahmen: für augenblicke
besser verstehen machten. ihr echo klingt immer noch nach-

immer noch weiter. meine buchinnenzimmeridole lösten beinah haltloses schwärmen aus-
über erhaschte erlauschte augenblicke. doch hier wäre der punkt zum verstummen-
denn schweigen umrahmt alles gesagt-gesungene passender als jedes zusätzliche
überflüssige wort einer vor eindrücken betäubten zungensprache.

(S. Sch.)
  

Über die Festivaltage, 6 Tage erlebter verdichteter Wortuniversen, zu schreiben, sie zusammenzufassen, betäubt fast. Der Versuch, nur trocken in prosaischer Berichtform zu schreiben, erweist sich als ebenso ergiebig, wie die Magie jenes Regenbogens, der die Innenstadt am zweiten Festivaltag schmückte, in Grautönen darzustellen. Ein Verstummenwäre wohl wirklich angebrachter bei so einer Fülle an gehörten Zeilen - schweigen, weil schon alles gesagt wurde, alles, was sich in Worten sagen lässt. So wurde alles real Existierende schon ins Lyrische transkribiert.

Den Auftakt bildete am Donnerstagabend José A. Oliver im Freien Theater unter dem Motto „FremdW:ORTE: Mehrsprachigkeit und Migration“. Dieser erste Abend begann gar nicht mit einer für ein Lyrikfestival erwartungsgemäßen Lyriklesung, sondern mit einem Gespräch unter anderem über seinen druckfrischen Essayband fremdenzimmer. Darauffolgend gab es Kostproben aus seinem bei weissbooks.w neuerschienenen Werk.  Durch seine sehr verdichtete Schreibart zeigt er auf, wie weit, die lyrische Grenze über die engeren Grenzen des Gedichts  geöffnet werden kann.

Das Duo Fransen, Hannes Sprenger und Klex Wolf, interpretierte anschließend den Text vier Jahreszeiten Holz aus dem Essayband von Oliver. Mit Saxophon, Live-electronics und dem Instrument Stimme zerlegten sie Wortzeilen, führten das Publikum in die Magie des Zwischenzeilenklanges ein und machten die Zeit vergessen. Aus der Kombination von rein programmatischer Vertonung und dennoch einem Vortrag von Ausschnittszeilen, die zum Teil bis zur Hörgrenze von Sprenger geflüstert und gemurmelt wurden, entstand eine ganz eigene Art der Textbehandlung und eine kaum beschreibbare Atmosphäre. Durch die Ausschnitte aus dem Essay vier Jahreszeiten Holz wurde dieser Essay noch einmal verkürzt und verdichtet und kam so einem klassischen Gedicht auf andere Weise sehr nahe. Nach einer kurzen Pause und einem weiteren kurzen alleinstehenden Musikblock von Fransen folgte Lyrik von Oliver, der die Werke mit einer eindringlich warmen Stimme vortrug. Er las aus der Neuauflage von Gastling. Darin nahm er als erster Stellung zu den Morden in Molln, verschriftlichte seinen Aufschrei, sein Entsetzen und zeigte so, wie Lyrik der Gegenwart sehr wohl zu einer kommentierenden Stimme der Zeit werden kann, werden muss. Auch seine Federico Garcia Lorca Einschreibungen, wie Oliver seine Übersetzungen und Nachdichtungen nennt, brachte er zum Klingen. Lorcas Gedicht el silencio übersetzt er zweimal: einmal mit die stille und einmal mit der stille, um so der Artikeldiskrepanz in den verschiedenen Sprachen Ausdruck zu verleihen. Die darin vorkommende Zeile „horch, mein sohn, die stille / schweigt in wellen fort (…)“ könnte auch als Beschreibung für die Stille im Publikum gelten. Selten habe ich bei einer Lesung solch‘ eine positive Aufmerksamkeit vernommen wie an diesen Tagen. Auch die lesenden Personen waren beeindruckt von der achtsamen Stille, die jedes Wort aufsaugte, jeder Metapher nachhörte, um dem Echo „tief im inneren ohr / wo die graviernadel wandert“ (so Rolf Hermann in seinem vor wort) mehr Freiraum zu geben.

