Vom schwierigen Leben der Hochgebirgspflanzen

Wenn wir von Alpenpflanzen sprechen, meinen wir hier nicht nur Gebirgspflanzen, deren Hauptverbreitung in den Alpen liegt (ca. 4500 Arten), sondern jene Spezialisten, die die baumfreie Region oberhalb der Waldgrenze besiedeln (Alpine Stufe). Hier herrschen viel härtere Lebensbedingungen als im Tal: lange strenge Winter, kurze kühle Sommer, Wind und mögliche Wetterstürze mit Frost auch im Sommer begrenzen das Pflanzenleben. Zudem sind die Ernährungsbedingungen viel schlechter als in warmen Tieflagen, weil der Abbau der toten Pflanzenteile durch Mikroorganismen sehr viel langsamer verläuft. Dafür helfen Wurzelpilze (Mykorrhiza) bei der Nahrungsbeschaffung. Um das knappe Nährstoffangebot besser auszunutzen, entwickeln Hochgebirgspflanzen ein wesentlich größeres Feinwurzelsystem. Die Zahl der Arten, die hier überleben können, ist daher nicht sehr hoch. In den Alpen sind es etwa 200 bis 400 Überlebenskünstler (von insgesamt 3000), im Himalaja ca. 2000, weltweit immerhin 8-10.000.

Mit Klima meinen wir meist das Großklima, das von der Breitenlage und der Meereshöhe abhängt und dem entspricht, was wir als Witterung empfinden. Niedrigwüchsige Hochgebirgspflanzen bekommen aber ein ganz anderes Klima zu spüren, das bodennahe „Mikroklima“, das erhebliche Vorteile bietet. Bodenoberfläche und Pflanzen erwärmen sich nämlich durch die Sonnenstrahlung stärker als die Luft. Im Extremfall kann es sogar zu Überhitzungen kommen. Immerhin ertragen manche Gebirgspflanzen Temperaturen bis zu 60°C (Hauswurz Sempervivum montanum, Polster-Segge Carex firma). Unglaubliche 81°C wurden an der Oberfläche schwarzer Rohhumus -böden in 2000 m Höhe bei Obergurgl/Ötztal gemessen. Auf solchen pflanzenfreien „Barflecken“ müsste jeder Keimling den Hitzetod sterben.
Winterkälte spielt für die Gebirgspflanzen keine Rolle: währen der Winterruhe sind alle mehr als ausreichend frosthart (z.B. Zirbe, Pinus cembra: unter -40°C), zudem meist unter einer isolierenden Schneedecke vor tiefem Frost geschützt. Erfrierungen drohen eher im Sommer: während die Blüten des Roten Steinbrechs (Saxifraga oppositifolia) -15°C unbeschädigt überstehen, erträgt der Gletscherhahnenfuß (Ranunculus glacialis) während des Wachstums höchstens -6°C. Daher wächst er meist an Stellen, die bei sommerlichen Wetterstürzen Schneeschutz bieten.

Hochgebirgspflanzen
Lebensformen
Bei den Blütenpflanzen haben sich einige Lebensformen als besonders gut angepasst erwiesen: durch das enge Zusammenrücken von Einzeltrieben schützen sich Polsterpflanzen und Horstgräsern vor Wärmeverlusten durch den Wind. Die „Horstpflanzen“ (hpts. Seggen und Gräser) bilden durch zahlreiche kurze Seitentriebe einen dichten Pflanzenstock - den Horst. Bei den Rosettenpflanzen wächst der Stängel sehr langsam und bleibt stark verkürzt, so dass die Blätter in einer dichten grundständigen Spirale, der Rosette, am Boden sitzen.Lebensformen

Der Wind ist nicht nur durch seine direkte Wirkung, sondern vor allem wegen seiner Rolle als Schneeverteiler einer der wichtigsten Faktoren für die Vegetationsverteilung im Gebirge: er bläst den Schnee von den Buckeln und Graten und lagert ihn in den Mulden und Gräben ab. So entsteht in der Landschaft ein Mosaik aus Schnee- und Aperflecken, das sich in der Vegetation widerspiegelt: unmittelbar nebeneinander wachsen dann ganz verschiedene Pflanzengemeinschaften, z. B. Schneeböden“ (mit Krautweiden (Salix herbacea) und Soldanellen (Soldanella sp. ) neben Windheiden der Gämsheide (Loiseleuria procumbens).

Der kleinste Wald der Welt
Die Gämsheide ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich Gebirgspflanzen durch ihre Wuchsformen ein eigenes Mikroklima schaffen können. Bei diesem nur wenige cm hohen immergrünen Spalierstrauch schließt das Blätterdach so dicht zusammen, dass auch bei starkem Wind im Inneren Wärme und Feuchte erhalten bleiben.
Das dichte Blätterdach schützt das Innere des Bestandes vor dem rauen Außenklima. Dies schafft im Inneren nahezu Windstille und hohe Temperatur: Die Temperatur steigt von 12°C außen auf 22,5°C im Bestandesinneren.

Bestandsklima