Fels- und Schuttflur - Alpine Rasen

Fels- und Schuttflur im Alpengarten

Die exponierten Böschungen bei der Treppe,die in den Alpengarten führt, wurden genutzt,um Pflanzen, die sonst meist erst weit höher in den Gebirgen anzutreffen wären, anzusiedeln.Sie alle wurden im Botanischen Garten Innsbruck aus Samen,die an ihrem natürlichen Standortgesammelt wurden, aufgezogen. An ihren Lebensraum, die Alpine Stufe, sind sie durch ihren niedrigen, meist polsterförmigen Wuchs bestens angepasst. Diese Wuchsform schützt sie im Sommer vor starker UV- Strahlung und Austrocknung, im Winter vor Schnee- und Eisgebläse. Um die kurze Vegetationszeit von oft weniger als 100 Tagen optimal nützen zu können legen viele dieser Pflanzen die Blütenknospen bereits im Herbst für das nächste Frühjahr an. Drei Lebensformen (siehe Abb.2), nämlich die Polsterpflanzen, die Rosettenpflanzen, und die Horstpflanzen haben sich im Hochgebirge besonders bewährt. Verschiedene Polstertypen (Flachpolster, Halbkugelpolster, Vollkugelpolster) entstehen durch gleichmäßiges Wachstum und regelmäßige Verzweigung.

Ein typischer Vertreter der Polsterpflanzen ist das Stängellose Leimkraut (Silene acaulis), ein Nelkengewächs.Es ist eine in dichten, moosähnlichen Polstern wachsende Pflanze, die zur Blütezeit oft völlig von den stengellosen,roten Einzelblüten bedeckt ist. In verschiedenen Sippen besiedelt diese Art die Alpen, im Silikatgebiete steigt sie bis auf etwa 3600m und ist über das arktische Europa bis nach Asien und Nordamerika weit verbreitet. Bei den Rosettenpflanzen bleiben durchlangsames Wachstum des Haupttriebes die Abstände zwischen den Blättern kurz, eine dichtstehende Blattspirale (Rosette) ist die Folge.

Dies ist deutlich am Trauben-Steinbrech (Saxifraga paniculata) zu erkennen.Bei großer Hitze, Trockenheit oder Kälte kann er seine immergrünen, fleischigen Rosetten schließen und sich somit zusätzlich schützen. Dies ermöglicht ihm auch auf im Winter schneefrei geblasenen Stellen zu siedeln. In den Alpen häufig, besiedelt auch er das arktische Europa und Nordamerika.

Unter den Steinbrechgewächsen ist der Pracht- oder Strauß-Steinbrech (Saxifraga cotyledon) wohl die auffälligste Erscheinung. Die großen, bis zu 15cm breiten Rosetten, bilden zwar Ausläufer, sterben aber nach der Blüte ab. Die dicken, zungenförmigen Blätter sind leicht kalkbekrustet und am Rande knorpelig gezähnt. Die pyramidenförmigen, überneigenden Blütenrispen werden bis zu 60cm lang und bestehen aus bis zu 100 weißen Einzelblüten. Er ist in Nordeuropa und den Alpen verbreitet, wo er feuchte Silikatfelsspalten bis 2500m besiedelt. Hier im Garten wurde eine etwas kleiner bleibende Unterart aus dem Montafon/Vorarlberg gepflanzt. Die meisten Gräser sind typische Horstpflanzen. Entlang einer kurzen Grundachse wachsen zahlreiche sich verzweigende Seitentriebe und bilden einen dichten Pflanzenstock – den Horst. „Standhorste“ erstarken durch dichte Bestockung aus basalen Seitenknospen, „Wanderhorste“ breiten sich nach der Bestockung durch Ausläuferbildung aus. Auch Kombinationen dieser Lebensformen wie polsterbildende Rosettenpflanzen sind Anpassungen an Standorte im Hochgebirge.
Das Edelweiß (Leontopodium alpinum), wohl die bekannteste Alpenpflanze, besiedelt vorwiegend Kalkböden bis über 2800m. Der begehrte Blumenstern ist eine Scheinblüte, gebildet aus weißfilzigen Hochblättern, welche die gelbgrünen Blütenköpfchen sternförmig umschließen. Unser Edelweiß ist keine alteingesessene Alpenpflanze, sondern ein Zuwanderer aus den sibirischen Steppen und ist erst nach der letzten Eiszeit zu uns gekommen. Das Hauptverbreitungsgebiet dieser Gattung aus der Familie der Asterngewächse, liegt in Asien, dort gibt es etwa 30 verschiedene Arten. Die weißfilzige Behaarung, die man auch bei vielen anderen Gebirgspflanzen findet, erfüllt einen doppelten Zweck: zum einen entsteht zwischen den Haaren ein unbewegter Luftmantel, der die Verdunstung vermindert, eine typische Anpassung an Trockenheit und Wind. Zum anderen wirken die lichtreflektierenden weißen Hochblätter als Signal für honigsuchende Insekten. Von Natur aus würde das Edelweiß, wie oft angenommen, nicht nur steile, unzugängliche Felswände besiedeln, sondern ist eine Art tiefer gelegener Bergwiesen. Da der Mensch ihm aber seit Jahrhunderten nachstellt, konnte es sich in vielen Teilen der Alpen nur an solchen Extremstandorten behaupten