Am nächsten Tag, Freitag den 19. Juni, begann das Festival mit jüngsten Stimmen aus der Gegenwart. Am Spätnachmittag bekamen junge literarische Talente aus der Schreibwerkstatt des Literaturhauses am Inn, welche dieses Jahr von Lydia Daher geleitet wurde, die Möglichkeit, ihre Werke zu präsentieren. Bei einigen sollte man sich die Namen merken, man wird möglicherweise noch mehr von ihnen hören. Am Abend las dann die Lyrikerin und Musikerin, Lydia Daher, aus ihrem aktuellen Band: Und auch nun, gegenüber dem Ganzen – dies. 101 Collagen (erschienen 2014 bei Voland & Quist), und aus älteren Gedichtbänden, wie Ingesamt so diese Welt. Sie ‚erzählte‘ uns ihre Gedichte, dies wäre wohl ein beschreibender Ausdruck für ihren Vortrag, sie entzückte durch ihre ganz eigene Sprachwelt, einer Kombination aus Songmusikalität und postmodernem Duktus. Ihre Collagen aus Wörtern von Literaturrezensionen verschiedener Tageszeitungen und deren Bildmaterial zerreißen die Literaturkritik, nicht wie üblicherweise umgekehrt. Sie erschuf so eine erfrischende neue Art von Cut-up Lyrik, eine Lyrik, der es wieder einmal gelang, in Kunstgalerien ausgestellt zu werden und die in ihrem Strukturprinzip an Hertas Müllers Collagegedichte erinnern. Eine besondere Art von Intermedialität und Grenzbrechung ist hier zu finden: Sprache steht in Bezug zum Bild, zum Optischen – zur Anordnung auf der zweidimensionalen projizierten Fläche. Ihre Gedichte wurden doch zum Ort, an dem sich die Zuhörerschaft und ihr Stimmklang treffen konnten, im Gegensatz zu ihrem Gedichttitel Das Gedicht ist kein Ort, an dem wir uns treffen. Sie thematisierte postmodernes Zeitgeschehen, also unsere erlebte Gleichzeitigkeit von Gegenwarten: „Und alle drei Sekunden / eine neue Wirklichkeit, / in die ein Pannennotruf eingeht / in der die Preise fallen, / in der ein Mensch stirbt und ein Hai.“

Der dritte W:orte Tag kann wohl als Festivalhöhepunkt angesehen werden, mit Sicherheit war er der dichteste. Ab 11 Uhr vormittags wechselten sich in der Kunstpause 8 LyrikerInnen in der Stimmführung ab. Als erstes waren Sabine Scho und Sandra Künzi an der Reihe, dann ab 14 Uhr José A. Oliver und Rolf Hermann. Das nächste Zweierteam bildeten Christoph W. Bauer und Mirko Bonné. Sepp Mall und Nora Bossong ließen den lyrischen Kunstpausentag ausklingen. Nora Bossong, die ja bekanntlich als Figur in Nora Gomringer Recherche, den diesjährigen Bachmannpreis indirekt erhielt, überzeugte auch als reale Autorin. Am Abend gipfelte der gefüllte lange Tag in die lange Nacht der W:ORTE im Freien Theater mit Sabine Gruber, Barbara Hundegger, Robert Schindel und Rolf Hermann am Lesepult. (Da der ursprünglich geplante Raphael Urweider zur Festivalzeit auch Vater wurde, las der Schweizer Kollege Rolf Hermann statt seiner.) Sabine Gruber las an dem Abend aus noch unveröffentlichten Werken  und ihrem bei Haymon erschienen Band Zu Ende gebaut ist nie. Siegedachte in ihrer Lesung Gabriel Grüner, einem Tiroler Auslandreporter, der im Kosovokrieg erschossen wurde und zeigte auch damit wie Lyrik politische Relevanz haben kann und muss. Rolf Hermann las aus Kartographie des Schnees und gab Hintergründe und Entstehungsgeschichten zu einzelnen Gedichten und Zyklen preis. Barbara Hundegger gab ihre eigene Dante Nachdichtung und Fortschreibung in die heutige Zeit zum Besten. Ihr neuestes Werk beeindruckte dadurch, dass sie literarische Bezüge herstellen konnte ohne sophisticated zu wirken und sie blieb verständlich in der heutigen Zeit, ohne ein literarisches Vorwissen abzuverlangen. Robert Schindel las aus seinem bald erscheinenden neuen Gedichtband und verstärkte das Gefühl der Bewunderung. „Ich weiß nicht, bist du das Wasser oder der Durst auf meinem Weg“, blieb in meinen Notizzeilen haften und als Frage in Anbetracht solch lyrischer Zeilen bestehen. Anmoderiert wurden die AutorInnen u.a. von Poetenkollegen selbst wie Bauer und Oliver. Schlichte einleitende Worte wurden so zu einem lyrischen Genuss und zu einer ‚Wortfläche‘ für treffende Neologismen. So sagte Oliver, dass den Gedichten von Rolf Hermann „Mundrealitäten“ innewohnen. Gibt es eine schönere Beschreibung dafür, was ein Dichter in seinen vorgetragenen kartographierten Gefühlslandschaften ausdrückt? Moderiert wurden die restlichen Festivaltage von Robert Renk, Gabriele Wild und David Winkler-Ebner. Der Sonntag wurde vom offiziellen Festival Programm aus ohne W:ORTE freigehalten.

