Die verlorenen Seelen von Malcesine.

Adolf Pichler (1819–1900). Werke und Materialien

Hrsg. von Johann Holzner, Lenka Schindlerová und Anton Unterkircher

Edition Brenner-Forum, StudienVerlag: Innsbruck

 

Adolf PichlerPichler war zu seiner Zeit der bekannteste liberale Intellektuelle in Tirol, ein Universalgelehrter, der in einem ausgeprägt katholisch-konservativen Milieu sich von niemandem das Denken nehmen ließ, Professor für Geologie an der Universität Innsbruck, Literaturkritiker, Schriftsteller. Aber obgleich seine Gesammelten Werke in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts in einer repräsentativen (17 Bände umfassenden) Ausgabe erschienen und dem Verleger Georg Müller in München wohlwollende Besprechungen einbrachten, erhielt er nie einen kanonischen Status. Allzu oft stießen seine Texte in dem unsicheren Gelände zwischen dem Realismus und der Moderne auch auf Widerstand.
Seine literarische Handschrift, die Zeitgenossen wie Adalbert Stifter oder Ferdinand Kürnberger durchaus schon erkannt haben, zeigt sich am schönsten in Pichlers Hochgebirgsgeschichten und Reisebildern; überall entdeckt er Sehenswürdigkeiten, die in keinem Prospekt auszumachen sind, überall hat er ein Auge für die geologischen Formationen, die Pflanzenwelt, die Kunstschätze, überall stößt er auf alte oder moderne Fundstücke und auf Menschen, die sein Interesse wecken und ihn bedrängen, Betrachtungen über Gott und die Welt und über seine Zeit anzustellen, mit anderen Worten: unaufhörlich zu erzählen.
Mit hellwachen Augen beobachtet und schildert er, was andere gern übersehen; in Malcesine zum Beispiel, am Gardasee:

es ist hier nichts geschehen und die Einwohner haben nichts getan, was Erwähnung verdiente. Aber ist denn das eigentlich die Geschichte oder nur das Lattenwerk derselben? – Schlug nicht auch hier der volle innere Puls des Lebens, spiegelte nicht auch hier sein Gang in Tränen wider oder klang aus dem Jubel der Begeisterung? – Auch hier gab es menschliche Seelen als Stoff, ihnen die eherne Form aufzudrücken, und der Odem der Zeit wehte durch jede Brust. So möchte man die Geschichte solcher Orte schreiben, die keine Geschichte haben; vielleicht ist aber diese Geschichte wichtiger als die Geschichte, welche Klios Posaune in die Welt hinausbläst.

Pichlers Blick auf die Geschichte wie auch auf die Landschaft ist nie bloß ein Blick von außen oder oben; und zumeist kreisen seine Gedanken und seine Erzählungen um Menschen, die zu seiner Zeit nicht viel zu sagen hatten, Wildhüter, Holzfäller, Schmuggler, Sonderlinge, Einsiedler, so wie über die verlorenen Seelen von Malcesine. Auch er selber fühlt sich nirgends zuhause, am ehesten noch in Italien:

Eigentlich sollte man jeden deutschen Schulmann, ehe ihn das Amt festleimt, auf ein Jahr nach Italien schicken, damit er die Freie des Blickes gewinne, die für einen Erzieher notwendig ist und sich unsere Kinder auf den schmalen Bänken nicht den Verstand blind büffeln. Ein Feldzug tät es zwar auch, den kann man sich aber nicht alle Jahre bestellen.

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