Fels und Schutt Ebenso bekannt und gleichermaßen bedroht ist die kalkstete Alpenaurikel (Primula auricula), - das Platenigel der Tiroler. Diese Primel besitzt einen walzenförmigen, oft verzweigten Wurzelstock und wird je nach Standort 5 bis 30cm hoch. Die verkehrt-eiförmigen, fleischigen Blätter haben einen knorpeligen Rand und sind stark mehlig bereift. Die hell goldgelben Blüten duften stark. Die Verbreitung reicht über die Alpen bis zu den Karpaten, besonders in den Südalpen haben sich weniger stark bemehlte oder duftende Lokalrassen gebildet. Der Aurikel ist es möglich von 2900m bis ins Tal zu siedeln (so z.B. in Gnadenwald bei Hall - ca.700m). Schon Ende des 16. Jahrhunderts wurde die Aurikel in Gartenkultur genommen, als Modeblume waren zeitweilig über 1000 verschiedene Typen im Handel. Besonders in England entwickelte sich um 1900 eine regelrechte Aurikel - Manie.

Zu beliebten Vertretern der Gattung Enzian in der Gartenkultur zählt unter anderen die Artengruppe der Stengellosen Enziane die im Volksmund nicht, von den Botanikern aber als mindestens 6 verschiedene Arten unterschieden werden. Stets auf sauren Böden findet sich der Breitblättrige Enzian (Gentiana acaulis). Aus seiner mattgrünen Blattrosette treiben die „stängellosen“, bis zu 6 cm großen, dunkelblauen Blütenglocken aus. Der ähnliche Clusius’ Enzian (Gentiana clusii) unterscheidet sich durch die spitz auslaufenden Blätter und Kelchzipfel, außerdem ist er äußerst Kalk liebend. Beide Arten sind von den Pyrenäen über die Alpen zu den Karpaten bis in Höhen von 3000m beheimatet. Die Blüten beider Arten sind oft fälschlicherweise auf Flaschen von Enzianschnaps abgebildet. Der echte, kaum noch erhältliche Schnaps wird aus dem hochwüchsigen Gelben Enzian gewonnen, wobei man bei der Destillation für einen Liter Schnaps etwa 100kg! Wurzeln benötigt. Durch maßloses Ausgraben und Pflücken, in letzter Zeit aber vor allem durch das Aufbringen von Kunstdünger sind sie selten, stellenweise sogar ausgerottet worden.

Ebenso wird der bekannte Frühlings-Enzian (Gentiana verna) und mindestens drei ähnliche, schwer zu unterscheidende Arten im Volksmund unter dem Begriff Schusternagele zusammengefasst. Die tiefblauen Blütensterne des Frühlings-Enzian stehen einzeln bis zu 10cm hoch über einer grundständigen Blattrosette. Er besiedelt Felsschutt und lückige Rasen fast immer auf Kalk bis 2900m. Auf kalkarmen Böden, besonders in den Zentralalpen, wächst der etwas kleinere Kurzblättrige Enzian (Gentiana brachyphylla). Vor allem im Herbst finden sich in den Alpen oft ähnliche aber dicht vielblütige, oft auch rotviolett blühende Enziane. Sie alle sind sehr kurzlebig oft nur einjährig, was allgemein unter Alpenpflanzen sehr selten ist. Fast alle dieser kleinen Arten schließen bei bewölktem oder kalten Wetter ihre Blüten.
Eine weitere durch gärtnerische Züchtung weit verbreitete Pflanze ist die Alpen-Aster (Aster alpinus). Sie ist eine bis zu 20 cm hohe Pflanze mit fast immer einköpfigem, beblättertem und behaartem Stängel. Die Blütenköpfe sind auffallend groß (-5cm), außen mit blauvioletten Zungenblüten, innen mit goldgelben Scheibenblüten. In verschiedenen Rassen ist diese Aster von den europäischen Gebirgen über den Kaukasus und Sibirien bis nach Nordamerika weit verbreitet. Die Gattung Aster umfasst nahezu 1000 zum Teil schwer zu bestimmende Arten, deren Hauptverbreitungsgebiet in Nordamerika liegt.