Am letzten Festivaltag, Montag den 22. Juni, fand im Literaturhaus am Inn ab 9 Uhr das inzwischen legendäre Montagsfrühstück. Forum für strategische Langsamkeit statt, diesmal als Abschluss W:ORTE im Rahmen des Lyrik-Festivals. Unter dem Titel Lyrik nervt – Poetry slamt? Formen, Konzepte und Wirkung einer Dichtkunst von heute warfen sich Sandra Künzi und Sabine Scho ins Gespräch. Am Abend des gleichen Tages wurden die Literaturstipendien verliehen. Eine Preisträgerin war die Lyrikerin Barbara Hundegger. So fand das Festival ein zwar nicht offiziell als Festivalpunkt deklariertes, trotzdem von politischer Seite indirekt würdigendes Ende.

Die vorwiegend im klassischen Lesungsrahmen abgehaltenen Veranstaltungen gaben auch ein Bild lyrischer Gegenwartsströmungen in ihrer postmodernen Vielfalt wieder. Das Aufbrechen der Grenzen der lyrischen Gattung war auch hier zu bemerken, wie auch ein Aufbrechen zu anderen Kunstarten. Literatur kann als ein per se intermediales Zusammenspiel aus den Dimensionen Schrift, Bild und Klang verstanden werden. Die Betonung der akustischen Seite bei den Lesungen kann unter diesem Aspekt betrachtet werden, nach Hermann Korte  ist ja alle Lyrik von vornherein Mundwerk. Durch die verschiedenen Lesungen bekam, wenn man so sagen will, jedes Gedicht eine eigene akustische Interpretation durch den Autor und wurde so zum ganz eigenen Klangerlebnis, einer Art lyrischer Musik. Der musikalische Charakter, der Gedichten innewohnt, wurde so betont. Nach Hans Robert Jauß ist jedes literarische Werk wie eine Partitur anzusehen, welche auf die immer erneute Resonanz der Lektüre, die den Text aus der Materie der Worte erlöst und ihn zu aktuellem Dasein bringt, angewiesen.  Die akustische Seite kann auch anhand der verschiedenartigen Dialektbehandlung beobachtet werden. Jeder Dialekt sollte als eigene Sprache betrachtet und deren eigener Klangraum geachtet werden, wie José Oliver am ersten Abend betonte. Festzustellen war, dass in den österreichischen Traditionen, zumindest im Abbild der geladenen Gäste eher eine Zurückhaltung hinsichtlich einer freien unvoreingenommenen Dialektanwendung zu bemerken war. Schweizer Autoren gehen da weitaus offener mit der Grenze zwischen dialektalen Dichtformen und jenen in Schriftsprache um. Hermann kombinierte bei seiner ersten Lesung am Nachmittag beide seiner Sprachen – seiner Schreibarten. Wie er selbst erzählte, beeinflussten ihn auch die dahinter stehenden verschiedenen Traditionen und veranlassten einen jeweils anderen Stil. Sandra Künzi vereinte Dialekt und Schriftsprache gar ohne Scheu in ihrem Band Mikronowellen. Vielleicht steht diese Offenheit auch mit dem Verlag in Verbindung. Künzi und Hermann sind Schweizer Verlagskollegen in einem kleinen fortschrittlichen Verlag, Der Gesunde Menschenversand, der für Neues offen ist und eine eigene seltene ‚spoken word‘ Edition verlegt. Diese Texte der Edition werden zunächst fürs Vortragen geschrieben oder orientieren sich am mündlichen Erzählen. Bei den AutorInnen war eine ausgeprägte Sensibilität fürs das Mündliche, den Rhythmus und die Musikalität der Sprache zu finden. Mehrsprachigkeit, eine weitere lyrische Strömung, die Mischung anderer Sprachen in die eigene deutsche Sprache, fand sich bei den FestivalautorInnen in den Werken von Sepp Mall und C.W.Bauer in ganz besonderem Maße beim mehrfach sprachlich beheimateten José Oliver wieder. Eine weitere Gegenwartsströmung, welche auf dem Festival beispielsweise bei Hundegger, Bossong, Bauer und Oliver zu finden war, ist die des Poeta doctus, (gelehrter Dichter) eine Verquickung von Gelehrsamkeit und Dichtkunst. Christoph W. Bauer variierte den Begriff vielleicht treffender zu Poeta ludens, ein Dichter, der mit verschiedenen Worttraditionen und vielschichtigem poetischem Wissen spielt.

