Die "Petrus Canisius Kirche" in Innsbruck wird 50
Horst Parson, 1966-1972

Im Jahr 1966 schrieb die Diözese Innsbruck einen Wettbewerb für die Bauten der neu gegründeten Pfarre Petrus Canisius in der Höttinger Au aus. Am nordwestlichen Innufer sollte, so die Ausschreibung, neben der katholischen Kirche ein Pfarramt, ein Jugendheim mit Pfarrsaal, ein Gemeindesaal wie auch ein Studentenwohnheim entstehen. Die Vorgabe sah letzteres als eigenen Baukörper, die weiteren Elemente in städtebaulicher Verbindung zum Gesamtprojekt und Umgebung.


Horst Parson Kirche

Horst Parson, Petrus Canisius Kirche, Innsbruck. © Archiv für Bau.Kunst.Geschichte, Nachlass Horst Parson

Die vorgesehenen Raumtypologien lassen entsprechend der Kirchenreform der 1960er-Jahre auf ein Nutzungskonzept für eine offene Kirche schließen. Diese zielt auf eine Annäherung an die Gemeindemitglieder und setzt dafür Mittel der Teilhabe und Mitgestaltung ein. Der Innsbrucker Architekt Horst Parson (1935–2015) entscheidet den Wettbewerb für sich. Er beschreibt die Bauaufgabe wie folgt: „Die gesamte Anlage war als funktionale Einheit gedacht, innerhalb welcher sich die verschiedenen Teilfunktionen ergänzen und den Bogen vom Wohnen über das Lernen, über die verschiedenen Freizeitbeschäftigungen und über die Pfarrverwaltung bis hin zur kirchlichen Feier umfassen sollte.“ (Horst Parson, in: 50 Jahre Petrus Canisius) Parsons Wettbewerbsbeitrag geht von einem einheitlichen Gestaltungskonzept aus, das sich über alle Gebäude der Anlage zieht: eine streng horizontale Fassadengliederung der massiven Körper, die an den Ecken jeweils rechtwinklig einknicken oder ein Rund ausbilden. Das Studentenheim ist ebenso streng gleichseitig konzipiert wie das quadratische Kirchengebäude. Alle weiteren Funktionsbauten sind diesem entweder untergeordnet (wie der Gemeindesaal in der Sockelzone im EG) oder so nebengeordnet, dass sie wie eigenständige und lediglich annektierte Glieder an der Kirche haften (Jugendzentrum, Pfarrgemeindezentrum).

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Horst Parson, Petrus Canisius Kirche, Innsbruck, Nordansicht, 25.03.1968. © Archiv für Bau.Kunst.Geschichte, Nachlass Horst Parson