Fels und SchuttEbenfalls zu den Astergewächsen zählen die Edelrauten, die mit etwa 10 Arten im Alpengebiet vertreten sind. Auf Silikat, selten auch über Kalkschiefer, ist die Gletscher-Edelraute (Artemisia glacialis) anzutreffen. Es ist eine bis 20cm hohe, graufilzig behaarte, aromatisch riechende Staude. Die Blätter sind handförmig drei- bis fünfteilig und bis 5cm lang. Die goldgelben Blüten sind zu mehreren am Ende des Stängels kopfig gehäuft. Diese nur in den Südwestalpen (endemisch) vorkommende Art besiedelt Felsspalten und Pionierrasen bis über 3000m. Ähnliche Standorte besiedelt die Echte Edelraute (Artemisia umbelliformis), die von den Pyrenäen über die Alpen etwas weiter verbreitet ist. Sie unterscheidet sich durch die weniger zerteilten Blätter und die weniger dicht gedrängten, deutlich gestielten hellgelben Einzelblüten. Mit ihr zusammen findet sich oft die Schwarze Edelraute (Artemisia genipi). Ihre Blätter sind am stärksten graufilzig behaart, die unscheinbaren Blütenköpfe sind in einer dichten, nickenden graubraunen Ähre angeordnet. Die Edelrauten sind reich an Bitterstoffen und ätherischen Ölen und wurden schon in vorchristlicher Zeit als Heil- und Gewürzpflanzen geschätzt. Da sie auch zur Herstellung von Likör und Wermut verwendet wurden, sind sie stellenweise recht selten geworden.

Geselliger Begleiter die sich durch Selbstaussaat entlang der Treppe verbreitet haben ist die Artengruppe des Alpenmohns. Es sind bis zu 20cm hohe in kleinen Polstern wachsende, oft kurzlebige Stauden mit gefiederten Blättern und großen Einzelblüten. Der Gelbe Alpenmohn (Papaver rhaeticum) ist von den Ostpyrenäen bis in die Südwest Alpen beheimatet. Von dort ostwärts kommen die weißblühenden Arten vor, so wie hier Bursers Alpenmohn (Papaver burseri). Da die Arten sich gerne kreuzen haben sich über die Jahre zahlreiche Bastarde mit unterschiedlichsten Farbtönen gebildet. Alle Arten besitzen eine kräftige Pfahlwurzel und sind charakteristische Besiedler von Schutthalden, ihre Verbreitung reicht von den Pyrenäen bis zur Balkanhalbinsel.

Ein Begleiter in Kalkschutthalden ist das Alpen-Leinkraut (Linaria alpina), ein Rachenblütler. Es ist ein bis zu 15cm hohes, kahles Pflänzchen, das oft kleine lockere Polster bildet. Die meist 2 jährige Art bildet ihre Blüten in einer kurzen, endständigen Traube. Die Krone seiner Blüten ist blauviolett mit langem Sporn, stellenweise finden sich Typen mit safrangelber Unterlippe. Als typische Schuttpflanze besiedelt sie weder Rasen noch Felsspalten, die Europäischen Gebirge sind seine Heimat.

