Zukunftsmusik mit schönen Aussichten:
Autobushof am Bozner Platz, Walther und Ewald Guth, 1936

Die Architekten Walther und Ewald Guth verfolgten 1936 die Vision eines zentralen Autobushofs am Bozner Platz, damit die zu erwartenden Touristenmaßen des Fernlinienverkehrs ebenso wie die Bürgerinnen Innsbrucks trockenen Fußes und geschützt vor der Sommersonne die Autobusse erreichen. Nicht nur die Bautypologie war neu, sondern auch das Raumkonzept innovativ: die Anlage aus Beton, Stahl und Glas sollte von einer Parklandschaft auf der Dachterrasse mit schickem Café bekrönt werden. Verkehr und Erholung sollte kein Widerspruch, sondern Ausdruck moderner Zeiten sein.


Perspektive Bozener Platz
Perspektive Autobushof am Bozner Platz, Walther und Ewald Guth, 1936. Credit: Archiv für Bau.Kunst.Geschichte

Dass für das ambitionierte Neubauprojekt der Rudolfsbrunnen am Bozner Platz weichen sollte, schien die Planer wenig zu stören. Eigeninitiativ und ohne Auftrag visualisierten die Brüder Walter und Ewald Guth im Jahr 1936 ihre Vorstellung eines zeitgemäßen Autobushofs am Bozner Platz. Hingerissen von der Modernität wie der zeitgerechten Form und Funktion berichtet H. Buzas im „Tiroler Anzeiger“ über das Projekt. Wichtiger Kern des Entwurfs ist ein langgestrecktes Gebäude mit rundgeführtem, verglasten Schalterraum Richtung Norden und einem Kiosk gen Süden. Hier sind Büros, ein beheizter Warteraum, ein Verkehrsbüro, Telefonzellen, Gepäckraum und WC-Anlagen untergebracht. Nach Westen und Osten breiten sich an den Zentralbau anschließend ein weites, schützendes Dach über den Bahnsteigen aus. In bis zu drei Reihen nebeneinander sollen diese abgewickelt werden können, so dass die Buszentrale bis zu 40 Buslinien fassen sollte – auch wenn zum Zeitpunkt des Entwurfs erst 18 Buslinien eingerichtet waren. Die bestehende „Benzin-Pumpe“ sollte belassen, aber ausgeweitet werden. Zapfsäulen am Bozner-Platz sind bis in die 1960er-Jahre dokumentiert. 

Die Vision der Brüder Guth konzentriert sich nicht auf einen Ort gestresster Abwicklung, sondern auf eine Oase der Mobilität, die ganz gezielt auf Erholung und Freizeit setzt. Über das erste Geschoss mit schick ausgestattetem Café sollte sich auf der Dachlandschaft eine üppig bepflanzte, öffentliche Parklandschaft mit Rabatten, Bäumen und Büschen sowie Sitzmöglichkeiten erstrecken. Das Projekt zielte auf schöne Aussichten – zum einen für die Besucher des Parkdecks und zum anderen für die Anrainern der hohen Umbauung, deren Blick auf begrünte Flächen statt auf nackte Dächer fallen würde.

Kachel Bozener Platz
Perspektive Autobushof am Bozener Platz, Walther und Ewald Guth, 1936. Credit: Archiv für Bau.Kunst.Geschichte

Die Architekten hatten sich als Standort für einen zentrale Autobushof gegen den Südtiroler Platz und für den Bozner Platz entschieden, da ersterer nur zwei gute Zubringerstraßen anbieten konnte, letzterer hingegen voraussichtlich von vier Seiten angefahren werden konnte, wenn der geplante Abriss der Alten Handelsschule die Verlängerung der Wilhelm-Greil-Straße mit sich brachte. Inwiefern die Architekten sich selbstinitiativ um Verbreitung und Umsetzung ihrer Vision bemühten, ist nicht belegt. Eine Baubeschreibung und Planmaterialien fanden sich im Nachlass der Baufirma Retter im Archiv für Bau.Kunst.Geschichte. Ebenfalls nur u vermuten ist, ob sie möglicherweise die Planmaterialien der Baufirma vorgelegt haben, um Umsetzbarkeit und Kostenaufwand prüfen zu lassen.

Zwei Jahre später beteiligten sich die Brüder Walther Guth (1904-1963) und Ewald Guth (1907-1985) am Wettbewerb für den Bau des Neuen Landhauses der Nationalsozialisten und entschieden ihn für sich. Beide studierten an der Wiener Akademie u.a. bei Peter Behrens und Clemens Holzmeister und gründeten 1931 ein gemeinsames Büro. Erhaltene Studien und Entwürfe der späten Zwanziger Jahre setzen voraus, woran sie bei ihrem Initiativentwurf für den Innsbrucker Autobushof anknüpften.

Fast mag man bedauern, dass das „schnittiges Schiff“, wie es im „Tiroler Anzeiger“ heißt, nicht zur Umsetzung kam. Formschön in der Nachfolge der klassischen Moderne und Vorbildern wie Bauten von Hans Scharoun, Hans Poelzig oder Erich Mendelsohn, würde sich auch heute das Bauwerk gut in die Tiroler Moderne einfügen. Zudem wäre möglicherweise dem Südtiroler Platz seine gegenwärtige Bebauung als Busbahnhof erspart geblieben. Der Bozener Platz wäre ohne Frage verbaut und für heutige Maßstäbe der Autobushof zu eng bemessen. Vielleicht wäre aber auch das Parkdeck heute bereits so bewaldet und durchgrünt, wie es der Bozner Platz zukünftig werden soll.


Hinweise:
Text: Hilde Strobl;
Dank an Renate Ursprunger für die Nachfrage um Kenntnis der Autoren des Entwurfs. Diese veranlasste die Recherche.
Dank an Uwe Walch für den Hinweis auf die Materialien im Nachlass Retter.
H. Buzas, Ein Autobahnhof im modernen Innsbruck, in: „Tiroler Anzeiger“, 8.9.1937
Siehe auch: https://innsbruck-erinnert.at/ein-platz-voller-moeglichkeiten-der-bozner-platz/

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