Im ersten Bauabschnitt wurde das 5 geschossige Studentenwohnheim für 96 Studierende entsprechend der Wettbewerbsplanung erbaut (1968/1969). Für die Kirchenfassade allerdings ändert Horst Parson das Gestaltungsprinzip: Parson gibt die horizontale Gliederung und Durchfensterung auf. Ansichten vom Februar 1968 zeigen eine neue Variante, die Idee eines „Kristallbaus“. Der Kurswechsel folgt einer neuen Intention, die vor allem durch eine Veränderung der Materialwahl geprägt ist: Transparente Kunststoffwände (mit Glasfasern verstärkter Kunststoff) werden zu Lichtträgern für das Rauminnere, eingehängt in ein gegliedertes Stahlgerippe. Von außen erscheinen die Stahlstrukturen wie Transformationen eines gotischen Maßwerks. Die leuchtenden Wände erinnern an die Glasfenster der Sainte-Chapelle auf der Île de la Cité, die ein Höchstmaß an Lichtdurchflutung und -durchlässigkeit erreichen. Sein verfolgtes Motiv, so Horst Parson, sei im Gegensatz zu einem realistischen Raum, das Abbild eines „Mysteriums“. Wenn Parson eine auf „rohen Sockeln kristallhaft aufragende“ Kirche als Ziel des Entwurfs beschreibt, lässt sich eine in der Begrifflichkeit bewusste Anlehnung an Bruno Tauts „Alpine Architektur“ (1919) und die „gläserne Kette“ erahnen – mit einem stadtkrönenden Kristallhaus, das Taut als reine Architektur losgelöst von seiner Zweckbestimmung definiert. Der künstlerische Raumanspruch Parsons wird durch die skulpturale Ausprägung des Gebäudes ebenso betont wie durch den hohen Sockel, den es an allen vier Ecken über steile Treppen zu überwinden gilt, um über wieder vier Türen in das Innere des Raumes zu gelangen. („Architektur ist Kunst“, vgl. Horizont 10/1073, S.7). Das Dach, die optisch schwer lastende Kassettendecke aus Beton (am 30.10.1969 in einer Nacht gegossen!) ruht auf acht von der Fassade zurückversetzten Pfeilern. Die Raumhöhe ist mit sieben Metern weniger gotisch anmutend und der Raum wirkt mehr in die Breite als in die Höhe. Der den Boden bedeckende Spannteppich sorgt für gedämpfte Akustik. Die Gliederung einer Basilika oder Wegkirche ist aufgegeben, alles zentriert sich um den mittig gesetzten und erhöhten Altar. Im Raum sind, so die Intention Pastors, die gewohnten Polaritäten aufgelöst – Eingang und Ziel, Subjekt und Objekt. Auch die Kirchenbänke, die ursprünglich als einzelne, ohne hierarchische Zuordnung gereihte Panton-Chairs gedacht waren, sind im Rund geführt. Wie in Piscators Totaltheater sollen die Gemeindemitglieder Teilhabende des Messgeschehens werden bzw. es selbst gestalten. „Dieser Zentralraum der Kirche sollte in erster Linie ein Meditationsraum sein, der aber nicht derart von der Außenwelt abgeschnitten sein möchte, dass diese Außenwelt nicht mehr spürbar wird und das Bewusstsein, als Mensch auf dieser Welt zu leben, verloren geht.“ (Horst Parson, in: 50 Jahre Petrus Canisius)

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Horst Parson, Petrus Canisius Kirche, Innsbruck. © Archiv für Bau.Kunst.Geschichte, Nachlass Horst Parson

Der Turm der Kirche wurde aus Kostengründen nicht realisiert, und das Studentenheim 2004 abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Der Gemeindesaal wird gegenwärtig von den Kaiserjägern genutzt. Der Gebäudekomplex ist durch den Wegfall des Studentenwohnheims gekappt und wird dadurch auch schwer kontextuell lesbar. Mit gelblichen Fassaden, deren Transparenz sich von außen auch nur bedingt erschließt, lässt sich das Gebäude erst auf den zweiten Blick als Kirchenraum erahnen. Welch goldene Zeiten, in denen Architektur nicht nur funktional sein musste, sondern eine Vision verkörperte. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Anfang Juli feierte es seinen 50 Geburtstag.

 

Hinweise:
Text:
Hilde Strobl;
Archivrecherche: Manpreet Reckendorfer

 

Quellen / Literatur:

50 Jahre Petrus Canisius Kirche 1972–2022 (Broschüre), Innsbruck 2022 (50 Jahre Petrus Canisius);
aut.architektur und tirol (Hg.), Widerstand und Wandel. Über die 1970er Jahre in Tirol, Innsbruck 2020, S. 141;
Friedrich Achleitner, Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in drei Bänden, Bd. 1, Wien 2010;
Norbert Moeller, Kirchenbau der Diözese Tirol im Raum Innsbruck seit 1945 (Dissertation), Innsbruck 1975, S. 229-235;
Tiroler Tageszeitung, 30.10.1970, 11.5.1971 und 19.5.1976;
Günther Feuerstein, …umgesehen, in: Kurier, 28.12.1972; Bauforum 23/1971, S. 34.

 

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