Auch die Festival-Peripherien waren voll spielender Poesie:  Da wurden Gedicht-Ideen geboren, intensive Lyrikdiskurse fanden bei halbleeren Gläsern statt und lyrisches Substrat lag gefühlt zum Greifen nah an jeder Straßenecke; selbst ein mitternächtliches Würstlholen wurde so zum poetischen rhetorischen Gipfeltreffen. Man begab sich abseits des Festivalprogramms spontan auf historisch lyrische Spuren, und ging Georg Trakl nach: Man stattete nächtlich dessen Grab oder dem ehemaligen Café Maximilian, Georg Trakls Stammlokal, Abschiedsbesuche ab. In den Pausen und in den Rahmenzeiten der Lesungen konnten Lyrikbegeisterte sich mit Lyrik eindecken und ungezählte Biereinheiten (um den am ersten Abend zitierten Ausspruch Martin Fritzs zu verwenden) gegen verdichtete Seiten eintauschen. Werke, die zum Teil im normalen Buchbetrieb schwer erhältlich sind, konnten erworben werden. Kleinverlage, wie das Arabische Buch oder Der Gesunde Menschenversand, waren neben Verlagsgiganten wie Suhrkamp zu finden. Schon allein die Begegnung mit literarischen Vorbildern und die Möglichkeit, sie vor Ort lesen zu hören, waren beeindruckend. Auf einmal stand man persönlich vor den Autorinnen und Autoren, die man von Gedichtanalysen der Schule und dem eigenen Lesen von Lyrik oder gar aus dem Fernsehen kennt, und bekam die einmalige Gelegenheit, sich mit ihnen auszutauschen. Nicht nur für die Verfasserin waren diese intensiven Begegnungen mit Lyrikerinnen und Lyrik  berührend, auch für die Lesenden war dieses Zusammentreffen, dieses Zusammenlesen, dieses Zusammenauftreten mit zum Teil eigenen MentorInnen, Vorbilder und WegbegleiterInnen ein besonderes Erlebnis. Wortbegflügelt und inspiriert ging man aus den Festivaltagen in den Alltag hinein mit den durch die Lesungen evozierten Bilder und Stimmen im Kopf. Es ist zu hoffen, dass das Festival nächstes Jahr wieder stattfindet. Dieses Jahr hat es jedenfalls auf die stiefmütterlich behandelte Lyrik aufmerksam gemacht – auch darauf, dass sie essentielle Aussagen verknappt in unsre postmoderne Zeitlosigkeit auszusprechen vermag und daher einer Förderung bedarf.

nach oben 


Simine Stefan: Quo vadis Quoderpeitsch?

