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Literatur im Lichthof (10/2017) - Zeitblende

 

Kriegsende in Lienz. Das Wintertagebuch der Ila Egger-Lienz 1944–1945. Hg. Roland Sila.
Mit einer historischen Einführung von Wilfried Beimrohr. Innsbruck: Wagner 2016

 

in der Schlossgasse, Lienz 1945 (S. 88)„Daß ich den Namen meines Vaters trage, wird mir schwerwiegender mit jedem Jahr, das meiner künstlerischen Tätigkeit gewidmet ist; dieser Name gleicht einem schönen breiten, ebenen Weg, auf dem auch der Gang dessen schön sein sollte, der darauf geht“. (Ila Egger-Lienz: Blätter im Herbst. Wien: Österreichische Buchgemeinschaft 1947, Nachwort, 402). Die Tochter eines berühmten Künstlers zu sein, ist auf jeden Fall eine Bürde, überhaupt wenn man sich als eigenständige (Künstler-)Persönlichkeit profilieren will. Doch kann man diese Rolle passiv erleiden oder wie Ila Egger-Lienz, positiv annehmen und trotz dieses ‚Tochterseins‘ einen selbstbestimmten, eigenwilligen Lebensweg zu gehen versuchen. Leicht war dieser Weg bestimmt nicht. Dass sie nicht Malerin wurde, wie dies der Vater gewünscht hatte, sondern Schriftstellerin, war Teil dieser Abgrenzung. Dass ihre erste publizierte Arbeit der Biographie ihres Vaters galt, zeigt wiederum die Schwierigkeit dieses Versuchs. Als sie 1944 ihr „Lienzer Tagebuch“ begann, hatte Ila Egger-Lienz schon mehrere Romanmanuskripte – zumindest im Konzept – vorliegen. Im ersten Roman, der 1947 unter dem Titel „Blätter im Herbst“ erschien, ist die weibliche Hauptfigur die Tochter eines berühmten Künstlers: Es ist also ein Roman mit autobiographischen Bezügen und er besteht aus vier Tagebuchheften, die von einem Mann mit Blick auf die Künstlertochter verfasst und aus deren Nachlass von einer Freundin publiziert wurden.

So setzt auch das vorliegende Tagebuch mit Albin Egger-Lienz ein, mit dem Gedenken an seinen Todestag am 4. November 1944: „Heute sind es 18 Jahre, dass im Grünwaldhof unter orkanartigen Novemberstürmen mein Papa gestorben ist. Wie oft sind seitdem Mama und ich zu diesem 4. November hierher gefahren, nur um da zu sein, in seiner Landschaft; Friedvoll war’s da immer, die kleine, kleine Stadt, so still und fernab. Und heute sind Riesengeschwader amerikanischer Bomber und Jäger über das Tal hingeflogen, aus Süden, und nach zwei Stunden wieder nach dem Süden zurück. Schneeweiss im tiefblauen Firmament.“ (39)

Gleich diese ersten Sätze zeigen die literarische Qualität dieser Eintragungen: Der Tod des Vaters und sein Grab in der stillen, fernab gelegenen Kleinstadt werden mit dem gegenwärtigen Lärm der Bombergeschwader kontrastiert und doch zu einem malerischen Bild verwoben, weitab allerdings von jeder Heimattümelei, wie sich in weiterem Verlauf zeigen wird. So wechseln die Eintragungen zwischen einem von Schopenhauer genährten Pessimismus – wen wundert‘s in diesen Kriegszeiten– und den Erinnerungen an die beschützte Kindheit in Bozen, an eine doch im Großen und Ganzen gutbürgerliche Welt mit vielfältigem intellektuellem Umgang in Künstlerkreisen. Doch diese Welt gibt es nicht mehr, jedenfalls nicht in Lienz, wo sich zwar viele noch an den großen Künstler erinnern, dessen Familie ohne ihn aber nicht mehr diesen Rückhalt und diese Geltung hat. So wirken diese Tagebuchstellen oft recht zwiespältig, durch den hohen intellektuellen Anspruch von Ila Egger-Lienz manchmal auch ziemlich abgehoben. Lienz hat ihr wenig zu bieten, kaum das Nötige zum Essen, das Brennholz zum Heizen schleppt sie zum großen Teil selbst mit ihrer Schwester herbei, mit der einzig sie die „Zweisamkeit“ genießt (63), die schöne Herbst- und Winterlandschaft, von der ihr einige wunderbare Schilderungen gelingen, kann ihr nichts geben: Schnee ist für sie beispielsweise nur schön in der Stadt, am Land hingegen „das Ödeste, was es gibt.“ (54). Diese Öde wechselt mit dem Schrecken der Luftangriffe (56), die Tage werden beherrscht vom Fliegeralarm und dem darauf folgenden Gedröhn der Geschwader, vor denen man sich so gut wie möglich zu schützen sucht, wenn‘s geht in den Kellern oder Luftschutzräumen. Wo Ila Egger-Lienz mit ihrer Schwester, dann mit ihrer Mutter wohnt, ist das Haus nicht einmal unterkellert. Weitere Details dieses ärmlichen Lebens erfährt man sehr wenig. Kaum einmal, was gekocht wird, woher die Lebensmittel kommen, ein wenig nur von den Tauschgeschäften, die Essen und Kleidung etwas aufbessern. Die Familie Egger-Lienz scheint immerhin noch Geld zu haben, aber über die finanzielle Situation wird auch nicht geredet und bei den kleinen Abendfeierlichkeiten findet sich immer wieder eine Flasche Wein, woher sie auch kommen mag. Ila Egger-Lienz muss die Wintertage – aufgrund der Kriegsereignisse – in dieser aus ihrer Sicht sehr provinziellen Stadt verbringen. Am meisten bedrückt sie die Ungewissheit. Immer wieder dringen Gerüchte von einem baldigen Kriegsende sogar bis nach Lienz, es werden auch fleißig Feindsender gehört.