Fels und SchuttAuch aus der Familie der Dickblattgewächse haben sich einige auf Standorte bis weit über 2000m spezialisiert, so die Gattung Hauswurz die mit etwa 10 Arten in den Alpen vertreten ist. Meist auf Silikat findet sich die in den Südwestalpen beheimatete Großblütige Hauswurz (Sempervivum grandiflorum). Die dunkelgrünen, kurz zugespitzten Blätter bilden dichte Rosetten bis zu 15cm Durchmesser. Aus ihnen treiben die sternförmigen, sattgelben Blüten auf einem bis 30cm hohen Schaft. Sehr ähnlich ist die ebenfalls gelbblühende Wulfens Hauswurz (Sempervivum wulfenii) die sich durch die stark blau bereiften Rosettenblätter unterscheidet und in den Ostalpen beheimatet ist. Auf kalkarmen Böden in allen Teilen der Alpen findet sich die Spinnweben Hauswurz (Sempervivum arachnoideum). Sie bildet wesentlich kleinere, rötliche Rosetten die mit weißen Wollhaaren spinnwebenartig überzogen sind. Bei allen Hauswurz-Arten befinden sich im Inneren der Blätter Wassergewebe, die durch eine derbe Oberhaut und eingesenkte Spaltöffnungen vor Verdunstung geschützt sind. Alle Arten bilden an mehr oder weniger langen Ausläufern (Stolonen) Tochterrosetten, die sich mit der Zeit ablösen, wegrollen und anderswo wurzeln. Dies ist besonders eindrucksvoll bei Allionis-Hauswurz (Jovibarba allionii) ersichtlich, die am Beginn der Treppe zahlreich gepflanzt wurde. Die gelbgrünen, kugeligen Rosetten sind rot überlaufen und tragen einen bis zu 20cm hohen, hellgelben Blütenstand. Die Art ist auf Kalk und Silikat nur in den Südwestalpen beheimatet. Durch die überaus zahlreichen Tochterrosetten, die direkt der Mutterpflanze anheften, sind sie sehr leicht zu vermehren. Nach der Blüte sterben die Rosetten ab, der besonders feine Samen (1g hat mehr als 50000 Korn) wird vom Wind weit verbreitet. Mehr als 30 Arten sind von den Mittel- und Südeuropäischen Gebirgen bis zum Kaukasus beheimatet,da sie leicht bastardieren, haben sich unzählige, schwer zu unterscheidende Naturhybriden gebildet. Durch die intensive gärtnerische Züchtung sind mehrere hundert Formen im Handel.
Zur selben Familie gehört die Rosenwurz (Rhodiola rosea). Es ist eine bis zu 40 cm hohe, vielstängelig verzweigte Staude mit rübenartigem Wurzelstock. Die lanzettlichen Blätter sind fleischig, gesägt und zur Blüte hin gehäuft. Die gelben oder rötlichen Blüten stehen zahlreich in einer endständigen Trugdolde. Sie besiedelt sickerfeuchte, humusreiche Böden, Felsspalten aber auch Hochstaudenfluren auf Kalk und Silikat bis 3000 m. Der Name Rosenwurz bezieht sich auf den nach Rosen duftenden Wurzelstock, der früher als „Radix Rhodiae“ offizinel als schmerzstillendes Mittel genutzt wurde. Diese Art, der einzige Vertreter der Gattung in den Alpen, ist von Europa über Sibirien bis Grönland verbreitet.

Fels und SchuttAus der Familie der Hahnenfußgewächse sind etwa 6 zum Teil sehr ähnliche Arten von Kuhschellen (Küchenschellen) oder Anemonen in den Alpen beheimatet. Nur auf sauren Böden wächst die Frühlings- Kuhschelle oder Pelzanemone (Pulsatilla vernalis). Durch die sehr frühe Blütezeit gleich nach der Schneeschmelze ist sie im Alpengarten meist nur mehr an ihren Fruchtständen zu erkennen. Die zottig behaarte Staude wird bis 15 cm hoch. Die ledrigen, fiederschnittigen Grundblätter überwintern dicht dem Boden angepresst, neue werden erst nach der Blüte ausgebildet. Die Blüten sind anfangs glockig nickend, später ausgebreitet und aufrecht. Sie sind innen weißlich, außen zart violett und dicht goldbraun behaart. Der Stengel der haarig zerzausten Frucht wächst bis zu 40 cm hoch aus. Jeder der spitzen Samen ist mit einem bis zu 5 cm langem Haar ausgestattet das als Flugapparat dient und später durch hygroskopische Bewegungen den Samen in die Erde bohren kann. Die Pflanze besiedelt trockene, steinige Böden und Krummseggenrasen bis über 2000 m und ist von Nordeuropa über die Pyrenäen und Alpen bis Bulgarien verbreitet.
Wesentlich später blühen weitere Arten, so die Berg-Kuhschelle (Pulsatilla montana). Sie unterscheidet sich durch die innen dunkel schwarz-violetten, außen grauhaarigen Blüten und feiner zerteilten Blättern. Sie ist auf sehr trockenen Böden über Kalk und Silikat bis 1800 m beheimatet und von den Pyrenäen über den Südalpenrand bis zur Balkanhalbinsel verbreitet. Stets auf Kalk finden sich die weißblühende Alpen-Kuhschelle (Pulsatilla alpina), von den Pyrenäen über die Alpen bis zum Kaukasus verbreitet und die rotviolett blühende Hallers Kuhschelle (Pulsatilla halleri) der Ostalpen. Ausschließlich auf sauren Böden wächst die Schwefel-Anemone (Pulsatilla alpina subsp. apiifolia), sie wird mit bis zu 40 cm größer als die anderen Arten und trägt als einzige schwefelgelbe Blüten. Alle Kuhschellen-Arten sind lichtliebend und bevorzugen trockene Magerrasen. Sie verschwinden schlagartig bei Düngung, vor allem mit Kunstdünger.

Fels und Schutt