Die Landecker Mundartdichterin Gertrude Schrott und der Pitztaler Liedtexter Stephan Mathoi im Gespräch über die Bedeutung des Oberländer-Dialekts in ihrem Schreiben

Internet, Google, Billigflugreisen, Migration,  … Die Welt scheint immer kleiner zu werden. Neue Einflüsse bringen in vielen Bereichen unseres Lebens Veränderungen – auch in der Sprache: Die Bedeutung von Mehrsprachigkeit wird in der Zukunft noch wachsen. Standardsprache und Sprachenlernen haben daher in der Bildungswelt einen hohen Stellenwert. Doch was passiert mit unserem Dialekt? Kann er den Einflüssen in einer sich immer schneller drehenden Welt überhaupt standhalten? Oder wird seine Bedeutung sogar gerade deshalb gestärkt?  Um diesen und anderen Fragen nachzugehen, trafen sich die zwei Oberländer Kunstschaffenden, die zwar jeweils einer anderen Genration angehören, dem Dialekt aber viel Platz in ihrem Werk einräumen, in Landeck:

 

Was bedeutet Dialekt für euch?

G. S.: Für mich ist es einfach die Erhaltung der Heimatsprache. Das ist ganz wichtig, denn sie geht immer mehr verloren … vor allem durch den Tourismus. Manchmal meinen Leute auch, man sei etwas „Besseres“, wenn man hochdeutsch spricht.

St. M.: Bei mir ist der Dialekt schlicht und ergreifend die Sprache, die ich am besten beherrsche. Hier kann ich mich treffend ausdrücken, ohne vorher genau über das Wort nachdenken zu müssen. Das ist mir wichtig. Ich muss mich in meinen Texten wiederfinden, auch wenn ihn dann vielleicht nur wenige wirklich verstehen.

Gertrude, in deinem Gedicht „Huamsproch“  heißt es:
„mit dar huamsproch
isch’s a guate soch
bessr rejda
bessr kloga
bessr soga
wos di druckt
dar huamsproch
kimmt kua ondara noch“

Weshalb kann man Gefühle im Dialekt anders ausdrücken? Worin liegen konkrete Unterschiede zur Standardsprache?

Miar Óuberländr. Kulturerbe. Mundart aus dem Tiroler Oberland. Eye Verlag 2012G. S.: Gefühle kommen in der Mundart einfach anders zum Ausdruck. Weichheiten der Sprache kommen besser zur Geltung.  Ich habe auch schon versucht Mundartgedichte in die Schriftsprache zu übersetzen und umgekehrt: Das kann gleichwertig eigentlich fast nicht gelingen.

St. M.: Es ist lustig, dass man beim Oberländer Dialekt mit seinem harten ‚k‘ von Weichheit reden kann, aber es ist tatsächlich so.  Zuhörer unserer Konzerte sagen immer wieder, dass sie erstaunt sind, wie unerwartet sanft Lieder in diesem Dialekt mit seinen vielen Knacklauten klingen können. Das finde ich sehr interessant. Die Musik, die wir machen, wäre eigentlich für englische Texte prädestiniert. Ich habe als Texter aber keine Lust mit dem Wörterbuch dazusitzen und Passendes nachzuschlagen.  Texte im Dialekt empfinde ich für mich als ehrlicher.

Habt ihr Vorbilder?

G. S.: Mich hat die Mundart schon als Kind immer beeindruckt. Im Raum Landeck war die Mundartdichterin Luise Henzinger als Lehrerin tätig.  Die hat mich doch geprägt und inspiriert. Ich ahme sie aber nicht nach, schreibe ja auch nicht in Reimen, sondern mehr in Gedankenketten.

St. M.: Mein Vater war bei der Fastnacht- also bei der Labra - dabei. Meine Mutter stammt aus Köln. Dort gibt es eine große Szene von Mundartbands, einen großen Fundus von Kölschen Liedern, die ich schon früh kennen- und schätzen gelernt habe. Auch das hat wieder mit dem Karneval zu tun.

Glaubt ihr, dass der Rezeptionskreis eurer Werke durch den Dialekt eingeengt wird?

St. M.:  Natürlich verstehen weniger Leute unsere Texte. Mein Großvater aus Köln ist immer voller Begeisterung bei den Konzerten dabei, obwohl er nichts versteht. Aber das passt ja auch. Wir haben auch schon vor nichtdeutschsprachigem Publikum gespielt, die von der Musik begeistert waren.

