Triumph der Provinz. Geschichte und Geschichten 1809 - 2009

Der Beitrag der Universität Innsbruck zum Jubiläumsjahr 2009 – ein internationales Symposion mit dem Titel "Triumph der Provinz - Geschichte und Geschichten 1809 - 2009" – wurde von Johann Holzner (Forschungsinstitut Brenner-Archiv), Brigitte Mazohl (Institut für Geschichte und Ethnologie) und Markus Neuwirth (Institut für Kunstgeschichte) vorbereitet.

Erklärt sich das ungebrochene Interesse an 1809 und Andreas Hofer in Tirol vielleicht daraus, dass es sich beim "Mythos 1809" um einen "charter myth", einen Usprungsmythos handelt, wie ihn Ethnologen vielfach in außereuropäischen (oft schriftlosen) Kulturen aufgespürt haben? Erfüllt der "Mythos" vielleicht - wie in den griechischen Tragödien - die Funktion einer "Katharsis", einer gesellschaftlichen Läuterung, oder verweist die oft inhaltsleere Beliebigkeit des inszenierten Gedenkens auf das ebenso alte Bedürfnis nach "circenses", nach Spiel, Spaß und Unterhaltung? Mit der provozierenden Aufforderung, sich des viel beschworenen "Mythos" von 1809 als erklärungsbedürftigem Phänomen (und nicht nur seinen Erscheinungsformen) wissenschaftlich anzunähern, eröffnete Rektor Karlheinz Töchterle am 4. November das dreitägige Symposion "Triumph der Provinz - Geschichte und Geschichten 1809-2009", - das  als Beitrag der Universität zum Jubiläumsjahr 2009 - vom fakultätsübergreifenden Schwerpunkt "Politische Kommunikation und die Macht der Kunst" veranstaltet wurde.

Ziel der Veranstalter war es, nicht nur die Geschichte rund um 1809 selbst in einen breiten europäischen Rahmen zu stellen, um damit die "Einzigartigkeit" des Falles Tirol zu relativieren, sondern auch die mehr oder weniger wertvollen künstlerischen Be- und Verarbeitungen des historischen Stoffes aus den verschiedenen kunstwissenschaftlichen Disziplinen zu beleuchten.

Nach einem Impulsreferat von Franz Fischler, der den Tiroler Hang zur "Besonderheit" in Geschichte und Gegenwart ironisch aufs Korn nahm, zeichnete die Tübinger Historikerin Ute Planert ein breites europäisches Panorama von den zahlreichen Unruheherden und bewaffneten Revolten, denen sich die modernisierenden, an Frankreich orientierten politischen Reformen insbesondere auch im deutschen "Modellstaat" Westfalen gegenübersahen. Mit einer Fülle an zeitgenössischen Selbstzeugnissen, auch solchen aus der Feder von bayerischen "Gegnern", präsentierte Martin Schennach anschließend die unterschiedlichsten persönlichen Erlebniswelten der Zeitzeugen von Anno Neun, welche die bis heute gültige Mär vom einheitlichen und geschlossenen Tiroler Widerstand einmal mehr Lügen straften.

Den (Bedeutungs-)Wandel von - künstlerisch vielfach in Szene gesetzten - "Schwurhänden", vom an der Trinität orientierten Dreifingerschwur bis zum "gottlosen" Schwur mit der flachen Hand, zeigte der Kunsthistoriker Markus Neuwirth anschaulich auf. Dass "1809" auch in musikalischer Hinsicht eine breite Palette von - nicht nur volksmusikalischer - Produktion hervorgebracht hat, konnte Kurt Drexel vom Institut für Musikwissenschaft mit eindrucksvollen Hörbeispielen belegen, wobei der ironischen Verfremdung der Tiroler Landeshymne "Zu Bantua in Manden" von Felix Resch ein ganz besonderer künstlerischer Stellenwert zukommt.

Erste Ergebnisse der drei mit den Vorarbeiten zur Tagung verbundenen Forschungsprojekte –zur  "Berichterstattung zu 1809 und Andreas Hofer" in der Tiroler Presse, zur Auseinandersetzung mit dieser Thematik in  Bayern und zum  "Hofer-Theater  im Widerhall der Tiroler Presse" wurden ebenfalls im Rahmen des Kongresses präsentiert.

Brigitte Mazohl, Eva Werner und Manfred Schwarz skizzierten die Presselandschaft um 1809 in Österreich und Tirol und kamen dabei u.a. zum ernüchternden Ergebnis, dass weder in Wien noch in Innsbruck über die Hinrichtung Andreas Hofers überhaupt berichtet worden war. Die Zeitgenossen wurden also "medial" mehr als schlecht informiert, was freilich auch aus dem gerade erst entstehenden modernen Pressewesen - und den in technischer Hinsicht durchaus vormodernen Kommunikationsmöglichkeiten - erklärbar ist. Michael Pilz berichtete über die erstaunlichen Wandlungen der bayrischen Stimmen zum Jahr 1809. Johann Holzner, Heidi Herzog und Sebastian von Sauter stellten dar, dass und wie Texte zum Jahr 1809 schon im 19. Jahrhundert, besonders aber seit 1909 immer wieder politisch instrumentalisiert worden sind – ohne dass den Zeitgenossen diese Instrumentalisierung in der Regel groß aufgefallen wäre und sie dagegen protestiert hätten; es fällt im übrigen nicht länger schwer nachzuweisen, dass die jeweils gesetzten kulturellen Aktivitäten (Theateraufführungen etc.) in den letzten 100 Jahren nie einen Grad der Nachhaltigkeit erreicht haben, der die finanziellen Ausgaben in irgendeiner Weise gerechtfertigt hätte. Die Theaterstücke und Inszenierungen zum Hofer-Jahr 2009 wurden schließlich von  Christine Riccabona und Sandra Unterweger vorgestellt und zugleich einer kritischen Betrachtung unterzogen.

Die Lesung von Klaus Merz (aus der Novelle Der Argentinier) bot nicht nur einen fremden Blick auf das Thema "Provinz", sie war auch durchaus geeignet, eine grundsätzliche Reflexion auszulösen über mögliche Brücken zwischen der Erzählkunst (auf der Höhe der Zeit) und der Historiographie (auf der Höhe der Zeit) – einer Historiographie, die sich ihrer Perspektive (im Wechsel von Nähe und Distanz zum Gegenstand) immer bewusst bleibt. Ein Konzert mit Liedern der Freiheit, organisiert und kommentiert von  Silvia M. Erber und Sandra Hupfauf, mit dem Vokalensemble Vocappella (Leitung Bernhard Sieberer) und dem Harfenisten Peter Reitmeir sorgte am Ende für einen weiteren Höhepunkt der Veranstaltung.

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