Die Gegenwart aus der Vergangenheit verstehen

Erdgeschichte
Vor etwa 4,5 Milliarden Jahren entstand im Universum ein neuer Planet, die Erde. Als die äußerste Kruste des anfangs feurigen Planeten erstarrte, wurden Festland und Meer geboren. Diese dünne Kruste zerbrach dann in ca. 20 größere und kleinere Platten, die auf dem darunter liegenden, zähflüssigen Magma schwimmen. Durch die langsame Bewegung der Platten kommt es zu Verschiebungen, zum Auseinanderweichen und zu Zusammenstössen, wodurch die Plattenränder nach oben gedrückt werden: Gebirge entstehen (Alpen, Anden, Himalaja). Im Laufe der Erdgeschichte sind die eurasiatische Kontinentalplatte und mit ihr die Klimazonen immer weiter nach Süden gewandert, so dass sich auch die Vegetationsgrenzen verschoben: sie wanderten nach Norden. Wo vor 60 Mill. Jahren subtropischer Wald stand, erstrecken sich heute die Alpen. Vor ca. 2 Mill. Jahren begann weltweit die Abkühlung, die zu den Eiszeiten führte.

Die Eiszeiten

Während der eiszeitlichen Klimakatastrophen starben die Tropenpflanzen in Europa aus. Gleichzeitig entstand das kalte alpine Hochgebirge, Neuland ohne passende Besiedler. Die Entwicklung von Hochgebirgspflanzen muss man sich als einen über Millionen Jahre andauernden Anpassungs- und Umwandlungsprozess vorstellen. Nicht nur die äußere Form, sondern vor allem die „inneren“ Eigenschaften mussten sich an die härteren Bedingungen anpassen, um zu überleben (z.B. Erwerb von Kälteresistenz). Bei ungünstigen, stark wechselnden Umwelt-Verhältnissen kommt es durch Veränderungen in den Erbanlagen (Genen) spontan zur Bildung zahlreicher neuer Biotypen, eine Chance fürs Überleben! Viele der uns geläufigen Gattungen wie Alpenrosen, Primeln oder Edelweiß sind in den asiatischen Gebirgen (Altai, Himalaja) sehr viel artenreicher vertreten als in den Alpen, so dass wir ihre Entstehung wohl dort vermuten müssen. Zirbe, Edelrauten und unser berühmtes Edelweiß, geradezu als Sinnbild der Alpenpflanze schlechthin angesehen, sind also in Wahrheit Immigranten !
Während und nach den Eiszeiten fanden weite Pflanzenwanderungen statt, denen die Alpen viele Zuzügler verdanken. Wohl erst nach dem Ende der letzten Eiszeit vor ca. 20.000 Jahren wanderten zunächst Bergsteppenpflanzen aus Hochasien ein, z.B. die Nacktried-Rasen mit Nacktried (Elyna myosuroides), Edelweiß, (Leontopodium alpinum), Edelrauten (Artemisia sp.), Alpenscharte (Saussurea sp.), Traganth- und Spitzkiel-Arten (Astragalus sp., Oxytropis sp.). Auch die Zirbe (Pinus cembra) ist erst in geologisch jüngster Vergangenheit aus ihrem riesigen Areal in Südsibirien in die Alpen eingewandert.

gegenwart-introDer Großteil der spättertiären Alpenflora wurde seit ca. 2 Mill. Jahren durch die massive Vergletscherung der Eiszeiten vernichtet. Einer kleinen Gruppe gelang es aber, am Alpenrand, v.a. im Süden in eisfreien „Refugien“ zu überleben („Relikt-Endemiten“). Zu den prächtigsten zählt die Schopfteufelskralle (Physoplexis comosa). Nach dem endgültigen Rückzug der Gletscher aus den Alpentälern vor etwa 15.000 Jahren begann die Wiederbewaldung. Der Konkurrenz der Bäume mussten die alpinen Pflanzen auf ungünstige Wuchsorte (Schutt und Fels) und in Höhen oberhalb der Lebensgrenze der Bäume ausweichen. Im letzten Jahrtausend hat der Mensch auch die inneren Alpentäler besiedelt und Teile der natürlichen Wälder für Äcker und Wiesen gerodet. Die Erschließung durch Strassen, Seilbahnen, Schipisten und Hotelbauten während der letzten 100 Jahre hat das ursprüngliche Bild der Alpen und ihrer Vegetation jedoch am stärksten verändert, so dass wir durch Schutzmassnahmen die verbliebenen Naturbereiche für die Nachwelt bewahren müssen. Die weltweite Klimaerwärmung - mindestens teilweise durch den Menschen verursacht - macht auch vor den Alpen nicht Halt: Gletscher schmelzen, die Wachstumsgrenzen der Vegetation verschieben sich merklich nach oben, die Schisaison wird kürzer.

Westalpen Flugaufnahme Vergletscherung
So ähnlich hat das Alpeninnere während der Eiszeit ausgesehen. Einzelne Gipfel überragen das Inlandeis. Westalpen Flugaufnahme Maximale Vergletscherung des Alpeninneren während der letzten Eiszeit. Grün die eisfreien Refugien am Alpenrand.