G. S.: Es zählt ja nicht nur der Inhalt. Auch der Klang der Sprache ist bedeutend, vor allem bei Musik.

St. M.: Genau. Ich kann ja auch keinen Funken Italienisch, wie viele andere auch. Trotzdem landen solche Lieder auch bei uns in den Charts. Insgesamt hat die Medaille aber eindeutig zwei Seiten: Einerseits verstehen uns wirklich nur wenige Leute, andererseits  erreichen wir durch den Dialekt auch Menschen, die wir mit englischsprachigen Texten vermutlich nicht begeistern könnten. Momentan liegt die Dialekt- Musik ja wieder im Trend. Wir haben aber nie damit spekuliert. Das ist tatsächlich aus uns selber entstanden.

Stephan, im Liedtext ‚Nordisch gewålkt‘ heißt es: „Ich bin ein Wortschåtzsuchhund. I måch jeden Tog an Sensationsfund. Dois håltet mir mein Kopf g’sund. Dia Walt isch Google rund!“ Was sind denn nun solche Sensationsfunde und wie gelingen sie?

St. M.:  Das Lied ‚Nordisch gewålkt‘ ist entstanden, da mir die vielen Anglizismen aufgefallen sind, die sich auch im Dialekt verankern. Spaßhalber habe ich dann begonnen, diese Wörter zu sammeln und habe bei ungefähr 200 aufgehört. Viele dieser englischen Wörter kann man einfach nicht übersetzen.  Diese Anglizismen sehe ich aber jetzt nicht negativ, Dialekt ist eben auch lebendig. Wörter verschwinden, da auch die Gegenstände verschwinden wie etwa a ‚Egga‘, dafür kommen neue Sachen und somit Wörter hinzu. Das war immer schon so. Es gibt Leute, die solche Tatsachen verteufeln. Ich mag aber Wortspiele und die Offenheit für Neues. Deshalb bin ich zum ‚Wortschatzsuchhund‘ geworden.

Seht ihr euch mehr als ‚Konservatoren‘ oder als ‚Weiterentwickler‘ des Dialekts?

G. S.: Wenn ich ein Wort höre, das mir selber schon lange nicht mehr begegnet ist oder das ich gar nicht gekannt habe, dann schreibe ich mir dieses Wort auf. Oft baue ich dann diese Wörter bewusst in die Gedichte ein.

St. M.: Ich sehe mich weder als das eine noch als das andere. Wie gesagt: Ich mag die Offenheit.  Ich verwende vielleicht keinen Dialekt sondern meinen „I-Deolekt“. Wenn ich etwas cool finde, sage ich cool. Gleichzeitig interessiere ich mich aber schon auch für alte Wörter. Manche Wörter versteht man fast nur in Wenns und da vielleicht nicht mehr alles. Im Nachbarort gibt es schon wieder ganz andere Wörter. Sowas nehme ich bewusst auf und baue das in die Texte ein. Nach Konzerten geben diese Wörter dann Anlass, sich mit Interessierten aus dem Publikum darüber auszutauschen.

G. S.: Ja, genau das passiert auch nach meinen Lesungen. Das ist etwas Schönes, wenn man dann mit den Leuten über diese ins Vergessen geratenen oder unbekannten Sprachschätze ins Gespräch kommt. Aber das tun ja mittlerweile viele. Zum Beispiel im Buch von Gerald Nitsche (Anm.:  Miar Óuberländr … ) habe ich selber viele Wörter entdeckt, die ich schon vergessen habe.

St. M.: Ja. Man lernt ja nicht nur immer wieder neue Wörter etwa Anglizismen kennen. Es passiert mir oft, dass ich Dialektwörter lerne, die ich in dreißig Jahren noch nie gehört habe. Da sagt man Vater etwa auf einmal  „auf der Neaderseite“, dann frage ich „Wo?“. Die Neaderseite ist die Schattenseite eines Tals.  Solche Sachen finde ich lustig.

G. S.: Ja, das passiert mir auch, obwohl ich oft glaube, dass ich doch das meiste schon kenne und alles weiß. Da merke ich dann: Na, du weißt auch viel nicht.