Die Eintönigkeit unterbrechen fast nur die Lektüre-Stunden: Eine Goethe- und eine Van Gogh-Biographie werden gelesen, in Ermangelung anderer literarischer Bücher eines Ferdinand von Saar und von Theodor Storm, sogar der „Bannwald“ von Joseph Georg Oberkofler: Ein Buch, von dem sie irrtümlich meint, es habe dem Schriftsteller den Nobelpreis eingetragen, doch mögen tut sie es nicht: der „Bedarf nämlich an Heimat, Bauern, Vieh und Scholle ist hier hinreichend gedeckt“. (92) Von den Philosophen werden gelesen/genannt: Houston Stewart Chamberlain, Kant, Keyserling, Nietzsche und natürlich Schopenhauer. Dem Streben des Menschen nach Glück erteilt Ila Egger-Lienz eine klare Absage: Religion und Kunst sind demgemäß Betäubungsmittel, die der wahren Erkenntnis entgegenwirken. (45)

Ein Tagebuch zu führen kann verschiedene Zwecke erfüllen: Es kann das sehr persönliche schriftliche Festhalten von Ereignissen und/oder Gefühlslagen sein und nur für den Eigenverbrauch bestimmt; das Tagebuch kann aber auch an jemanden gerichtet sein oder schon in Hinsicht auf eine Veröffentlichung verfasst werden. Eindeutig lässt sich das bei den vorliegenden Blättern nicht sagen, es scheint eher eine Mischung aus den drei genannten Beweggründen vorzuliegen. Es geht auf jeden Fall – vielleicht ist es auch eine Schreibübung in Hinsicht auf die Romane? – einmal darum, niveauvoll über dieses „Nichts“ an Geschehen, über das eintönig Alltägliche zu berichten: „Aber wo nichts anderes ist als Kleinkram, da muss eben Kleinkram berichtet werden“. (50) Dass diese Berichte für den mit Ila Egger-Lienz befreundeten Wiener Industriellen Alfred Bauer-Ynnhof bestimmt sind und angeblich immer wieder auch per Post geschickt werden, wird mehrfach angedeutet. Die geplante Wirkung, „auf solche Weise die Trennung zu überbrücken“ (50), gelingt aber nicht. Wie denn auch? Wird doch von ihm in den Aufzeichnungen nur in der dritten Person gesprochen, eine Du-Anrede kommt nicht vor und es ist wenig verwunderlich, dass die Beziehung der Beiden gegen Ende der Aufzeichnungen merklich abkühlt. Einmal schreibt Ila Egger-Lienz zwei Gedichte für ihren Freund ab und hofft, dass er ihr deswegen nicht böse ist. Dann redet sie ihn (?) in der Sie-Form an (94). Alber vielleicht ist dieses „Sie“ gar nicht an den Freund gerichtet, sondern ein Hinweis darauf, dass diese Aufzeichnungen von vornherein für eine Publikation bestimmt waren, sich diese Worte also an ein Lesepublikum richten? Einen indirekten Hinweis erhält man durch Kommentarstellen im Text, wo es heißt, dass hier aus dem Originaltyposkript eine Abbildung entfernt wurde. (109, 116) Wurden die Aufzeichnungen zuerst mit der Hand geschrieben und dann abgetippt? Von Schreibmaterial oder gar von einer Schreibmaschine ist in den Aufzeichnungen selbst nie die Rede.

Wie auch immer es sich nun mit diesen Einträgen verhält: Es ist ein außergewöhnliches, von einer faszinierenden Persönlichkeit verfasstes Tagebuch, das trotz oder gerade wegen der Außensicht der Verfasserin ein sehr unmittelbares Zeitdokument darstellt. Eine kenntnisreiche Einführung über Lienz im Zweiten Weltkrieg von Wilfried Beimrohr schafft den historischen Bogen, in dem diese Eintragungen zu lesen sind. Dazu kommt der detail- und aufschlussreiche Kommentar von Roland Sila, zu dem auch die vielen Fotografien zu zählen sind, die er aus dem Nachlass von Ila Egger-Lienz und andere Quellen ausgewählt hat. Die kurzen beschreibenden Hinweise auf den schriftlichen Nachlass von Ila Egger-Lienz im Turmmuseum Oetz lassen dort noch manch ungehobenen Schatz vermuten.

Anton Unterkircher 

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