St. M.: Interessant sind auch Wörter mit uralten Ursprüngen wie etwa die „Quoderpeatsch“. Also die Kaulquappen, da die  Tiere im Laufe ihrer Entwicklung ja auf einmal vier Beine bekommen -  Quadri pedes.

G. S.: Mit dem Dialekt ginge auch viel Sprachwissenschaftliches verloren. Interessant ist ja auch das Rätoromanische, wo viele Einflüsse im Oberländer Dialekt erkennbar sind.

Glaubt ihr, dass in einer globalisierten Welt Dialekte immer mehr und mehr verdrängt werden?

St. M. Da habe ich persönlich eigentlich keinen Kummer. Ich merke bei meinen Schülern, dass da alle noch einen gesunden Dialekt sprechen. Natürlich verändert der sich, wie war ja schon gesagt haben. Aber man hört eindeutig, dass es Tiroler Kinder sind.

G. S.: Ja aber in den Städten oder in Tourismusorten geht der Dialekt schon immer mehr verloren. Auch das Fernsehen mit den vielen deutschen Sendern spielt da eine Rolle. Gleichzeitig wird man aber wieder mehr zu Lesungen in Schulen – von der Volksschule bis hin zu Maturaklassen - eingeladen. Es ist schon wieder ein Aufleben spürbar. Bei manchen.

St. M.: Ich meine, es wird sich erst weisen, in welche Richtung es dann tatsächlich geht. Aber ich sehe da nicht so schwarz. Verändern tut sich Sprache ja immer. Aber ich glaube eigentlich nicht, dass der Dialekt ganz verschwinden wird.  Und die Nachfrage steigt tatsächlich. Ich bin immer wieder erstaunt, wo wir eingeladen werden: zu diversen Interviews und Gesprächen. Ich durfte auch schon bei Buchprojekten zum Dialekt mitmachen. Da spürt man schon den großen Stellenwert der Mundart. Auch in der Musikszene greifen viele auf Dialekt zurück und zwar nicht als Schmäh wie vielleicht noch vor einigen Jahren.

Was wünscht ihr euch in Bezug auf Dialekte?

G. S.: Ich wünsche mir, dass meine Enkelkinder noch voll im Dialekt reden und das im Bewusstsein, dass das nicht eine verminderte Sprache, sondern die Huamsproch ist, mit der man viel ausdrücken kann. Ich wünsche mir auch, dass Dialekt in den Schulen gefördert wird. Kinder können dadurch mehrsprachig aufwachsen und beherrschen dann Standardsprache und die Mundart. Das ist viel wert.

St. M.: Da kann ich nur voll inhaltlich zustimmen.

nach oben

 


 

Der LiLit-Fragebogen beantwortet von MANU DELAGO

Die Idee eines Fragebogens an sich ist nicht neu; entstanden ist sie im späten 19. Jahrhundert in England als Salon-Zeitvertreib. Es geht um Vorlieben und Abneigungen, Selbsteinschätzungen und Weltanschauungen – und das Ganze zur „geselligen Neugier“. Die Franzosen haben sie bereitwillig übernommen und Marcel Proust, der große Marcel Proust, hat einen solchen Fragebogen 1890 voll Esprit ausgefüllt. (Daher die geläufige Bezeichnung: der „Proust-Fragebogen“.) Bernard Pivot, der französische Reich-Ranicki, hat die Idee für seine Literatur-Sendung Bouillon de la Culture übernommen, James Lipton für sein TV-Interview-Format Inside the Actors Studio, die FAZ als „Herausforderung an Geist und Witz“ für ihr Magazin. Die Idee ist also allemal den – leicht adaptierten –  Versuch wert. (bs)

Status quo & überhaupt

Wie geht’s, wie steht‘s?
Nicht schlecht, derzeit zweiter Platz, aber die Chance lebt.

Worum geht’s im Leben?
Das Bewältigen von Herausforderungen und das anschließende Glücklich-Sein.

Deine größte Extravaganz?
Nüchtern.

Deine Devise?
Warum nicht?

Dein größter Fehler?
Da gibt es viele, aber man lernt dazu …

Fast nur Lieblinge & Lieblinge

Das schönste Wort/das hässlichste Unwort?
Eimsbütteler Chaussee  (beides)

Deine Lieblingsbeschäftigung offline?
Berg

Deine Lieblingsbeschäftigung online?
Surfen

Dein Lieblingsname?
General Midi

Deine Lieblingsfarbe und -blume?
Glitzer,  Holunder

Dein Lieblingsduft?
Gipfelwind

Dein Lieblingsessen und -trinken?
Weinnudeln / Quellwasser

Dein Lieblingsbuch?
Atlas

Dein Lieblingsbild?
Gipfel-Panorama

Dein Lieblingsfilm?
Das Leben selbst.

Dein Lieblingsmusikstück?
Le Sacre du Printemps

Dein/e Lieblingsfotograf/in?
Diejenigen, die ihre Kamera zur richtigen Zeit bedienen.

Dein/e Lieblingsschauspieler/in?
Rafael von den Teenage Mutant Hero Turtels

Präferenzen & Schätzungen

Handke oder Bernhard?
Beide lange her …

Beatles oder Stones?
Definitiv Beatles

Hofer oder Gaismair – oder Wilhelm Tell?
Eichel Ober

Was schätzt du an deinem Wohnort (welcher) am meisten/wenigsten?
London – multikulturell und inspirierend, am wenigsten: wenig Platz.

Was schätzt du an Tirol am meisten/wenigsten?
Berge und Lebensqualität, am wenigsten: die Reisemöglichkeiten.

Welchen Fehler entschuldigst du am ehesten, welchen nie?
Hängt von der Erklärung ab.

Welche Eigenschaft schätzt du bei einem Mann am meisten?
Hinsetzen

Welche Eigenschaft schätzt du bei einer Frau am meisten?
Abseits-Verständnis

Was schätzt du bei Deinen FreundInnen am meisten?
Vertrauen, Humor, Lebensfreude

Historizitäten & Realitäten

Deine HeldInnen in der Wirklichkeit?
Tolerante Menschen

Deine HeldInnen in der Weltgeschichte?
Thierry Henry

Welche historischen Gestalten verachtest du am meisten?
Rassisten

Welche (anti)militärischen Leistungen bewunderst du am meisten?
Jeden einzelnen Menschen, der friedvoll lebt.

Welche Reform bewunderst du am meisten?
Ich habe eine generelle Bewunderung für große Pläne, die funktionieren.

Wunsch- & Antiwunschkonzert

Wo möchtest du leben?
Zu Hause

Dein Traum vom Glück?
Wird gelebt.

Was wäre für dich das größte Unglück?
Wenn uns der Himmel auf den Kopf fällt.

Was verabscheust du am meisten?
Sellerie

Wer oder was wärst du gern?
Rechter Stürmer mit famosem Ballgefühl.

Welche natürliche Gabe möchtest du besitzen?
Mich besser in andere Menschen hineinversetzen zu können.

Hättest du dich gern selber als Chef?
Habe ich ohnehin, aber ich sollte mir mehr Urlaub geben.

Die berühmte Fee „kommt geflogen, setzt sich nieder auf dein‘ Fuß“, du hast drei Wünsche frei. Welche?
Ich dachte, die Fee gibt es gar nicht.

Wie möchtest du sterben?
Habe ich mir noch nicht überlegt.

Und was soll einmal auf Deinem Grabstein stehen?
Habe ich mir noch nicht überlegt.


Manu Delago, 1984 in Innsbruck geboren, lebt in London. Er ist ein “toller Schlagzeuger” (Björk, mit der er zweimal auf Tour war) und “virutoser Hangspieler” (The Times, La Repubblica). Von ihm stammt das populärste Hang-Video (4.956.106 Klicks auf youtube) und seine Musiker- und Komponistenkarriere ist durchaus beeindruckend. Anfang April 2015 erschien sein neuestes Album Silver Kobalt, bei dem er mit Anil Sebastian, Isa Kurz, Katie Noonan, Rahel und J. Viewz zusammenarbeitet - eine ebenso internationale wie regionale Mischung. Zu entdecken gibt es wunderbare Musik - eine absolute Empfehlung.

nach oben

  

  

Nach oben scrollen